Viele Gläubige folgten der Einaldung der Bischöfe. (Bild: Kathrin Benz)

Kirche Schweiz

1.-August-Messe auf dem Gott­hard: Habt Mut zur Liebe und seid grossartig!

Die Messe zum Natio­nal­fei­er­tag auf dem Gott­hard­pass hat Tra­di­tion. Auch die­ses Jahr folg­ten über tau­send Gläu­bige, vor­wie­gend aus dem Tes­sin, der Ein­la­dung ihrer Bischöfe. Die Messe wurde im Ambro­sia­ni­schen Ritus gefei­ert, wie er in den Nord­tes­si­ner Ort­schaf­ten üblich ist, und in allen Lan­des­tei­len im Fern­se­hen übertragen.

«Heute feiern wir etwas wirklich Schönes: Heimat, das Zuhause, Familie, Verbundenheit, Institutionen, Traditionen, Werte, wir feiern das Schweizer Demokratie-Modell, auch wenn es nicht perfekt ist», sagte der Apostolische Administrator von Lugano, Weihbischof Alain de Raemy, zu Beginn der Messe in den drei Landessprachen vor rund 1000 Gläubigen, die sich am Vormittag des heutigen 1. August auf dem Gotthardpass versammelt hatten. Neben dem Apostolischen Administrator von Lugano nahmen auch der Bischof von Sitten, Jean-Marie Lovey, der Churer Bischof Joseph Maria Bonnemain, der emeritierte Weihbischof von Lausanne, Genf und Freiburg, Pierre Farine, der in Locarno geboren wurde, und der emeritierte Bischof von Lugano, Pier Giacomo Grampa, sowie auch andere Konfessionen teil. Etwa 250 Personen waren mit Extrazügen aus dem ganzen Tessin angereist, eine tapfere Gruppe unter der Leitung eines Priesters hatte den Anstieg frühmorgens zu Fuss in Angriff genommen.

Der Gotthard ist für die Schweiz ein symbolträchtiger Ort. Der 2106 Meter hohe Pass wird als das Herzstück der Schweiz wahrgenommen, verbindet den Norden mit dem Süden und steht besonders seit dem Zweiten Weltkrieg für Wehrwillen und Unabhängigkeit. Seit über 25 Jahren laden die Bistümer der Region am Nationalfeiertag zu einem gemeinsamen, feierlichen und mehrsprachigen Gottesdienst ein. Der Apostolische Administrator des Bistums Lugano, Alain de Raemy, verwies auf den heiligen Gotthard als grossen Glaubenszeugen des 11. Jahrhunderts, und lud zum Gebet für die Heimat und den Frieden und besonders zu einer unbedingten Liebe ein. «Wir feiern nichts Geringeres als eine Liebe, die ich fast als olympisch bezeichnen würde», betonte er, «und die grösser, höher und stärker ist als alles, was wir uns vorstellen können. Gott, der Mensch geworden ist, der jedem Kreuz seinen Sinn gegeben hat, gestorben und auferstanden für dich und für mich».
 


Anders als im römischen Ritus, der heute als Evangelium Mt 14,1–12 vorsieht (Enthauptung des Johannes), übernimmt der Ambrosianische Ritus die Stelle unmittelbar davor und spricht über den Propheten, der nirgendwo weniger gilt als zu Hause. Wenn jemand die eigene Heimat weltweit berühmt mache, seien zuerst zwar immer alle stolz, so Weihbischof de Raemy in seiner Homilie, wie Jesus das kleine Nazareth, ein Fussballer sein Land oder – hier eine etwas überraschende Analogie – Bundesrat Ogi das kleine Kandersteg. Zurück zu Jesus: Zuhause glaubte man nicht an ihn, denn man wusste, wer er war. Daher die Provokation des Weihbischofs: «Meine Lieben, heute müssen wir uns fragen: Ist unser Land vielleicht auch ein Heimatland Jesu, weil viele nicht an ihn glauben?»

Tatsächlich lebten auf dem Gebiet der heutigen Schweiz einst mächtige Glaubenszeugen und Propheten wie die Heiligen Verena oder Mauritius: «Schon im mittlerweile weit zurückliegenden vierten, fünften und sechsten Jahrhundert wurden Genf, Lausanne, Sitten, Basel, Chur, St. Gallen und Saint-Maurice zu prophetischen Zentren der Verbreitung des Evangeliums, lange bevor die Schweiz überhaupt entstand. Dieses Gebiet, das heute als «schweizerisch» bezeichnet wird, war […] bereits Land der Christen, Land der Propheten.»
 


Überraschen wie Jesus
Es sei immer schwer, gegen den Strom zu schwimmen, mahnte Weihbischof de Raemy, aber es sei immer wunderbar, bei Jesus zu sein und so zu lieben wie Er: das Leben eines ungeborenen Kindes, eines Kranken, eines alten Menschen oder eines Verachteten; das Leben eines Fremden, eines Armen und Elenden, eines Andersdenkenden, und sogar das Leben derer, die sich als unsere Feinde bezeichnen: «Meine Lieben, wir dürfen keine Angst haben, immer wieder zu überraschen, so wie Jesus, in unserem Land, unserer Heimat. Auch wir sind heute Propheten. Nicht, um die Schweiz zu verleugnen, sondern gerade, um sie zu würdigen, auch wenn wir nicht verstanden werden.»

Der wahre Christ liebe unter allen Umständen, ohne jemals aufzugeben. So habe unser Schutzpatron Bruder Klaus gehandelt und gelebt. Es wäre schön, so Weihbischof de Raemy, wenn sich die Menschen über uns wunderten und sich fragten, woher unsere Weisheit und jene christliche Intelligenz stamme, die niemals künstlich, sondern immer echt ist.

Das Potential der gläubigen Menschen in der heutigen Schweiz sei gross. Auf Französisch meinte er: «Nichts ist schöner als Gott! Das gesamte Universum ist nur ein zwar schönes, aber dennoch blasses Abbild von Ihm. Lassen wir uns von seinem Sohn Jesus ergreifen, diesem Propheten, der in Nazareth so viel Unruhe gestiftet hat. Möge er auch uns in der Schweiz aus der Ruhe bringen! Doch es ist eine heilsame und heilige Unruhe. Unter seinem Blick erscheint die Menschheit oft als rebellisch, doch sie ist dennoch immer grossartig, wie uns Papst Leo in Erinnerung ruft. Grossartig ist also auch unser Auftrag!»


Kathrin Benz

Kathrin Benz, Jahrgang 1963, ist Schweizer Journalistin und Autorin und lebt im Tessin.


Kommentare und Antworten

×

Name ist erforderlich!

Geben Sie einen gültigen Namen ein

Gültige E-Mail ist erforderlich!

Gib eine gültige E-Mail Adresse ein

Kommentar ist erforderlich!

Captcha Code Kann das Bild nicht gelesen werden? Klicken Sie hier, um zu aktualisieren

Captcha ist erforderlich!

Code stimmt nicht überein!

You have reached the limit for comments!

* Diese Felder sind erforderlich.

Bemerkungen :

  • user
    Joseph Laurentin 02.08.2026 um 10:19
    Nachdenklich stimmt mich die Aussage des Weihbischofs: „Die Menschheit ist dennoch immer grossartig, wie uns Papst Leo in Erinnerung ruft.“ Diese Formulierung aus der Enzyklika Magnifica humanitas vermittelt für mich ein zu optimistisches Menschenbild. Sie wirkt zudem zu anthropozentrisch und humanistisch, indem sie den Menschen zu stark in den Mittelpunkt stellt. Nach katholischer Lehre besitzt der Mensch zwar eine unveräusserliche Würde, ist aber zugleich durch die Sünde verwundet und auf Gottes Gnade angewiesen. Grossartig ist nicht die Menschheit an sich, sondern Gottes Werk am Menschen und seine Berufung zur Heiligkeit. Gott muss im Mittelpunkt der kirchlichen Verkündigung stehen – nicht der Mensch.
    • user
      Stefan Fleischers 03.08.2026 um 09:11
      Das Problem hat jüngst ein Aphoristiker so formuliert:
      «Der grösste Fehler der modernen Theologie ist es, dass sie von einem Reich Gottes spricht, aber ein Reich des Menschen meint.»