(Symbolbild: Andrew Neel/Pexels)

Weltkirche

Ältere Men­schen als erste Zeu­gen der Hoff­nung statt Altersdiskriminierung

Alters­dis­kri­mi­nie­rung ist weit ver­brei­tet. Rein auf­grund einer Alters­an­gabe – unab­hän­gig von kör­per­li­cher oder geis­ti­ger Ver­fas­sung – wer­den Men­schen aus­ge­schlos­sen. Oder sie ste­hen abseits, weil sie mit der Schnel­lig­keit der (digi­ta­len) Welt nicht Schritt hal­ten kön­nen. Am Don­ners­tag, 10. Juli 2025, ver­öf­fent­lichte der Vati­kan das Schrei­ben von Papst Leo XIV. zum 5. Welt­tag der Gross­el­tern und älte­ren Menschen.

Sie ist 62 Jahre alt und arbeitet in einem Steuerberatungsunternehmen; plötzlich darf sie nur noch Post sortieren und Kaffee kochen. Der Grund: Das Büro hat neu mehrere jüngere Mitarbeitende eingestellt, die nun ihre Aufgaben erledigen. Eine Ärztin möchte ihre Praxis renovieren, bekommt allerdings keinen Kredit von ihrer Bank. Mit 61 Jahren sei sie zu alt, wird ihr gesagt.

Das Problem mit den «nochs»
Der Soziologe Reimer Gronemeyer ist 86 Jahre alt und kennt Altersdiskriminierung aus eigener Erfahrung. «Ich bin natürlich ein relativ privilegierter Mensch und von vielen Formen der Altersdiskriminierung nicht betroffen», sagt er im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Ihn berühren aber die vielen «nochs», die er in Gesprächen hört: «Ach, Sie reisen noch? Sie halten noch Vorträge? Sie gehen noch wandern?» Neben den grossen Geschichten der Altersdiskriminierung spielten sich jeden Tag zahllose kleine Kränkungen ab, «die wie winzige Verletzungen den Alltag des Altwerdens manchmal sauer machen».

Die Gesellschaft sei jugendorientiert und lebe von Innovationen. Das hohe Tempo und die Komplexität der notwendigen Anpassungsprozesse überfordern ältere Menschen oft und grenzen sie damit aus.» Konkrete Beispiele im Alltag sind z. B. wenn jemand einen Arzttermin oder eine Auskunft möchte und an eine App verwiesen wird, die der Betroffene nicht bedienen kann.

Auch in der Schweiz verbreitet
Altersdiskriminierung ist kein spezifisch deutsches Problem. Dr. Walter Rehberg war Leiter des Nationalfonds-Projekts «Altersdiskriminierung: Formen und Verbreitung». Diese kam zum Ergebnis, dass Altersdiskriminierung in der Schweiz weit verbreitet ist – und weniger sanktioniert wird als andere Diskriminierungen. In den Studien-Interviews erzählten rund Dreiviertel der Befragten von Vorfällen, bei denen sie benachteiligt wurden. «Aber ein Viertel oder fast ein Drittel hat auch erzählt, wie sie selbst jemanden aus Altersgründen diskriminiert haben», so Dr. Rehberg gegenüber der terzStiftung. «Für gewöhnlich verschweigen Interviewpartner bei einer Umfrage alles, was nicht korrekt ist, sie ungünstig dastehen lässt – alles, was unerwünscht und sozial sanktioniert ist. Daraus müssen wir folgern, dass Altersdiskriminierung nicht nur weit verbreitet, sondern auch weniger mit Sanktionen bewehrt ist als etwa Diskriminierung wegen des Geschlechts oder wegen einer Behinderung.»

«Diskriminierung von älteren Menschen schadet unserer Gesellschaft, ökonomisch und menschlich», ist der Soziologe Reimer Gronemeyer überzeugt. Ökonomisch, weil ein grosser Fachkräftemangel herrsche, der den Wohlstand gefährde. Menschlich, weil es zu «Beschädigungen» an der Seele, zu Depressionen führen könne. Ihm zufolge geht es um die Frage, ob die Gesellschaft Alte aussortiert – oder eine neue Rolle für sie findet. In Zeiten, in denen viele jüngere Menschen über Überlastung und Erschöpfung klagten, könnten ältere Menschen zum Beispiel zeigen, dass das Leben mit weniger Geschwindigkeit und Druck schön sei.

Papst Leo XIV.: Ältere Menschen als erste Zeugen der Hoffnung
Papst Franziskus hat mit der Einführung des «Welttag der Grosseltern und älteren Menschen» 2021 ein grosses Zeichen für den Wert des Alters gesetzt.

In seinem heute veröffentlichten Schreiben zum 5. Welttag am 27. Juli verweist Papst Leo XIV. auf verschiedene Menschen in der Bibel, die noch im hohen Alter von Gott in seinen Heilsplan einbezogen wurden wie Abraham und Sara oder Zacharias und Elisabeth oder Mose. «Mit diesen Entscheidungen lehrt er [Gott] uns, dass das Alter in seinen Augen eine Zeit des Segens und der Gnade ist und dass die älteren Menschen für ihn die ersten Zeugen der Hoffnung sind

Das Leben der Kirche und der Welt lasse sich nur in der Abfolge der Generationen verstehen. «Wenn wir einen älteren Menschen umarmen, hilft uns das zu erkennen, dass die Geschichte nicht in der Gegenwart versiegt oder sich in flüchtigen Begegnungen und bruchstückhaften Beziehungen erschöpft, sondern sich in die Zukunft fortsetzt.» So wie die Gebrechlichkeit der älteren Menschen auf die Kraft der Jungen angewiesen ist, braucht die Unerfahrenheit der Jungen das Zeugnis der älteren Menschen, um die Zukunft mit Weisheit zu gestalten.

Mit Blick auf das Heilige Jahr erinnert Papst Leo daran, dass das Jubeljahr von seinen biblischen Ursprüngen an eine Zeit der Befreiung war: Sklaven wurden freigelassen, Schulden erlassen. In Jesus ereignete sich diese Befreiung von neuem. «Wenn wir in dieser Perspektive des Jubeljahres auf die älteren Menschen blicken, ist es auch an uns, zusammen mit ihnen eine Befreiung zu erleben, insbesondere von der Einsamkeit und vom Verlassensein.» Es braucht eine Neuausrichtung der Kirche: Jede Pfarrei und jede kirchliche Gruppe ist aufgerufen, sich aktiv an einer «Revolution der Dankbarkeit und Fürsorge» zu beteiligen, ältere Menschen regelmässig zu besuchen, mit ihnen Beziehungen zu knüpfen und damit jenen Hoffnung und Würde schenken, die sich vergessen fühlen.

Auch wenn die Kräfte nachlassen, wenn das Alter von Krankheit geprägt ist, haben wir «eine Freiheit, die uns trotz aller Schwierigkeiten nicht entrissen werden kann: die Freiheit zu lieben und zu beten. Wir alle können immer lieben und beten.» Papst Leo ruft dazu auf, immer auf den Herrn zu vertrauen, insbesondere im Alter. «Lassen wir uns jeden Tag durch die Begegnung mit ihm im Gebet und in der heiligen Messe erneuern. Geben wir mit Liebe den Glauben weiter, den wir so viele Jahre lang in der Familie und in den täglichen Begegnungen gelebt haben: Lasst uns Gott stets für sein Wohlwollen preisen, die Einheit mit unseren Lieben pflegen, unser Herz für diejenigen öffnen, die fern sind, und insbesondere für diejenigen, die in Not leben. So werden wir in jedem Lebensalter Zeichen der Hoffnung sein.»

 

Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass nicht nur ältere Menschen Ablehnung erfahren – auch 30-Jährige und Jüngere gaben in der erwähnten Nationalfondsstudie an, aufgrund ihres Alters schon diskriminiert worden zu sein.


KNA Katholische Nachrichten-Agentur

Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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Bemerkungen :

  • user
    Anna 12.07.2025 um 07:34
    Danke sehr für diesen zu Denken gebenden Beitrag.

    Als ersten Schritt gilt es im eigenen Leben, in der eigenen Familie respektvoll- und würdevoll mit den betagten Menschen umzugehen. Betagte finde ich persönlich ein sehr schönes Wort... Ein Leben voller Tage...Meist entdecke ich bei älteren Menschen eine wunderschöne Weisheit, eine Einfachheit, die so wertvoll ist.

    Seien wir im Alltag aktiv... es gibt viele gute Möglichkeiten, z.B. www.verein-herzlich.ch