Verschleierte Frauen in Afghanistan. (Bild: USAID/PIXNIO)

Hintergrundbericht

Afgha­nis­tan: Mehr Kin­der­ehen durch Bil­dungs­ver­bot für Mädchen

Im August 2021 wurde die vom Wes­ten unter­stützte Regie­rung Afgha­nis­tans durch die Tali­ban gestürzt. Das von ihnen ver­hängte Bil­dungs­ver­bot für Mäd­chen und junge Frauen führte zu einem mas­si­ven Anstieg von Früh– und Kinderehen.

Am 13. Juni 2024 war es genau 1000 Tage her, seit die in Afghanistan herrschenden Taliban Mädchen den Schulbesuch nach der sechsten Klasse verboten haben. Dies führte weltweit zu Protesten, die an der Situation aber bis heute nichts geändert haben.

Nach den Angaben von «UN Women», der UN-Agentur für die Gleichstellung der Geschlechter und die Stärkung der Rolle der Frau, ist die Zahl der Kinderheiraten seitdem um etwa 25 Prozent gestiegen.

Amina (Name geändert) war in der siebten Klasse, als die Taliban den Schulbesuch verboten und damit den Traum der 14-Jährigen auf eine Ausbildung zerstörten. Einige Monate später wurde sie von ihrer Familie gezwungen, einen 37-Jährigen zu heiraten.

«Meine Familie stand nach der Machtübernahme durch die Taliban vor dem wirtschaftlichen Ruin», erzählte sie «Radio Azadi». Ihr Ehemann zahlte einen «Walwar» – eine voreheliche Gebühr an die Eltern der zukünftigen Braut – in Höhe von rund 12 000 Dollar. Walwar-Zahlungen sind in Afghanistan üblich und stellen einen Anreiz für Eltern dar, ihre Töchter in jungen Jahren zu verheiraten.

Auch Mursal (Name geändert) wurde mit gerade einmal 15 Jahren von ihrer Familie zur Verlobung mit einem älteren Mann gezwungen. «Ich hatte keine andere Wahl. Meine Familie sagte mir, ohne Ausbildung sei eine Heirat die einzige Option.» Mursal wäre gerne Ärztin geworden.

Wie Amina und Mursal geht es Tausenden von Mädchen und jungen Frauen in Afghanistan. Insgesamt wird mindestens 1,5 Millionen Schülerinnen das Recht auf Bildung verwehrt, was ihnen die Chance und die Hoffnung auf eine Zukunft nimmt.

Gemäss «UN women» waren im Jahr 2023 28,7 Prozent der Mädchen unter 18 Jahren verheiratet und 9,6 Prozent der unter 15-Jährigen.

Für manche Familien bietet die Verheiratung ihrer Töchter ein gewisses Mass an finanzieller Sicherheit in einer Zeit, in der das Land mit einer humanitären Krise und dem wirtschaftlichen Ruin zu kämpfen hat. Andere Eltern verheiraten ihre heranwachsenden Töchter, um sie vor einer Zwangsehe mit einem Taliban-Kämpfer zu schützen.

Catherine Russell, Generaldirektorin des UN-Kinderhilfswerks UNICEF, erklärte am 13. Juni: «Für 1,5 Millionen Mädchen ist dieser systematische Ausschluss nicht nur ein eklatanter Verstoss gegen ihr Recht auf Bildung, sondern auch gleichbedeutend mit schwindenden Chancen und einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit.» Sie ist davon überzeugt, dass das Bildungsverbot die anhaltende humanitäre Krise verschärft und schwerwiegende Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Entwicklung Afghanistans hat.

Ohne Schulbildung wird es keine weiblichen Fachkräfte oder Universitätsstudentinnen mehr geben. Davon wird sich Afghanistan vermutlich nicht erholen.

Catherine Russell forderte deshalb die «De-facto-Behörden» auf, allen Kindern die sofortige Wiederaufnahme des Unterrichts zu ermöglichen. «Kein Land wird vorankommen, wenn es die Hälfte seiner Bevölkerung zurücklässt.»


Redaktion


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    Hansjörg 20.06.2024 um 10:30
    Mädchen und Frauen werden nahezu auf der ganzen Welt nicht gleichberechtigt und nicht gleichwertig behandelt. In Afghanistan dürfen sie die Schulen nicht besuchen, in kath. Kirche dürfen sie nicht alle Berufe ausüben.
    • user
      Daniel Ric 21.06.2024 um 18:34
      Und denken Sie auch daran, wie mit Behinderten in unserer Gesellschaft umgegangen wird: Sie werden oft bereits im Mutterleib abgetrieben. Oder denken Sie daran, wie man mit älteren Menschen umgeht. Es gibt in der Schweiz Organisationen, die ältere Menschen töten. Sie, lieber Hansjörg, sind sicherlich ein entschiedener Gegner dieser Praxis und verurteilen die Schweizer Gesetzgebung hier aufs Schärfste.
      • user
        Hansjörg 22.06.2024 um 14:51
        Meine Haltung dazu ist ganz klar, staatliche Gesetze stehen über religiösen Regeln.
        • user
          Daniel Ric 23.06.2024 um 08:09
          Dann vertreten Sie also einen Rechtspositivismus, der das bestehende Recht über jede andere Norm stellt. Im 19. Jahrhundert hätten Sie in den USA die Sklaverei verteidigt, in den 30er Jahren in Deutschland die damaligen Rassengesetze und in Südafrika die Apartheid. Denken Sie nicht, dass dies eine geistig überholte Ansicht ist?
          • user
            Hansjörg 23.06.2024 um 16:12
            Es ist genau umgekehrt, die staatlichen Gesetze passen sich schneller dem richtigen und aktuellen Leben an, als die religiösen Regeln. Siehe Ehe für alle, oder Gleichberechtigung für Frauen. Nicht zu vergessen andere Religionslehren mit Scharia.
            • user
              Daniel Ric 24.06.2024 um 05:51
              Lieber Hansjörg, wenn Sie in diesem Forum das Enfant terrible spielen wollen, dann sollten Sie Ihrer Rolle auch intellektuell gerecht werden. Die Beispiele, die ich genannt habe, zeigen auf, dass die staatlichen Gesetze meistens der gängigen Ideologie folgen und dadurch das Potential haben, grausame Erscheinungen wie Abtreibungen, Sterbehilfe, etc. zu ermöglichen. "Aktuelles und richtiges Leben" kann viel bedeuten und bietet dem Individuum keinen Schutz vor willkürlichen Gesetzen. Ein Sklavenhalter in den Südstaaten hätte wohl die Sklaverei auch als Ausdruck des richtigen und aktuellen Lebens verteidigt. Es ist für Sie vielleicht schmerzhaft, Ihr Narrativ von der modernen Welt aufzugeben, die gegen die Religion "vernünftige" Gesetze durchgesetzt hat, aber ein ehrlicher Blick in die Geschichte der letzten 200 Jahre genügt, um sich von dieser Vorstellung zu befreien.