Nach fast 40 Jahren wechselte die «Internationale Theologische Sommerakademie» von Aigen nach Haag. Das Risiko hat sich gelohnt: Die Sommerakademie durfte mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer verzeichnen als letztes Jahr. Der Pfarrhof von Haag, wahrlich ein imposantes Gebäude, bietet die ideale Infrastruktur für diesen Anlass, den neben anspruchsvollen Referaten und einem lebendigen Austausch auch das gemeinsame Gebet und Gottesdienste auszeichnen.
Es ist nicht möglich, alle acht Vorträge ausführlich zu behandeln. So wird in einem ersten Beitrag das Leben und die Konversion von John Henry Newman beleuchtet, in einem zweiten Artikel seine Zustimmungs- sowie seine Gewissenslehre.
Vom Gefühl zur Wahrheit
Schwester Birgit Dechant FSO, Mitarbeiterin im «Internationalen Zentrum der Newman-Freunde» in Littlemore, Oxford (GB) stimmte die Zuhörer auf John Henry Newman ein, indem sie anschaulich von seinem Leben berichtete. 1801 als erstes von sechs Kindern einer anglikanischen Familie in London geboren, erlebte John Henry Newman den Glauben in erster Linie als ein Gefühl. Als 15-Jähriger las er auf Empfehlung eines Lehrers evangelikale Bücher und erlebte seine erste Bekehrung. Durch die Lektüre wurde ihm klar, dass es zwei Wesen gibt, die absolut und von einleuchtender Selbstverständlichkeit sind: Er selbst und sein Schöpfer.» Er erkannte, dass Gott nicht einfach ein Gefühl, sondern eine Wahrheit ist, nach der wir streben müssen, und er entschied sich, sich in den Dienst Gottes zu stellen.
Mit gerade einmal 21 Jahren wurde Newman Professor im renommierten Oriel College in Oxford. Das als Jugendlicher Erlebte prägte ihn nachhaltig. Bei seiner Diakonenweihe notierte er in seinem Tagebuch: «Ich trage Verantwortung für die Seelen bis zum Tag meines Todes.» Für seine Zeit unüblich war er sehr pastoral orientiert und machte neben seiner Predigttätigkeit auch Hausbesuche. 1825 wurde er zum anglikanischen Priester geweiht und kurze Zeit später Pfarrer der Universitätskirche in Oxford. Zu seiner Pfarre gehört auch ein kleines Dorf namens Littlemore in der Nähe von Oxford. Für ihn war es wichtig, die Studenten nicht nur in ihrer intellektuellen Ausbildung zu begleiten, sondern sie auch zu einem Leben nach dem Evangelium anzuleiten. Doch schon bald bekam er deswegen Schwierigkeiten mit seinen Vorgesetzten und durfte ab 1830 nicht mehr unterrichten.
Im Sommer 1828 begann Newman die Kirchenväter zu lesen; dies sollte sein Leben verändern. Später sagte er: «Die Kirchenväter haben mich katholisch gemacht, nicht die Katholiken.»
Mit grosser Sorge sah er Einfluss liberaler Strömungen in Oxford und in ganz England. Mit anderen Geistlichen schloss er sich 1833 deshalb in der sogenannten Oxford-Bewegung zusammen. Die Grundüberzeugung war, dass England vom Glauben der Alten Kirche abgefallen war und es einer «zweiten Reformation» bedurfte. Newman vertrat dabei die Theorie der «Via Media»: Nach dieser Theorie haben die Protestanten Wahrheiten des ursprünglichen Glaubens verworfen, die Katholiken sich durch Zusätze und Irrtümer vom Glauben der Alten Kirche entfernt und nur die Anglikaner «Via Media» das Erbe der Väter treu bewahrt. Doch durch das Studium der Kirchenväter näherte er sich unbewusst der Katholischen Kirche an: 1839 kam ihm erstmals der Gedanke, dass die Katholische Kirche vielleicht die wahre Kirche sei. Dieser Gedanke erschreckte ihn sehr.
In seinem Aufsatz «Tract 90» versuchte er, den anglikanischen Glauben von den Kirchenvätern her katholisch auszulegen. Das kam nicht gut an: Der Aufsatz wurde von der Universität Oxford verurteilt und von den anglikanischen Bischöfen zurückgewiesen – damit endete die Oxford Bewegung.
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