Schwester Birgit Dechant, Mitarbeiterin im «Internationalen Zentrum der Newman-Freunde» in Littlemore, Oxford. (Bild: Peter C. Düren)

Weltkirche

Alles Grosse wird in Schmer­zen gebo­ren: Kar­di­nal New­mans Weg in die Katho­li­sche Kirche

Die 36. Inter­na­tio­nale Theo­lo­gi­sche Som­mer­aka­de­mie fand erst­mals an einem neuen Ort, aber wie gewohnt mit hoch­ka­rä­ti­gen Refe­ren­ten statt. Diese ver­mit­tel­ten nicht nur Unbe­kann­tes über den neuen Kir­chen­leh­rer John Henry New­man, son­dern arbei­te­ten aus sei­nem Leben und Werk vor allem die Rolle des Gewis­sens heraus.

Nach fast 40 Jahren wechselte die «Internationale Theologische Sommerakademie» von Aigen nach Haag. Das Risiko hat sich gelohnt: Die Sommerakademie durfte mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer verzeichnen als letztes Jahr. Der Pfarrhof von Haag, wahrlich ein imposantes Gebäude, bietet die ideale Infrastruktur für diesen Anlass, den neben anspruchsvollen Referaten und einem lebendigen Austausch auch das gemeinsame Gebet und Gottesdienste auszeichnen.

Es ist nicht möglich, alle acht Vorträge ausführlich zu behandeln. So wird in einem ersten Beitrag das Leben und die Konversion von John Henry Newman beleuchtet, in einem zweiten Artikel seine Zustimmungs- sowie seine Gewissenslehre.

Vom Gefühl zur Wahrheit
Schwester Birgit Dechant FSO, Mitarbeiterin im «Internationalen Zentrum der Newman-Freunde» in Littlemore, Oxford (GB) stimmte die Zuhörer auf John Henry Newman ein, indem sie anschaulich von seinem Leben berichtete. 1801 als erstes von sechs Kindern einer anglikanischen Familie in London geboren, erlebte John Henry Newman den Glauben in erster Linie als ein Gefühl. Als 15-Jähriger las er auf Empfehlung eines Lehrers evangelikale Bücher und erlebte seine erste Bekehrung. Durch die Lektüre wurde ihm klar, dass es zwei Wesen gibt, die absolut und von einleuchtender Selbstverständlichkeit sind: Er selbst und sein Schöpfer.» Er erkannte, dass Gott nicht einfach ein Gefühl, sondern eine Wahrheit ist, nach der wir streben müssen, und er entschied sich, sich in den Dienst Gottes zu stellen.

Mit gerade einmal 21 Jahren wurde Newman Professor im renommierten Oriel College in Oxford. Das als Jugendlicher Erlebte prägte ihn nachhaltig. Bei seiner Diakonenweihe notierte er in seinem Tagebuch: «Ich trage Verantwortung für die Seelen bis zum Tag meines Todes.» Für seine Zeit unüblich war er sehr pastoral orientiert und machte neben seiner Predigttätigkeit auch Hausbesuche. 1825 wurde er zum anglikanischen Priester geweiht und kurze Zeit später Pfarrer der Universitätskirche in Oxford. Zu seiner Pfarre gehört auch ein kleines Dorf namens Littlemore in der Nähe von Oxford. Für ihn war es wichtig, die Studenten nicht nur in ihrer intellektuellen Ausbildung zu begleiten, sondern sie auch zu einem Leben nach dem Evangelium anzuleiten. Doch schon bald bekam er deswegen Schwierigkeiten mit seinen Vorgesetzten und durfte ab 1830 nicht mehr unterrichten.

Im Sommer 1828 begann Newman die Kirchenväter zu lesen; dies sollte sein Leben verändern. Später sagte er: «Die Kirchenväter haben mich katholisch gemacht, nicht die Katholiken.»

Mit grosser Sorge sah er Einfluss liberaler Strömungen in Oxford und in ganz England. Mit anderen Geistlichen schloss er sich 1833 deshalb in der sogenannten Oxford-Bewegung zusammen. Die Grundüberzeugung war, dass England vom Glauben der Alten Kirche abgefallen war und es einer «zweiten Reformation» bedurfte. Newman vertrat dabei die Theorie der «Via Media»: Nach dieser Theorie haben die Protestanten Wahrheiten des ursprünglichen Glaubens verworfen, die Katholiken sich durch Zusätze und Irrtümer vom Glauben der Alten Kirche entfernt und nur die Anglikaner «Via Media» das Erbe der Väter treu bewahrt. Doch durch das Studium der Kirchenväter näherte er sich unbewusst der Katholischen Kirche an: 1839 kam ihm erstmals der Gedanke, dass die Katholische Kirche vielleicht die wahre Kirche sei. Dieser Gedanke erschreckte ihn sehr.

In seinem Aufsatz «Tract 90» versuchte er, den anglikanischen Glauben von den Kirchenvätern her katholisch auszulegen. Das kam nicht gut an: Der Aufsatz wurde von der Universität Oxford verurteilt und von den anglikanischen Bischöfen zurückgewiesen – damit endete die Oxford Bewegung.
 


Ein schwerer, aber unausweichlicher Schritt hin zur Konversion
1842 zog er mit einigen Freunden nach Littlemore, um dort durch Gebet, Fasten und Studium Klarheit über seine Zukunft zu finden. Er war davon überzeugt, dass Gott ihm den Weg zeigen würde, wenn er sich weder vom reinen Gefühl noch von der reinen Vernunft, sondern vom Gewissen leiten liesse.

1843 widerrief er alle Kritik an der Römisch-katholische Kirche und er legte schweren Herzens seine Aufgabe als Universitätspfarrer in Oxford nieder. Ein Brief zeigt, wie sehr er mit sich gerungen hat: «Die Frage heisst einfach: Kann ich (ganz persönlich, nicht ein anderer, sondern kann ich) in der englischen Kirche selig werden? Könnte ich noch in dieser Nacht ruhig sterben? Ist es eine Todsünde für mich, nicht einer anderen Gemeinschaft beizutreten?»

Er war sich noch unsicher darüber, ob die römisch-katholische Lehre (z. B. über Maria, die Heiligen oder das Fegefeuer) den reinen Glauben der Väter bewahrt hatte. Er begann eine Studie über die Entwicklung der Glaubenslehre (1845) und entdeckte bald, dass in der Katholischen Kirche die Wahrheit unverfälscht überliefert wurde: Die Studie blieb unvollendet – er entschied sich zur Konversion. Am 9. Oktober 1845 wurde er in die Katholische Kirche aufgenommen. Der Schritt fiel ihm schwer, denn er liebte die Anglikanische Kirche, seine Familie und seine Freunde, aber der Ruf des Gewissens war stärker.

1846 schickte ihn sein Bischof zum Studium nach Rom. 18 Monate später wurde er zum katholischen Priester geweiht. In Rom lernte er die Oratorianer kennen. Er trat in die Gemeinschaft ein und gründete in Birmingham das erste englische Oratorium.

Zurück in England war das Leben von John Henry Newman nicht einfach: Viele Anglikaner betrachteten ihn als Verräter, manche Katholiken verstanden ihn nicht und selbst mit seinen Oratorianer-Mitbrüdern kam es zum Konflikt. Trotzdem konnte er rund zwanzig Jahre später schreiben: «Von der Zeit an, dass ich katholisch wurde, habe ich in vollkommenem Frieden und ungestörter Ruhe gelebt, ohne je von einem einzigen Zweifel heimgesucht zu werden.»

1851 baten ihn die irischen Bischöfe, in Dublin eine katholische Universität zu gründen. Gleichzeitig lief in England eine Verleumdungsklage gegen ihn. John Henry Newman bat alle Klöster ums Gebet. Schliesslich wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt. Er erhielt aus aller Welt Spenden, um diese Strafe zu bezahlen. Wie sehr er zu diesem Zeitpunkt bereits geschätzt wurde, zeigt sich daran, dass er mit den Spenden, die übrig blieben, die Universitätskirche in Dublin bauen konnte.

Weil Newman auch Laien in den Professorenstab aufnehmen und Christen aus der Welt und für die Welt ausbilden wollte, kam es bald zu Spannungen mit den Bischöfen. Diese brachten letztlich das gesamte Projekt zum Scheitern. Auch in seiner nächsten Aufgabe als Herausgeber der katholischen Zeitschrift «The Rambler» versuchte er, sich für die Bildung der katholischen Laien stark zu machen. In seinem Beitrag «Über das Zeugnis der Laien in Fragen der Glaubenslehre» legte er dar, dass die Glaubenslehre in der Kirche nicht nur durch die Bischöfe und das Zeugnis der Theologen weitergegeben wird, sondern auch durch das gläubige Volk, das einen intuitiven Sinn für die Wahrheit besitzt. Das wurde in gewissen Kreisen nicht gerne gehört und er musste auf Bitten seines Bischofs bereits nach kurzer Zeit seine Arbeit niederlegen. Doch es kam noch schlimmer: John Henry Newman wurde zu Unrecht der Häresie beschuldigt. Ein einflussreicher Monsignore nannte ihn gar «den gefährlichsten Mann in England».

Die englische Volksseele erobert
1864 behauptete ein anglikanischer Schriftsteller in einem Artikel, dass Wahrhaftigkeit nie eine Tugend des katholischen Klerus gewesen sei und Dr. Newman das beste Beispiel dafür biete. Diesen Vorwurf wollte Newman nicht stillschweigend hinnehmen, ging es doch nicht nur um seine Person, sondern um das Priestertum der Katholischen Kirche. Innerhalb weniger Wochen schrieb er das Buch «Apologia pro vita sua», in dem er darlegte, wie Gottes Licht ihn zur Konversion geführt hatte. Katholiken wie Anglikaner waren von diesem Buch beeindruckt. «Zum ersten Mal seit der Reformation hatte das Buch eines Katholiken die englische Volksseele erobert. Es wurde deutlich, dass man ganz Engländer und ganz Katholik sein kann, was bis zu diesem Zeitpunkt unmöglich schien», bilanzierte Schwester Birgit.

John Henry Newman setzte seine theologische und seelsorgliche Tätigkeit bis ins hohe Alter fort. Leo XIII. ernannte ihn 1879 zum Kardinal. Er sagte: «Ich war entschlossen, die Kirche zu ehren, indem ich Newman ehrte.» In seiner berühmten Rede beim Empfang der Bulle mit der Kardinalsernennung, warnte Kardinal Newman prophetisch vom religiösen Liberalismus, den später Benedikt XVI. als «Relativismus» bezeichnete.

Als Kardinal John Henry Newman am 11. August 1890 mit 89 Jahren starb, schrieb die «Times»: «Wir wissen nicht, ob Rom ihn heiligsprechen wird. Aber er ist schon heiliggesprochen von Christen vieler Konfessionen.»
 


Die Provokation einer Bekehrung
Den Weg John Henry Newmans in die Katholische Kirche beleuchtete Prof. Manuel Schlögl in seinem Vortrag näher. «Konvertiten sind eine Provokation», begann er seine Ausführungen. Sie sind aber auch eine Erinnerung an die grosse Bedeutung von Konversionen in der Geschichte des Christentums. «Durch die Berührung mit der Christusoffenbarung wurden, so die Überzeugung der Kirchenväter, alle Werte einer Kultur, ihre Mythen und Dichtungen, ihre Bau- und Kunstwerke, ihre politischen und ökonomischen Verhältnisse neu bewertet, gereinigt und in die christliche Weltsicht integriert.» Und deshalb sind Konvertiten auch Zeugen für die grundsätzliche Bedeutung der Konversion für das Christsein. Alle drei Merkmale – die Provokation, die Erinnerung und das Zeugnis – gelten auch für die Konversion John Henry Newmans. Sie war kein Akt der Selbstbestätigung, sondern ein Akt der Demut und des Gehorsams seinem Gewissen gegenüber. «Denn Newman hatte erkannt, dass die katholische Wahrheit nicht ohne ihre immer begrenzte und dennoch reale Verwirklichung in der katholischen Kirche existiert.»

Während seiner Zeit als anglikanischer Priester in Oxford, gerieten seine calvinistischen Ansichten – die strikte Unterscheidung zwischen Geretteten und Verdammten und der damit verbundene religiöse Leistungsdruck – zunehmend in die Krise. Newman öffnete sich zunächst dem liberalen Denken: «Nicht mehr das angstbesetzte Streben nach dem eigenen Seelenheil, sondern eine vernünftige Begründung der eigenen Position als Christ ist nun das Ziel von Newmans theologischer und pastoraler Tätigkeit.» Doch die ständige kritische Hinterfragung seiner bisherigen Glaubensgewissheiten belastete ihn. Er erkannte, dass das formale Wissen allein nicht genügt: «Es bedarf des vertrauenden Glaubens, der lebendigen Beziehung zum als wahr Geglaubten.» Eine halbjährige Reise 1832/33 brachte den jungen Gelehrten mit dem östlichen Christentum in Kontakt. Auf der Insel Korfu ist er ergriffen von den orthodoxen Gotteshäusern und Liturgien. Die Erlebnisse inspirierten dazu, die Kirche in England zu erneuern. «Was ihn dabei leitet und unbewusst auch in Richtung der römisch-katholischen Kirche führt, ist die Einsicht, dass der christliche Glaube seinem Wesen nach geoffenbartes Mysterium ist und sich nicht einseitig in Satzwahrheiten auflösen lässt.»

Wie oben erwähnt, versuchte Newman den «Via media», den mittleren Weg, doch 1839 überfielen ihn Zweifel. Er las ein Argument, dessen Überzeugungskraft er sich nicht zu entziehen vermochte. Der heilige Augustinus habe die Katholizität der Kirche mit ihrer theologischen Gewissheit begründet: «securus iudicat orbis terrarum»– mit Sicherheit urteilt der ganze Erdkreis.» Und Sicherheit und Gewissheit war das, was Newman suchte.

Während seiner Zeit in Littlemore erforschte Newman die frühchristliche Bekenntnisbildung. Er erkannte, dass die Katholische Kirche von Beginn an alle Glaubenswahrheiten und Glaubensinhalte keimartig in sich trägt und diese im Laufe der Geschichte je nach Situation und Herausforderung organisch entfaltet. Noch bevor Newman sein Werk ganz abgeschlossen hatte, entschied er sich zur Konversion. «Man könnte auch sagen: Sein Beitritt zur katholischen Kirche ist der eigentliche Schlusspunkt, das existenzielle Ergebnis seiner Studie zur frühkirchlichen Lehrentwicklung», so Prof. Schlögl.

Seine Konversion wurde zur existenziellen Grundlage seines weiteren Wirkens. «Sie war, wie es der Titel seines Romans sagt, ‹Loss and Gain›, ‹Verlust und Gewinn›. Zum Schluss seines Referats zitierte Prof. Schlögl daraus die Worte eines Priesters: «Gewissheit – in ihrem höheren Sinn – ist die Belohnung derer, die sich durch einen Akt des Willens, dem Spruch von Vernunft und Klugheit folgend, die Wahrheit anerkennen, wo die eigene Natur, wie ein Feigling, zurückschreckt. Man muss etwas wagen; Glaube ist ein Wagnis, bevor ein Mensch Katholik wird; danach ist er ein Geschenk.»[1]

 

Die 37. Internationale Theologische Sommerakademie wird vom 30. August bis 1. September 2027 wiederum in Haag (Niederösterreich) stattfinden. Ausgehend von den Schriften Benedikts XVI., der nächstes Jahr seinen 100. Geburtstag feiern könnte, lautet das (provisorische) Thema: «Jesus Christus auf dem Abstellgleis?»
Webseite der Internationalen Theologischen Sommerakademie Link

 


[1] Newman, Loss and Gain, 385, zitiert nach Möllenbeck, Wahrheit und Bekehrung, 212.


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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