Juni-Juli 2025: Siedler haben die christliche arabische Stadt Taybeh im Westjordanland, Palästina, Heiliges Land, angegriffen. In der Nähe der Häuser der Bewohner und auch in der Nähe der historischen Kirche Al-Khader/St. George wurden Brände gelegt. (Bild: «Kirche in Not (ACN)»)

Weltkirche

Angriffe auf Chris­ten im West­jor­dan­land müs­sen gestoppt werden

In den ver­gan­ge­nen Wochen ist die christ­li­che Stadt Tay­beh im West­jor­dan­land zuneh­mend Ziel gewalt­sa­mer Über­griffe durch radi­kale jüdi­sche Sied­ler gewor­den. Die israe­li­sche Armee und Poli­zei igno­rie­ren bis­lang die Hil­fe­rufe der ört­li­chen Bevölkerung.

Angesichts der eskalierenden Angriffe radikaler jüdischer Siedler auf Taybeh im Westjordanland stellen sich die Oberhäupter der wichtigsten christlichen Kirchen im Heiligen Land die Frage nach einer möglichen Komplizenschaft der israelischen Behörden.

Taybeh ist die letzte verbliebene rein christliche Stadt im Westjordanland. In den letzten Wochen haben radikale jüdische Siedlergruppen sowohl die Einwohner als auch Gebäude angegriffen und bedroht und dabei auch versucht, die historische St. Georgs-Kirche aus dem 5. Jahrhundert und den angrenzenden Friedhof in Brand zu setzen.

Kühe fressen Lebensgrundlage weg
«Kirche in Not (ACN)» sprach mit dem lateinischen Pfarrer von Taybeh, Bashar Fawadleh, der die wachsende Bedrohungslage gegenüber der Gemeinde schildert: «Fast einen Monat lang kam jeden Morgen ein Siedler mit einer grossen Kuhherde in unsere Olivenhaine, die für ihre Qualität bekannt sind, um die Kühe dort weiden zu lassen. Die Menschen hier leben hauptsächlich vom Verkauf von Olivenöl. Die Kühe haben die Bäume beschädigt, und die Erntezeit im Oktober ist jetzt in Gefahr. Ohne Ernte gibt es kein Leben im Dorf.»

Feuer gelegt vor Kirche und Friedhof
«Eines Tages wurden wir plötzlich aufgeschreckt, als mehr als zehn bewaffnete Siedler die Kirche des Heiligen Georg – auf Arabisch Al-Khadr – angriffen. Für uns ist sie heilig und von zentraler Bedeutung. Sie entzündeten ein Feuer neben der Kirche, die aus dem 5. Jahrhundert stammt, und hinter dem Friedhof. Wir waren schockiert, aber mehr als 20 junge Männer rannten mit mir zur Kirche, um das Feuer zu löschen, während die Siedler uns mit verschränkten Armen zusahen», berichtet er gegenüber «Kirche in Not (ACN)». Darüber hinaus «blockieren sie mit ihren Autos Zufahrtsstrassen und schränken so die Bewegungsfreiheit der Einwohner ein. Die Hauptzufahrtsstrassen nach Taybeh sind weiterhin durch Kontrollpunkte und Strassensperren der Armee blockiert.»

Diese Übergriffe folgen auf ähnliche Vorfälle im nahe gelegenen muslimischen Dorf Kafr Malik, bei denen drei palästinensische Jugendliche getötet wurden. Falls die Motive der Siedler nicht klar genug sein sollten, haben sie kürzlich ein Schild am Ortseingang von Taybeh aufgestellt, mit der unmissverständlichen Botschaft: «Für Euch gibt es hier keine Zukunft.»

Behörden intervenieren nicht
Auf die Frage von «Kirche in Not (ACN)», ob die Behörden eingeschaltet worden seien, antwortet Pater Bashar: «Wir haben zweimal die Koordinierungsstelle zwischen der palästinensischen und der israelischen Regierung kontaktiert. Man sagte uns, sie würden kommen – aber niemand erschien. Sie haben die Siedler nicht gestoppt, und das liegt daran, dass sie geschützt werden. Denn viele der Soldaten stammen selbst aus den Siedlergemeinden und werden von extremistischen Elementen innerhalb der Regierung bestärkt.»
 


Ruf nach sofortiger und transparenten Untersuchung
Am Montag, dem 14. Juli, besuchten der lateinische Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, sowie Vertreter der griechisch-orthodoxen und griechisch-melkitischen Kirche die Gemeinde in Taybeh. In einer gemeinsamen Erklärung verurteilten sie die Angriffe entschieden und forderten die israelischen Behörden auf, Verantwortung zu übernehmen. Sie forderten einstimmig, dass «diese Radikalen von den israelischen Behörden zur Rechenschaft gezogen werden, die deren Präsenz um Taybeh herum ermöglichen und erleichtern. Selbst in Kriegszeiten müssen heilige Stätten geschützt werden. Wir fordern eine sofortige und transparente Untersuchung darüber, warum die israelische Polizei nicht auf die Notrufe der lokalen Gemeinde reagierte und warum diese abscheulichen Handlungen ungestraft bleiben.»

Die Kirchenführer betonten weiter: «Die Angriffe von Siedlern auf unsere friedliche Gemeinde müssen aufhören – sowohl hier in Taybeh als auch andernorts im Westjordanland. Dies ist eindeutig Teil systematischer Angriffe gegen Christen, die wir in der gesamten Region beobachten.»

Die Kirchenoberhäupter riefen «Diplomaten, Politiker und Kirchenvertreter weltweit dazu auf, für unsere ökumenische Gemeinde in Taybeh mit Gebet und deutlicher Stimme einzutreten, damit ihre Präsenz gesichert ist und sie in Frieden leben, frei beten, ohne Gefahr Feldfrüchte anbauen und in einem Frieden leben können, der viel zu selten zu sein scheint». Angesichts der aktuellen Vorfälle bitten sie um «das Gebet, die Aufmerksamkeit und das Handeln der Welt – insbesondere der Christen».

Bewohner wollen trotz allem bleiben
Taybeh zählte einst 15 000 Einwohnerinnen und Einwohner. Doch infolge des israelisch-palästinensischen Konflikts hat die Mehrheit das Heilige Land verlassen. Seit Beginn der aktuellen Eskalation sind zehn weitere Familien weggezogen. Pfarrer Bashar sagt gegenüber «Kirche in Not (ACN)», dass diejenigen, die bleiben, trotz der Gleichgültigkeit der Behörden ihr Leben in ihrer Heimat riskieren. «Wir glauben daran, dass wir die Siedler mit der Hilfe Gottes, der Jungfrau Maria und insbesondere unseres Schutzpatrons, des Heiligen Georg, stoppen können», schliesst er.

 

«Kirche in Not (ACN)» ist ein internationales katholisches Hilfswerk päpstlichen Rechts, das 1947 als «Ostpriesterhilfe» gegründet wurde. Es steht mit Informationstätigkeit, Gebet und Hilfsaktionen für bedrängte und Not leidende Christen in ca. 140 Ländern ein. Seine Projekte sind ausschliesslich privat finanziert. Das Hilfswerk wird von der Schweizer Bischofskonferenz für Spenden empfohlen. Link


Kirche in Not (ACN)


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Bemerkungen :

  • user
    Daniel Ric 16.07.2025 um 09:28
    Die Situation der Christen im Heiligen Land ist schlimm. Das Christentum ist die Religion, die weltweit am meisten verfolgt wird, was vielen Papierchristen in unseren Breitengraden nicht bewusst ist. Trotzdem möchte ich hier auch auf das Schicksal der muslimischen Bevölkerung aufmerksam machen. Wir erleben zurzeit eines der grössten Verbrechen in den letzten 100 Jahren. Zehnttausende von Menschen werden getötet und Hunderttausende vertrieben, darunter viele Kinder. Die westlichen Länder schweigen, was eine absolute Schande ist.