Gedenkbild der Gründerin Anna Maria Brunner-Probst anlässlich der Überführung ihrer Gebeine nach Dayton, Ohio.

Kirche Schweiz

Anna Maria Brunner-​Probst: Damit nicht ein Trop­fen Kost­ba­ren Blu­tes ver­geb­lich ver­gos­sen wird

In unse­rer Serie «Starke Frauen» geht es heute um Anna Maria Brunner-​Probst. Sie hat sich in ihrem Leben mehr­fach als starke Frau gezeigt – als junge Frau, als Ehe­frau, als Mut­ter, als Witwe und als Gründerin.

Vom Gründungsort der Kongregation der «Schwestern vom kostbaren Blut» sind nur noch Ruinen zu sehen. Die Burg Löwenberg in Schluein GR brannte am 14. April 1889 vollständig nieder. Auch das Grab der Gründerin sucht man vergebens: Ihre Gebeine ruhen in den fernen USA. Einzig die Hl. Blutkapelle am Passwang in der solothurnischen Gemeinde Mümliswil-Ramiswil erinnert in der Schweiz an Anna Maria Brunner-Probst.

Getragen vom Glauben
Anna Maria Probst kam am 1. Oktober 1764 als zweites von fünf Kindern in Mümliswil-Ramiswil SO zur Welt. Der katholische Glaube bildete den tragenden Grund des Familienlebens, der Besuch der Heiligen Messe in der eine halbe Stunde entfernten Pfarrkirche gehörte zum Sonntag.

Als sie 12 Jahre alt war, wurde sie Magd bei der Familie Brunner, die am hinteren Beibelberg einen Bauernhof betrieben. Die Arbeit war streng, der Weg zur Kirche lang. Doch ihre Arbeit wurde geschätzt und mit der Zeit wurde ihr das ganze Hauswesen unterstellt. Auch Johann, der älteste Sohn der Familie, achtete die junge Frau und nach reiflicher Überlegung heirateten sie 1793 – Anna Maria war zu diesem Zeitpunkt bereits 29 Jahre alt. Sie bauten unweit vom Elternhaus einen eigenen Bauernhof.

Johann und Anna Maria wurden Eltern von sechs Kindern; eine Tochter starb kurz vor ihrem zweiten Geburtstag. Ihnen war neben der Weitergabe des Glaubens auch die Erziehung und Ausbildung der Kinder wichtig und sie versuchten ihren Kindern ein gutes Beispiel zu geben. Zwei Kinder heirateten, zwei wurden Priester, und eine Tochter wählte den geistlichen Stand.

1812 starb Johann nach langer Krankheit, während der er von seiner Frau liebevoll gepflegt worden war. Mit erst 45 Jahren zur Witwe geworden, trug sie nun die Verantwortung für ihre fünf Kinder im Alter von 4 bis 18 Jahren. Sie bemühte sich weiterhin, sie im Glauben zu erziehen. Anna Maria selbst ging jeden Tag in die Heilige Messe in die weit entfernt gelegene Kirche, dabei betete sie den Rosenkranz. Sie lebte ihren Glauben aber auch im konkreten Alltag: Arme Menschen bekamen bei ihr auf dem Hof immer etwas zu essen. Bis zu 20 Arme sollen sie täglich versorgt haben.

Eine neue Aufgabe für die Rentnerin
Als das jüngste Kind das Elternhaus verliess, war Anna Maria 66 Jahre alt. Sie verkaufte den Bauernhof und zog zu ihrer verheirateten Tochter Maria Fluri. Sie hätte nach ihrem arbeitsreichen Leben nun den mehr als verdienten Ruhestand geniessen können, doch die Hände in den Schoss legen wollte sie nicht. Sie wollte weiterhin den Willen Gottes tun. Als sie wieder einmal eine Wallfahrt nach Einsiedeln unternahm, erkannte sie als neue Aufgabe, ihrem ältesten Sohn beizustehen. Franz Sales war nach seiner Schulzeit ins Kloster Mariastein eingetreten. Zehn Jahre nach seiner Priesterweihe trat er 1829 ins Trappistenkloster Oelenberg (Elsass) über. Doch bereits 1830 musste er aufgrund der Julirevolution fliehen und ging darauf in die rätische Mission. Er kaufte in Schluein GR die Burg Löwenberg, die 30 Jahre leer gestanden hatte, und gründete dort eine Schule für arme Buben. Dabei unterstützte ihn nun seine Mutter.
 


1832 – mit 68 Jahren – unternahm Anna Maria zusammen mit Franz Sales eine neunmonatige Wallfahrt nach Rom. In der Kirche San Nicola in Carcere hörte sie die «Missionare vom Kostbaren Blut» über die erlösende Liebe Jesu sprechen und sie erkannte ihre Berufung, nach Hause zurückzukehren und alles zu tun, was in ihrer Macht stand, damit «nicht ein Tropfen Kostbaren Blutes vergeblich vergossen wird».
Nach ihrer Rückkehr begann sie mit der Anbetung des Allerheiligsten Sakraments, wobei sie sich auf die Gebete zu Ehren des Kostbaren Blutes Jesu konzentrierte. Gleichzeitig kümmerte sie sich weiterhin um alle Menschen, die an ihre Tür klopften. Zwei Frauen, die im Schloss arbeiteten, schlossen sich ihr in der nächtlichen Anbetung an und rasch kamen weitere Frauen dazu. 1834 erhielt die Gruppe vom Bischof von Chur die Erlaubnis, ein gemeinschaftliches Leben zu führen. Ziel der Gemeinschaft sollten die Anbetung des kostbarsten Blutes und die Erziehung der Jugend, einschliesslich der Betreuung von Waisen und obdachlosen oder mittellosen Mädchen, sein. Die Kongregation der «Schwestern vom kostbaren Blut» wuchs schnell. Doch bereits am 15. Januar 1836 starb Mutter Anna Maria Brunner im Ruf der Heiligkeit.

Der Weg in die USA …
Zwei Jahre später unternahm Franz Sales erneut eine Wallfahrt nach Rom. Dort trat er in die Kongregation der «Missionare vom Kostbaren Blut» ein, die vom heiligen Gaspar del Bufalo gegründet worden ist. Nach dem Noviziat kehrte er zurück und verband die Schwesternkongregation mit den «Missionaren des Kostbaren Blutes».

Auf Bitte des Bischofs von Cincinnati, John Baptist Purcell, gingen 1844 drei Schwestern des kostbaren Blutes in die Vereinigten Staaten, um sich dort um die deutschsprachigen Einwanderer zu kümmern. Zwei Jahre späteren errichteten sie ein Mutterhaus, das sie «Maria Stein» nannten. Auch die Gemeinde heisst bis heute Maria Stein. Vermutlich geht dies auf die Tatsache zurück, dass Pater Franz Sales Brunner dem Kloster eine gemalte Darstellung der Muttergottes von Mariastein schenkte. Dieses Bild hatte er während der Überquerung des Ärmelkanals in einem Segelschiff bei sich und es soll ihn auf wundersame Weise in einem schlimmen Unwetter vor einem Schiffbruch gerettet haben.

1850 wurde die Burg Löwenberg in Schluein verkauft und die restlichen Schwestern wanderten ebenfalls nach Ohio aus. 1886 trennten sich die Schwestern von den «Missionaren des Kostbaren Blutes» und bildeten eine eigene Kongregation. Seit 1923 befindet sich das Mutterhaus in Dayton (Ohio). Heute leben Schwestern in verschiedenen Staaten der USA sowie in Chile und Guatemala. 1933 baten die Schwestern, die sterblichen Überreste ihrer Gründerin in die Kirche in ihrem Mutterhaus umzubetten. Bei der Öffnung des Grabes fand man die beiden Hände der grossen Beterin völlig unversehrt.

«Getragen von der erlösenden Liebe Jesu Christi und verwurzelt im eucharistischen Gebet, verkünden wir Schwestern vom Kostbaren Blut die Liebe Gottes, indem wir eine lebensspendende, versöhnende Präsenz in unserer zerbrochenen Welt sind» (Leitbild). Die Schwestern sind überall dort im Einsatz, wo Menschen Hilfe und Versöhnung brauchen.

… und zurück ins Bistum Chur
Pater Franz Sales Brunner zog 1858 mit zwei Schwestern nach Schellenberg (Liechtenstein). Das Ziel war zunächst die Aufnahme und Vorbereitung von Schwestern für den Einsatz in den USA. Pater Brunner starb am 29. Dezember 1859 im Ruf der Heiligkeit in Schellenberg. 1896 erklärte der Churer Bischof Johannes Fidelis Battaglia die Schellenberger Schwestern für unabhängig vom Mutterhaus in den USA.

Auf Anregung der Schwestern vom kostbaren Blut in Schellenberg wurde am ehemaligen Wohnort von Anna Maria Brunner-Probst und ihres Sohnes Pater Franz Sales die «Hl. Blutkapelle» gebaut (eingeweiht am 7. Juli 1974).

Anna Maria Brunner-Probst hatte kein einfaches Leben: Ob als junge Magd, als Ehefrau und Mutter mit einem arbeitsreichen Alltag oder als alleinerziehende Witwe – immer war sie getragen und getröstet durch ihren Glauben. Und dieser Glaube gab ihr die Kraft, noch mit fast 70 Jahren eine Gemeinschaft zu gründen. Ihr Lebensbeispiel zeigt, dass mit Gottes Hilfe vieles möglich ist und dass auch ältere Menschen noch wichtige Aufgaben nach dem  Plan Gottes erfüllen können.


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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