Ahmad Mansour während seines Vortrages in Rümlang. (Bild: Niklaus Herzog/swiss-cath.ch)

Hintergrundbericht

«Auf dem Spiel steht nichts ande­res als die Zukunft Europas»

Der Islam­ken­ner Ahmad Man­sour arbei­tet in der Radi­ka­li­sie­rungs­prä­ven­tion und warnt vor Nai­vi­tät gegen­über dem Islam. Das elek­tri­siert viele: Am 20. März 2026 hielt der 49-​Jährige in Rüm­lang ZH einen von «Zukunft CH» orga­ni­sier­ten Vor­trag zur Frage «Mul­ti­kulti oder Multikonflikt?».

Ein bunt gemischtes Publikum lauschte den Ausführungen des in Israel Geborenen: Interessierte Privatpersonen und zahlreiche Journalisten und Politiker – sowohl auf Gemeinde- wie auch auf Kantons- und Nationalratsebene – hörten betroffen zu, was der Psychologe zu Migration und Integration, zu Islamismus, Antisemitismus und zur Gefahr der Radikalisierung zu sagen hatte.

Augen zu vor der Realität
Als Kind in einem arabischen Umfeld erlebte Mansour Gewalt, weil er Fragen zum Islam und seiner Kultur stellte. 2004 wanderte er nach Europa aus, wo er dreierlei zu finden hoffte: Freiheit, Sicherheit und Wohlstand – wie viele andere auch. «Aber sie stellen sich nicht die Frage, warum es all das in Europa gibt, aber nicht in Arabien.»

Auf das Anspruchsdenken vieler Migranten reagiere Europa mit «Konzeptlosigkeit, Schwäche und Naivität». Für unzählige Probleme, die klar auf die Masseneinwanderung zurückgehen, wie die steigende Zahl an sexuellen Übergriffen in Freibädern und an Messerattacken, ziehe man andere Erklärungen heran. «Wir investieren so viel Energie, um die Realität nicht zu sehen!», klagt der in Berlin Lebende und fragt eindringlich: «Haben wir überhaupt eine Idee, was gelungene Integration bedeutet?»

Ebenso grundlegend sei die Frage: «Kommen Menschen hierher, die Schweizer Muslime sein wollen, oder Muslime in der Schweiz sein wollen?» Was auf den ersten Blick wie Haarspalterei erscheint, ist ein fundamentaler Unterschied. Denn wer Muslime aufnehme, müsse sich darüber im Klaren sein, dass man Menschen mit einer anderen Kultur, mit anderen Werten aufnehme. Im Gegensatz zu «Schweizer Muslimen» müsse man mit jemandem, der «Muslim in der Schweiz» sein wolle, klären, wie er zu Polygamie, Antisemitismus und Meinungsfreiheit stehe: «Man muss überlegen, wie aus einem patriarchalisch geprägten jungen Menschen ein Demokrat werden kann.» Mansour geht noch einen Schritt weiter und fragt: «Wollen wir Religionen integrieren oder Menschen?»

Was ist Europa?
Seine Formel für ein Mindestmass an Integration lautet «Arbeit plus Sprache minus Kriminalität». Damit meint er: Wer in Europa als integriert gelten möchte, müsse zumindest die Landessprache beherrschen, eine Arbeitsstelle haben und keine Gewaltbereitschaft zeigen. Doch überdies sei das Annehmen europäischer Grundwerte unabdingbar. Das bedeute nicht automatisch Identitätsverlust für einen Muslim: «Ich muss nicht Schweinefleisch essen, um integriert zu sein. Aber ich muss überlegen: Wie geht mein Kind damit um, wenn ein Kind neben ihm Schweinefleisch isst?»

Das Zusammenleben der Kulturen habe über das «Zelebrieren von Unterschieden» hinauszugehen. Es brauche feste Regeln und die Verankerung in der eigenen Identität. «Aber wann hat ein Politiker zuletzt gesagt: Willkommen, Sie dürfen hier leben, aber dafür müssen Sie A, B, C und D tun?» Geradezu flehentlich appelliert Mansour an die Verantwortlichen in der europäischen Politik: «Liefert uns Konzepte!»

Doch stattdessen werde die Debatte über Migration seit Jahren zwischen den Polen «Ausländer raus» und «Kein Mensch ist illegal» geführt: «Dazwischen gibt es nichts.» Den Grund hierfür kann Mansour klar benennen: «Europa scheut eine Frage: Was sind wir?» Bevor diese Frage nicht beantwortet sei, könne man sich auch der nächsten nicht widmen: «Wie gehen wir um mit Menschen, die hier leben, aber Europa ablehnen?»

Europa zwischen Toleranz und Antisemitismus
Der Ehrendoktor der Universität Basel und Träger zahlreicher Preise plädiert für richtig verstandene Toleranz. Der Begriff bedeute nichts anderes als «ertragen». Mansour schmunzelt: «Sie brauchen keinen Araber, der Ihnen das erklärt.» Toleranz verlange, «zu ertragen, dass andere Leute anderer Meinung sind» und sich Fragen stellten. Wenn aber nur Menschen gleicher Ansicht zusammenkämen, sich gegenseitig «abklatschten» und andere cancelten, sei damit «keine Demokratie zu machen». Die Folge: «Toleranz stirbt stückweise.»

Das sehe man besonders seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Nach diesem Massaker hätten Politiker Mansour angerufen, die ihm zuvor Rassismus und Islamfeindlichkeit vorgeworfen hatten – und hätten sich bei ihm entschuldigt. Doch so erfreulich das ist, kann es nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Deutschland seit Herbst 2023 unzählige Demonstrationen stattgefunden haben, bei denen der Terror der Hamas verherrlicht und das Existenzrecht Israels geleugnet wird. «Sonntagsreden der Politiker» seien jedoch nicht hilfreich, wenn zahlreiche Juden aus Angst wieder über Auswanderung aus Deutschland nachdächten. Mansour plädiert für eine «Vogelperspektive», um das grosse Ganze zu sehen: «Wir müssen die Bereitschaft haben, die Probleme zu erkennen und zu benennen.»

Mit Mut gegen Morddrohungen
Aufgrund seiner klaren Positionierung erhält er kontinuierlich Morddrohungen. In der Öffentlichkeit kann er sich nur mit Personenschutz bewegen. Auch die Veranstaltung in Zürich war nur unter massivem Sicherheitsaufgebot möglich. Die Warngeräusche, die plötzlich ertönen, haben jedoch andere Gründe. Der Referent erklärt: «Das ist eine App, die losgeht, wenn bei meiner Familie in Israel Sirenenalarm ist.» Dieser ruhig geäusserte Satz rückt die Dramatik des Krieges, welche die meisten Zuhörer nur aus den Medien kennen, in greifbare Nähe.

Es sind nachdenkliche Gesichter, die man später den Raum verlassen sieht. «Beeindruckend» sei Mansours Auftritt gewesen, sind sich alle einig. Eine junge Frau bewegt es, wie stark er die Wichtigkeit europäischer Grundwerte betont. «Das ist ein sehr schöner und konstruktiver Ansatz.» So lasse sich sein Schlussappell umsetzen: «Die Schweiz ist ein Vorbild für demokratische Länder. Bitte bewahren Sie das!»
 

Der Beitrag erschien zuerst auf «Stiftung Zukunft CH».


Redaktion


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Bemerkungen :

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    Daniel Ric 26.03.2026 um 19:38
    Ich frage mich, weshalb man einen Islamkenner aus Israel bzw. Deutschland einladen muss, um über das Zusammenleben von unterschiedlichen Religionen zu diskutieren. Es gibt in der Schweiz genügend Moslems und Christen, die über Probleme und Chancen des Miteinanders reden könnten. Wichtig ist noch zu betonen, dass die allermeisten Moslems, die in der Schweiz und in den meisten restlichen Ländern Europas leben, nicht aus humanitären Gründen "aufgenommen" wurden, sondern als Arbeitskräfte kamen. Die muslimischen Flüchtlinge, die vor 10 Jahren kamen, sind nicht repräsentativ für die vielen Bosnier, Türken, Kurden, Albaner und andere Moslems, die seit Jahren einen riesigen Beitrag für unsere Wirtschaft und Gesellschaft leisten und mit einem Arbeitsvisum ins Land einreisten. Dass die Arbeitskräfte, die man gerufen hat, auch ihre Religion und Kultur mitbringen, ist selbstverständlich. Komischerweise scheint es für viele unheimliche Patrioten kein Problem darzustellen, dass englischsprachige Expats in der Schweiz total isoliert leben und meist gar kein Interesse - ausser der Bezahlung von tiefen Steuern - an der Schweiz zeigen. Wenn wir - was wohl die allerwenigsten tun - wirklich an individuelle Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie glauben, dann muss man folgerichtig den Moslems erlauben, ihre Religion und ihre Werte zu leben. Als überzeugter Katholik bin ich dafür. Und noch ein Gedanke, woran wirklich die Zukunft Europas hängt: Wir sollten anfangen, endlich unseren katholischen Glauben authentisch zu leben. Dies nicht mit Schaffung von Feindbildern, sondern mit Taten der Nächstenliebe und des Glaubens an Jesus Christus.
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    Stefan Fleischer 26.03.2026 um 12:02
    Ich bleibe dabei, was einst jemad - ich weiss nicht mehr wer -gesagt hat:
    "Ich fürchte nicht die Stärke des Islams. Ich fürche die Schwäche des Christenums!"
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    Karl Oswald 26.03.2026 um 11:57
    In ein muslimisches Land will niemand immigrieren. Warum nur? Das ist für mich ein Beweis für das Christentum und unsere humanistische Kultur.
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      Daniel Ric 26.03.2026 um 12:46
      Es sind doch sehr viele reiche Menschen in die Golfstaaten ausgewandert. Zudem gibt es auch in Nordafrika europäische und amerikanische Auswanderer. Geschichtlich betrachtet sind sehr viele Juden, die in Europa in 15. und 16. Jahrhundert vertrieben worden, ins Osmanische Reich ausgewandert. Weiter sind sehr viele Juden im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nach Palästina, damals dem Osmanischen Reich gehörend, ausgewandert.
  • user
    Dr. theol. Emil Hobi, kath. Priester 26.03.2026 um 11:07
    Ein Grundproblem scheint mir zu sein, dass der Islam von seiner verbindlichen Lehre her - nicht von einem Abweichen davon - weitgehend in einem Graubereich zum Islamismus steht oder selbst dem Islamismus verhaftet ist. Muslime, welche - meistens hilfesuchend - zu uns kommen, stehen in einer selbstverständlichen Bringschuld: Akzeptanz der Religionsfreiheit ohne „wenn“ und „aber“. Absage an eine angebliche Verbalinspiration des Koran; der Koran ist nicht vom Himmel gefallen, sondern entstand in einem speziellen historischen Kontext; also Absage an Gewalttexte, wie wir sie im AT auch haben. Absage an das Modell der „Umma“, welches den Kalifatstaat errichten möchte. Transparente Offenlegung der Finanzierung von Moscheen durch islamistische Institutionen von aussen. Ehrlichkeit bei der Aufarbeitung der historischen Vergangenheit, wozu halt auch ein kritischer Blick auf den Religionsgründer gehören würde; wie vorbildhaft war sein Leben in Bezug auf das Lebensrecht anderer? Warum breitete sich der Islam bis zu den ersten Kreuzzügen - die ja oft und gerne von Muslimen erwähnt werden - ab 630 rd. 400 Jahre hindurch fast ausschliesslich gewalttätig aus? Mansour hat seinen Finger gerade auf die entscheidenden Punkte gelegt. Der Buddhismus, Hinduismus, das Judentum und auch das Christentum mit dem NT haben aufgrund ihrer eigenen Glaubensquellen und Heiligen Schriften und Traditionen Vorgaben, wo sie ihr Versagen immer wieder korrigieren und kritisch beleuchten können. Wo finden wir dies, von vereinzelten Randgruppen (Sufismus) mal abgesehen, im Islam? Mir ist der naive Glaube an die Friedfertigkeit des Islam verlorengegangen. Zur nötigen Aufarbeitung und Integration braucht es weit mehr als nur beschönigende Selbstdarstellungen und Führungen in den Moscheen, vor einem meist naiven christlichen Publikum.
    • user
      Heinz Meier 28.03.2026 um 09:24
      Vieles sieht im Konkreten anders, nicht selten auch besser aus, als hier beklagt. Meine eigene Kindheit war ziemlich ähnlich der eines Immigranten: meine Eltern zogen von der Innerschweiz in die Gegend des bäuerlich-katholischen Fricktals. In den 50er Jahren galten Zugezogene in solchem oder ähnlichem Umfeld als „befremdend“, was einen durchaus auch ablehnend und archaisch-beängstigend zu schaffen machte und was einen auf einen unangenehmen sozialen Prüfstand setzte. Ein gelebtes Christentum (das gab es damals in Teilen noch) kann jedoch viel zur Integration beitragen. Diese Seite wird oft nicht bedacht, wenn nur vom Immigrant gefordert wird, sich anzupassen. Jetzt lebe ich in einer Stadt (Opfikon) mit eigener Moschee und einer Hauptstrasse mit vielen islamisch geführten Beizen, Läden etc. Mein Schwager, Arzt und selber Muslim (nicht „praktizierend“) , verhalf mir viel zum Verständnis von deren Lebensart und Gewohnheiten.
      Ich empfinde darum aus vielfältiger Lebenserfahrung die Versuche, muslimische Mitmenschen mit Korankritik ändern zu wollen als ziemlich weltfremd und unrealistisch.