Ein bunt gemischtes Publikum lauschte den Ausführungen des in Israel Geborenen: Interessierte Privatpersonen und zahlreiche Journalisten und Politiker – sowohl auf Gemeinde- wie auch auf Kantons- und Nationalratsebene – hörten betroffen zu, was der Psychologe zu Migration und Integration, zu Islamismus, Antisemitismus und zur Gefahr der Radikalisierung zu sagen hatte.
Augen zu vor der Realität
Als Kind in einem arabischen Umfeld erlebte Mansour Gewalt, weil er Fragen zum Islam und seiner Kultur stellte. 2004 wanderte er nach Europa aus, wo er dreierlei zu finden hoffte: Freiheit, Sicherheit und Wohlstand – wie viele andere auch. «Aber sie stellen sich nicht die Frage, warum es all das in Europa gibt, aber nicht in Arabien.»
Auf das Anspruchsdenken vieler Migranten reagiere Europa mit «Konzeptlosigkeit, Schwäche und Naivität». Für unzählige Probleme, die klar auf die Masseneinwanderung zurückgehen, wie die steigende Zahl an sexuellen Übergriffen in Freibädern und an Messerattacken, ziehe man andere Erklärungen heran. «Wir investieren so viel Energie, um die Realität nicht zu sehen!», klagt der in Berlin Lebende und fragt eindringlich: «Haben wir überhaupt eine Idee, was gelungene Integration bedeutet?»
Ebenso grundlegend sei die Frage: «Kommen Menschen hierher, die Schweizer Muslime sein wollen, oder Muslime in der Schweiz sein wollen?» Was auf den ersten Blick wie Haarspalterei erscheint, ist ein fundamentaler Unterschied. Denn wer Muslime aufnehme, müsse sich darüber im Klaren sein, dass man Menschen mit einer anderen Kultur, mit anderen Werten aufnehme. Im Gegensatz zu «Schweizer Muslimen» müsse man mit jemandem, der «Muslim in der Schweiz» sein wolle, klären, wie er zu Polygamie, Antisemitismus und Meinungsfreiheit stehe: «Man muss überlegen, wie aus einem patriarchalisch geprägten jungen Menschen ein Demokrat werden kann.» Mansour geht noch einen Schritt weiter und fragt: «Wollen wir Religionen integrieren oder Menschen?»
Was ist Europa?
Seine Formel für ein Mindestmass an Integration lautet «Arbeit plus Sprache minus Kriminalität». Damit meint er: Wer in Europa als integriert gelten möchte, müsse zumindest die Landessprache beherrschen, eine Arbeitsstelle haben und keine Gewaltbereitschaft zeigen. Doch überdies sei das Annehmen europäischer Grundwerte unabdingbar. Das bedeute nicht automatisch Identitätsverlust für einen Muslim: «Ich muss nicht Schweinefleisch essen, um integriert zu sein. Aber ich muss überlegen: Wie geht mein Kind damit um, wenn ein Kind neben ihm Schweinefleisch isst?»
Das Zusammenleben der Kulturen habe über das «Zelebrieren von Unterschieden» hinauszugehen. Es brauche feste Regeln und die Verankerung in der eigenen Identität. «Aber wann hat ein Politiker zuletzt gesagt: Willkommen, Sie dürfen hier leben, aber dafür müssen Sie A, B, C und D tun?» Geradezu flehentlich appelliert Mansour an die Verantwortlichen in der europäischen Politik: «Liefert uns Konzepte!»
Doch stattdessen werde die Debatte über Migration seit Jahren zwischen den Polen «Ausländer raus» und «Kein Mensch ist illegal» geführt: «Dazwischen gibt es nichts.» Den Grund hierfür kann Mansour klar benennen: «Europa scheut eine Frage: Was sind wir?» Bevor diese Frage nicht beantwortet sei, könne man sich auch der nächsten nicht widmen: «Wie gehen wir um mit Menschen, die hier leben, aber Europa ablehnen?»
Europa zwischen Toleranz und Antisemitismus
Der Ehrendoktor der Universität Basel und Träger zahlreicher Preise plädiert für richtig verstandene Toleranz. Der Begriff bedeute nichts anderes als «ertragen». Mansour schmunzelt: «Sie brauchen keinen Araber, der Ihnen das erklärt.» Toleranz verlange, «zu ertragen, dass andere Leute anderer Meinung sind» und sich Fragen stellten. Wenn aber nur Menschen gleicher Ansicht zusammenkämen, sich gegenseitig «abklatschten» und andere cancelten, sei damit «keine Demokratie zu machen». Die Folge: «Toleranz stirbt stückweise.»
Das sehe man besonders seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Nach diesem Massaker hätten Politiker Mansour angerufen, die ihm zuvor Rassismus und Islamfeindlichkeit vorgeworfen hatten – und hätten sich bei ihm entschuldigt. Doch so erfreulich das ist, kann es nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Deutschland seit Herbst 2023 unzählige Demonstrationen stattgefunden haben, bei denen der Terror der Hamas verherrlicht und das Existenzrecht Israels geleugnet wird. «Sonntagsreden der Politiker» seien jedoch nicht hilfreich, wenn zahlreiche Juden aus Angst wieder über Auswanderung aus Deutschland nachdächten. Mansour plädiert für eine «Vogelperspektive», um das grosse Ganze zu sehen: «Wir müssen die Bereitschaft haben, die Probleme zu erkennen und zu benennen.»
Mit Mut gegen Morddrohungen
Aufgrund seiner klaren Positionierung erhält er kontinuierlich Morddrohungen. In der Öffentlichkeit kann er sich nur mit Personenschutz bewegen. Auch die Veranstaltung in Zürich war nur unter massivem Sicherheitsaufgebot möglich. Die Warngeräusche, die plötzlich ertönen, haben jedoch andere Gründe. Der Referent erklärt: «Das ist eine App, die losgeht, wenn bei meiner Familie in Israel Sirenenalarm ist.» Dieser ruhig geäusserte Satz rückt die Dramatik des Krieges, welche die meisten Zuhörer nur aus den Medien kennen, in greifbare Nähe.
Es sind nachdenkliche Gesichter, die man später den Raum verlassen sieht. «Beeindruckend» sei Mansours Auftritt gewesen, sind sich alle einig. Eine junge Frau bewegt es, wie stark er die Wichtigkeit europäischer Grundwerte betont. «Das ist ein sehr schöner und konstruktiver Ansatz.» So lasse sich sein Schlussappell umsetzen: «Die Schweiz ist ein Vorbild für demokratische Länder. Bitte bewahren Sie das!»
Der Beitrag erschien zuerst auf «Stiftung Zukunft CH».
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
"Ich fürchte nicht die Stärke des Islams. Ich fürche die Schwäche des Christenums!"
Ich empfinde darum aus vielfältiger Lebenserfahrung die Versuche, muslimische Mitmenschen mit Korankritik ändern zu wollen als ziemlich weltfremd und unrealistisch.