Kathedrale Saint-Denis. (Bild: Ninara/Flickr, CC BY 2.0)

Weltkirche

Auf­blü­hen­der Glaube in der Pari­ser Banlieue

Das Bis­tum Saint-​Denis im Gross­raum Paris berei­tet sich auf den Besuch von Papst Leo XIV. vor, der am 25. Sep­tem­ber an einer Gebets­vi­gil mit Jugend­li­chen und Katechu­me­nen im «Stade de France» in Saint-​Denis teil­neh­men wird.

Die über 1700-jährige Geschichte der Kirche in Saint-Denis begann mit Dionysius, der um 250 ihr erster Bischof war. Zusammen mit dem Priester Rusticus und dem Diakon Eleutherius kamen sie nach Lutetia (der alte Name von Paris), um das Evangelium zu verkünden und die ersten Taufen zu spenden. «Für diese Dimension des authentischen, zutiefst missionarischen Martyriums sind die Menschen am empfänglichsten», erzählt Bischof Étienne Guillet. «Einen Gottesdienst im Chor der Basilika nahe ihren Reliquien zu feiern, verbindet die Gegenwart der Kirche mit ihrem Ursprung: das Heil anzunehmen und Missionar in einer komplexen und manchmal risikoreichen Welt zu sein. Das ist eine Praxis, die von den Gläubigen sehr geschätzt wird.»

Zeuge der langen Geschichte ist auch die mittelalterliche Basilika, eine der Gründungsbauten der Gotik, in der die Gebeine von 70 Herrschern ruhen. Die Turmspitze der Basilika wird derzeit wiederaufgebaut. «Wir haben angeboten, vier neue Glocken zu finanzieren – ein verrücktes Projekt, da wir sehr arm sind. Aber hinter diesem Vorhaben steht der Wunsch, dieser Kontinuität eine sichtbare Form zu geben: Die Turmspitze ist in der Architektur wie ein Zeigefinger: Sie lädt dazu ein, den Blick gen Himmel zu richten, auch wenn sie in der Gotik fest mit dem Boden verbunden ist, wo es unsere Aufgabe ist, das Reich Gottes im Kleinen zu verwirklichen.» Aktuell lebt in der Basilika die mittelalterliche Wallfahrt zum Grab des heiligen Dionysius wieder auf, die etwas in Vergessenheit geraten war.

Die Kirche von Saint-Denis blickt auf eine jahrhundertealte Geschichte zurück, ist zugleich aber auch ein Ort des kirchlichen Aufbruchs – geprägt von einem Alltag in einem einfachen, teils armen, multiethnischen und multireligiösen Umfeld. Der Islam bildet die grösste Religion im Departement Seine-Saint-Denis, welches die Diözese Saint-Denis umfasst. Nach verschiedenen Erhebungen bekennen sich etwa 27 bis 30 Prozent der Bevölkerung des Departements zum muslimischen Glauben mit all den damit verbundenen sozialen Problemen. Die Zahl liegt somit deutlich über dem nationalen Durchschnitt von 7 bis 10 Prozent. Der hohe Anteil erklärt sich durch die Tatsache, dass das Département früher ein bedeutendes Industriezentrum Frankreichs war.

Von Katechumenen, Träumen und Herausforderungen
Während seiner Frankreichreise vom 25. bis 28. September 2026 besucht Papst Leo XIV. auch das Bistum Saint-Denis und nimmt an einer Gebetsvigil von Jugendlichen und Katechumenen teil. Im Gespräch mit Bischof Étienne Guillet fragte die katholische Nachrichtenagentur «Fides» nach dem Hintergrund der Katechumenen. «Die grösste Gruppe ist zwischen 18 und 25 Jahre alt, aber es gibt nicht das eine soziologische Profil.» Ein Teil der Katechumenen sei in einem christlichen Umfeld aufgewachsen, jedoch ohne getauft worden zu sein. Andere seien durch das Zeugnis eines Freundes, einer Kollegin oder Nachbarin in Kontakt mit der Kirche gekommen. «Die sozialen Netzwerke machen nicht alles aus, aber sie sind der Ort, an dem unsere Zeitgenossen ihre ersten Fragen stellen. Wir müssen dort also fundierte Antworten anbieten», ist der Bischof überzeugt. Manche hätten den Glauben durch eine geöffnete Kirche, ihre Stille und ihre Schönheit gefunden. «Ein Mann erzählte mir, dass er nach einem sehr schweren Tag aus dem Pendlerzug einen Kirchturm sah, die Kirche betrat und dort einen Frieden fand, der sein Leben verändert hat.»

Von den Katechumenen hätten etwa 15 Prozent einen muslimischen Hintergrund. «Auch ihr Weg beinhaltet Begegnungen und Recherchen im Internet, sehr oft wird aber auch von einem Traum oder einem intensiven geistlichen Erlebnis berichtet. Das mag unsere westliche Rationalität verunsichern, aber Träume ziehen sich schliesslich durch die gesamte Bibel!»
 


In den Briefen, die der Bischof von den Katechumenen erhält, kommt vor allem die Freude über die Begegnung mit Christus zum Ausdruck. «Viele verorten ihr Glaubenserwachen in einer schweren Lebensphase – Trauer, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Entmutigung. In solchen Momenten begreifen sie auf existenzielle Weise, was ‹Jesus, der Retter› bedeutet: kein abstraktes Konzept, sondern jemand, der einen am Rande des inneren Ertrinkens herauszieht und einem wieder den Wunsch gibt, voranzugehen und zu lieben.»

Bischof Étienne Guillet hat die Erfahrung gemacht, dass ausgerechnet die grosse muslimische Präsenz vor Ort dazu beigetragen hat, dass die jungen Christen wieder unverkrampfter über Gott sprechen und zu ihrem Glauben stehen. «Sie werden hinterfragt, manchmal herausgefordert, aber das führt keineswegs zu einer Atmosphäre des Religionskrieges – auch wenn Aussenstehende oft diesen Eindruck haben. In den bunten, durchmischten Arbeitervierteln wird der Glaube an Gott oft geachtet und geschätzt. Es geht darum, wie es im ersten Petrusbrief heisst, ‹Rechenschaft zu geben von der Hoffnung, die in uns ist›.»

Die Berufungen, Träume und die entstehenden Gemeinschaften erinnern Bischof Étienne Guillet an die Apostelgeschichte. «Die Apostelgeschichte ist eine gläubige Rückschau auf die Geburt der Kirche, die für eine wachsende Gemeinschaft massgebend geworden ist. Die Katechumenen rufen uns heute genau diese Realitäten wieder ins Gedächtnis: Der Glaube entsteht aus Begegnungen, aus dem Gebet, dem Wort Gottes, dem Miteinander und einer missionarischen Freude. Es sind Geschichten der Rettung und der Gnade.»

Doch es genügt nicht, sich über die vielen Neugetauften zu freuen. Die eigentliche Herausforderung sei ihre Einbindung in die Pfarreien. «Integration ist keine Einbahnstrasse», gibt der Bischof zu bedenken. «Die langjährigen Christen müssen Raum für die Neugetauften schaffen; diejenigen, die neu hinzukommen, treten wiederum in eine Gemeinschaft ein, die eine Geschichte, eine Weisheit, eigene Rhythmen und Traditionen hat.» Die schnelle Aufnahme in die Pfarrei sei wichtig, sonst bestehe die Gefahr, dass die Neugetauften in ihrem Glauben nachlassen. «Wir wissen alle: Ein Christ, der allein bleibt, ist ein gefährdeter Christ.»

Dabei denkt der Bischof nicht nur an die «üblichen» Dienste wie Lektor, Kommunionhelferin oder Kantor. «Es gibt viele Möglichkeiten, jemanden einzubinden. Ein Sicherheitsteam, die Katechese, ein Chor oder der regelmässige Reinigungsdienst können zu Orten der Freundschaft, des Gebets und der Verlässlichkeit werden. Das christliche Leben verbindet die vertikale Beziehung zu Gott – Liturgie, Gebet, Volksfrömmigkeit – mit der horizontalen Verbindung zu den Brüdern und Schwestern. Diese beiden Achsen bilden das Kreuz.»

Papstbesuch als Zeichen des Friedens
Der anstehende Besuch von Papst Leo XIV. erfüllt Bischof Étienne Guillet mir grosser Freude und Stolz. Er erzählt «Fides», dass nicht nur die christlichen Amtsträger die Nachricht über den Besuch mit Begeisterung aufgenommen haben. «Die Muslime in Seine-Saint-Denis waren sehr berührt von seiner Reise nach Algerien und der Station in Annaba auf den Spuren von Augustinus. Viele von ihnen sind Kabylen – eine Subgruppe der Berber im Nordosten Algeriens – , und Augustinus ist für sie eine Symbolfigur. Unsere Kirche ähnelt im Grunde der Kirche von Algerien: klein, in einem nicht immer einfachen Umfeld, aber unglaublich strahlend.»

In dem von Armut und religiöser Vielfalt – Muslime, Juden, Sikhs, Buddhisten und Christen – geprägten Département Seine-Saint-Denis könne dieses Ereignis auch zu einem Zeichen des Friedens werden, ist der Bischof überzeugt. Sie haben deshalb ein Projekt ins Leben gerufen. «Wir bilden in unseren 13 katholischen Gymnasien kleine Gruppen von ‹Papstbotschafter› aus: Zwei katholische Jugendliche laden acht nicht-katholische Mitschüler ein. Sie bereiten sich gemeinsam auf die Gebetswache mit dem Papst vor, nehmen daran teil und tragen das Erlebte anschliessend in ihre Schulen weiter.» Mit dieser möchte die Diözese zum Ausdruck bringen: Religionen sind nicht dazu da, Kriege zu schüren; sie haben primär den Auftrag, Frieden zu stiften. «Eine Kirche in der Minderheit kann dennoch voller Freude und Mut bleiben und Brücken bauen.»
 

Vollständiges Interview von «Fides» mit Bischof Étienne Guillet Link


Redaktion


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  • user
    Daniel Ric 21.08.2026 um 07:57
    Sehr schöner Artikel, der eine Erfahrung wiedergibt, die ich als Lehrer einer multireligiösen Klasse ebenfalls mache. Die Präsenz von muslimischen Schülerinnen und Schüler führt dazu, dass Christen anfangen, sich ebenfalls für ihren eigenen Glauben zu interessieren und diesen vermehrt zu praktizieren. Zudem sind die Fragen, welche Moslems über den christlichen Glauben stellen, oft sehr interessant und zeigen, dass eine grosse Offenheit besteht. Das französische Beispiel zeigt, wie Neuevangelisierung klappen kann. Nicht durch Hass und Bashing, sondern durch ein konsequentes und authentisches Christentum.