Prozession mit der Statue Our Lady of Walsingham. (Bild: © Mazur/catholicnews.org.uk CC BY-NC-ND 2.0)

Weltkirche

Auf­er­stan­den aus Rui­nen: Our Lady of Walsingham

Unsere Liebe Frau von Wal­sin­g­ham war im Mit­tel­al­ter der zweit­wich­tigste Wall­fahrts­ort Eng­lands nach Can­ter­bury. Auch viele Gläu­bige vom Fest­land pil­ger­ten zum Loreto Eng­lands. Nach einer län­ge­ren Unter­bre­chung durch die Refor­ma­tion exis­tie­ren heute in Wal­sin­g­ham wie­der katho­li­sche und angli­ka­ni­sche Heiligtümer.

Maria wird unter der Anrufung «Unsere Liebe Frau von Walsingham» (Our Lady of Walsingham) seit dem 11. Jahrhundert in Walsingham im Südosten Englands verehrt – mit einer Unterbrechung vom 16. bis zum 19. Jahrhundert.

Als Gründerin des Wallfahrtsorts gilt die angelsächsische Adlige Richeldis de Faverches. Gemäss der «Pynson Ballad» (um 1485 verfasst) soll sie darum gebetet haben, zu Ehren der Muttergottes eine besondere Aufgabe übernehmen zu dürfen. Ihr erschien – angeblich im Jahr 1061 – im Gebet die Muttergottes.

«Unsere Liebe Frau führte Richeldis im Geiste nach Nazareth und zeigte ihr das Haus, in dem der Engel sie begrüsst hatte. ‹Sieh, meine Tochter›, sagte Unsere Liebe Frau. ‹Nimm die Masse dieses Hauses und errichte ein ähnliches in Walsingham, das mir zur Ehre und zum Lob geweiht ist. Wer dort meine Hilfe sucht, wird nicht mit leeren Händen fortgehen. Es soll ein ewiges Denkmal für die grosse Freude der Verkündigung sein, Grundlage und Ursprung all meiner Freuden und Wurzel der gnädigen Erlösung der Menschheit. Dies geschah durch Gabriels Botschaft, dass ich durch meine Demut Mutter werden und Gottes Sohn in Jungfräulichkeit empfangen würde.›»

Richeldis wusste nicht, wo sie das Haus erbauen sollte; der Boden war feucht und für eine Bebauung ungeeignet. Sie betete um Hilfe und entdeckte am nächsten Morgen zwei trockene Stellen, die genau die Masse hatten, die für das Haus benötigt wurden. Sie wählte den Standort beim Brunnen, doch die Arbeiter konnten die Wände nicht richtig zusammenfügen. Wieder betete sie, und als sie am nächsten Morgen aufwachte, war das Haus auf wundersame Weise an einen anderen Standort versetzt worden, mehr als 60 Meter entfernt; Engel hatten den Bau vollendet.

Soweit die Legende. Es gibt nur sehr wenige historische Quellen aus dieser Zeit. Sicher ist, dass das Heilige Haus (Loreto) gebaut wurde und eine religiöse Gemeinschaft die Leitung der Stiftung übernahm. Ebenfalls gesichert ist, dass die Augustiner-Chorherren mit päpstlicher Genehmigung um 1150 dort ein Priorat errichtet haben.

Der Historiker J.C. Dickinson kam aufgrund historischer Dokumente zum Schluss, dass die Gründung des Heiligtums Unserer Lieben Frau von Walsingham zwischen 1130 und 1153 erfolgte. Laut seinen Forschungen starb Richeldis de Faverches im Jahr 1145.

Barfuss zur Muttergottes
Während der Zeit der Kreuzzüge wurde das Reisen zu heiligen Stätten im Ausland immer schwieriger. So entwickelte sich Walsingham zu einem wichtigen Pilgerziel. Gläubige strömten zum Heiligtum, da sie glaubten, dass es eine originalgetreue Nachbildung des Heiligen Hauses von Nazareth sei, der Überlieferung nach mit göttlicher Hilfe erbaut. Bald ereigneten sich zahlreiche Wunder und die Zahl der Pilger nahm stark zu. 1340 wurde eine Kapelle gebaut. Diese lag eine Meile (1,6 Kilometer) vom Heiligtum entfernt. Die Pilgerinnen und Pilger zogen hier ihre Schuhe aus und legten die letzten Meter (Heilige Meile) barfuss zurück. Die Kapelle – eigentlich der Heiligen Katharina geweiht – wird deshalb auch «Slipper Chapel» (Pantoffelkapelle) genannt.

1513 besuchte Erasmus von Rotterdam das Heiligtum und hinterliess eine beeindruckende Schilderung: «Wenn man hineinschaut, könnte man meinen, es sei die Wohnstätte von Heiligen, so strahlend leuchtet es mit Edelsteinen, Gold und Silber [...] Unsere Liebe Frau steht im Dunkeln auf der rechten Seite des Altars [...] ein kleines Bildnis, das weder durch seine Grösse, sein Material noch seine Verarbeitung auffällt.»
 


Aufhebung und Zerstörung des Heiligtums
Viele Könige aus England und Schottland pilgerten zur Muttergottes in Walsingham, so auch Heinrich VIII. noch im Jahr 1511. Doch es war genau dieser König, welcher der Wallfahrt nach Walsingham ein Ende bereitete.

König Heinrich VIII. lag mit der Katholischen Kirche im Streit, weil diese ihm die von ihm gewünschte Scheidung von Katharina von Aragon verweigerte. Mit der 1534 erlassenen Suprematsakte liess er sich vom Parlament zum Oberhaupt der Katholischen Kirche in England erklären. 1538 befahl er die Auflösung der Klöster, was zu seiner Exkommunikation durch Paul III. führte.

Obwohl der Prior von Walsingham, Richard Vowell, seine Zustimmung zur Oberhoheit des Königs bereits unterzeichnet hatte, wurde das Kloster Walsingham aufgelöst. Die Klostergebäude wurden geplündert und weitgehend zerstört. Alles, was davon übrigblieb, waren das Torhaus, der grosse Ostfensterbogen und einige Nebengebäude. Noch im Jahr 1600 drückte ein unbekannter Verfasser mit der Ballade «A Lament for Walsingham» (Eine Klage um Walsingham) das aus, was viele Katholikinnen und Katholiken in Norfolk beim Verlust ihres Heiligtums empfanden:

«… Eulen schreien, wo einst die süssesten Hymnen gestern noch erklangen,
Kröten und Schlangen haben ihre Höhlen, wohin einst die Pilger strömten.
Weine, weine, Walsingham, deine Tage sind zu Nächten geworden […] Walsingham, lebe wohl.»

Die Statue «Unserer Lieben Frau von Walsingham» wurde nach London gebracht und dort angeblich verbrannt. Es gab immer wieder Vermutungen, dass es Katholiken gelungen war, das Bildnis zu retten. Am 23. Dezember 1925 wurde eine mittelalterliche Madonna-mit-Kind-Statue namens Langham Madonna vom Victoria and Albert Museum erworben. Die Statue ist unvollständig, doch weist sie eine frappierende Ähnlichkeit mit der Darstellung des Bildnisses auf dem mittelalterlichen Siegel des Walsingham Priorats auf. 2019 erklärten die Kunsthistoriker Michael Rear und Francis Young, dass es sich bei der Langham Madonna tatsächlich um die Originalstatue der Muttergottes von Walsingham handelt.
 


Wiederbelebung des Wallfahrtsortes
Wegen der englischen Reformation war keine öffentliche Wallfahrt mehr möglich. Erst mit der sogenannten «Katholikenemanzipation» 1829 wurde die öffentliche Ausübung des katholischen Glaubens wieder erlaubt.

Im Jahr 1896 gelang es Charlotte Pearson Boyd, die «Slipper Chapel» zu erwerben und zu restaurieren. Die Kapelle hatte die Zerstörung überlebt, da sie in einiger Entfernung des ursprünglichen Heiligtums stand. Nach der Reformation wurde die Kapelle als Armenhaus, Schmiede, Kuhstall und Scheune genutzt.

1897 erhob Papst Leo XIII. die Pfarrkirche von King’s Lynn, zu welcher der Ort Walsingham gehörte, zum Heiligtum Unserer Lieben Frau von Walsingham. Am 20. August 1897 organisierte die Gilde Unserer Lieben Frau von Ransom die erste öffentliche Pilgerfahrt seit der Reformation zur 40 Kilometer entfernten «Slipper Chapel». Sie begründete damit eine jährliche Pilgerreise, die traditionell zu Pfingsten stattfindet.

Im August 1934 pilgerten die katholischen Bischöfe von England und Wales zusammen mit 10 000 Pilgerinnen und Pilgern zur «Slipper Chapel» und feierten hier die erste Heilige Messe seit der Reformation. Bei dieser Gelegenheit wurde die Kapelle offiziell zum Nationalheiligtum der Muttergottes für die römisch-katholischen Gläubigen in England erklärt. 2015 wurde die Kapelle zur Basilica minor erhoben und trägt den Namen «Basilika Unserer Lieben Frau von Walsingham».

Bildnis Unserer Lieben Frau von Walsingham
Die Holzstatue der Muttergottes, die heute im katholischen Heiligtum steht, stammt aus dem späten 19. Jahrhundert und wurde in Oberammergau als Nachbildung der Statue von Santa Maria in Cosmedin angefertigt.[1] Sie wurde 1897 von Papst Leo XIII. gesegnet und zunächst in der Pfarrkirche in King's Lynn aufgestellt, die bis 1934 als nationales Heiligtum Unserer Lieben Frau von Walsingham diente. Mit der Errichtung des neuen Heiligtums in der «Slipper Chapel» wurde die Statue dorthin überführt.

Am 15. August 1954 verlieh Papst Pius XII. dem Bildnis Unserer Lieben Frau von Walsingham eine kanonische Krönung. Diese wurde vom päpstlichen Nuntius, Bischof Gerald O'Hara, mit einer goldenen Krone vorgenommen, die mit Gold- und Juwelenverkäufen finanziert wurde, die von katholischen Frauen aus dem ganzen Land gespendet worden waren.

Beim Besuch von Johannes Paul II. in England 1982, wurde die Statue für die Heilige Messe ins Wembley-Stadion gebracht und vom Papst gesegnet.

Heute besuchen jährlich rund 150 000 Pilgerinnen und Pilger das Marienheiligtum.

Auch die Anglikanische Kirche entdeckte das alte Heiligtum wieder: 1922 wurde in der anglikanischen Pfarrkirche in Walsingham eine Statue Unserer Lieben Frau von Walsingham aufgestellt; 1923 fand die erste Wallfahrt statt. 1931 wurde das Marienheiligtum an der historischen Stelle als anglikanischer Wallfahrtsort wieder errichtet.

Der Festtag Unserer Lieben Frau von Walsingham wird sowohl in der anglikanischen als auch in der katholischen Kirche am 24. September begangen. Einige reformierte wie orthodoxe Kirchen feiern ihr Fest am 15. Oktober (Überführung des Bildnisses von der Pfarrkirche in Walsingham in die anglikanische Heiligtumskirche im Jahr 1931).
 

Webseite des katholischen Heiligtums

 


[1] Gemäss der englischen Wikipedia-Seite zu Our Lady of Walsingham.


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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