Maria wird unter der Anrufung «Unsere Liebe Frau von Walsingham» (Our Lady of Walsingham) seit dem 11. Jahrhundert in Walsingham im Südosten Englands verehrt – mit einer Unterbrechung vom 16. bis zum 19. Jahrhundert.
Als Gründerin des Wallfahrtsorts gilt die angelsächsische Adlige Richeldis de Faverches. Gemäss der «Pynson Ballad» (um 1485 verfasst) soll sie darum gebetet haben, zu Ehren der Muttergottes eine besondere Aufgabe übernehmen zu dürfen. Ihr erschien – angeblich im Jahr 1061 – im Gebet die Muttergottes.
«Unsere Liebe Frau führte Richeldis im Geiste nach Nazareth und zeigte ihr das Haus, in dem der Engel sie begrüsst hatte. ‹Sieh, meine Tochter›, sagte Unsere Liebe Frau. ‹Nimm die Masse dieses Hauses und errichte ein ähnliches in Walsingham, das mir zur Ehre und zum Lob geweiht ist. Wer dort meine Hilfe sucht, wird nicht mit leeren Händen fortgehen. Es soll ein ewiges Denkmal für die grosse Freude der Verkündigung sein, Grundlage und Ursprung all meiner Freuden und Wurzel der gnädigen Erlösung der Menschheit. Dies geschah durch Gabriels Botschaft, dass ich durch meine Demut Mutter werden und Gottes Sohn in Jungfräulichkeit empfangen würde.›»
Richeldis wusste nicht, wo sie das Haus erbauen sollte; der Boden war feucht und für eine Bebauung ungeeignet. Sie betete um Hilfe und entdeckte am nächsten Morgen zwei trockene Stellen, die genau die Masse hatten, die für das Haus benötigt wurden. Sie wählte den Standort beim Brunnen, doch die Arbeiter konnten die Wände nicht richtig zusammenfügen. Wieder betete sie, und als sie am nächsten Morgen aufwachte, war das Haus auf wundersame Weise an einen anderen Standort versetzt worden, mehr als 60 Meter entfernt; Engel hatten den Bau vollendet.
Soweit die Legende. Es gibt nur sehr wenige historische Quellen aus dieser Zeit. Sicher ist, dass das Heilige Haus (Loreto) gebaut wurde und eine religiöse Gemeinschaft die Leitung der Stiftung übernahm. Ebenfalls gesichert ist, dass die Augustiner-Chorherren mit päpstlicher Genehmigung um 1150 dort ein Priorat errichtet haben.
Der Historiker J.C. Dickinson kam aufgrund historischer Dokumente zum Schluss, dass die Gründung des Heiligtums Unserer Lieben Frau von Walsingham zwischen 1130 und 1153 erfolgte. Laut seinen Forschungen starb Richeldis de Faverches im Jahr 1145.
Barfuss zur Muttergottes
Während der Zeit der Kreuzzüge wurde das Reisen zu heiligen Stätten im Ausland immer schwieriger. So entwickelte sich Walsingham zu einem wichtigen Pilgerziel. Gläubige strömten zum Heiligtum, da sie glaubten, dass es eine originalgetreue Nachbildung des Heiligen Hauses von Nazareth sei, der Überlieferung nach mit göttlicher Hilfe erbaut. Bald ereigneten sich zahlreiche Wunder und die Zahl der Pilger nahm stark zu. 1340 wurde eine Kapelle gebaut. Diese lag eine Meile (1,6 Kilometer) vom Heiligtum entfernt. Die Pilgerinnen und Pilger zogen hier ihre Schuhe aus und legten die letzten Meter (Heilige Meile) barfuss zurück. Die Kapelle – eigentlich der Heiligen Katharina geweiht – wird deshalb auch «Slipper Chapel» (Pantoffelkapelle) genannt.
1513 besuchte Erasmus von Rotterdam das Heiligtum und hinterliess eine beeindruckende Schilderung: «Wenn man hineinschaut, könnte man meinen, es sei die Wohnstätte von Heiligen, so strahlend leuchtet es mit Edelsteinen, Gold und Silber [...] Unsere Liebe Frau steht im Dunkeln auf der rechten Seite des Altars [...] ein kleines Bildnis, das weder durch seine Grösse, sein Material noch seine Verarbeitung auffällt.»
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