Kardinal Mindszenty während des Volksaufstandes 1956. (Bild: Jack Metzger, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons)

Weltkirche

August 1950: Ein Zwangs­ab­kom­men sollte die unga­ri­sche Kir­che aushungern

Vor 75 Jah­ren wollte die kom­mu­nis­ti­sche Regie­rung Ungarns die Bischöfe zur Preis­gabe ihrer eigene Kir­che zwin­gen. Trotz Zwangs­dik­tat über­lebte die Kir­che, doch die Fol­gen der über vier Jahr­zehnte dau­ern­den Unter­drü­ckung sind bis heute spürbar.

Bereits nach der vollständigen Besetzung Ungarns durch die Sowjettruppen anfangs April 1945 setzte die Verfolgung der katholischen Kirche ein. Zwar gewann die Kleinlandwirtepartei bei den Parlamentswahlen vom 4. November 1945 57 Prozent der Stimmen (die Kommunisten erreichten nur 17 %), doch mithilfe der sowjetischen Besatzungsmacht gelang es den Kommunisten, die Kleinlandwirtepartei durch Protestaufmärsche, willkürliche Verhaftungen und Schauprozesse bereits bei den Parlamentswahlen zwei Jahre später (31. August 1947) auf 15,2 % hinunter zu drücken. Ein führender Kommunist, Andreas Hegedüs, gab später gegenüber westlichen Medien zu, diese Wahlen zugunsten seiner Partei massiv gefälscht zu haben.

Die teils offen, teils verdeckt geführte Liquidierung der demokratischen Kräfte führte zur Etablierung der kommunistischen Einheitspartei: am 15. Mai 1949 erhielt sie in den Parlamentswahlen nach offiziellen Angaben fast 100 % (!).

Schon vorher, Ende März 1945, war der kirchliche Grundbesitz beschlagnahmt worden – rund 5 % der gesamten Anbaufläche Ungarns. Der Geheimpolizei gelang es, Spitzel in die Kirche einzuschleusen und so ein Klima der allgegenwärtigen Verdächtigungen zu schaffen. Bevorzugtes Vehikel zur sukzessiven Unterwanderung der kirchlichen Strukturen war die vom Staat aufgezwungene sog. Friedenspriesterbewegung, welche die Kirche beim «Aufbau des Sozialismus» vor den Karren spannen sollte.

Im Juni 1948 wurden die kirchlichen Schulen verstaatlicht. Damit verlor die Kirche auf einen Schlag mehr als 3‘300 von ihr geführte Schulen: fast die Hälfte aller Lehranstalten des Landes. Durch eine staatliche Zulassungsbeschränkung wurde der Priesternachwuchs von 1‘779 auf 300 Kandidaten hinunter gedrückt. Es folgte im Sommer die Verhaftung von mehr als 3‘800 Ordensangehörigen. Mehr als 10‘000 von ihnen mussten ihr Wirken in Schulen, Spitälern und Altersheimen einstellen. Von diesem Kahlschlag waren 23 Männer- und 40 Frauenorden betroffen.

In dieser verzweifelten, existenzbedrohenden Lage willigten die noch verbliebenen Bischöfe im August 1950 in ein Zwangsabkommen mit dem Staat ein (der ungarische Primas Jozsef Mindszenty war bereits am 8. Februar zu lebenslanger Haft verurteilt worden, sein Nachfolger Erzbischof Joszef Grosz zu 15 Jahren Zuchthaus).

Vehikel für den «Aufbau des Sozialismus»

Dieses Zwangsabkommen verpflichtete die Kirche zur aktiven Mitarbeit beim «Aufbau des Sozialismus», insbesondere zur Unterstützung der in der ganzen Bevölkerung verhassten Kollektivierung der Landwirtschaft durch Hirtenworte und Predigten in den Sonntagsgottesdiensten. Im Gegenzug liess der Staat pro forma acht Gymnasien wieder zu. Zudem konnten die Benediktiner, Piaristen, Franziskaner und Schulschwestern in sechs Städten ihren Unterricht in beschränktem Umfang wieder aufnehmen.

Niemanden haben die Kommunisten so gefürchtet und gehasst wie den von Papst Pius XII. zum Kardinal und Primas von Ungarn erhobenen Joszef Mindszenty. Mit seinem aussergewöhnlichen Mut, seinem moralischen und intellektuellen Format wurde er für Millionen von Gläubigen in Ungarn zum Hoffnungsträger im Kampf gegen die individuelle und kollektive Versklavung durch totalitäre Ideologien (bereits die Nazi-Marionettenregierung unter Ferenc Szalasi hatte ihn ins Gefängnis geworfen). Dieser Mann musste mit allen Mitteln ausgeschaltet werden. Nach einer staatlich inszenierten Rufmordkampagne wurde Kardinal Mindszenty am 26. Dezember 1948 verhaftet und nach Folterungen und tagelangen Verhören am 8. Februar 1949 zu lebenslanger Haft verurteilt.

Seine im Ullstein-Verlag veröffentlichten «Erinnerungen» gehören zu den eindrücklichsten Beispielen der Memoiren-Literatur. Nach seiner nur wenige Tage dauernden Befreiung aus dem Gefängnis musste er am Ende des unvergesslichen, von Sowjettruppen niedergeknüppelten Ungarnaufstandes in der Nacht vom 3. auf den 4. November 1956 zu Fuss in die amerikanische Botschaft fliehen, um einer Verschleppung nach Sibirien zu entkommen.

Gemäss dem Kirchenhistoriker Gabriel Adrianyi hat dieses Abkommen der Kirche nur wenig genutzt. Kardinal Mindszenty teilt diesen Befund. Als einer, der die kommunistische Ideologie buchstäblich am eigenen Leib erfahren hat, war ihm nur allzu gut bewusst, was dieses Abkommen für die Weiterexistenz der Kirche bedeuten würde.


Ein Fingerzeig an die heutige Kirchenleitung

Besonders berührend sind die Ausführungen im letzten Kapitel seiner Memoiren. Sie sind zugleich auch eine Warnung an die oberste Kirchenführung der heutigen Zeit (Stichwort «Geheimabkommen mit der Volksrepublik China»). Ende Juni 1971 wurde Kardinal Mindszenty vom Vatikangesandten Joszef Zagon durch die Blume der Wunsch von Papst Paul VI. übermittelt, nicht nur die amerikanische Botschaft, sondern auch sein Heimatland in Richtung Westen zu verlassen. Kardinal Mindszenty entgegnete, gerade in dieser schwierigen Lage seine Gläubigen und seine Heimat nicht verlassen zu können, zumal er zu Recht befürchtete, die Kommunisten würden seinen Wegzug propagandistisch ausschlachten. Zudem wurde ihm zur Auflage gemacht, seine Abreise geheim zu halten und «in aller Stille» zu vollziehen.

Für Kardinal Mindszenty war zudem verständlicherweise nicht hinnehmbar, in Zukunft keine Erklärungen abgeben zu dürfen, welche die «Beziehungen des Apostolischen Stuhles zur ungarischen Regierung stören könnten oder für die ungarische Regierung oder die Volksrepublik Ungarn verletzend wären». Schliesslich sollte er seine Memoiren geheim halten, ja, es wurde ihm gar zugemutet, seine Manuskripte «testamentarisch dem Heiligen Stuhl zu vermachen», der dann über den geeigneten Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung entscheiden würde.


«So ging ich den Weg in die Abgeschlossenheit einer totalen Verbannung»

Kam hinzu, dass im Zeichen der sich anbahnenden Entspannungspolitik Präsident Richard Nixon Kardinal Mindszenty (wohl in Absprache mit dem Vatikan) diskret wissen liess, dass die USA erleichtert wären, wenn er die Botschaft verlassen würde. Kardinal Mindszenty blieb nur noch die Wahl, die Botschaft zu verlassen und sich der politischen Polizei Ungarns auszuliefern oder gemäss dem Wunsch des Papstes in den Westen zu emigrieren.
Kardinal Mindszenty entschied sich im kirchlichen Gehorsam für die zweite Variante: Am 28. September 1971 reiste er im Flugzeug nach Rom, um an der Bischofssynode teilzunehmen. Mit Bitterkeit musste er den Rückenschuss des vatikanischen Hofblattes zur Kenntnis nehmen: der Osservatore Romano hat wie zum Hohn geschrieben, mit seiner Entfernung sei ein Hindernis aus dem Weg geräumt worden, welches «das gute Verhältnis zwischen Kirche und Staat belastete». Kardinal Mindszenty schliesst seine «Erinnerungen» mit dem denkwürdigen Satz: «So ging ich den Weg in die Abgeschlossenheit einer totalen Verbannung.»

Am 23. Oktober kehrte Kardinal Mindszenty nach Wien zurück, wo er sich im Priesterkolleg Pazmaneum niederliess. Auf dem Flughafen wurde er vom Aussenminister des Vatikans, Kardinal und Erzbischof Agostino Casaroli, verabschiedet, dessen Appeasement-Ostpolitik nach den Worten des späteren Papstes Benedikt XVI. gescheitert ist. Tatsächlich blieb dieses Abkommen der Unterdrückung der katholischen Kirche bis zum Zusammenbruch des Ostblocks in Kraft. Erst 1990 wurde es von Ministerpräsident Miklos Nemeth und Kardinal Laszlo Paskai offiziell als nichtig erklärt.

Vor diesem Hintergrund grenzt es an ein Wunder, dass nach dieser jahrzehntelangen Austrocknung das kirchliche Leben trotz mannigfacher Schwierigkeiten und Hemmnisse wieder aufblüht. Zahlreiche Veranstaltungen in jüngerer Zeit wie der dreitägige Pastoralbesuch von Papst Franziskus vom April 2023 zeugen von der neuen Vitalität der Kirche in Ungarn. Crista Schlegel, gebürtige Ungarin und engagiertes Mitglied der Kirchenpflege und Pfarrei St. Laurentius, zeigt in ihrem Statement gegenüber swiss-cath.ch auf, was die Zeit der kommunistischen Herrschaft für sie ganz persönlich bedeutete und wie sie daraus Kraft für ihr eigenes Glaubensleben heute schöpft:

«Vor 75 Jahren besuchte ich als sechs-jähriges Kind die erste Klasse der Volksschule. Zuvor war ich im Kindergarten bei Klosterfrauen in der Nähe unserer Wohnung. Es war eine sehr schöne Zeit, trotz Armut und der russischen Besetzung nach Kriegsende, an die ich mich noch lebhaft erinnere. Der Kindergarten der Klosterfrauen und viele Klöster wurden aber bald geschlossen. Von einem Priester wurde ich bereits in der ersten Klasse gründlich und liebevoll auf die Erstkommunion vorbereitet. Mein Vater und meine Mutter waren überzeugte katholisch Gläubige und mussten dafür viele Nachteile in Kauf nehmen.

Trotzdem hielten die meisten Ungarn weiterhin treu zur Kirche. Mein Bruder und ich waren aktive Mitglieder in einem kirchlichen Jugendchor und mussten empört wahrnehmen, dass der junge Priester, der den Chor leitete, immer wieder sehr brutal von der Geheimpolizei zusammengeschlagen wurde. Trotzdem waren wir etwas 60 – 70 Teilnehmende in all diesen Jahren bis zur Revolution von 1956. Auch nach 1956 dauerte der Druck bis 1989 an, wenn auch durch weniger drakonische Massnahmen.

Ich lernte meinen Mann, der aus der Schweiz Freunde in der Nachbarschaft besuchte, im Jahr 1968 kennen und 1969 heirateten wir. Fazit: Auch in schweren Zeiten überlebte die Kirche in Ungarn. Wenn ich heute dort einen Besuch mache, bin ich immer wieder überrascht, wie lebhaft die Kirchen besucht werden und wie viele Gläubige die Eucharistie empfangen. Die Kirche hat materielle Verluste erlitten, das spirituelle Erbe ist aber wertvoller und wichtiger. Ich sehe hier in der Schweiz grössere Probleme für die Entwicklung der Kirche als in Ungarn.»


Niklaus Herzog
swiss-cath.ch

E-Mail

Lic. iur. et theol. Niklaus Herzog studierte Theologie und Jurisprudenz in Freiburg i. Ü., Münster und Rom.


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Bemerkungen :

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    Martin Meier-Schnüriger 28.08.2025 um 14:14
    Um so unbegreiflicher ist es, dass Victor Orban, der punkto Religions-, Familien- oder Genderpolitik an sich eine gute Linie fährt, im Aggressionskrieg Russlands gegen die Ukraine ausgerechnet jene Seite unterstützt, deren Brutalität das ungarische Volk am eigen Leib zu spüren bekommen hat. Putins Traum, die Wiederherstellung der Sowjetunion, wird auch Ungarn nicht verschonen ...
  • user
    Johanna-Jessica OFS 26.08.2025 um 12:46
    Die Geschichte Ungarns hat mich tief bewegt, seit ich dieses Land kennen lernen durfte... Bis heute empfinde ich "Heimweh" und denke begeistert daran zurück, mit welcher Liebe und Treue(!) der christliche Glaube in dieser Nation zelebriert wird.

    Der Neo-Kommunismus scheint indessen auch in der Schweiz bedenkliche Wurzeln zu schlagen. Blinwütiger Hass – keine berechtigte, fundierte und sachlich nüchterne Kritik bez. Verfehlungen – auf die Kirche scheint im Alltag salonfähig geworden, das zeigt, wer sich beispielsweise die Kommentare in Hugo Stamms Blog antut... Da wird gewalttätig nach einem Verbot der Religion gekeift, nach Verleugnung nationaler Geschichte durch Streichung der Präambel in der Bundesverfassung, die "My body, my choice"-Fraktion offenbart ihre aggressive und übergriffige Doppelmoral, wenn sie Kreuzanhänger um den Hals verbieten will usw. (dass das Recht auf Religion unter Artikel 18 der Menschenrechte, die sie vermeintlich hochjubeln, ebenfalls darin steht, wird dabei gerne unterschlagen) Und unsere Obrigkeit scheint zu all dem willig zu schweigen......
  • user
    Schwyzerin 26.08.2025 um 11:26
    Dass in der Schweiz die Probleme für die Entwicklung der Kirche grösser sind, sehe ich genau auch so. Denn die katholische Kantonalkirche, bez. Staatskirche hindert Weltpriester und Möche, sowie Nonnen die im überlieferten römischen Ritus beheimatet sind ansässig zu werden. Wo Personalpfarreien mit einer Grenze an Kantone oder Region errichtet wurden, wie www.personalpfarrei.ch für die ausserordentliche Form des römischen Ritus, die sich auf den ganzen Kanton Zürich erstreckt und unter www.personalpfarrei.com steht im Errichtungsdekret der Personalpfarrei Maria Immaculata für die ausserordentlichen Form des römischen Ritus und bestimme, dass das Gebiet der Personalpfarrei mit den Grenzen der Kantone Schwyz, Uri, Obwalden und Nidwalden übereinstimmt. Allfällige weitere Gottesdienststationen innerhalb dieser Pfarreigrenzen unterstehen fortan der Personalpfarrei Maria Immaculata. Die Kapelle Maria Immaculata in Oberarth ist eine Familienstiftung. Aus diesem Grund ist es unmöglich, dass Ordensleute in dieses Gebiet kommen. Ordensleute stellen sich nicht unter einer Familienstiftung. Dieses Errichtungsdrekret des Bistum Chur an die Kapelle von einer Familienstiftung ist ein ganz grosses Problem. Denn es ist nicht im Sinne der Gläubigen und es dient der kathjolischen Kirche nicht.