Die Altstadt von Baden. (Bild: Johannes Menzel, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons)

Kommentar

Baden – eine Stadt ohne Eucharistie

Kürz­lich fand die Baden­fahrt statt, ein 10-​tägiges Volks­fest, das bereits seit genau 100 Jah­ren exis­tiert. Alle fünf (kleine Baden­fahrt) bzw. 10 Jahre (grosse Baden­fahrt) fül­len krea­tiv auf­ge­baute Bars, Restau­rants und Kon­zert­büh­nen die katho­li­sche Stadt zwi­schen dem zwinglia­ni­schen Zürich und dem eben­falls refor­mier­ten Bern.

Auch vielen religiös Desinteressierten fällt auf, dass in der konfessionell gemischten Schweiz diejenigen Gegenden durch eine besonders ausgeprägte Festkultur auffallen, die katholisch geprägt sind. In Baden reicht diese Freude am Leben viel weiter zurück als die 100 Jahre Badenfahrt. Als Kurort war die Aargauer Stadt bereits seit Jahrhunderten Schauplatz freudiger Zusammenkünfte. Um die Mär von der katholischen Leibfeindlichkeit zu widerlegen, muss man nicht unbedingt in südliche Länder wie Italien, Frankreich oder Spanien reisen, um die dortige Sinnesfreude mit der verkrampften Prüderie protestantischer Länder zu vergleichen. Bereits in der Schweiz findet sich hierzu Anschauungsmaterial, wenn man in katholischen Städten wie Freiburg, Luzern oder Solothurn verweilt. Der Katholizismus hat es geschafft, ein Klima der Freude zu generieren, in dem das Leben zelebriert wird. Die Freudlosigkeit der säkularen Gesellschaft entstammt hingegen der Tatsache, dass das heutige Leben weder Höhen noch Tiefen kennt, sondern sich in monoton-gleichförmigem Trott tagein, tagaus auf der Oberfläche erschöpft. Da die Beschaffenheit unseres Lebens Krankheit, Schmerz und schlussendlich auch den Tod unausweichlich macht, führt dieser fast zwanghafte Drang zur Oberflächlichkeit unweigerlich in Depression und Verzweiflung, die heute das Los so vieler Menschen sind. Der praktizierende Katholik hingegen scheut nicht die Leiden dieser Welt, weiss aber auch das Hier und Jetzt zu geniessen. Teresa von Avila hat dies mit dem Satz «Wenn Fasten, dann Fasten, wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn» auf den Punkt gebracht.

Punkto Lebensfreude den Rang abgelaufen
Nun ist es falsch zu glauben, eine bestimmte Kultur greife automatisch auf alle zukünftigen Generationen über. Ohne aktive Erneuerung verflüchtigt sich das Erbe früherer Zeiten. Die Badenfahrt ist beispielsweise nur noch eine Reminiszenz, die an ein Baden erinnert, das es so nicht mehr gibt. Punkto Lebensfreude hat sogar die reformierte Beamtenstadt Aarau dem von den Römern gegründeten Bäderort den Rang abgelaufen. Natürlich ist eine solche Feststellung auch subjektiv, genauso wie die Suche nach den Gründen für diese Entwicklung verschiedene Antworten hervorbringen kann. Neben ökonomischen Gründen wie hohen Mietpreisen, einer wirtschaftlich unsicheren Lage aufgrund der Abwanderung der Industrie und einer kleiner werdenden Identifikation mit der Stadt durch eine hohe Bevölkerungsfluktuation ist es meines Erachtens vor allem die religiöse Sphäre, die das kulturelle Leben der Stadt Baden und vieler weiteren Gemeinden prägt. Denn viel wichtiger als die Badenfahrt ist für die an der Limmat gelegenen Stadt das Geschehen in der lokalen Pfarrei Maria Himmelfahrt. Zurzeit finden in der grossen Stadtkirche fast keine Eucharistiefeiern statt. Im katholischen Baden hat eine Entwicklung Einzug gehalten, die für den ganzen Aargau und weite Teile des Bistums Basel exemplarisch ist. Wortgottesdienste mit Kommunionfeiern ersetzen weitgehend die Heilige Messe. Ausser den fremdsprachigen Messen und den Messen im Tridentinischen Ritus, die beide nicht von der Pfarrei selbst, sondern von den Missionen bzw. der Petrusbruderschaft angeboten werden, gibt es in Baden fast kein sakramentales Leben mehr. Mehr als 5000 Katholiken zahlen Kirchensteuern für eine Kirchgemeinde, die es nicht schafft, die elementarsten Bedürfnisse der Gläubigen zu befriedigen.

Rasanter Niedergang
Nun liesse sich behaupten, dass der jetzige Zustand mit dem Weggang des Stadtpfarrers und jetzigen Weihbischofs, Josef Stübi, zusammenhänge und daher nur vorübergehend sei. Die Entwicklung der Pfarrei und weiten Teilen des Bistums tragen jedoch wenig dazu bei, diese Hoffnung aufrechtzuerhalten. Bereits in den letzten Jahren stand in Baden die Feier der Heiligen Messe nicht im Zentrum des Pfarreilebens. Während der Woche fanden nur noch vereinzelt Eucharistiefeiern statt, und am Wochenende hielt Stadtpfarrer Josef Stübi nur teilweise die Predigt und überliess diese Laientheologinnen und Laientheologen, was angesichts der klaren Richtlinien von Rom lehramtstreue Katholikinnen und Katholiken in einen Gewissenskonflikt brachte. In den Aussenstandorten der Pfarrei wurden fast ausschliesslich Wortgottesdienste gefeiert. Josef Stübi ist ein sympathischer und bodenständiger Priester und nun Weihbischof, der jedoch – wie viele Seelsorger und Verantwortungsträger im Bistum Basel – vom Glauben beseelt ist, die Synode 72 und der Volkskatholizismus würden weiterhin die richtigen Rezepte für das 21. Jahrhundert beinhalten. So zeichnete sich seine Pastoral vor allem dadurch aus, das Gemeinschaftsleben zu fördern, ohne kritisch zu reflektieren, inwiefern es in den letzten Jahrzehnten gelungen ist, die verschiedenen Schichten der Bevölkerung tatsächlich einzubinden. Trotz des rasanten Niedergangs des kirchlichen Vereinslebens und der massiven Abnahme der Zahl der Kirchgemeindemitglieder hält sich im Bistum Basel das Narrativ, man sei eine Volkskirche. Dabei wird der Begriff Volk vor allem auf die 3 bis 5 Prozent der Kirchgemeindemitglieder angewendet, die am kirchlichen Leben partizipieren, währenddem der grosse Rest ignoriert wird. Dass diese grosse Mehrheit keine Lust hat, die Pfarreiaktivitäten – die zumeist gar nicht der katholischen Lehre entsprechen – einer kleinen Minderheit zu finanzieren, zeigt die Tatsache, dass in Baden die Anzahl Kirchgemeindemitglieder in zehn Jahren um 20 Prozent abgenommen hat. Diese Erosion der Steuerzahler ist nicht nur in dieser Kirchgemeinde zu beobachten, sondern in den meisten Gebieten des Bistums Basel. Vielen ist wohl klar, dass dieser Trend in den nächsten Jahren nicht umzukehren ist und die Kirche massiv schrumpfen wird – viel massiver, als es die düstersten Prognosen noch vor einigen Jahren prophezeit haben.

Mit der Situation eines Spitals vergleichbar
In dieser Konstellation gibt es zwei Wege, die man als Ortskirche beschreiten kann: Einerseits kann man versuchen, der Volkskirche neues Leben einzuhauchen, indem man die Basis dessen, was man zum Volk zählt, vergrössert. So sollen alle Schranken für diejenigen Menschen fallen, die bisher Vorbehalte gegenüber der Katholischen Kirche hatten. Diesem Gedanken folgend sollen die katholische Morallehre, die Weihevoraussetzungen und das christliche Menschenbild, dem von der Empfängnis bis zum Tod eine Würde zugesprochen wird, aufgeweicht werden. Ebenfalls zum Angriffspunkt wird der Glaube, dass Jesus Christus in der Feier der Eucharistie leibhaft präsent ist. Dass Baden, in der vor fast genau 500 Jahren die Disputation zwischen der katholischen und der reformierten Seite stattfand und das katholisch blieb, nun zur Stadt ohne Eucharistie wurde, liegt in der Logik dieses krampfhaften Festhaltens an volkskirchlichen Strukturen. Solange die Bistumsverantwortlichen nicht die letzte Hoffnung auf eine Renaissance der Volkskirche aufgeben, müssen sich die lehramtstreuen Katholikinnen und Katholiken im Bistum Basel auf noch absurdere Situationen einstellen. Der zweite Weg, um auf diese Krise zu antworten, ist ein Neuanfang auf dem Fundament, auf dem Jesus seine Kirche beim letzten Abendmahl gegründet hat: auf der Priesterweihe und der Eucharistie. Es wäre in Baden und in anderen Pfarreien leicht, regelmässig Eucharistiefeiern anzubieten und kirchenrechtlich korrekte Pfarreileitungen zu installieren, in denen Priester als Pfarrer wirken und nicht nur fünftes Rad am Wagen monströser Pastoralräume sind. Leicht in dem Sinne, da es genügend Priester gäbe, die Heilige Messen feiern und Sakramente wie die Beichte anbieten könnten für die momentan kleine Zahl an praktizierenden Katholiken. Steinig wird der Weg, wenn es darum geht, die finanziellen Interessen der kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie staatskirchenrechtlichen Gremien zurückzubinden. Momentan ist die Situation im Bistum Basel mit derjenigen eines Spitals vergleichbar, bei dem vom Pflege- bis hin zum Reinigungspersonal alle Geld verdienen, obwohl gar keine Ärzte im Spital sind und daher auch sehr wenige Patienten behandelt werden. Es wäre verrückt von den Angestellten, sich in dieser komfortablen Lage für mehr Ärzte und die Versorgung von mehr Patienten einzusetzen. Genauso wenig bekämpfen – mit einigen löblichen Ausnahmen – Sakristaninnen, Organisten, Katechetinnen, Kirchenchorleiter, Pfarreisekretärinnen und Laientheologen diesen irrsinnigen pastoralen Zustand, sondern machen oft noch Front für eine Destruktion des Priestertums und der katholischen Lehre.

Da Bischof Felix und die ganze Bistumsführung zu schwach und gleichzeitig zu stark in finanzieller Abhängigkeit der Landeskirche sind, müssen die aktiven Gläubigen das Bistum zu einer Neuausrichtung zwingen. Das duale System, bei dem Katholikinnen und Katholiken verpflichtet sind, ihre lokale Kirchgemeinde mit Steuergeldern zu finanzieren, muss reformiert oder gar ganz abgeschafft werden. Bereits der Entscheid des Bundesgerichts aus dem Jahre 2008, wonach ein Austritt aus der staatskirchenrechtlichen Körperschaft keinen Austritt aus der Kirche voraussetzt, hat zu einer massiven Verbesserung der rechtlichen Lage geführt. Eine weitere Möglichkeit wäre es, den Kirchensteuerzahlern das Recht zu geben, selbst zu wählen, welche Kirchgemeinde oder kirchliche Gemeinschaft sie mit Steuergeldern unterstützen. In der Kirchgemeinde Baden würde dies in der jetzigen Situation zu einem massiven Abfluss der Gelder an fremdsprachige Missionen, an die Petrusbruderschaft oder andere kirchliche Gemeinschaften führen, der die Pfarreiverantwortlichen schnell dazu brächte, Heilige Messen und andere Sakramente wieder anzubieten. Man würde staunen, wie schnell das Schlagwort Priestermangel, mit dem heutzutage der Radikalabbau des sakramentalen Lebens begründet wird, verschwände, könnten Katholiken entscheiden, wem sie ihr Steuergeld zukommen lassen wollen. Über Nacht würden viele Priester, die heute oft nur passiv dem Pfarreileben zuschauen dürfen, in vollem Einsatz stehen.

Kreative Lösungsansätze gefragt
Es soll hier nicht die naive Vorstellung vertreten werden, dass eine Veränderung der Finanzierung alle Probleme der Kirche in der Schweiz lösen würde. Es braucht eine Neuevangelisierung, die einen Kraftakt bedeutet und bei der kreative Lösungsansätze gefragt sind. Obwohl der Priestermangel in den Deutschschweizer Bistümern teilweise hausgemacht ist und objektiv nicht besteht (das Verhältnis aktive Gläubige pro Priester ist in der Deutschschweiz teilweise viel tiefer als in asiatischen oder afrikanischen Ländern), durchläuft die Kirche eine Berufungskrise, durch die man gezwungen ist, Glaubenszentren zu schaffen, die überregional eine Leuchtkraft ausstrahlen: Da die Zeiten der Volkskirche vorbei sind, wird es nicht möglich sein, die flächendeckende seelsorgerliche Versorgung aller Pfarreien sicherzustellen, sondern man muss eine Bündelung der Kräfte anstreben. Baden bietet sich als ein solches Zentrum mit potenzieller Ausstrahlungskraft geradezu an. Auch wenn daher eine Änderung oder Abschaffung des Kirchensteuersystems nicht eine sofortige Neuevangelisierung einleiten würde, würde sie zumindest die materielle Basis für die pastorale Absurdität eliminieren, die momentan in dieser von einer so langen und reichhaltigen katholischen Geschichte geprägten Stadt das Glaubensleben sukzessive zerstört. Katholikinnen und Katholiken sind daher aufgerufen, sich auch für die ökonomischen und rechtlichen Seiten der Kirche zu interessieren. Die Tatsache, dass Baden zur Stadt ohne Eucharistie wurde, hängt vor allem auch mit der Passivität und dem Desinteresse zusammen, die viele gutgläubige Katholiken an den Tag legen, wenn es um die institutionellen Rahmenbedingungen der Ortskirche geht. Genauso wie vor 500 Jahren eine intellektuelle Auseinandersetzung stattfand, ob die Argumente der Reformatoren stimmen oder vielmehr nicht stimmen, sollte nun in Baden und anderen Kirchgemeinden ein solcher Austausch stattfinden. Ich bin überzeugt, dass am Ende dieser unausweichlichen Auseinandersetzung Baden weiterhin dankbar katholisch bleiben und diese Dankbarkeit in der Feier der Eucharistie (Eucharistie = Danksagung) zum Ausdruck kommen wird.


Daniel Ric


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    Gabriela Ulrich 06.09.2023 um 17:54
    EKirchensteuer sind nicht gerechtfertigt, wenn es keine hl. Euchsristiefeier gibt! Die Bischöffe der Bistümer sind verantwortlich, die Verträge mit den Kantonalkirchen aufzulösen. Solange das nicht geschieht, ändert sich kaum etwas. Das heisst Kirchen und Kapellen werden kaum auf Priesterbruderschaften oder Priester-Instituten übertragen.

    Jedenfalls ist die Priesterbruderschaft St. Petrus in Baden ansässig geworden. Und so gibt es wieder die heilige Eucharistiefeier in Baden. Ich wünsche den Priestern der Priesterbruderschaft St. Petrus in Baden gutes missionarische Wirken und ungehinderten Einlass zu den katholischen Kirchen und Kapellen.
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    Pfr. Kurt Vogt 03.09.2023 um 13:56
    Der Kommentar beinhaltet doch einige eigenartige Feststellungen. Als inkardinierter Priester im Bistum Chur distanziere ich mich auch von den Unterstellungen bezüglich der Arbeitseinstellungen der Priester: "Man würde staunen, wie schnell das Schlagwort Priestermangel, mit dem heutzutage der Radikalabbau des sakramentalen Lebens begründet wird, verschwände, könnten Katholiken entscheiden, wem sie ihr Steuergeld zukommen lassen wollen. Über Nacht würden viele Priester, die heute oft nur passiv dem Pfarreileben zuschauen dürfen, in vollem Einsatz stehen."
    Des weiteren empfehle ich gerne die Statistiken des SPI St. Gallen mal zu verarbeiten (https://kirchenstatistik.spi-sg.ch/dioezesanklerus/) mit den Veränderungen seit 1950 im Diözesanklerus (unten die Zahlen 1950 und 2016):
    Basel 1044 - 387 Chur 560 - 343 St. Gallen 341 - 101. Nehmen wir von allen Seelsorgenden (inkl. PastoralreferentInnen/PastoralassistentInnen) noch jene weg, die nicht in der Schweiz aufgewachsen sind und erst nach dem Studium in die Schweiz auskammen, dann sieht die Seelsorgenden-Situation nochmals schwieriger aus. Oder der Vergleich ist zu berücksichtigen zwischen Priesteramtskandidaten in den 1960er Jahren und im Jahre 2023.... - Bleiben wir also bei den Fakten und der Wirklichkeit (ohne Priester aus anderen Kontinenten wäre die heutige Anzahl Eucharistiefeiern nicht zu gewährleisten), ohne Nicht-Geweihte Seelsorgende wäre auch die Seelsorge nicht möglich. Darum auch die grosse Bitte: Nicht-Geweihte und Geweihte nicht gegeneinander ausspielen, sondern dankbar sein, dass sie alle sich für den Glauben einsetzen.
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      Meier Pirmin 03.09.2023 um 17:01
      Bei genauerem Lesen des Artikels bemerkt man , dass einige Ausführungen von Herrn Ric etwas polemisch geraten sind, so fand ich den Vergleich mit dem Spitalwesen mit Personal und Ärzten meinerseits nicht gerade gelungen. Der Ton ist in der Debatte über kirchliche Fragen indessen flächendeckend oft polemisch, wenn ich denke, wie oft über Päpste und Bischöfe geurteilt wird, siehe Haas, der persönlich gar nicht mein Fall war. Bin mir auch nicht sicher, ob die Aussage von Herrn Ric betr. Priester, die dann plötzlich da wären, auch stimmen kann, es war immerhin eine Hoffnung, ich selber kenne solche Priester nicht. Selber besuche ich Gottesdienste fast nur noch in Benediktiner- und Zisterzienserklöstern, "Kommunionfeiern" sind nicht meine Religion, umso weniger, wenn z.B. bei einer Abdankung alle Anwesenden, ob gläubig oder nicht, auf jeden Fall mit einer Gemeinde nicht zu verwechseln, geradezu aufdringlich zum Kommunionempfang aufgefordert werden. So erlebte ich es sonst nur mal als Beobachter der St. Michaels-Sekte in Dozwil, über die ich vor 33 Jahren publizierte und deshalb deren Gottesdienst besuchte, damals eine erstaunlich würdige um nicht zu sagen eindrückliche Nachahmung der katholischen Messe.

      PS. Ich meide auch Predigten , in welchen von Seelsorgenden und dergleichen die Rede ist und sonstiger Gendersprache, die als Kennzeichen einer sektiererischen Zivilreligion gesehen werden kann. Sehr wohl scheint es mir aber angemessen, die Brüder und Schwestern im Geiste anzusprechen. Wenn eine Messe nicht mehr möglich ist, wäre die Beschränkung auf Psalmen siehe Vesper und Komplet in den Klöstern eine heute am ehesten noch bibelgemässe Gottesdienstpraxis jenseits der Ausartung in das auch von Jesus Christus kritisierte Gebetsgeschwätz. Bruder Klaus praktizierte übrigens konsequent die geistige Kommunion, die Hostie nahm er nur an wenigen ganz hohen Feiertagen, wenn überhaupt.
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        Daniel Ric 03.09.2023 um 18:50
        Natürlich kann man dem Artikel vorwerfen, polemische Vergleiche verwendet zu haben. Nur muss ich umgekehrt die Frage aufwerfen, inwiefern eine Kirchgemeinde oder ein Bistum, welches es nicht schafft, Eucharistiefeiern anzubieten, welche nach den Aussagen des Zweiten Vatikanums das Zentrum des christlichen Lebens darstellen, grossen Anlass für solche polemische Vergleiche bieten. Meine Aussage ist nicht, dass bei einer Abschaffung oder Reform des Kirchensteuersystems über Nacht Priester auftauchen würden, sondern dass die passive Rolle, welche die jetzigen Pastoralräume den Priestern geben, verändert würde. Seit dem Zweiten Vatikanum haben Priester die Möglichkeit, am Samstagabend die Messe zu feiern. Ebenfalls besteht die Möglichkeit, den ganzen Sonntag eine Messe zu feiern. Priester können am Wochenende bis zu drei Messen feiern, was in den meisten Pastoralräumen nicht geschieht. Daher möchte ich - auch wenn es schmerzt, einen solchen Vergleich zu hören - beim Spitalbeispiel verbleiben. Leider ist die Situation tatsächlich so. Der Wille bei den Angestellten und staatskirchenrechtlichen Gremien fehlt, hier eine Änderung einzuleiten und den Gläubigen die Feier der Heiligen Messe zu ermöglichen.
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      Daniel Ric 03.09.2023 um 18:41
      Meine Aussage, wonach das Schlagwort Priestermangel schnell an Bedeutung verlöre, könnten Menschen selbst entscheiden, wem sie ihr Steuergeld zukommen lassen, stellt keine Kritik an den Priestern dar, sondern an den Pastoralräumen. Heutzutage ist es so, dass Priester teilweise das ganze Wochenende keine Messe feiern, obwohl sie es gerne tun würden, da Laientheologen und ständige Diakone in den Pastoralräumen Wortgottesdienste abhalten wollen. Mir ist klar - das wurde im Artikel auch explizit erwähnt - dass wir eine Berufungskrise haben, die nicht über Nacht verschwände, wenn das duale System abgeändert würde. Die Verdrängung der Eucharistiefeier hat jedoch nichts mit der geringer werdenden Anzahl Priester zu tun, da objektiv betrachtet das Verhältnis Katholiken / Priester in der Schweiz immer noch um einiges tiefer als in anderen Ländern ist. Dies war meine Aussage.
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    Meier Pirmin 03.09.2023 um 10:12
    Korr. Es muss heissen: "Gehe bei Herrn Ric von einem heute leider nicht mehr vorauszusetzenden Wissen über kirchengeschichtliche Zusammenhänge a u s. " Da ich nicht mehr in der Region lebe, habe ich den Fall Turgi nicht näher verfolgt. Messe lesen vor der Kirche erinnert mich an die Situation im Jura vor bald 150 Jahren, als dort von Bern aus von der Regierung Staatspriester eingesetzt wurden, oft Zölibatsbrecher oder andere kirchliche Disziplinarfälle aus Frankreich, wohingegen von den damals einheimischen Papsttreuen im Jura in Scheunen und auf Estrichen Messe gelesen wurde. Der Unterschied war aber der, dass die Jurassier damals noch so tief religiös waren wie die Polen zur Zeit des Kommunismus. Dem gegenüber hat z.B. die Bundesrätin Baume-Schneider auf Vereidigung verzichtet, wie vor ihr die ehemalige Immensee-Schülerin Sommaruga und die gebürtige Walliserin Calmy-Rey.

    Heute kann wohl flächendeckend nur an verhältnismässig wenigen Orten noch von Volkskirche gesprochen werden. Denjenigen, die sich dafür engagieren, ist Respekt zu zollen.
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    Clemens Zehnder 03.09.2023 um 09:10
    Eine ausgezeichnete Analyse von Daniel Ric. Es macht mich sehr traurig wie unsere Kirche das Wichtigste, nämlich Jesus Christus und die Eucharistie immer weniger ins Zentrum stellt. Dafür nehmen Bürokratie und Politik zu.
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    Meier Pirmin 03.09.2023 um 07:54
    Eine beeindruckende, auch die historische Tiefendimension treffende Analyse. War schon 1967 Badenfahrtteilnehmer, als es in der Tat auch noch einen Festgottesdienst mit Pfarrer Sohm gab, war selber dann etwas später Redaktor der damals katholischen Zeitung "Aargauer Volksblatt". Die Badener Disputation 1526 war in der Tat die Einzige, bei der die katholische Seite etwas zu "bestellen" hatte, wobei aber Zwingli nicht teilnahm, weil es Indizien gab, im Zusammenhang mit dem Fislisbacher Pfarrer Wyss, dass seine Sicherheit nicht gewährleistet sei.

    Was die Laienpredigt betrifft, der ich mich selber übrigens auf Anfrage immer entzogen habe, führt langfristig an derselben wohl nichts vorbei, es kommt auf die Substanz an, wiewohl natürlich eine Missio canonica Voraussetzung wäre. Selber trat ich seit über 50 Jahren für eine konsequente Trennung von Kirche und Staat ein, angefangen zum Beispiel für das Recht einer nur kirchlichen Trauung, immerhin war noch im alten Ethikbuch die Ziviltrauung, um die es im Aargau um 1835 eine gewaltige Auseinandersetzung gab, mit protestierenden Volksversammlungen als Anfang des Kulturkampfes, in Frage gestellt usw. Auch sollte es möglich sein, wie in dem Artikel angedeutet, einer Kirchgemeinde anzugehören, bei der man sich religiös zu Hause fühlt. Dies betrifft auch das Abdankungswesen.
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    Hansjörg 02.09.2023 um 22:55
    Als Kirchgemeindepräsident konnte Herr D. Ric in seiner Heimatkirchgemeinde die Spaltung und das Chaos nicht verhindern. Aber er fühlt sich in der Lage, anderen Kirchgemeinden vorzuschreiben, wie diese ihre Gemeinde führen sollen.
    Einig bin ich mit Herrn Ric betreffs der Steuern. Jeder und Jede sollte eine soziale Steuer zahlen müssen. Aber Jede und Jeder sollte selbst wählen können, an wen er das Geld bezahlt.
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      Meier Pirmin 03.09.2023 um 09:38
      Die Kirchensteuer war noch nie eine "soziale Steuer", sondern eine Kultussteuer. Der Sozialstaat ist bereits weitaus teurer als die Armee bis einschliesslich in Deutschland jetzt das Bürgergeld, auch hat dies mit christlicher Caritas nichts zu tun. Das mit "Spaltung und Chaos", wie Sie schreiben, ist eine Folge eines abgewirtschafteten Systems, das aus der Zeit des Feudalismus stammt. Die Lage erinnert an die Zeit vor der Reformation, als das Pfarreiwesen zu einem Geschäft entartete. Gewiss geht es nicht darum, anderen Kirchgemeinden etwas vorzuschreiben. Im übrigen kenne ich Herrn Ric nicht, gehe aber bei seinem Artikel von einem heute leider nicht mehr vorauszusetzenden Wissen über kirchengeschichtliche Zusammenhänge.

      Als entschiedener Gegner des staatskirchlichen Systems sehe ich indes das Problem des kulturpflegerischen Unterhalts der Kirchen und Kapellen. Mein Antrag im AG Verfassungsrat von 1976 in Richtung Trennung von Kirche und Staat ging von einer langen Übergangszeit aus, würde wegen des Alters des Systems heute z.B. eine Frist von 50 Jahren befürworten.
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      Daniel Ric 03.09.2023 um 19:02
      Die Frage, inwiefern es mir als Kirchenpflegepräsident gelungen ist, Einheit zu schaffen, steht hier nicht zur Diskussion. Wenn Sie meine Analyse akzeptieren, wonach in Baden sowie in anderen Kirchgemeinden nur 3-5% der Steuerzahler tatsächlich praktizierend sind, müssen Sie zugeben, dass wir vor einer flächendeckenden Spaltung stehen, die nichts mit einer spezifischen Kirchgemeinde zu tun hat, sondern mit dem ganzen Bistum. Mir ging es auch gar nicht darum, die Kirchgemeinde Baden speziell zu kritisieren, sondern um am Beispiel dieser katholischen Stadt den selbstverschuldeten Niedergang der Kirche aufzuzeigen. Betreffend Spaltung möchte ich auch betonen, dass eine gewisse Spaltung von Jesus prophezeit wurde, da er im Evangelium betonte, er sei nicht gekommen, um den Frieden, sondern um das Feuer zu bringen. Dass die Botschaft Jesu teilweise Spaltung verursacht, liegt in der Natur der Sache, da nicht alle Menschen den Weg Jesu gehen wollen. Streitigkeiten innerhalb einer Pfarrei per se abzulehnen, ist daher auch eine naive Vorstellung. Das Problem im Bistum Basel ist nicht, dass lautstarke Streitigkeiten die Kirche bedrängen, sondern dass das Bistum still und heimlich in den Niedergang schreitet. Ist dies besser, als dass wir nun endlich darüber diskutieren würden, was alles falsch in den letzten Jahren gelaufen ist?
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    Stefan Fleischer 02.09.2023 um 14:17
    Das Traurigste aber m.E. ist, dass es einerseits keinerlei Anzeichen dafür gibt, dass unsere Kirche sich wieder darauf zu besinnen beginnt, dass ihr Hauptaufgabe nicht das irdische Heil des Menschen ist, sondern das ewige, dass das irdische Heil, soweit dies überhaupt möglich ist, nur insoweit nachhaltig bewirkt werden kann, als wir Menschen uns durch unseren Herrn und Heiland aus unseren Sünden erlösen lassen. Diese Hauptaufgabe aber bedingt andererseits, dass unsere Kirche wieder, zumindest in Glaubensfragen, mit einer Stimme spricht, dass, dank einer klaren Führung, wieder Ordnung und Disziplin herrschen und dass die Gläubigen nicht mit theologischen Streifragen konfrontiert werden, sondern die ganze, ungeschönte und nicht parteipolitisch verfärbte Lehre verkündet erhalten.