Ein Jahr lang haben die katholische und reformierte Kirchgemeinde sowie die Stadt Baden zum 500-jährigen Jubiläum der Badener Disputation Anlässe organisiert. Die Badener Disputation fand 1526 in der Stadtkirche Baden statt und verfolgte das Ziel, durch eine offene Diskussion herauszufinden, ob die neuen Thesen, welche die Reformatoren in ganz Europa über den christlichen Glauben verbreiteten, der Wahrheit entsprechen. Die Debatte umfasste mehrere Punkte wie die Realpräsenz, die Willensfreiheit, den Primat des Papstes und die Rechtfertigung aus Gnade. Die katholische Seite schickte damals einen ihrer besten Köpfe, den aus Süddeutschland stammenden Priester und Theologen Johannes Eck, während es bei den sogenannt Neugläubigen nicht Zwingli, sondern der in Basel wirkende Reformator Johannes Oekolampad war, der die reformatorischen Positionen verteidigte.
Ein solches Jubiläum wäre ein Steilpass für beide Landeskirchen gewesen, kirchenfernen Menschen aufzuzeigen, welche intellektuelle und geistige Tiefe das Christentum besitzt und wie falsch das Narrativ ist, wonach erst die Moderne die offene Debatte ermöglichte, während die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit vor allem blind glauben mussten, was ihnen die kirchliche Autorität vorgab. Baden war kein singuläres Ereignis, sondern reiht sich ein in viele andere theologische und philosophische Diskussionen, die auf europäischem Boden geführt wurden. Die Prämisse all dieser Gespräche, ob nun an den im Mittelalter entstandenen Universitäten oder Kirchen wie in Baden, war der Glaube an eine Wahrheit, die sich durch die Vernunft erkennen lässt. Auch wenn uns Jesus im Evangelium dazu aufruft, den Glauben kindlich anzunehmen, zeichnet sich die vom griechischen Erbe geprägte christliche Kultur durch ein geistiges Ringen aus, mithilfe des Intellekts Gott zu erkennen und die Sinnhaftigkeit seiner Gebote zu ergründen.
Theologische und philosophische Substanz: Fehlanzeige
Die Badener Feierlichkeiten waren hingegen das pure Kontrastprogramm. Keiner der zahlreichen Anlässe versuchte, irgendein theologisches oder philosophisches Niveau zu erreichen, welches der Badener Disputation gerecht geworden wäre. Hauptbotschaft jeder Aktivität und jeder kirchlichen Verlautbarung war, dass die Zeit der konfessionellen Streitigkeiten vorüber ist und Katholiken und Reformierte nun in Frieden zusammenleben: eine Binsenweisheit. Natürlich sind wir alle froh, dass Katholiken und Reformierte sich nicht mit Hellebarden oder Klappmessern bekämpfen, aber dies war ja auch vor 500 Jahren nicht der Fall. Anstatt triviale Aussagen zum Zusammenleben verschiedener Konfessionen zu verbreiten, wäre es ratsamer gewesen, sich kritisch mit der eigenen Entwicklung zu beschäftigen. Beide Badener Kirchgemeinden haben in den letzten 15 Jahren je 30 Prozent ihrer Mitglieder verloren. Gemeinsam stellen beide nicht mehr die Mehrheit der Badener Bevölkerung, wobei es um die Reformierten noch viel schlimmer steht als um die Katholiken. Es zeugt von Infantilismus, diesen Sturzflug in die Bedeutungslosigkeit durch sinnentleerten Aktivismus kaschieren zu wollen, anstatt dieses Jubiläum zu nutzen, um an Profil zu gewinnen. Den Höhepunkt dieser Inhaltslosigkeit bildete der ökumenische Festgottesdienst am 31. Mai, an welchem neben den reformierten und katholischen Seelsorgern aus Baden auch Bischof Felix, die reformierte Kirchenpräsidentin Rita Famos, die ehemalige Bundesrätin Doris Leuthard sowie der aktuelle Bundespräsidentin Guy Parmelin teilnahmen und durch mehr oder weniger geistreiche Anekdoten zur allgemeinen Erheiterung beitrugen. Es gibt wohl kein sichtbareres Zeichen für den Sieg des bürgerlichen Staates über den Katholizismus, als wenn in Anwesenheit des Bischofs auf die Feier der Eucharistie verzichtet und diese durch Floskeln über die Wichtigkeit des gesellschaftlichen Zusammenhalts ersetzt wird. Der Auftrag Jesu, die Eucharistie zu feiern, wird von den Badener Pfarreiverantwortlichen – schon unter Weihbischof Stübi – bereits seit Jahren nicht mehr so ernst genommen. Viele reformierte Theologen haben sich leider damit abgefunden, die christlichen Inhalte auf die Rolle einer Zivilreligion zu reduzieren. Bischof Felix scheint es auch eilig zu haben, diesen Weg zu gehen, obwohl er sichtlich ins Verderben führt. Niemand braucht ein gezähmtes Kulturchristentum.
Die Badener und alle anderen Katholiken des Bistums Basel sollten sich fragen, ob sie diesen Weg mitgehen wollen. Im 19. Jahrhundert, als der Schweizer Bundesstaat gegründet wurde, war vielen Katholiken klar, dass sie zuerst katholische Christen und dann erst Bürger eines Landes sind. Heute braucht es ebenfalls dieses Bewusstsein. Auch wenn alle sieben Bundesräte an eine Feier kämen: Die Eucharistie hat Vorrang, da Jesus Christus Vorrang hat. Anstatt den eigenen Niedergang zu zelebrieren, sollten sich glaubenstreue Katholikinnen und Katholiken zusammentun und dieser Entwicklung entgegensteuern, indem sie entweder in ihren Kirchgemeinden das Zepter übernehmen oder dem dualen System durch den Austritt das Geld entziehen. Die Zeit des Infantilismus muss einem authentischen Katholizismus weichen, der Verantwortung übernimmt und nicht länger zusieht, wie das Christentum zur Zivilreligion und zum blossen Wellness-Programm verkommt.
Bilder der Veranstaltung: https://www.pastoralraum-aargauer-limmattal.ch/baden/disputation/
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Im Rahmen des Gedenkens fand eine Tagung statt, die sehr wohl ein anerkannt gutes theologisches und historisches Niveau erreichte und der Badener Disputation gerecht wurde. Als Referentinnen und Referenten wirkten u.a.: Amy Burnett, Thomas Lau, Andrea Hofmann, Andreas Berger-Gehringer, Ruth Wiederkehr, Thomas Maissen, Tobias Jammerthal, Federico Zuliani, Fabrice Flückiger, Mariano Delgado, Emidio Campi und Jan-Andrea Bernhard.
Der Tagungsband wird publiziert in der Reihe "Zürcher Beiträge zur Reformationsgeschichte".
"Im 19. Jahrhundert, als der Schweizer Bundesstaat gegründet wurde, war vielen Katholiken klar, dass sie zuerst katholische Christen und dann erst Bürger eines Landes sind. Heute braucht es ebenfalls dieses Bewusstsein."
Genau eine solche Grundhaltung zeigen auch viele Gläubige des Islam. In unserer westlichen Welt, haben die Gesetze und Regeln des Staates immer höhere Priorität um das Zusammenleben zu gewährleisten.
Freie Kirche im freien Staat ist aber nicht mit Rics Satz zu verwechseln. Es gilt nur vor dem Antlitz Gottes, da bin ich Bürger der Stadt Gottes, niemals mit dem Staat zu verwechseln, nicht mal mit der Landeskirche.
Katholisch politisieren heisst nach Pieper "theologisch begründete Weltlichkeit". Auf dieser Basis wird verständlich, wie der klügste katholische Schweizer Regierungsrat und Begründer der kritischen Geschichtswissenschaft, Prof. Josef Eutych Kopp (Luzern), genau so wie Bruder-Klaus-Biograf Georg Sigrist, Pfarrer von Horw, den Fehler der Jesuitenberufung nach Luzern erkannte, insofern diese sich nicht dem Inspektionsrecht des mehrheitlich mit katholischen Geistlichen der Sailer-Schule besetzten Erziehungsrates unterstellen wollten. Dies stellte im Prinzip einen Verfassungsbruch dar. Dabei sind diese Jesuiten, von Radikalen damals mit absurden Argumenten verteufelt, eher widerwillig als Auswärtige ohne Kenntnis des damals blühenden luzernischen Bildungswesens nach Luzern berufen worden. Diese Zusammenhänge wurden letzten Samstag bei der Einweihung des Steiger-Denkmals in Büron in der sonst ausgezeichneten Ansprache von Regierungsrat Armin Hartmann nicht richtig erfasst, als er mit hochverdientem Engagement die enorme Leistung der Jesuiten in der Geschichte des luzernischen Bildungswesens seit 1574 würdigte und das Jesuitenfeindbild als Irrtum des sonst in vielem verdienten Luzerner Staatsmanns Steiger (oder gar von Augustin Keller) mit Recht kritisierte. Das abendländische System der Politik, siehe die Spannung Kaiser -Papst, war christlich und weltlich bei klaren Prioritäten, was wir heute auch von den Muslimen verlangen müssen, die diese Differenzierung nicht anerkennen. Frömmlerische Fanatiker waren in der Politik der christlichen Schweizer Eidgenossenschaft nie massgebend. In diese Richtung gehörte auch nicht Bruder Klaus, der 1457 einen ausländischen Ortspfarrer wegen einer überlebten Steuerforderung namens der Kirchgemeinde davon gejagt hat. Hielt der Priester aber die Hostie in die Höhe, "war es ihm, er sähe einen Engel Gottes vor ihm." Das mit der Eucharistie sieht Ric wohl tiefsinnig, aber deren Verständnis geht leider bei den Landeskirchen mehr und mehr verloren.
ist oft nur ein «so tun als ob». Die immer noch real existierenden, grundlegenden Differenzen werden dabei einfach beiseitegeschoben. Die ganze Wahrheit geht verloren. Das Rezept des Völkerapostels aber demgegenüber lautet: «Verkünde das Wort, tritt dafür ein, OB MAN ES HÖREN WKILL, ODER NICHT, weise zurecht, tadle, ermahne, in unermüdlicher und geduldiger Belehrung.» (2.Tim 4,2)