Ein ungewohntes Bild bot sich den Gläubigen in Belgien und Frankreich, die im vergangenen Jahr am Aschermittwoch die Heilige Messe besuchten: Zahllose Jugendliche und junge Menschen fanden sich in der Kirche ein; viele von ihnen nahmen zum ersten Mal an einer Eucharistiefeier teil, einige von ihnen baten im Anschluss um die Aufnahme in die Katholische Kirche.
Es wurde viel gerätselt, warum ausgerechnet der Aschermittwoch so anziehend war. Als ein Grund wurde die Sehnsucht nach Transzendenz genannt: die Ausrichtung auf Gott statt des ständigen Um-sich-selbst-Kreisens. Damit haben die jungen Menschen intuitiv verstanden, worum es in der Fastenzeit geht.
Zerreisst eure Herzen, nicht eure Kleider
Bereits das Alte Testament kennt ein Fasten. Darunter wird die vorübergehende Enthaltsamkeit von Essen und Trinken verstanden. Diese konnte im Zusammenhang mit Trauer oder Busse erfolgen, mit Riten verbunden sein oder zur Vorbereitung auf eine wichtige Aufgabe dienen. Immer wieder fastete das Volk Israel, nachdem es sich von Gott abgewandt hatte und um seine erneute Zuwendung bat (z. B. Jon 3,5). Zentraler Gedanke beim Fasten war die (Neu-)Ausrichtung auf Gott.
Es kam der Gedanke auf, dass ein Fasten ohne Werke vor Gott wertlos ist: «Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, Unterdrückte freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen?» (Jes 58,6). Ähnlich bei Joel 2,12f: «Kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, Weinen und Klagen! Zerreisst eure Herzen, nicht eure Kleider, und kehrt um zum Herrn, eurem Gott! Denn er ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Huld, und es reut ihn das Unheil.» Die innere Umkehr zu Gott sollte sich auch in der Lebensführung zeigen.
Jesus begann sein öffentliches Wirken mit einem Fasten. Wie das Volk Israel 40 Jahre durch die Wüste wanderte, so verbrachte Jesus 40 Tage in der Wüste. Während sich das Volk Israel in dieser Zeit immer wieder von Gott abgewandt hatte, erwies sich Jesus als der gehorsame Gottesknecht. Die Geschichte der Versuchung Jesu in der Wüste (Mt 4,1–11, Lk 4,1–13) zeigt, welche Werte im Letzten zählen: das Vertrauen in das Wort Gottes und in seine Hilfe sowie die Anerkennung der Allmacht Gottes. Indem Jesus Gott treu blieb, besiegte er den Versucher und nahm so den Sieg der Passion vorweg. «Durch die vierzigtägige Fastenzeit vereint sich die Kirche jedes Jahr mit dem Mysterium Jesu in der Wüste» (KKK 540). Kraft für den Kampf gegen den Satan schöpfte Jesus aus dem Fasten und dem Gebet.
Während seines öffentlichen Wirkens äusserte sich Jesus mehrfach zum Fasten. Für ihn ist Fasten gottgefällig, wenn es im Verborgenen, in Freude (Mt 6,16–18) und ohne Stolz geschieht (Lk 18,12).
Vom «Trauerfasten» zur Österlichen Busszeit
Die ersten Christen übernahmen zunächst die jüdische Fastentradition des zweimaligen Fastens pro Woche. Sie wählten aber bewusst andere Tage: Statt am Montag und Donnerstag fasteten sie am Mittwoch (Gefangennahme Jesu) und Freitag (Tod Jesu). Daneben bildete sich schon bald das «Trauerfasten» am Karfreitag und Karsamstag heraus. Dies war ein Vollfasten ohne Essen und Trinken. Dieses Fasten wurde mit der Zeit auf die Karwoche und dann auf die 40 Tage vor Ostern ausgedehnt; da der Sonntag der Gedenktag der Auferstehung Jesu Christi ist, werden die Sonntage nicht mitgezählt.
Während der Fastenzeit begnügte man sich mit einer Mahlzeit pro Tag und enthielt sich von Fleisch und Wein, später auch Milchprodukten und Eiern. Seit dem Hochmittelalter wurden die Fastenregeln gemildert: Heute gelten nur noch Aschermittwoch und Karfreitag als Fast- und Abstinenztage.
Neben der Österlichen Busszeit entwickelten sich weitere Fastenzeiten (z. B. vor Weihnachten) oder das Fasten als Vorbereitung auf die (Erwachsenen-)Taufe oder die Weihe.
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