Sr. Maura Zátonyi zeigt auf einem Laptop die Homepage der Sankt Hildegard-Akademie Eibingen, am 24. April 2026 in Rom. (Bild: © KNA. Alle Rechte vorbehalten)

Weltkirche

Bien­nale in Vene­dig: Der Vatikan-​Pavillon stellt Hil­de­gard von Bin­gen ins Zentrum

Die Bien­nale in Vene­dig ist in den letz­ten Jah­ren ver­mehrt zum Schau­platz poli­ti­scher Kon­flikte gewor­den. Dies­mal droht die Kunst dahin­ter zu ver­schwin­den – warnt eine Ordens­frau und Mit­ar­bei­te­rin des Vatikan-​Pavillons.

Schwester Maura Zátonyi, Mitarbeiterin des Vatikan-Pavillons bei der 61. Biennale in Venedig, sieht den Kern der Kunstschau in Gefahr. «In den Nachrichten erscheint die Biennale in diesen Tagen leider nur mit negativen Schlagzeilen; es ist dennoch nicht die gesamte Realität, eher nur ein kleiner, trauriger Ausschnitt», sagte die Benediktinerin der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Sonntag. In der Tat hatte die Teilnahme Russlands und Israels im Vorfeld der Eröffnung zu heftigen Reaktionen geführt. So trat die gesamte Jury aus Protest gegen den Einbezug dieser beiden Länder zurück.

Auch sie habe am Rande der Eröffnung in Venedig Demonstrationen gegen Russland und Israel erlebt, so die Ordensfrau, die an der Benediktiner-Hochschule Sant'Anselmo in Rom lehrt. Doch habe zum Beispiel der Vatikan mit seinem Pavillon «eine starke Botschaft des Friedens gesetzt». Die Stadt Venedig strahle zudem die Liebe zur Schönheit aus. «Das ist stärker als Spannungen und Konflikte, selbst wenn die Nachrichten letztere aufgreifen.»

Vatikan-Pavillon zu Hildegard von Bingen
Dass der Vatikan für seinen Biennale-Beitrag Hildegard von Bingen (1098–1179) als Inspirationsquelle wählte, ist eine «wunderbare Anerkennung» für die Heilige, so die Gründerin der Hildegard-Akademie. Damit steht die berühmte Komponistin, Dichterin und Mystikerin «sozusagen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der gesamten Kunstwelt und sogar darüber hinaus». «Mit der Biennale beginnt vielleicht eine neue, intensive Phase, in der Hildegards Botschaft für unsere Zeit neu erschlossen und aktualisiert wird.»

Was für sie Hildegard in erster Linie ausmacht? «Ihre bildhafte Sprache, die gerade heute für uns sehr wichtig ist. Wir brauchen einen neuen Wortschatz, um die Herzen der Menschen zu erreichen.» So habe die Heilige schon im 12. Jahrhundert die vermeintlich topmoderne «Ganzheitlichkeit» des Menschen im Auge gehabt.
 


«Hildegard ist aktueller denn je», erklärt auch der Kulturbeauftragte des Papstes, Kardinal José Tolentino de Mendonça. «Sie vereint die Interessen vieler Menschen: von mittelalterlicher Musik und Malerei bis Medizin, von Poesie bis Mystik, Theologie und Philosophie», so der portugiesische Kurienkardinal, der selbst Hildegards Lieder übersetzt hat. «In einer Zeit ständiger Beschleunigung vermittelt diese facettenreiche Persönlichkeit eine Weisheit, Liebe und Tiefe, die in der aktuellen Debatte mitunter fehlt.»

Der Beitrag des Vatikans zur 61. Biennale in Venedig findet erstmals an zwei Orten statt. Die Benediktinerin lieferte den wissenschaftlichen Hintergrund für die rund 25 internationalen Kunstschaffenden, die an dem Vatikan-Projekt in Venedig arbeiteten. Darunter sind der im März gestorbene deutsche Filmemacher Alexander Kluge, der den Pavillon-Titel «Das Ohr ist das Auge der Seele» sowie Kurzfilme und Bildcollagen zu Hildegards Handschriften lieferte, die Kuratoren Hans-Ulrich Obrist und Ben Vickers sowie das «Sound Collective».

«Mystischer Garten» und Skriptorium
Den ersten Teil bildet der «Mystische Garten» im Klostergarten der Unbeschuhten Karmeliten nahe Venedigs Bahnhof. Besucher wandeln mit einem Kopfhörer durch den idyllischen Garten voll Duft und Farbenpracht und tauchen in eine Klangwelt, für die sich bedeutende Künstler durch die Musik der Heiligen Hildegard inspirieren ließen.

Der zweite Teil des Pavillons befindet sich in der ehemaligen Kirche Santa Maria Ausiliatrice, wo ein Skriptorium mit Werken der Heiligen eingerichtet ist. Die dort präsentierten Bücher – kritische Editionen und internationale Werke – basieren auf einer Literaturliste der Hildegard-Akademie. Ebenso sind Benediktiner-Schwestern an einer Musikinstallation mit Gesängen der heiligen Hildegard beteiligt.
 

Die 61. Kunst-Biennale findet vom 9. Mai bis 22. November 2026 unter dem Motto «In Minor Keys» («In Moll-Tonarten») statt. Bei der 60. Kunst-Biennale 2024 sorgte der Vatikan mit einem Kunstprojekt im Frauengefängnis auf Venedigs Insel Giudecca für Furore.


KNA/Redaktion


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