Am Dreifaltigkeitssonntag 2025 startete das Bistum Chur sein «Bistumsjahr» in Chur – nicht etwa in der Kathedrale, sondern auf dem Arcas-Platz in der Altstadt. Man wolle dort sein, wo das Leben hörbar sei, so damals die Erklärung von Eric Petrini vom Organisationsteam.
In seiner Homilie erklärte Bischof Joseph Maria Bonnemain den Sinn des kommenden Jahres wie folgt: «Es geht darum, eine Dynamik im Bistum zu entfachen, die wie Sauerteig und Katalysator mitten in der Gesellschaft wirken sollte. Es geht um eine geistige Vitalität, welche die Geschwisterlichkeit in Kirche und Gesellschaft, einen wagemutigen sozialen bzw. diakonischen Einsatz und ein freudiges Weiterschenken der Frohbotschaft überall zustande bringt.»
Es blieb unklar, wie diese Dynamik im Bistum entstehen und am Leben hätte gehalten werden können, denn es waren insgesamt nur drei Anlässe vorgesehen, je einer pro Bistumsregion. Wir wollen die Pfarreien und Ortsgemeinschaften nicht mit zusätzlichen Anlässen belasten, schrieb Bischof Bonnemain bei der Ankündigung des Bistumsjahres. Mit den drei geplanten, «bunten Anlässen soll die Freude des Evangeliums nicht nur verkündet, sondern glaubhaft und mitten unter den Menschen gelebt werden. Es sollen Zeichen der Hoffnung gesetzt werden, um eine neue Dynamik der Zuversicht zu entfachen.»
Natürlich gab es auch einen ideologischen Unterbau zu dieser Praxis: Das Bistumsjahr ruhte auf den drei Pfeilern Synodalität, Diakonie und Evangelisierung resp. im Hören, Handeln und Hoffen; während des Bistumsjahres sollten alle Gottesdienste, Anlässe und Veranstaltungen vor Ort unter diesem Gesichtspunkt begangen werden.
Die Bistumsleitung hoffte, dass sich aus den Begegnungen an den drei Anlässen Neues entwickelt und diese eine Grundlage bilden «für das gemeinsame Unterwegssein, die synodale Gestaltung der Kirche in unserem Bistum und die anstehenden Transformationsprozesse». «Wie sich aus drei ‹bunten Anlässen› eine Dynamik der Erneuerung entwickeln soll, bleibt ein Geheimnis der Bistumsleitung, vielleicht noch grösser als das Geheimnis der Dreifaltigkeit», schrieb «swiss-cath.ch» damals.
Treffpunkt Hauptbahnhof
Eine Dynamik entwickelte sich im Bistum Chur nicht: In den meisten Pfarreien war während des vergangenen Jahres nichts von «Hören, Handeln und Hoffen» zu spüren. Nahmen in Chur – vermutlich dank neugierigen Einheimischen und Touristen – immerhin 800 Personen am Bistumstag teil, fanden sich am zweiten Bistumstag in Ingenbohl gerade noch 600 Personen ein. Es galt also, am letzten Bistumstag und Abschlussanlass mit voller Kelle anzurühren, um diese Scharte auszuwetzen Da er in der finanziell starken Bistumsregion Zürich-Glarus stattfand, liess sich dies problemlos bewerkstelligen.
Natürlich durfte es auch in Zürich keine Kirche sein, bei der man sich traf – nein, der HB Zürich wurde auserkoren. Wer die Mietpreise für den HB Zürich kennt, rieb sich bei dieser Ankündigung erstaunt die Augen. Neben einer Eucharistiefeier gab es ein Rahmenprogramm mit Tanz, Musik und Gesprächsveranstaltungen. Nebenbei präsentierten die Dienststellen und Vertreter des Bistums an 30 Ständen ihre Arbeit.
«Rund 5000 Gläubige, 2000 ausgeteilte Hostien, 140 Minis. Bischof Joseph Maria & sein Team treffen den Nerv der Zeit», schwärmt die Kommunikationsverantwortliche des Bistums Chur im Lead ihrer Mitteilung auf der Homepage des Bistums. 5000 Gläubige, aber nur 2000 «ausgeteilte Hostien»? Es gab nicht genügend Hostien für alle Gläubigen, da die Organisatoren nicht mit einem solch grossen Ansturm gerechnet hatten. Warum es zu wenig Hostien, aber genügend Mittagessen gab, entzieht sich unseren Kenntnissen.
Die Kollekte wurde für die Arbeit mit jungen Menschen der Don Bosco Jugend aufgenommen. Eigentlich war im Bistum Chur an diesem Sonntag die Kollekte für das Priesterseminar St. Luzi vorgeschrieben. Vermutlich dachte Bischof Bonnemain aber für einmal zu Recht, es lohne sich ohnehin nicht, für das verwaiste Seminar Geld zu sammeln. Besonders spendabel waren die anwesenden 5000 Gläubigen ohnehin nicht: Gerade einmal Fr. 3500 kamen zusammen. Oder, was eher zutreffen dürfte: War die Zahl von 5000 teilnehmenden Gläubigen schlicht zu hochgegriffen, sprich dem Wunschdenken der Bistumsleitung entsprungen?
Festmahl für alle am Ende der Zeit
In seiner Predigt ging Bischof Joseph Maria Bonnemain auf das Bild vom Himmelreich als Festmahl ein, zu dem alle Menschen eingeladen sind. Als Gläubige sind wir dazu berufen, diese Botschaft in unsere Welt hineinzutragen. In der aktuellen Lage von Welt und Kirche sei es umso dringender und aktueller, die Einladung wahr- und ernst zu nehmen. «Geht hinaus und bringt die göttliche Einladung. Die Kirche ist schliesslich seit der Zeit der ersten Christen eine Mission, eine Sendung, eine Einladung an alle Menschen.» Das Bistumsjahr ist jetzt zu Ende, aber in Wahrheit stehen wir immer noch am Anfang. «Als Trägerinnen und Träger der Hoffnung Gottes sollten wir weiterhin – durch und durch – immer mehr – eine diakonische Kirche werden.» Der Bischof mahnte: «Nur durch das gute Hinhören auf die Herzschläge seiner [Christi] Liebe, werden wir die nötige Sensibilität, Feinfühligkeit und Empathie für die Anliegen der anderen haben. Ja, hören, handeln und hoffen bleiben untrennbar miteinander verbunden und begleiten uns weiterhin – auch in den kommenden Jahren.»
Den Abschluss des Bistumsjahres bildete eine ökumenische Vesper im Grossmünster, um als Gemeinschaft der Christen den gemeinsamen Glauben zu feiern. «Diese Gebetsstunde erachte ich als erfüllende Krönung des vor einem Jahr begonnenen Glaubensweges.» Es sei aber kein ökumenischer Anlass, betonte Bischof Bonnemain, denn: «Wir alle sind lebendige Glieder eines einzigen Leibes: Eine Hoffnung, eine Berufung, ein Vater, ein Gott, ein Glaube, eine Taufe […] Gemeinsam möchten wir Teil einer Kirche sein, die niemanden ausschliesst, die allen ein Zuhause bietet und in der alle willkommen sind. Nur so werden wir Botschafterinnen und Botschafter, Vermittlerinnen und Vermittler des wahren, anhaltenden Friedens sein.»
Während an der Wallfahrt von «Kirche in Not» in Einsiedeln der verfolgten Christinnen und Christen weltweit gedacht wurde und Kardinal Kurt Koch daran erinnerte, dass das Martyrium zum Wesen des Christentums gehört, meinte zeitgleich Bischof Bonnemain in Zürich: «Ich wollte durch die zum Abschluss des Bistumsjahres in der Hauptbahnhofhalle gefeierten Eucharistiefeier bewusst unterstreichen, dass wir Christen uns mitten in der Welt sehr wohlfühlen, in der Gegenwart und beschäftigt mit all den Herausforderungen unserer Zeit.»
Durch drei publikumswirksam gestaltete Anlässe entstand im Bistum Chur nicht die von der Bistumsleitung erhoffte Dynamik, wurde es nicht zum Sauerteig. Das überrascht nicht. Es überrascht vielmehr, dass die Bistumsleitung weiterhin an diesem Narrativ festhält. Wirksame Erneuerung entsteht durch die unverkürzte Verkündigung unseres Glaubens an Jesus Christus, nicht durch Smalltalk in einer lauten und hektischen Bahnhofshalle, durch das Lebenszeugnis von Frauen und Männern und nicht durch Menschen, die an einem belebten Ort ein «Fratelli-tutti-Fest» feiern.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Auf mich machte der Bistumstag Eindruck, im positiven Sinne. Vielleicht bin ich einfach zu naiv, keine Ahnung. Mir geht es nicht um Bischof Bonnemain, als Person. (Diese Frage stellt sich mir bei Ämtern allgemein nicht, sie SIND einfach.)
Ich fand es eher eindrücklich, gerade in der enorm kränkelnden "Welt" den Himmlischen Arzt anzutreffen. Sein Licht der Hoffnung, in so viel Dunkelheit!
Dass es zu wenig Hostien gab, fand ich bedauerlich — und gleichzeitig auch wunderschön: was für ein Andrang, in Zeiten, in denen unsere Heilige Mutter Kirche oft "tot geredet" wird, die Gott oft nicht sehen WILL!
Es war schön, auch einige, bekannte Gesichter zu sehen: ein kleines Zeichen der grossen, geschenkten Einheit, vielleicht sogar über so manche, kleine Meinung hinweg...
Herr Bischof ich nicht! Ich fühle mich in der Welt nicht sehr wohl, wo alles strotzt von Lug und Betrug wohin man nur schaut! Ich spreche Ihnen das Recht ab, in meinem Namen zu sprechen. Ich als Christ fühle mich nicht in der Welt wohl, sondern in der Kirche!
In meiner Jugendzeit lernten wir, dass Jesus in der Hostie ist und somit wir Jesus essen. Es wurde mir als Ministrant auch beigebracht, dass nur der Pfarrer die Hostie berühren darf und sie dem Gläubigen direkt in den Mund gegeben werden muss. Seit vielen Jahren lese ich auch, dass die Wandlungsworte, die Jesus seinen Jüngern lehrte, verändert wurden. Meine Frage: Isst man mit der Hostie eigentlich noch Jesus oder isst man eine Oblate wie im Weihnachtsgebäck. Als älterer Herr wäre ich der Redaktion und den Leserbriefschreibern um Antwort dankbar. Auf meine Frage habe ich in den letzten Jahren keine befriedigende Antwort bekommen.
Die Lehre der Katholischen Kirche ist in diesem Punkt klar: Mit der konsekrierten Hostie empfangen wir wirklich den Leib Christi. Christus ist real gegenwärtig, nicht einfach nur als eine Idee oder ein Symbol.
Die Kirche erlaubt sowohl die Mund- wie auch die Handkommunion.
Die Wandlungsworte sind unverändert. Papst Benedikt XVI. hatte für die deutsche Fassung eine Änderung vorgeschlagen, die sich jedoch nicht überall durchgesetzt hat. So sollte «für alle» durch «für viele» ersetzt werden, da dies dem Originaltext entspricht. Damit sollte aber nicht der universale Heilswillen Gottes eingeschränkt werden.
Ich hoffe, Ihnen mit diesen Antworten weitergeholfen zu haben.
Rosmarie Schärer, Redaktion
"Ihr Ehebrecher! Wisst ihr nicht, dass Freundschaft mit der Welt Feindschaft mit Gott ist?" - Apostel Jakobus, Neues Testament
Wenn es schon so los geht - das Leben (Jesus Christus spricht: Ich bin das Leben) ist auf dem Marktplatz und nicht in der Kathedrale, dann ist schon etwas grundsätzlich falsch. Wir ja hier nicht bei "Also sprach Zarathustra" der auf dem Marktplatz verkündet "Gott ist tot!"
So betonte Bischof Bonnemain, denn: "Gemeinsam möchten wir Teil einer Kirche sein, die niemanden ausschliesst."
Aber auf die frommen Katholiken, die zu über tausend Jahren Tradition aufrecht stehen wollen, hinter den Kulissen mit brutaler Gewalt eindreschen? Pfui!
Ich nütze diese Gelegenheit für die swiss cath Berichterstattung ausdrücklich zu danken.
Ist doch auch schade, dass am Dreifaltigkeitssonntag, wedet das Evangelium noch die Lesungen dazu verkündet wurden, noch auf dieses grosse Fest eingegangen wurde. Leider ist es heute keine Seltenheit, dass der Mensch in der Heiligen Messe im Fokus steht und leider nicht mehr Gott. Wenn ja gerade so viele Leute kommen, wäre dass doch so eine gute Gelegenheit gewesen, um auf dieses Mysterium einzugehen. Aber vielleicht hat der letzte Satz des Evangeliums nicht gepasst: Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat.