Vielversprechend begann sie, die Predigt von Bischof Joseph Maria Bonnemain, gehalten in der Kathedrale Chur zum Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel. Er, Bischof Bonnemain, würde die versammelten Gläubigen am liebsten hinauf in den Hochchor der Kathedrale führen, eine Leiter holen und sie hinaufsteigen lassen, um die Spitze des Hochaltars betrachten zu können. Denn «im oberen Teil des Altares befindet sich die Darstellung der Krönung Mariens durch die Dreifaltigkeit. Und noch eine Stufe höher, ganz an der Spitze, ist in der Mitte die Dreifaltigkeit nochmals dargestellt und Maria kniet anbetend links davon.»
Besagter Höhenflug sollte allerdings nicht lange währen, wich recht bald einem veritablen Absturz: «Im Herrn Geliebte, was wir heute feiern, ist auch, dass wir im Himmel eine Mutter haben, die nicht nur ununterbrochen für uns Fürbitte hält, sondern uns anbetend bewundert.» Wo doch die Katholische Kirche der protestantischen Dauerpolemik wehrend seit jeher immer wieder ausdrücklich betont hat, dass Anbetung keinem Geschöpf, auch nicht Maria, zukommt, sondern nur Gott allein: «Dieser Kult [sc. der heiligen Jungfrau] ist zwar durchaus einzigartig, unterscheidet sich aber wesentlich vom Kult der Anbetung, der dem menschgewordenen Gott gleich wie dem Vater und dem Heiligen Geist dargebracht wird […]» (Katechismus der Katholischen Kirche 971).
Wie Bischof Bonnemain sich vom Bild der vor der Dreifaltigkeit knienden Mutter Gottes zur Imagination der alle Menschen «anbetend bewundernden Maria» verleiten lassen kann, bleibt sein Geheimnis. Abgesehen davon, dass sein des vom Schöpfer auf das Geschöpf umgepoltes Anbetungskonzept der Ökumene alles andere als förderlich ist.
Theologischer Kopfstand
Seinen theologischen Kopfstand versucht Bischof Bonnemain mit einem Verweis auf die Weihnachtsgeschichte zu begründen: Nach der Geburt Jesu verstehe Maria, dass «nun der Mensch, alles Menschliche göttlich geworden ist.» Wohlgemerkt: Diese halsbrecherische Interpretation wartet den Kreuzestod Christi zur Erlösung des sündig und schuldig gewordenen Menschen gar nicht erst ab – das Göttliche hat schon zuvor von allem Menschlichen Besitz ergriffen. Irgendwie logisch, dass da von der Erbsünde nirgends die Rede ist; von der Tatsache, dass der Mensch erst von «Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, durch Brechung der Macht des Bösen befreit» wird (vgl. KKK 421). Pro memoria: Der Atheist und Marxist Max Horkheimer hat die Lehre von der Erbsünde als die grossartigste Lehre des Judentums und Christentums bezeichnet, weil sie nur unter der Voraussetzung möglich ist, dass Gott den Menschen mit einem freien Willen geschaffen hat.
Eine gute Gelegenheit, seinem unterschwellig pantheistischen Irrweg abzuschwören, bietet sich dem Churer Diözesanbischof schon in wenigen Tage: Am kommenden Wochenende findet in Sarnen das Zentralfest des Schweizerischen Studentenvereins statt. Hauptzelebrant am Festgottesdienst vom Sonntag, den 24. August: Bischof Joseph Maria Bonnemain. Die Hürde ist allerdings hoch, sehr hoch: Das Tagesevangelium hat ausgerechnet die Worte Jesu von den wenigen, die es durch die enge Türe ins Reich Gottes schaffen, zum Thema (vgl. Lk 13,22–30).
Predigt von Joseph Maria Bonnemain am Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Wir beten nicht den Mensch an, sondern Gott! Schaut nach Rom und hört auf Papst Leo XIV.
Die Aussage, man könne das Göttliche in jedem Menschen kniend anbeten ist ein wirkliches Problem. Man muss umgehend Rom informieren.
Leute könnten anfangen, etwa zu Hause voreinander zu knien um das Göttliche im Menschen anzubeten. Dabei könnten sie sich auf Joseph Maria Bonnemain als Garant berufen: "fühlen wir uns angespornt, das Göttliche in jedem Menschen knieend anzubeten".
Das ist häretisch und der Bischof muss das sofort korrigieren bzw. sofort korrigiert werden.
So "bewundert" wohl auch die Muttergottes noch den elendesten von uns Menschen.
Unbestritten aber bleibt, dass die Formulierung bei Bischof Bonnemain jenseits von Gut und Böse ein Beispiel bleibt, dass beim allzu häufig anzutreffenden Formulieurungsniveau heutiger Kirchenfunktionäre die Predigt vielfach besser ausgelassen würde und man sich beim Gottesdienst auf die saubere Wiedergabe der liturgischen Vorgabe beschränken wollte. Möchte indes auch diese Bemerkung nicht pauschalisieren. Letzten Freitag auf der Alp Brüdern im Entlebuch hielt der Pallotiner-Pater Adrian Willi an einer Stätte, wo dieser Festtag seit Jahrhunderten würdig begangen wird, eine vorzügliche Marienpredigt mit dem Magnficat im Zentrum. Der gut besuchte Abendgottesdienst im Freien bewirkte jedoch, dass im Gegensatz zu Zeiten vor absurden Gottesdienstreformen Leute mit vollem Bauch und allenfalls auch Übermass des Trinkens die Kommunion empfingen, weswegen ein Gläubiger fast unmittelbar nach dem Kommunionempfang erbrechen musste, in meiner unmittelbaren Nähe, der Strahl des Erbrechens ging knapp an mir vorbei. In früheren Zeiten wäre wohl eine mutmasslich gekotzte Hostie Gegenstand eines Buss-Rituals geworden, jedenfalls als Schändung des Gottesdienstes empfunden. Persönlich empfinde ich eine solche Episode fast noch unwürdiger und im Prinzip (weniger persönlich zu nehmen) skandalöser als verunglückte Formulierungen in Predigten, so weit letztere nicht absichtlich oder bloss aus Dummheit erfolgten. Letzteres wäre indes zumal bei einem hohen Prälaten sehr zu bedauern.