Spitze des Hochaltars von Jakob Russ (1492) in der Kathedrale St. Mariä Himmelfahrt in Chur. (Bild: Rosmarie Schärer/swiss-cath.ch)

Kommentar

Bischof Bon­ne­main: Stei­ler Auf­stieg – jäher Absturz

Das Hoch­fest der Auf­nahme Mari­ens in den Him­mel deu­tet der Chu­rer Diö­ze­san­bi­schof zu einer alle Men­schen «anbe­tend bewun­dern­den Maria» um. Ein fata­les Signal – auch für die Ökumene.

Vielversprechend begann sie, die Predigt von Bischof Joseph Maria Bonnemain, gehalten in der Kathedrale Chur zum Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel. Er, Bischof Bonnemain, würde die versammelten Gläubigen am liebsten hinauf in den Hochchor der Kathedrale führen, eine Leiter holen und sie hinaufsteigen lassen, um die Spitze des Hochaltars betrachten zu können. Denn «im oberen Teil des Altares befindet sich die Darstellung der Krönung Mariens durch die Dreifaltigkeit. Und noch eine Stufe höher, ganz an der Spitze, ist in der Mitte die Dreifaltigkeit nochmals dargestellt und Maria kniet anbetend links davon.»

Besagter Höhenflug sollte allerdings nicht lange währen, wich recht bald einem veritablen Absturz: «Im Herrn Geliebte, was wir heute feiern, ist auch, dass wir im Himmel eine Mutter haben, die nicht nur ununterbrochen für uns Fürbitte hält, sondern uns anbetend bewundert.» Wo doch die Katholische Kirche der protestantischen Dauerpolemik wehrend seit jeher immer wieder ausdrücklich betont hat, dass Anbetung keinem Geschöpf, auch nicht Maria, zukommt, sondern nur Gott allein: «Dieser Kult [sc. der heiligen Jungfrau] ist zwar durchaus einzigartig, unterscheidet sich aber wesentlich vom Kult der Anbetung, der dem menschgewordenen Gott gleich wie dem Vater und dem Heiligen Geist dargebracht wird […]» (Katechismus der Katholischen Kirche 971).

Wie Bischof Bonnemain sich vom Bild der vor der Dreifaltigkeit knienden Mutter Gottes zur Imagination der alle Menschen «anbetend bewundernden Maria» verleiten lassen kann, bleibt sein Geheimnis. Abgesehen davon, dass sein des vom Schöpfer auf das Geschöpf umgepoltes Anbetungskonzept der Ökumene alles andere als förderlich ist.

Theologischer Kopfstand
Seinen theologischen Kopfstand versucht Bischof Bonnemain mit einem Verweis auf die Weihnachtsgeschichte zu begründen: Nach der Geburt Jesu verstehe Maria, dass «nun der Mensch, alles Menschliche göttlich geworden ist.» Wohlgemerkt: Diese halsbrecherische Interpretation wartet den Kreuzestod Christi zur Erlösung des sündig und schuldig gewordenen Menschen gar nicht erst ab – das Göttliche hat schon zuvor von allem Menschlichen Besitz ergriffen. Irgendwie logisch, dass da von der Erbsünde nirgends die Rede ist; von der Tatsache, dass der Mensch erst von «Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, durch Brechung der Macht des Bösen befreit» wird (vgl. KKK 421). Pro memoria: Der Atheist und Marxist Max Horkheimer hat die Lehre von der Erbsünde als die grossartigste Lehre des Judentums und Christentums bezeichnet, weil sie nur unter der Voraussetzung möglich ist, dass Gott den Menschen mit einem freien Willen geschaffen hat.

Eine gute Gelegenheit, seinem unterschwellig pantheistischen Irrweg abzuschwören, bietet sich dem Churer Diözesanbischof schon in wenigen Tage: Am kommenden Wochenende findet in Sarnen das Zentralfest des Schweizerischen Studentenvereins statt. Hauptzelebrant am Festgottesdienst vom Sonntag, den 24. August: Bischof Joseph Maria Bonnemain. Die Hürde ist allerdings hoch, sehr hoch: Das Tagesevangelium hat ausgerechnet die Worte Jesu von den wenigen, die es durch die enge Türe ins Reich Gottes schaffen, zum Thema (vgl. Lk 13,22–30).
 

Predigt von Joseph Maria Bonnemain am Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel


Niklaus Herzog
swiss-cath.ch

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Lic. iur. et theol. Niklaus Herzog studierte Theologie und Jurisprudenz in Freiburg i. Ü., Münster und Rom.


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Bemerkungen :

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    Schwyzerin 27.08.2025 um 22:59
    Papst Leo XIV. hat die Anbetung der Natur klar verurteilt siehe www.katholisches.info/2025/08/27/die-ersten-100-tage-von-papst-leo-xiv: In einem Brief an die Bischofskonferenz des Amazonas am 17. August verurteilte er die Anbetung der Natur und stellte Christus und die Eucharistie ins Zentrum der Evangelisierung. Aus Die ersten 100 Tage von Papst Leo XIV. von Roberto de Mattei.

    Wir beten nicht den Mensch an, sondern Gott! Schaut nach Rom und hört auf Papst Leo XIV.
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    Marlene Weiss 24.08.2025 um 14:30
    Also mein Mann und ich, wir haben davon gehört, wir haben zwei kleine Kinder und wohnen in Zürich. Wir haben das zu Hause ausprobiert, wir haben uns im Garten voreinander hin gekniet und jeder hat für sich gebetet "Jesus ich bete dich im Körper vom Papa an". Die Nachbarin hat das beobachtet und mich später gefragt was wir da machen. Ich habe ihr gesagt das ist neu vom Bischof Bonnemain in Chur verkündigt worden. Sie meinte sie wolle auch ausprobieren.
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      Lisa Pfitzinger 24.08.2025 um 21:19
      Mein Freund und ich haben auch damit angefangen, der Bischof hat ja gesagt, dass nun der Mensch, alles Menschliche göttlich geworden ist, deshalb beten wir uns jetzt gegenseitig an. Nicht nur Gott im gegenüber sondern auch das gegenüber selbst.
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        Barbara Dechant 25.08.2025 um 12:58
        Alles Menschliche ist Göttlich geworden, ist doch klar, deswegen gehen wir auch seit kurzem nicht mehr in die Kirche, wozu auch, wenn man schon göttlich ist wie man ist. Wir danken dem Bischof von Chur für seine Lehren auch wenn wir uns nicht gegenseitig anbeten zu Hause.
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        Stefanie Reichert 25.08.2025 um 19:38
        In der Anbetung des Menschen kommt die Religion zur Vollendung, das wollte der Bischof Bonnemain damit sagen.
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    Svenja Schüller 23.08.2025 um 20:59
    Man kann nicht mit Sicherheit aussschliessen, dass das Dümmste ist, was jemals ein Bischof in der Schweiz von sich gegeben hat. Man muss von einer Zäsur sprechen. Ich stelle mir bildlich vor Augen, wie es aussähe, wenn bei uns im Pfarrzentrum wir alle voreinander knien würden um "das Göttliche" im jeweils anderen anzubeten. Ich bin zutiefst verwirrt und betrübt.
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    Heinz Meier 23.08.2025 um 10:18
    Was eine missglückte Wortwahl in einer bischöflichen Predigt so schräg Erheiterndes auslösen kann…..:vom Fervor einer spitzen Feder bis zum Kotzen (nicht nur auf der Alp) in den Kommentaren ergeben die hier geäusserten Assoziationen ein fulminantes Predigtecho, das den Urheber der Schreibereien stolz über seinen Fauxpas pas machen könnte. Zu viel der Ehre!
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      Meier Pirmin 23.08.2025 um 13:56
      @Heinz Meier. Das mit dem Erbrechen einer Hostie wohl auch als Folge eines Abendgottesdienstes mit vollem Bauch wäre auf jeden Fall mal eine Diskussion wert, und nach meiner Überzeugung war die einst geforderte Nüchternheit, bei meiner Erstkommunion selbstverständlich, vor dem Kommunionempfang eine im Prinzip sinnvolle Vorschrift. Über das hinausgehend befasste ich mich viele Jahrzehnte lang mit dem Verhältnis von Bruder Klaus zur Eucharistie. Dessen Ehrfurcht als radikaler Faster vor diesem Sakrament war so gewaltig, dass man gegenüber potentiell vorkommenden, will nicht pauschalisieren, gedankenlosem Kommunionempfang nur den Kopf schütteln kann, sogar noch mehr als über die von Ihnen genannte wohl wirklich missglückte Wortwahl.
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    Daniel Ric 23.08.2025 um 09:03
    Vielen Dank für diesen Artikel. Die Schweizer Bischöfe sollten lernen, genauer auf ihre Worte zu achten, da sie ansonsten nur Verwirrung stiften. Schön finde ich auch den Hinweis, dass Horkheimer lobende Worte zum Christentum fand (wobei er natürlich falsch lag, dem Judentum zu attestieren, die Erbsündenlehre zu kennen. Diese ist spezifisch christlich). Oft haben Katholiken Scheuklappen an, was die Rezeption der Frankfurter Schule betrifft, da gerade Neocons diese in ein schlechtes Licht rücken. Dabei ist gerade die Lektüre von Adorno, Horkheimer oder Marcuse dem Christentum näher als diejenige von Denkern, die nur auf dem Papier christlich sind. Es ist daher auch kein Zufall, dass Joseph Ratzinger das Gespräch zu Habermas, auch einem Mitglied der Frankfurter Schule, suchte, um über Glaube und Vernunft zu diskutieren.
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      Joseph Laurentin 24.08.2025 um 06:41
      Wir brauchen keine Philosophie, die so tut, als ob Wahrheit ständig im Streit, in Diskussionen oder durch Entwicklung erst entstehen müsste. Für uns Christen ist die Wahrheit von Gott geoffenbart, sie ist unveränderlich und sicher. Auch Papst Benedikt XVI. hat den Dialog gesucht – aber nicht, um die Frankfurter Schule, jene Philosophie, die alles in Frage stellt, zu preisen, sondern um zu zeigen: Wahre Vernunft gibt es nur, wenn man Gott anerkennt.
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        Meier Pirmin 25.08.2025 um 10:42
        Natürlich steht die Wahrheit gewissermassen im Streit, siehe Jesus und die Pharisäer und Schriftgelehrten, gegen die er nachweislich polemisierte, so wie Popper Wittgenstein sogar wenn auch mehr spasshaft und metaphorisch mit einem Grillhaken bedrohte. Entsprechend ging es bei mittelalterlichen Disputationen zu, auch in den Religionsgesprächen der Reformation sowie bei der berühmten, von Reinhold Schneider geschilderten Disputation zwischen Sepulveda und Las Casas um die Rechte der Indianer aus christlicher Sicht, das war der Beginn der Menschenrechtsdebatte in der später "Dritte Welt" genannten Weltregion.
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        Daniel Ric 25.08.2025 um 21:02
        Als Christen glauben wir, dass Jesus die Wahrheit ist. Das bedeutet, dass die Person Jesus Christus, Gottes Sohn, die Wahrheit ist. Da wir als schwache Menschen nicht fähig sind, Gottes Willen immer zu erkennen, ist es sinnvoll, darüber zu diskutieren, was Wahrheit im Alltag bedeutet. In der modernen Welt, in der wir leben, müssen wir auch mit Menschen, die nicht unsere Glaubensüberzeugungen teilen, eine Diskussion führen können, in der wir unseren Standpunkt mit vernünftigen Argumenten verteidigen. Die intellektuelle und theologische Abschottung ist meines Erachtens kein Weg, den die Kirche gehen sollte. Man braucht Offenheit und gleichzeitig Standfestigkeit im Glauben.
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    Katharina Wesselmann 22.08.2025 um 16:22
    Vor einem Menschen hinknien um in ihm oder in ihr das Göttliche anzubeten? Welche Religion ist das? Sicher nicht Christentum! Merkt ihr eigentlich nicht, wie abgedreht das mittlerweile schon ist? Sollen wir jetzt in der Pfarrei Menschenanbetung machen statt eucharistischer Anbetung? Soll sich die Oma vorne auf den Stuhl setzen und die Pfarrei kniet hin - wir beten Gott im Menschen an. Plemplem
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      Markus Wehrle 22.08.2025 um 17:51
      Je mehr man Fitness-Center macht, desto mehr Anbetung hat man dann auch verdient. Das ist der Kult des Menschen und den kennt die Kirche nicht. Wer ist wie Gott?
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    Karl Stadler 22.08.2025 um 08:17
    Also wir wurden von Kindsbeinen an gelehrt, dass jeder Mensch Bestandteil der Schöpfung, die Schöpfung jedoch, und zwar in ihrer Gesamtheit, gerade die eigentliche Verwirklung des Göttlichen sei. Also stecke in jedem Geschöpf, und daher auch in jedem Menschen, unbesehen der konkreten Verwirklichung seines je eigenen Daseins, etwas Göttliches. Gottesebenbild halt. Ja, das brachte man uns im Religionsunterricht und daheim seinerzeit bei. Und später, als man nicht mehr so gläubig war, übersetzte man diese Sichtweise etwas säkularer in die unteilbare Würde des Menschen, wie sie in der Menschenrechtskonvention normativ dargestellt wird. Also persönlich vermag ich die Interpretationen in der besagten Predigt von Bischof Bonnemain nicht als halsbrecherisch zu empfinden, ausser vielleicht die Aussage, dass er am liebsten eine Leiter holen und die Gläubigen bis an die Altarspitze hinaufsteigen lassen würde.
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      Meier Pirmin 22.08.2025 um 12:47
      Möchte Ihnen mit dem Geschwätz um sog. Menschenwürde, an der meines Erachtens nichts, aber auch gar nichts anbetungswürdig wäre, philosophisch widersprechen, sogar mit dem wenig frommen Goethe, der via den Unterteufel Mephistopheles die Mahnung in die Welt setzen liess, "es werde dir mit deiner Gottähnlichkeit noch bange". Schopenhauers sinngemässer Mahnung, vor der sog. Menschenwürde gerade nicht in die Knie zu gehen, ist beizupflichten. Die einzige Einschränkung an der Kritikk gegenüber Bischof Bonnemain bleibt, dass man aus Kontextgründen die ganze Predigt oder mindestens den einschlägigen Hauptabschnitt vor Augen haben müsste, um aus voller Überzeugung mit Herrn Herzog den Kopf zu schütteln. Als schlimmsten Fehltritt unter Formulierungsverirrungen von Schweizer Bischöfen halte ich die von Bischof Henrici formulierte Ranft-Predigt von 1984 für Papst Johannes Paul II., worin aus dem "bösesten Recht" nach Bruder Klaus, dem Recht der Prozessierer, das "beste Recht" gemacht wurde. Da wurde dem Pontifex Maximus ein Ei gelegt, falls nicht die Kurie selbst den Text verschlechtert hat, Unkenntnis der Schweizer Verhältnisse lässt sich bei päpstlichen Bullen bis in die Reformationszeit zurück leider nachweisen, nicht zuletzt bei Heiligsprechungsprozessen, siehe die Quellenwerke um Bruder Klaus.
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        stadler karl 22.08.2025 um 18:07
        Wer behauptet denn, die Menschenwürde sei "anbetungswürdig"? Wer behauptet, dass man vor der Menschenwürde "in die Knie zu gehen habe"? Persönlich kenne ich niemanden. Es würde völlig reichen, wenn wir auch nur ansatzmässig die Haltung aufzubringen vermöchten, die Würde des Menschen, unbesehen des konkreten Individuums, zu achten, was uns bekanntermassen in den meisten Fällen nicht gelingen will. Trotz aller empirischer tiefer Konflikte in zwischenmenschlichen Beziehungen, die es immer gab und geben wird, solange die Menschheit existiert: Über den Kern der Menschenwürde wurde in der Antike bereits reflektiert, jahrhunderte bevor der Nazarener in das historische Geschehen eintrat. Und dieses Phänomen ist denn auch in der Geistesgeschichte immer wieder anzutreffen, nicht zuletzt auch in der Neuzeit mit dem kategorischen Imperativ von Kant. Wer, trotz aller menschlicher Widerwärtigkeiten, die rechtsphilosophische Entwicklung des Begriffes der Menschenwürde und deren Bedeutung für die Menschheit als blosses "Geschwätz" qualifiziert, gleichzeitig jedoch meint, die Rettung liege einzig in einer dogmatisch ausgebildeten "christlichen Nächstenliebe", mag ein wenig zurücklehnen und darüber nachdenken, über was er eigentlich spricht.
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          Daniel Ric 23.08.2025 um 08:27
          Ich teile Ihre Auffassung, dass die Menschenwürde ein sehr hohes Gut ist und wir alle zu seiner Verteidigung aufgerufen sind. Die Streitfrage ist, ob die Menschenwürde durch einen säkularen Gesellschaftsvertrag gesichert werden kann oder ob es ein naturrechtliches, auf Gott hin gegründetes Denken benötigt, um die Menschenwürde zu bewahren. Positives Recht kann schnell in die schlimmste Tyrannei abgleiten, wie wir aus der Geschichte, aber auch aus der Gegenwart wissen. Solange kein über die Religionen und Weltanschauungen gehender Konsens darüber besteht, was der Mensch ist (und wann seine Existenz anfängt und aufhört), wird es schwierig sein, eine Definition der Menschenwürde zu etablieren. Deswegen bin ich skeptisch, dass in den modernen Verfassungsstaaten, die historisch ja allesamt sehr jung sind, die Menschenwürde besser gewahrt ist als in einer katholischen Gesellschaft, welche die Nächstenliebe zum zentralen Wert erklärt. Das ist ja das Tragische an der Moderne, dass sie trotz vieler Denkansätze (und ich gehöre zu den grossen Verehrern von Kant und allen Denkern, die wir umgangssprachlich zum Deutschen Idealismus zählen) nicht mehr zu leisten imstande ist als der Nazarener, der die Liebe zu Gott und zum Nächsten eingefordert hat.
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          Meier Pirmin 23.08.2025 um 13:48
          Mit Ihren ersten vier Sätzen stimme ich völlig überein. Die Debatte ging indes von der zitierten Predigt von Bischof Bonnemain, wie von Herrn Herzog kritisiert und dieser Zusammenfassung, wenn sie stimmt, wirklich kritikabel; sogar dann, wenn nur die Tendenz der Predigt in diese Richtung ging. Das mit dem "Geschwätz" der Menschenwürde ist nicht meine Kritik, sondern die Kritik Schopenhauers mit seinem pessimistischen Menschenbild, nicht nur die Frauen betreffend. Für ihn ist der Mensch tatsächlich so erbärmlich, dass man bei der Ethik eher auf das Mitleid statt auf die Würde setzen sollte. Obwohl dies teilweise etwas für sich hat, ist es überpropotional, eine Kritik, die von einem kritisierten Extrem in das andere geht. Natürlich sollten wir unsere Würde nicht überbewerten, und wenn ich von mir sagen würde, worüber Mephisto spottete, "Ich bin gottähnlich", dann könnte ich mich selber nicht mehr ernst nehmen. Ich halte mich im Ernst nicht für gottähnlich, im Gegensatz zu anderen Grosseltern nicht mal meine Enkel... Andererseits trat ich mal als Politiker mit Erfolg für die "Würde der Kreatur" ein, allerdings stets im Wissen, auch als Metzgersohn, dass auch diese Einschätzung nicht zu übertreiben wäre...
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    Oscar Antoni 21.08.2025 um 21:27
    Sehr geehrter Herr Herzog, besten Dank für die theologische Sensibilität. Diese Predigt ist sicherlich allen aufgestossen.

    Die Aussage, man könne das Göttliche in jedem Menschen kniend anbeten ist ein wirkliches Problem. Man muss umgehend Rom informieren.

    Leute könnten anfangen, etwa zu Hause voreinander zu knien um das Göttliche im Menschen anzubeten. Dabei könnten sie sich auf Joseph Maria Bonnemain als Garant berufen: "fühlen wir uns angespornt, das Göttliche in jedem Menschen knieend anzubeten".

    Das ist häretisch und der Bischof muss das sofort korrigieren bzw. sofort korrigiert werden.
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    Meier Pirmin 21.08.2025 um 18:31
    Ich vermute, dass sich der Herr Bischof plump ausgedrückt hat, gelinde gesagt grammatikalisch unkorrekt: "anbetend" war wohl natürlich Gott gegenüber gemeint, "bewundernd" hingegen uns Menschen gegenüber, wobei sicher nicht jeder Mensch in gleicher Weise Bewunderung verdient, so wie z.B. das Mitleid natürlicherweise ungleich verteilt zu werden verdient, mit einem erfolgreichen Genie hat man gewiss weniger Mitleid als mit einem schwerbehinderten Kind, das aber für die allenfalls aufgebrachte Tapferkeit der Lebensbewältigung immer noch zu einem Rest und vielleicht sogar darüber hinaus als "bewundernswert" gelten darf. Ausser gerade von Menschentypen wie dem soeben bekannten Familienmörder incl. Hund, von BR Baume-Schneider auf "Femicid" reduziert, verdienen wohl fast alle Menschen und überhaupt die Geschöpfe Gottes ein Stück Bewunderung, so wie in einer bekannten Legende von Jesus und seinen Aposteln, die sich über ein widerliches Hunde-Aas vor den Toren Jerusalems beklagten, der Herr immerhin ergänzte: "Die Zähne sind wie Perlen weiss."

    So "bewundert" wohl auch die Muttergottes noch den elendesten von uns Menschen.

    Unbestritten aber bleibt, dass die Formulierung bei Bischof Bonnemain jenseits von Gut und Böse ein Beispiel bleibt, dass beim allzu häufig anzutreffenden Formulieurungsniveau heutiger Kirchenfunktionäre die Predigt vielfach besser ausgelassen würde und man sich beim Gottesdienst auf die saubere Wiedergabe der liturgischen Vorgabe beschränken wollte. Möchte indes auch diese Bemerkung nicht pauschalisieren. Letzten Freitag auf der Alp Brüdern im Entlebuch hielt der Pallotiner-Pater Adrian Willi an einer Stätte, wo dieser Festtag seit Jahrhunderten würdig begangen wird, eine vorzügliche Marienpredigt mit dem Magnficat im Zentrum. Der gut besuchte Abendgottesdienst im Freien bewirkte jedoch, dass im Gegensatz zu Zeiten vor absurden Gottesdienstreformen Leute mit vollem Bauch und allenfalls auch Übermass des Trinkens die Kommunion empfingen, weswegen ein Gläubiger fast unmittelbar nach dem Kommunionempfang erbrechen musste, in meiner unmittelbaren Nähe, der Strahl des Erbrechens ging knapp an mir vorbei. In früheren Zeiten wäre wohl eine mutmasslich gekotzte Hostie Gegenstand eines Buss-Rituals geworden, jedenfalls als Schändung des Gottesdienstes empfunden. Persönlich empfinde ich eine solche Episode fast noch unwürdiger und im Prinzip (weniger persönlich zu nehmen) skandalöser als verunglückte Formulierungen in Predigten, so weit letztere nicht absichtlich oder bloss aus Dummheit erfolgten. Letzteres wäre indes zumal bei einem hohen Prälaten sehr zu bedauern.