Die Pilger aus dem Bistum Lugano auf dem Weg zur Basilika in Pavia. (Bild: Kathrin Benz)

Kirche Schweiz

Bis­tums­wall­fahrt Lugano zu Augus­ti­nus nach Pavia

Die tra­di­tio­nelle Pfingst-​Wallfahrt des Bis­tums Lugano führte ges­tern Mon­tag, 25. Mai, nach Pavia. Im Extra­zug reis­ten rund 260 Pil­ge­rin­nen und Pil­ger aus dem Tes­sin in Beglei­tung von Weih­bi­schof Alain de Raemy in die Stadt gut 30 Kilo­me­ter süd­lich von Mai­land, in der die Gebeine des hei­li­gen Augus­ti­nus (354−430) ruhen.

«Wir machen diese Wallfahrt, um gemeinsam den heiligen Augustinus besser kennenzulernen», sagte der Apostolische Administrator zur Begrüssung der Pilgerschar, «weil er uns durch Papst Leo XIV. etwas näher gerückt ist». Papst Leo XIV. gehört seit 1977 dem Augustinerorden an und wird am kommenden 20. Juni in Pavia erwartet, um am Grab seines grossen Vorbildes zu beten. Die Gebeine des Kirchenlehrers befinden sich in einem prachtvollen marmornen Reliquienschrein in der Basilika San Pietro in Ciel d’Oro (Petrus im Goldenen Himmel). Allerdings wird das Grabmonument jetzt gerade für den Papstbesuch herausgeputzt und ist hinter Stoffbahnen verborgen.

In der Basilika feierte der Apostolische Administrator des Bistums Lugano in Begleitung von über 15 mitgereisten Priestern und Seminaristen die Heilige Messe. In seiner Predigt kam Weihbischof de Raemy auf die Menschen zu sprechen, die für den späteren heiligen Augustinus entscheidend waren. Dazu gehört allen voran seine Mutter Monika, eine Christin, die für ihren Sohn zuerst sehr mondäne Karriere-Pläne hatte, gleichzeitig aber darunter litt, dass ihr hochbegabter Sohn nicht christlich lebte. Er führte ein ausschweifendes Leben, hatte eine langjährige Geliebte, einen unehelichen Sohn, der mit 17 starb, und schloss sich neun Jahre lang der häretischen religiösen Bewegung der Manichäer an.

Heilige Monika und Ambrosius
Augustinus war in Hippo (heute Annaba in Algerien) aufgewachsen und gelangte nach Mailand, weil er dort eine angesehene Stelle als Rhetoriklehrer am kaiserlichen Hof erhielt. Mailand war damals Residenzstadt des weströmischen Kaisers und ein wichtiges intellektuelles und politisches Machtzentrum. Monika folgte ihrem Sohn und betete für seine Bekehrung. Damals predigte in Mailand der berühmte Bischof Ambrosius (339–397), dem immer mehr Menschen folgten. Augustinus wollte sich ihn anhören, um ihn mit Argumenten in die Enge zu treiben, aber das Gegenteil geschah: Er war zunehmend beeindruckt von der magistralen Beweisführung des Ambrosius, welcher Glaube und Philosophie nicht als Widerspruch sah. Mit 32 Jahren liess sich Augustinus in der Osternacht von seinem geistigen Lehrer taufen, kehrte nach dem Tod der Mutter nach Hippo zurück und wurde Priester. Obwohl er lieber zurückgezogen gelebt hätte, wurde er Bischof von Hippo, wo er mit 75 Jahren starb, kurz bevor die Stadt den Vandalen zum Opfer fiel.
 


Augustinus, eine epochenübergreifende Geistesgrösse, hinterliess ein umfangreiches theologisches und philosophisches Werk, das zur Grundlage des abendländischen Christentums wurde. Am bekanntesten sind seine zur Weltliteratur zählenden autobiografischen «Bekenntnisse». Er schrieb auch vom Gottesstaat, von der Dreieinigkeit oder über die Bibelauslegung in «De doctrina christiana». Dabei unterstrich er immer wieder die vordringliche Bedeutung der Demut, was bedeutet, die eigenen Grenzen anzuerkennen und sich willentlich und wissentlich der Gnade Gottes hinzugeben.

Weg nach Pavia
Im Zuge der Vandalen-Wirren in Nordafrika brachte man die Gebeine des verehrten Kirchenvaters nach Sardinien in Sicherheit. Als Sardinien von den Sarazenen überfallen wurde, nutzte der Langobarden-König Liutbrand (685–744) im Jahre 772 die Gelegenheit, die Überreste des Heiligen nach Pavia in Sicherheit zu bringen, das damals die Hauptstadt seines Reiches war. So konnte er zugleich seine Stadt durch die Präsenz von Reliquien eines grossen Heiligen aufwerten. Allerdings versteckte er die Reliquien so gut, dass sie erst Jahrhunderte später gefunden wurden.

Heute ist das Reliquiar in der sogenannten Augustinus-Arche in der Basilika ausgestellt, einem imposanten Marmor-Schrein aus dem 14. Jahrhundert. Das Grabdenkmal gehört zu den wertvollsten gotischen Bildhauerarbeiten Italiens.

Kern der augustinischen Spiritualität ist eine Lebensweise, die auf Innerlichkeit, Gemeinschaft und Gnade gründet. Das zentrale Motto lautet «Kehre in dein Herz zurück», denn nur dort kann der Mensch den wahren Frieden finden, weil dort Gott wohnt. Das Zusammenleben in Einheit beruht auf Demut, Liebe, dem Zusammenspiel von Glaube und Vernunft und auf der aktiven Liebe zu Gott und den Nächsten. In seiner Predigt sagte Weihbischof de Raemy: «Augustinus erinnert uns an die Präsenz Gottes tief in unserer Seele. Wir brauchen uns nicht zu fürchten, Er ist da.» Die Eucharistie ist der Ort, an dem wir Gott in uns erfahren können. Und er schloss mit einer Anekdote des Augustinus aus dessen autobiografischen «Confessiones»: «Du warst in meinem Inneren, aber ich war draussen.» Gott wohnt in uns – auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen – und kennt uns besser als wir selbst. Und er wartet.


Kathrin Benz

Kathrin Benz, Jahrgang 1963, ist Schweizer Journalistin und Autorin und lebt im Tessin.


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