Plakat für das Konzert vom 28. Juni 2026 in San Vittore GR.

Kirche Schweiz

Bünd­ner Kom­po­nist Renato Maranta fei­ert Comeback

In San Vit­tore (Misox) GR fand ges­tern Abend eine Welt­pre­miere statt: In der voll­be­setz­ten Kir­che «Col­le­giata dei Santi Gio­vanni Bat­tista e Vit­tore» wur­den erst­mals vier­stim­mige Volks­lie­der des Puschla­ver Kom­po­nis­ten Renato Maranta vor­ge­tra­gen. In sei­nen Kom­po­si­tio­nen mit eige­nen Tex­ten aus der Zeit um den Zwei­ten Welt­krieg erzählt der Musi­ker vom Leben in Ita­lie­nisch­bün­den, von der gelieb­ten Berg­welt, von Arbeit, Liebe, Glau­ben und Frei­heit. Das Kon­zert endete mit einer Stan­ding Ovation.

Obwohl der junge Komponist aus dem Puschlav von der Fachwelt gelobt wurde, geriet Renato Maranta (1920–1954) bald in Vergessenheit. Höchstens einige lokale Gesangsvereine nahmen ab und zu eines seiner Lieder in ihr Repertoire auf. Das soll sich nun ändern. Anlässlich seines 100. Geburtstages im Jahr 2020 stellten Fachleute mit Unterstützung der «Pro Gigioni italiano» die musikalischen Werke von Renato Maranta im Liederbuch «Canzoniere del Grigioni italiano di Renato Maranta» zusammen und publizierten 2022/23 drei Bände mit vertiefenden Texten zum Leben und Werk des Bündner Künstlers.

«Das Besondere an Renato Maranta ist die Tatsache, dass er auch die Liedtexte selbst gedichtet hat», erklärt die Kuratorin des «Canzoniere», die Tessiner Musikwissenschaftlerin Anna Ciocca Rossi dem zahlreichen Publikum zwischen den Liederblöcken. Der «Coro Renato Maranta» mit 32 Sängerinnen und Sängern aus verschiedenen Chören der italienischsprachigen Schweiz steht unter der Leitung von Andrea Cupia, einem bekannten Hornisten, Dirigenten und Gründer verschiedener Orchester.

In seinen Liedern in italienischer Sprache beschreibt Renato Maranta die Welt, in der er aufgewachsen ist: die Holzbrücke in den Bergen, die Wellen des Sees in Le Prese, das Fischerboot, die Kühe, den Sonnenuntergang. «Komm zurück, mein Herz, im Vertrauen! Kurz ist die Reise des Sterblichen, doch jener Strahl auf dem Bergrücken erscheint am Morgen wieder.» Immer schwingt der Widerhall des Göttlichen mit, auf den die Natur zeigt.
 


Er erzählt von den Käsern, den Bauern, die mit der Sense unermüdlich die Wiesen mähen. «Die Welt soll wissen, dass nicht das Gold, sondern der Verstand zählt. Und was uns antreibt, ist ein starker Wille», ertönt es. Natürlich sind da auch die schönen Mädchen aus dem Misox, die Trauben ernten und sich über die Serenaden der jungen Burschen unter dem Balkon erfreuen, bis die Mutter diese mit einem Kübel Wasser verjagt. Die Mädchen lachen sie aus: «Du denkst immer nur ans Geld!», schimpfen sie. «Auf dass die wahre Liebe siege!»

Aber die Bergwelt ist hart. «Nur wer sich beim Aufstieg auf die Lippen gebissen hat, kann mit feinen Feilen die göttlichsten Reime schmieden.» Renato Maranta schildert die tiefe Religiosität seines Volkes, das die Gottesmutter verehrt, und natürlich besingt er Weihnachten: Wie an den Treppen ein Licht aufgestellt wird, aber nicht für die Menschen, sondern um dem Christkind den Weg zu leuchten.

Den Abschluss des Konzerts in San Vittore bildete ein Lied, das im Krieg entstanden ist, in einer Ecke der Schweiz, die von faschistischen Nachbarn eingekesselt war. Auch Renato Maranta selbst hatte Wehrdienst geleistet, es war eine Zeit der Angst und des trotzigen Widerstands: «Auf Graubünden, Kameraden, lasst uns die Freiheit besingen […] Nie werden wir Fesseln ertragen NEIN, NIEMALS! Solange ein Herz in uns schlägt.»

Er soll nicht vergessen werden
«Heute zeigt sich: Graubünden besass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Komponisten von bemerkenswerter Eigenständigkeit», schreibt der Historiker und Philologe Paul Widmer im Bündner Jahrbuch 2026. Er bemüht sich seit Jahren um die wissenschaftliche Aufarbeitung und Bekanntmachung Marantas (siehe Interview mit swiss-cath.ch) und gehört zu den Kuratoren der drei oben genannten wissenschaftlichen Bände. «Die Geschichte der Wiederentdeckung von Renato Maranta ist mehr als eine musikhistorische Episode. Sie erinnert daran, wie leicht kulturelles Erbe verloren gehen kann – und wie wichtig Menschen sind, die bereit sind, danach zu suchen.» Renato Maranta sei ein Beweis dafür, dass grosse Kunst auch in abgelegenen Tälern entstehen kann.
 


Renato Maranta wurde 1920 in Poschiavo als neuntes von vierzehn Kindern geboren. Musik begleitete ihn von klein auf, denn sein Vater Riccardo war nicht nur Schneider und Lehrer, sondern auch Organist. Von ihm erlernte er die Grundlagen der Kirchenmusik. Die Familie war sehr religiös: Ein Halbbruder Renato Marantas wurde Erzbischof in Tansania, ein anderer Priester in San Vittore – in jener Kirche, in der das gestrige Konzert stattfand. Auch Renato versuchte den Eintritt ins Priesterseminar, hielt es aber nicht lange aus. Sein Lebensweg war unglücklich, von existentiellen Dramen gezeichnet. Er wurde Soldat, Student am Konservatorium, Organist, Musikpädagoge, Katechet und Musikverleger.

Seiner Heimatregion blieb er stets verbunden und leitete Gesangskurse im Puschlav und im Engadin. Den Schwerpunkt seines Schaffens bildete die Kirchenmusik. Seine Musik wirkt feierlich, klar und unmittelbar. Sie ist Ausdruck von einem tiefen Glauben, vertritt aber zugleich humanistische Werte und kann – namentlich in der 1942 entstandenen «Messa Cristo Re» – als musikalisches Zeichen gegen Gewalt und die Diktaturen seiner Zeit verstanden werden.

Er arbeitete unablässig, pflegte enge Beziehungen zu bedeutenden Musikern und Musikwissenschaftlern seiner Zeit. Seine Werke wurden im Radio ausgestrahlt und von Fachleuten gelobt, aber der wirtschaftliche Erfolg und breitere Bekanntheit blieben aus, was ihn immer wieder in Depressionen stürzte. Er verbrannte sogar Teile seiner Werke. Mit nur 34 Jahren verstarb er 1954 bei einem Klinikaufenthalt in Chur an Herzversagen.

Mit seinem frühen Tod geriet ein grosser Teil seines Werks in Vergessenheit: Geplante Druckausgaben erschienen nie, viele Manuskripte blieben in Archiven oder im Familienbesitz. Aber nun wurde sein kompositorisches Erbe wiederentdeckt und als bedeutender Beitrag zur Kirchenmusik sowie zur Kultur des italienischsprachigen Graubündens neu gewürdigt.
 

Das Konzert des Coro Renato Maranta wird nochmals aufgeführt: Am 29. August 2026, 20 Uhr, in der Collegiata di San Vittore Mauro, Poschiavo Link


Kathrin Benz

Kathrin Benz, Jahrgang 1963, ist Schweizer Journalistin und Autorin und lebt im Tessin.


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