Holzschnitt von Thomas Becket und König Heinrich. (Bild: Lex McKee/Flickr, CC BY-NC 2.0)

Hintergrundbericht

Can­ter­bury: Wo die Kir­che dem Staat die Stirn bot

Mit Can­ter­bury ver­bin­den wir Augus­ti­nus von Can­ter­bury, den Apos­tel der Angel­sach­sen, oder den berühm­ten Theo­lo­gen und Kir­chen­leh­rer Anselm von Can­ter­bury. Die Stadt im Süd­os­ten Eng­lands hat gleich drei Kir­chen, die zum UNESCO-​Weltkulturerbe gehö­ren: Die Kathe­drale (Christ Church), die Abtei St. Augus­ti­nus und die St. Martins-​Kirche, die älteste unun­ter­bro­chen genutzte Kir­che des Landes.

Canterbury im Südosten Englands war seit dem Frühmittelalter neben York das kirchliche Zentrum Englands. Beda Venerabilis berichtet, wie Papst Gregor I. dem römischen Mönch Augustinus den Auftrag gab, England zu missionieren. 597 erreichte Augustinus mit einer Gruppe von fast 40 Mönchen das Königreich Kent, wo sie von Æthelberht und seiner Gemahlin Bertha freundlich empfangen wurden. Königin Bertha war die Tochter des christlichen Frankenkönigs Charibert I; die Eheschliessung mit Æthelberht war an die Bedingung geknüpft worden, dass sie ihre Religion ausüben durfte. Die Kirche St. Martin ist deshalb die älteste Kirche im englischsprachigen Raum, in der seit 580 ununterbrochen christliche Gottesdienste stattfinden.

Augustinus legte den Grundstein für die Christ Church, seinen Kathedralsitz, und die ausserhalb der Stadt gelegene Kirche St. Peter und Paul, die zum neu gegründeten Benediktinerkloster gehörte und später dem Gründer gewidmet wurde (St. Augustin).

1087 brannte Christ Church unter mysteriösen Umständen nieder. Sie wurde von Erzbischof Lanfrank von Bec OSB und dann von seinen Nachfolgern – darunter Anselm von Canterbury OSB (1093–1109) – wieder aufgebaut und 1130 eingeweiht.

Machtkampf zwischen Erzbischof und König
Am 3. Juni 1162 empfing der Lordkanzler Thomas Becket die Bischofsweihe und wurde als Erzbischof von Canterbury auch Primas von England. Danach legte er gegen den Willen des Königs das Amt des Lordkanzlers nieder. Er und König Heinrich II. hatten schon früher unterschiedliche Meinungen in Bezug auf die Kirche und deren Rechte gehabt. Bereits nach einem Jahr kam es zwischen den beiden zu einem grossen Streit darüber, welches Gericht für straffällig gewordene Kleriker zuständig ist. Nachdem der Erzbischof zunächst nachgab, zog er später seine Zustimmung zu einem Dokument des Königs zurück. Thomas Becket wurde vom königlichen Hofgericht daraufhin als Verräter und Meineidiger verurteilt. In der Nacht des 13. Oktober 1164 floh der Erzbischof nach Frankreich. Es folgten Verhandlungen zwischen dem Papst und Erzbischof Becket mit dem König, doch es konnte keine Einigung erzielt werden. Schliesslich kehrte Thomas Becket im Dezember 1170 nach Canterbury zurück, wo er von der Bevölkerung begeistert empfangen wurde. Doch die Spannungen mit dem König hatten zugenommen, da der Erzbischof kurz vor seiner Rückreise alle Bischöfe exkommuniziert hatte, die an der Krönung des Thronfolgers beteiligt waren; dies, weil sie das traditionelle Vorrecht des Erzbischofs von Canterbury, die englischen Könige zu krönen, missachtet hatten. Heinrich II. bekam einen Wutanfall. «Wer befreit mich von diesem aufrührerischen Priester?», soll der Regent getobt haben. Dies interpretierten vier anwesende Ritter als königlichen Mordauftrag: Am 29. Dezember 1170 drangen sie in die Kathedrale von Canterbury ein und erschlugen Erzbischof Thomas Becket am Altar.
 


Einer der wichtigsten Wallfahrtsorte im Mittelalter
Schon bald geschahen erste Heilungswunder und bereits am 21. Februar 1173 wurde Thomas Becket durch Papst Alexander III. heiliggesprochen. Der Papst verlangte von Heinrich II, dass er in der Kathedrale von Canterbury eine ganze Nacht am Grab von Thomas Becket auf den Knien liegend beten soll. Der König machte danach eine Kehrtwendung und pries von nun an Thomas Becket als seinen persönlichen Schutzpatron. Der Leichnam des Heiligen wurde in einen Schrein umgebettet.

Die Verehrung des heiligen Erzbischofs verbreitete sich schnell und Canterbury wurde zu einem der wichtigsten Pilgerzentren Europas. Geoffrey Chaucers «Canterbury Tales», geschrieben im späten 14. Jahrhundert, veranschaulichen die enorme Bedeutung Canterburys im mittelalterlichen England. Das Buch besteht aus Geschichten einer Gruppe von Pilgern, die eine Pilgerfahrt nach Canterbury unternehmen.

Die Wallfahrt nach Canterbury endete mit der Auflösung der Klöster während der Reformation im Jahr 1538. Der letzte katholische Erzbischof von Canterbury war Thomas Cranmer (1533–1556), der sich dann der Reformation anschloss. Während seiner Amtszeit wurde der Schrein von Thomas Becket zerstört (1538), dessen Gold, Silber und Schmuck – ursprünglich von Pilgern gestiftet – von Heinrich VIII. geplündert. Heute befindet sich an der Stelle des Schreins eine einfache brennende Kerze; im Boden sind Vertiefungen zu sehen, die durch die Knie betender Pilger im Laufe von 850 Jahren entstanden sind.
Durch die Abspaltung der Katholischen Kirche in England von Rom durch Heinrich VIII. ging die Kathedrale an die «Church of England».

Ältester Pilgerweg nach Rom
Canterbury war aber nicht nur einer der vier Hauptwallfahrtsorte im Mittelalter (neben Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela), sondern ist auch Ausgangsort der Via Francigena, die von Canterbury nach Rom an die Gräber des heiligen Petrus und des heiligen Paulus führt. Genau genommen werden unter dem Begriff «Via Francigena» (Frankenstrasse) sämtliche Pilgerwege, die über das ehemalige Frankenreich nach Rom führen, zusammengefasst.

Vermutlich begannen die Pilgerreisen an die Apostelgräber in Rom mit der «Mailänder Vereinbarung», mit welcher der Westkaiser Konstantin und der Ostkaiser Licinius 313 die Religionsfreiheit einführten. Die Pilgerinnen und Pilger konnten dabei das gut ausgebaute römische Strassennetz und die vielen Herbergen auf dem Weg benutzen. Entlang der Via Francigena entstanden Kathedralen, Klöster und Hospize.

876 wird die Via Francigena von Canterbury nach Rom erstmals schriftlich erwähnt. Genaue Angaben zu diesem Weg lieferte Sigerich der Ernste in seinem Itinerar. Er war 990 zum Erzbischof von Canterbury ernannt worden und reiste im gleichen Jahr nach Rom, um dort das Pallium aus den Händen des Papstes entgegenzunehmen. Seinen Rückweg, den er in 80 Etappen mit je rund 20 Kilometern zurücklegte, dokumentierte er gewissenhaft.

Der Weg führte von Canterbury über Calais, Arras, Reims, Besançon nach Lausanne und Saint-Maurice, über den Grossen St. Bernhard, durch das Aostatal weiter nach Piacenza, Parma, Lucca, Siena, Viterbo und schliesslich auf den Petersplatz in Rom.

Wiederbelebung durch ehemalige Schweizergardisten
Die «Via Francigena» geriet lange in Vergessenheit. Der Aufschwung der Jakobsweg-Wallfahrten in den 1990er-Jahren führte auch zu einer Neubelebung des ältesten Pilgerweges Europas.

Anlässlich des 500-jährigen Bestehens der Schweizergarde im Jahr 2006 unternahmen rund 100 ehemalige Gardisten einen Gedenkmarsch von Bellinzona nach Rom auf dem historischen Pilgerweg der «Via Francigena». Nach 28 Tagen und 723 Kilometern erreichten sie ihr Ziel. Dies hat die Popularität des Weges besonders in der Schweiz gefördert.
 

Route der Via Francigena in der Schweiz (Waadt/Wallis)
Ballaigues – Orbe – Cossonay – Lausanne – Vevey – Aigle – Saint Maurice – Martigny – Orsières – Bourg-St-Pierre – Grosser Sankt Bernard


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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Bemerkungen :

  • user
    Stefan Gemperli 09.09.2025 um 17:40
    Ein schöner Artikel. Canterbury ist ein wundervoller Ort. Noch eine kleine Korrigenda: Ob man Cranmer als katholischen Erzbischof von Canterbury bezeichnen kann, scheint mir, diskutabel denn er war ein Anhänger der Reformation. Cranmers Nachfolger allerdings, Kardinal Reginald Pole, war tatsächlich dann der letzte klar katholische Erzbischof. Er regierte während des kurzen katholischen Intermezzos unter Maria Tudor.
  • user
    Martin Meier-Schnüriger 09.09.2025 um 16:27
    An die Stelle der Monarchen sind heute selbsternannte Gremien getreten, deren Ziel aber immer noch dasselbe ist: die Kirche zur willfährigen Vasallin zu machen. Und heute wie damals gibt es Bischöfe und Priester, die - sei es aus Furcht oder aus Gründen der Opportunität - dieses Spiel mitspielen und andere, die sich dem Machtanspruch verweigern und treu zur Kirche stehen. Nil novi sub sole!