Seliger Carlo Acutis. (Bild: © Associazione Carlo Acutis)

Weltkirche

Carlo Acu­tis: die Stimme sei­ner Eltern

Am 27. April wird in Rom der «Cyber-​Apostel» oder «Influ­en­cer Got­tes» Carlo Acu­tis, der 2006 mit 15 Jah­ren an Blut­krebs starb, hei­lig­ge­spro­chen. Seine Eltern Anto­nia Sal­zano und Andrea Acu­tis wer­den an der Zere­mo­nie anwe­send sein.

Wie ist es wohl für Eltern, wenn der eigene Sohn heiliggesprochen wird? Am 27. April werden Andrea Acutis und seine Frau Antonia Sanzano in Rom der Heiligsprechung ihres Kindes, das 2006 mit 15 Jahren an Leukämie starb, beiwohnen. Sie, Römerin, die früher im Verlagswesen arbeitete, er Turiner Investmentbanker aus gutbürgerlicher Familie, der gerade in London arbeitete, als 1991 auch Sohn Carlo zur Welt kam. Bald danach zog die Familie nach Mailand, wo das gutmütige und lächelnde Kind mit Bediensteten und Kindermädchen aufwuchs. Besonders prägend war das polnische Au-pair-Mädchen Beata, die den kleinen Buben fast täglich zur Heiligen Messe mitnahm.

In ihren zahlreichen Büchern, Interviews und Konferenzen erzählen die Eltern Acutis, ihr Sohn sei eigentlich ein ganz gewöhnlicher «Millennial»[1] gewesen, der Fussball, Actionfilme und Computerspiele geliebt habe. Aber an diesem Kind war nichts «gewöhnlich». Er war zweifelsohne hochbegabt, sagte mit drei Monaten sein erstes Wort und konnte mit fünf Monaten sprechen. Besonders ungewöhnlich war die enorme Anziehungskraft, die Kirchen und Tabernakel auf den Jungen ausübten. Er lebte im Sog der Eucharistie. Schon früh las er die Bibel und nach seiner Erstkommunion im Alter von sieben Jahren besuchter er jeden Tag die Heilige Messe.

Ausstellung über Eucharistische Wunder
Trotz seiner Religiosität und Intelligenz mochten ihn die anderen Kinder, auch wenn er manchmal an der Schule unpopuläre Positionen vertrat, wie beispielsweise zur Abtreibung. Aber er war mit den Schwächeren solidarisch, merkte, wenn jemand an der Schule gemobbt wurde oder traurig war und ging gezielt auf diese Kinder zu, um mit ihnen Freundschaft zu schliessen. Als Einzelkind wohlhabender Eltern hätte er sich modebewusst anziehen und viele coole Dinge kaufen können, aber er verschenkte sein Taschengeld regelmässig an Obdachlose und Bedürftige und bettelte von den Eltern noch mehr Geld zusammen. Als Computerfreak erstellte er mit elf Jahren eine digitale Ausstellung über Eucharistische Wunder aus der ganzen Welt, die er minutiös recherchiert hatte und mit der er berühmt wurde.

Während Vater Andrea aus einer halbwegs praktizierenden Familie stammte, konnte die Mutter Antonia nichts mit Religion anfangen. Sie kam aus einem fortschrittlich-intellektuellen Elternhaus und sei viermal im Leben in der Kirche gewesen, erzählt sie: Taufe, Erstkommunion, Firmung, Hochzeit. Als ihr kleiner Sohn ihr immer mehr Fragen über Gott stellte, konnte sie nicht antworten. Sie habe nicht einmal den Unterschied zwischen Evangelium und Bibel gekannt, was ihr mit der Zeit peinlich wurde.

Als ihr Vater unerwartet starb, sei aber auch sie der Religion nähergekommen. Eine Frau aus der Nachbarschaft habe ihr von einem Priester erzählt, Pater Ilio Carrai, dem «Pater Pio von Bologna». Sie habe ihn kontaktiert, und er habe in Carlo etwas Besonderes erkannt und ihr geraten, Theologie zu studieren. Von da an begann ihr Weg zur Bekehrung. Heute geht auch sie täglich zur Messe und reist mit ihrem Mann durch die halbe Welt, um Vorträge über den aussergewöhnlichen Glauben ihres Sohnes Carlo zu halten und seine Mission, den Menschen die Sakramente näherzubringen, weiter zu verbreiten.
 

 


Heilig werden: Nein danke
Bevor der 15-Jährige 2006 an Leukämie starb, war er gerade dabei, eine Ausstellung über die Visionen der Hölle von Fatima zusammen zu stellen. Schon als kleiner Junge hatte er zu seiner Mutter gesagt, er habe den verstorbenen Grossvater im Fegefeuer gesehen, und dass er Gebete brauche. Antonia war damals erstaunt, wusste aber, dass Carlo nicht log.

Carlo war überzeugt, dass der Mensch zum Glück in Gott berufen ist, zur «Heiligkeit». Traurigkeit komme daher, dass man nur auf sich selbst schaue, Glück bedeute, auf Gott zu schauen. Der kürzeste Weg zum Glück seien die Sakramente, die Carlo «die Autobahn zum Himmel» nannte. Antonia sagt in all ihren Vorträgen mit ihrer festen, ruhigen Stimme und dem Römer Akzent, heute wolle von den jungen Menschen niemand mehr «heilig» sein, das sei nicht modern. Aber Carlo habe nur dies gewollt.

Nach seinem Tod wirkte Carlo Acutis viele Wunder. Das erste war vermutlich, als er seiner Mutter im Traum erschien und ihr prophezeite, sie würde nochmals Kinder bekommen. Tatsächlich gebar sie mit 44 Jahren die Zwillinge Michele und Francesca, die heute vierzehn Jahre alt sind. Jeden Tag erhalten die Eltern Nachrichten von wundersamen Ereignissen, die auf Fürbitte ihres Sohnes geschehen. Das letzte anerkannte Wunder, das zur Heiligsprechung Carlos geführt hat, war die Heilung einer jungen Frau, die durch einen Velounfall schwerste Kopfverletzungen erlitten und keine Chancen auf Genesung hatte, im Jahr 2022.

In einem Zeitungsinterview spricht der sonst eher wortkarge Vater Andrea zu den jungen Leuten: «Wählt ein positives Ideal und verfolgt es bis zum Ende. Es wird viele verschlungene Wege auf eurem Weg geben. Niederlagen, Schmerzen, aber haltet durch.» Und im neuesten Buch von Antonia und Andrea mit dem Titel «Nostro figlio Carlo Acutis» (Unser Sohn Carlo Acutis, BUR, März 2025) richtet er sich an Eltern: «Für viele Eltern scheint es eine Mission impossible zu sein, ihren Kindern den Glauben weiterzugeben. Da unsere Welt gegen das Evangelium rudert, verliert man leicht den Mut. Besonders wenn man zu sehr auf sich selbst vertraut und nicht auf Gott. Wenn man ihn nicht um Hilfe bittet, ist alles unbefriedigend. Wir dürfen uns nicht von unseren Grenzen und Fehlern entmutigen lassen, sondern darauf vertrauen, dass Gott alles möglich ist. Bitten wir doch Jesus. […] Gott liebt jeden von uns persönlich und weiss, was wir brauchen.» Die Eltern Acutis sind bei ihrem Sohn in die Lehre gegangen.

 

Nachtrag am 22. April 2025: Wie das vatikanische Presseamt am Ostermontag bekanntgab, wird die Heiligsprechung des seligen Carlo Acutis wegen des Todes von Papst Franziskus verschoben. Ein neuer Termin wurde nicht genannt.

 


[1] «Millennials» bezeichnet die Generation, die im Zeitraum der frühen 1980er- bis zu den späten 1990er-Jahren geboren wurde.


Kathrin Benz

Kathrin Benz, Jahrgang 1963, ist Schweizer Journalistin und Autorin und lebt im Tessin.


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Bemerkungen :

  • user
    Meier Pirmin 21.04.2025 um 10:57
    Meines Erachtens wäre es richtig, falls es nicht sowieso praktiziert wird, die Heiligsprechung angesichts des Todes von Papst Franziskus auf den Beginn des Pontifikates des neuen Papstes zu verschieben. Die Heiligsprechung eines Jugendlichen könnte sogar Anlass sein zu Perspektiven, die zwar, wie man weiss, dann leicht wieder enttäuscht werden können, siehe die einstigen Hoffnungen auf Papst Franziskus, dessen Tod aber mit Recht echte Betrübnis auslöst und nicht primär mit kritischen Bemerkungen kommentiert werden sollte. RIP.
    • user
      Meyer 21.04.2025 um 17:59
      Das Datum der Heiligsprechung von Acutis wird bis auf Festsetzung eines neuen Datums verschoben, so eine offizielle Mitteilung.