Der Beitrag erschien zuerst auf Corrigenda
«Wenn die Leute aufhören, miteinander zu sprechen, fangen wirklich schlimme Dinge an: Wenn Eheleute nicht miteinander sprechen, kommt es zur Scheidung, und wenn die Gesellschaft nicht mehr miteinander spricht, folgt der Bürgerkrieg. Wenn man mit jemandem nicht einer Meinung ist und den zwischenmenschlichen Kontakt mit ihm abbricht, wird es sehr viel einfacher, ihm Gewalt antun zu wollen», spricht Charles James «Charlie» Kirk im Nachhinein prophetisch in einem Video, das zurzeit in sozialen Medien die Runde macht.
Kirk wusste um die Radikalität seiner Gegner in einem sich immer weiter verengenden Diskurs an Amerikas Universitäten. «Im Kern ist der Linke jemand, der das Schwert benutzen würde, wenn er es hätte», sprach er in einem seiner Podcasts. «Weil sie nicht diskutieren können, weil sie uns nicht schlagen können, werden sie zur Waffe greifen.»
Er war sich trotzdem nie zu schade, menschliche Nähe aufzubauen und das Gespräch zu suchen, und zog dafür in den USA von Campus zu Campus. Die meisten seiner auf TikTok, Instagram und Co. geteilten Videos zeigen so auch eine immer ähnliche Szene: Kirk sitzt in seinem Pavillon und diskutiert mit Studenten, die ein Auditorium um das Zelt bilden und von einem davor aufgestellten Mikrofon zu ihm sprechen. Sass Kirk auf seinem Klappstuhl anfangs ziemlich allein auf weiter Flur, scharten sich zuletzt Massen um seine «Outreachs» der anderen Art.
Dass diese Diskussionen gerne mal kontrovers und hitzig abliefen, darf bei einem Account mit Millionenreichweite nicht überraschen – geklickt wird bekanntlich, was triggert: egal ob zu Begeisterungsstürmen oder spontanen Wutanfällen. Über acht Millionen Menschen folgten Charlie Kirk auf TikTok, knapp sechs Millionen auf X und neun Millionen auf Instagram.
Charlie Kirk war damit einer der wichtigsten konservativen Influencer Amerikas, den US-Präsident Donald Trump zu Recht als denjenigen bezeichnet hatte, der Amerikas Jugend für die «Make America Great Again»-Bewegung (MAGA) gewann. Doch welche «Follower» ihm weit wichtiger waren, verriet Kirk noch zwei Tage vor seiner Ermordung gegenüber «The Ingraham Angle», einer Talkshow des konservativen US-Senders Fox News.
«Kinder haben ist wichtiger als eine gute Karriere. Ich habe zwei Kinder und auch eine wahnsinnig gesegnete Karriere, unser Podcast läuft gut, aber meine Kinder sind weit wichtiger als die Frage, wie viele Social-Media-Follower ich habe», sagte Kirk dort. Und gab jungen Frauen sogleich den Rat, das Zeitfenster zwischen 20 und 40 vorrangig Eheschliessung und Familiengründung zu widmen. «Ihr könnt immer noch später in eure Karriere zurückkehren.»
Seine beiden drei- und einjährigen Kinder müssen nun als Halbwaisen aufwachsen. Aber auch Kirks eigene Laufbahn verlief ganz anders als die der Studenten, mit denen sich Kirk auf den Universitätscampi von Stanford bis Harvard seine Schlagabtausche lieferte. Nachdem ein Artikel im rechtsalternativen Onlinemedium Breitbart News über linke Indoktrination an Schulen viral gegangen war, wurde Kirk noch als Schüler zu Fox News eingeladen.
Das wiederum bescherte ihm die Einladung zu einem lokalen College, wo er auf seinen Förderer Bill Montgomery stiess. Beeindruckt von Kirks Redetalent riet der mittlerweile verstorbene Marketing-Unternehmer ihm davon ab, aufs College zu gehen. «Du musst eine Organisation gründen, um damit junge Menschen mit deiner Botschaft zu erreichen.» Einen Monat später gründeten Kirk und Montgomery gemeinsam «Turning Point USA» (zu deutsch etwa: Wendepunkt Amerika).
Mittlerweile hat sich die 2013 mit knapp 80 000 Dollar gestartete Non-Profit-Organisation in ein Unternehmen mit 85 Millionen Dollar Umsatz verwandelt. Seine sogenannten «Chapters» existieren mittlerweile an 3500 High Schools und Colleges und 850 US-Universitäten mit Hunderttausenden Mitgliedern, ohne dass Kirk selbst auch nur ein einziges Semester immatrikuliert gewesen wäre.
Ins argumentative Hintertreffen geraten ist Charlie Kirk dadurch während seiner unzähligen Campusauftritte selten – auch wenn man unterstellen darf, dass vor allem für ihn vorteilhafte Diskussionsabschnitte ihren Weg auf seine Kanäle fanden. Gerade weil seine «Prove me wrong»-Sessions so pointiert, so zugespitzt, so feurig und polemisch waren, bildeten sie für Freund wie Feind einen erfrischenden Gegensatz zu den sterilen «Debating Clubs» an Universitäten, die mit ihrer mechanisch einstudierten Gestik entlang enger Meinungskorridore kaum als Beispiel für eine wirklich offene Diskussionskultur gelten können.
Sowohl Charlie Kirk als auch seine Gegenüber sprachen, wie ihnen der Schnabel gewachsen war. Das war mal sachlich, mal polemisch, mal respektvoll, mal höhnisch, aber es war immer authentisch.
Immer wieder war dabei auch der Lebensschutz Thema, den er auch in den von Abtreibungsbefürwortern gerne bemühten Extremfällen hochhielt. «Das ist zwar elendig zugespitzt», antwortete Kirk einmal auf die Frage, ob er Abtreibung auch ablehne, falls seine eigene Tochter im Alter von zehn Jahren nach einer Vergewaltigung schwanger würde. «Aber die Antwort ist Ja, das Baby würde zur Welt kommen.»
Auch im letzten auf Kirks eigenem Instagram-Profil hochgeladenen Video debattiert Kirk mit einer Studentin, die behauptet, ein Baby würde ihre College-Laufbahn ruinieren. Schon bei der Wortwahl hakt Kirk ein und weist auf den Segen hin, den jedes Kind darstelle. Die im Folgenden genannten Argumente werden für die meisten Lebensschützer nichts Neues sein. Auf manch linksliberal dominiertem US-Campus dürfte es aber «nicht von dieser Welt» klingen, von Kirk darauf hingewiesen zu werden, dass jedem Geschlechtsakt auch die Möglichkeit einer Empfängnis innewohne und Sexualität am besten in der Ehe aufgehoben sei.
«It’s all about Jesus»
Dass Kirk so früh von dieser Welt scheiden würde, hätte er wohl nicht einmal in Anbetracht der aufgeheizten Polarisierung der US-amerikanischen Gesellschaft geahnt. Ganz unvorbereitet geht Kirk, der der charismatisch-evangelikalen Freikirche Calvary Chapel Association angehörte, aber nicht ins Jenseits. Auf die Frage, wie er eines Tages mal in Erinnerung bleiben wolle, antwortete er vor wenigen Wochen im Podcast «The Iced Coffee Hour»:
«Ich möchte wegen meines Mutes für meinen Glauben in Erinnerung bleiben. Das wäre das Wichtigste. Das Wichtigste in meinem Leben ist mein Glauben.»
Für einen Protestanten bemerkenswert war Kirks Zeugnis für die Jungfrau Maria: «Wir sprechen nicht genug über Maria, wir verehren sie nicht genug.» In der Gottesmutter sah er ein «phänomenales Vorbild», das es in der modernen Zeit wiederzuentdecken gelte, auch um dem «toxischen Feminismus» zu begegnen. Kirk war rechts, rechtskonservativ – vor allem anderen aber war der 31-Jährige ein Christ, der während seiner ungeskripteten, spontanen Diskussionen noch für jedes Gegenargument den passenden Bibelvers schriftgetreu zitieren konnte.
Das tödliche Attentat ist ein Mord an einem der bekanntesten Vertreter Amerikas christlicher Rechter, aber auch ein Schuss direkt ins Herz eines ohnehin angespannten Diskurses. In einem Land, in dem über die politischen Gräben immer mehr Freundschaften und Familien zerbrechen, wollte Charlie Kirk im Gespräch bleiben.
Nicht wie so viele andere Influencer, die als menschliche Werbefläche zum Gesprächsgegenstand werden, sondern als jemand, der den Wettbewerb um die besten Ideen aktiv aufnimmt. Dass nun ausgerechnet der zum Schweigen gebracht wurde, der sich allen Anfeindungen zum Trotz stets selbst in die Höhle des Löwen seines Gegners traute und den Kontakt auch zu dessen schrillsten Paradiesvögeln aufnahm, verspricht nichts Gutes.
Ein offener Pavillon eignet sich nicht als Gefechtsstand. Umso berührender ist es, dass Kirks Anhänger sich nun zu Gebet, Gesang und Nachtwachen versammeln, statt Feuer mit Feuer zu bekämpfen. «Radikalisierte Jugendliche», die einige deutsche Leitmedien nun aus ihnen machen wollen, sehen anders aus. Und für jemanden, der mundtot gemacht werden sollte, dürften Charlie Kirks Weisheiten noch länger nachhallen, als seinen Gegnern lieb ist.
Originalbeitrag auf «Corrigenda»
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Das aber mit den 20 000 Morden jährlich relativiert nicht einen einzigen Mord, am allerwenigsten, wenn bei öffentlichen Debatten mit Mord als Argument reagiert wird, das war leider auch bei der Erschiessung von M. Luther-King so. Obwohl es auch bei King Irrtümer gegeben hat, war er indes eine ganz andere Liga als Charlie Kirk, es bleibt aber bei beiden so, dass sie Symbol- und Identifikationsfiguren wurden, deren Ermordung sozusagen "einzelfallübergreifend" war und echte Massentrauer auslöste. Das gilt es zu akzeptieren. Es gilt auch zu akzeptieren, dass zum Beispiel der Nationalstaat, wie Sie schreiben, nicht den höchsten Wert darstellt, dass allerdings Landesverteidigung grundsätzlich wie auch überhaupt Patriotismus jenseits seiner Zerfallsform, dem nationalistischen Chauivinismus, einen positiven Wert darstellt. Objektiv wird dafür bei der militärischen Vereidigung immerhin im Grenzfall das Opfer des eigenen Lebens erwartet, letzteres gilt auch für die Staatsdiener der Polizei, wiewohl gerade in der Schweizer Polizeiethik von Heldenmut abgeraten wird, ausser es handelt sich um eine ganz gewaltige Gefährdung der öffentlichen Sicherheit.
Mit Ihnen stimme ich überein, dass der zwar im Detail manchmal durchaus instinktsichere Staatsmann Trump, sich als ethisches Vorbild nicht eignet und zumal nicht als argumentativ ernstzunehmender Grundsatzpolitiker gelten kann. Mit anderen Worten: Es wäre völlig falsch, ihn als Orientierungsgrösse zu sehen. Letztere Eigenschaft zeigten aber zum Beispiel Bundesrat Kurt Furgler einerseits und der belgische König Baudouin andererseits, als sie mal aus Gesinnungsgründen eine Abtreibungsvorlage der Bundesratsmehrheit nicht vertreten wollten (Furgler), es einem anderen überliessen, oder wie Baudouin, für einen Tag zurücktrat, um ein Gesetz gegen seine Gewissensüberzeugung nicht unterzeichnen müssen. Das war in beiden Fällen mehr als nur Symbolpolitik. Dabei war aber gerade Furgler kein besonders erfolgreicher Bundesrat, sein ethisch sauberes, grundsatzorientiertes Argumentieren und Begründen war im Einzelfall politisch "ungeschickter" als mehr schlitzohriges Argumentieren. Letzteres beherrschte der Appenzeller Bundesrat Koller 1999, als er die damalige Verfassungsreform als rein redaktionelle, verständnisorientierte Neuformulierung des bisherigen Bundesverfassungsrechts verkaufte, wiewohl jede sog. Neuformulierung neuen Interpretationsspielraum öffnet und auf jeden Fall in Sachen Bundesverfassung die Anpassung an internationales Recht potentiell erleichterte, wohingegen die früheren Verfassungen beispielsweise die Rechte der Kantone noch viel stärker betonten.
Wahr ist und bleibt, dass schlitzohrige Politiker schon immer durchschnittliche erfolgreicher waren als reine Grundsatzpolitiker. Galt nicht zuletzt auch für Staatsmänner wie Bismarck, Churchill und zumal auch den nur scheinbar braven Bundeskanzler Adenauer, von mir aus gesehen eines der interessantesten Beispiele eines noch echt christlich-konservativ orientierten Politikers von glaubwürdigem ethischem Niveau, was leider aber schon bei Franz Josef Strauss nicht mehr in gleichem Masse galt. Persönlich halte ich übrigens das Politisieren des von mir einst geschätzten CDU-Politikers Friedrich Merz für ethisch fragwürdiger, weil verlogener als Trump, der immerhin einigermassen durchzuführen trachtet, was er programmatisch versprochen hat. Sogar seine fragwürdige Zoll-Politik ist zumindest im gegenwärtigen Augenblick nicht gerade gescheitert, macht vorläufig den Eindruck von "schlitzohriger" Interessenpolitik, bei der der Präsident das Gesetz des Handelns in seinen Händen behält. Demgegenüber ist meines Erachtens "politischer Instinkt" in der Art von Koller oder Adenauer gegenwärtig nicht eine auffällige Stärke des Bundesrates, weder bei der Flugzeugbeschaffung noch bei den Verhandlungen mit Trump noch beim Umgang mit der Neutralität.
Weiter möchte ich auch davor warnen, Charlie Kirks Wirken zu glorifizieren. Ich habe einige seiner Auftritte im Internet gesehen und war nie beeindruckt von ihm. Natürlich war es sehr lobenswert und gut, dass er sich ür den Lebensschutz und gegen die Genderideologie einsetzte. In vielen Fragen vertrat er aber nationalistische Positionen, die sozialethisch meines Erachtens nicht mit der katholischen Lehre vereinbar waren. Vor allem konnte ich dem Format seiner Auftritte nichts abgewinnen, da die Debatten, die er führte, meist mit jungen Studenten stattfanden, deren Unwissen er blossstellen wollte. Ein Christ sollte der Wahrheit verpflichtet sein, nicht seinem Ego oder einer Ideologie. Wir haben in der katholischen Kirche wirkliche intellektuelle Vorbilder, die sich für die Wahrheit in den Bereichen Lebensschutz und Genderideologie einsetzen. Ich denke da an Christa Meves oder Gabriele Kuby. Die politische und auch kirchliche Kultur auf der anderen Seite des Ozeans ist für mich nicht vorbildhaft, sondern meist polemisch und reisserisch.
Wir erleben eher, dass Meinungen, die noch vor wenigen Jahren völlig normal „konservativ“ galten, heute als illegitim geframt werden sollen.
- „Eine Ehe besteht aus Mann und Frau“: homophob
- „Ein Land sollte sich in erster Linie um die eigenen Belange kümmern“: nationalistisch
- „Es gibt nur zwei biologische Geschlechter“: transphob
- „Abtreibung ist falsch“: Frauenhass
An den Universitäten wird praktisch nur linkes antichristliches Gedankengut gelernt, somit war es ein grosser Dienst was er gemacht hat. Klar kann man die Wahrheit immer mit mehr Liebe verkünden, doch ich finde er hat immer ruhig, meistens ohne Emotionen und sachlich argumentiert.
Dass sich Kirk in gewissen Fragen für gute Positionen eingesetzt hat, stelle ich nicht infrage. Aber dies tun andere Menschen auch. Mir geht es darum, dass er -- wie auch Trump - für Katholiken nicht als Vorbild taugt. Ich bin gegenüber der ganzen konservativen Bewegung in den USA äusserst skeptisch und sehe eine Mischung zwischen einerseits guten Prinzipien (Lebensschutz, Gender, etc.) mit nationalistischen und sozialethisch problematischen Parolen. Es fehlt an Tiefe, die das Christentum braucht, um in den Herzen der Menschen Wurzeln zu schlagen.