Kaum hatte sich das Ausmass des Feuer-Infernos abgezeichnet, folgte die unvermeidliche Frage auf dem Fusse: Wo war Gott in Crans-Montana – in dieser Neujahrsnacht 2026 mit 40 Toten und über 100 Schwerverwundeten? Nicht erst seit Hiob, bereits seit Beginn ihrer Existenz hat sich die Menschheit die Frage gestellt, wie Gott so viel namenloses Leid so vieler Menschen zulassen kann. Ganz besonders für das Christentum ist sie essentiell, gehört doch der Glaube an einen gütigen, barmherzigen Gott zu seinem unaufgebbaren Proprium.
«Ja, Zuckererbsen für jedermann, sobald die Schoten platzen; den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen», hat der Dichter der Aufklärung, Heinrich Heine (1797–1856), einst gespottet. Den Himmel und sein Bodenpersonal brauchen wir nicht, so sein Postulat. Bereits ein Jahrhundert zuvor hatte der Philosoph der Aufklärung, Gottfried-Wilhelm Leibniz, vorgespurt, denn wir leben ihm zufolge ja in der «besten aller möglichen Welten». Soweit die Schönheit der Theorie, welcher – wie die Erfahrung schmerzlich lehrt – die Hässlichkeit der Praxis nur allzu oft Hohn spricht.
Doch so aufgeklärt, so säkular sich die moderne Welt gibt, passiert irgendein Unglück, eine Katastrophe, ist Gott plötzlich wieder gefragt – als Lückenbüsser. Wie kann ein barmherziger Gott eine solche Tragödie zulassen? Auch Richard Lehner, Generalvikar der Diözese Sitten, wurde mit dieser Frage konfrontiert. Am 7. Januar hielt er in der Pfarrkirche Brig einen Gottesdienst, zu dem alle deutschsprachigen Pfarreien der Diözese eingeladen waren. Es gelte, so der Generalvikar, insbesondere auch all jenen mit unserem Gebet beizustehen, die alles geben, um mit ihren Fähigkeiten und Kompetenzen die Angehörigen der Opfer bestmöglich zu unterstützen. Konkret mit der Frage konfrontiert: «Warum hat Gott diese schreckliche Katastrophe nicht verhindert?», gab Generalvikar Lehner gegenüber kath.ch zur Antwort, er habe sich diese Frage auch schon gestellt, aber die «Antwort ist und bleibt ein grosses Geheimnis». Zweifelsohne zutreffend, aber doch eine sehr knappe, ergänzungsbedürftige Antwort.
Béatrice Acklin Zimmermann stellt die Frage: «Kann man überhaupt etwas sagen, das nicht nach billigem Trost riecht?» (nebelspalter.ch, 7. Januar 2026). Dieser Frage zugrunde liegt die dem Christentum gleichsam in die Wiege gelegte Mitgift der sogenannten Theodizee: Wie lässt sich der Glaube an einen allmächtigen, gütigen Gott mit all dem Leid in dieser Welt rechtfertigen? Die Tragödie von Crans-Montana beweist, so Acklin Zimmermann, weder die Existenz eines allmächtigen und gütigen Gottes, noch dementiert sie diese. Dieses Drama zeige vielmehr auf, dass es Lebensmomente gebe, die nicht zu verstehen, nicht zu bewältigen seien. Momente, deren «grausiger Absurdität unser Blick nicht standzuhalten vermag». Was sich existenziell nicht rechtfertigen lasse, solle man intellektuell nicht zu rechtfertigen versuchen. Nicht zu rechtfertigen, aber zu erklären versuchen, ist man geneigt, Kontra zu geben.
Béatrice Acklin Zimmermann rekurriert auf die Klagepsalmen der Bibel. Gerade ihre in der Form einer Anklage an Gott gerichteten Schreie der Not zeugen vom Glauben an etwas Grösserem als das eigene Ego. Acklin Zimmermann sieht in der Rückgewinnung der Klagepsalmen einen gangbaren Weg, um mit ihnen in unserer kurzlebigen Zeit gegen das gedächtnislose Verschwinden der Opfer von Crans-Montana anzukämpfen.
Der Preis der Freiheit
Gottfried Locher, ehemaliger Präsident der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, hat den entscheidenden Punkt benannt: die Freiheit (Weltwoche vom 8. Januar 2026). Gott hat den Menschen mit der Gabe der Vernunft und des freien Willens ausgestattet («Gott schuf den Menschen nach seinem Bild», Gen 1,27). Gottfried Locher selbst nennt sie eine Teilfrage, und doch ist sie in diesem Kontext die zentrale Frage schlechthin. Denn wenn Gott ein solches Unglück nicht zugelassen hätte, wäre der Mensch nicht frei, wäre er eine fremdbestimmte Marionette ohne die Möglichkeit eigenverantwortlichen Handelns. Zum Wesen der Freiheit gehört es aber auch, dass sie missbraucht werden kann. «Der freie Wille ist ein so grosses Gut, dass es sich ohne ihn nicht recht leben lässt», zitiert Gottfried Locher den Kirchenvater Augustinus. Und ja: Das Inferno von Crans-Montana ist nach aktuellem Wissensstand ein solcher schrecklicher Missbrauch der Freiheit. Aber, so Gottfried Locher: «Was wäre, wenn Gott auf geheimnisvolle Weise den Brand gelöscht hätte? Müsste er dann nicht auch den Krieg in der Ukraine beenden, die Kartelle zerschlagen, die Terroristen entwaffnen? Müsste er nicht jede einzelne ethisch schlechte Handlung jedes einzelnen Menschen zu jeder Zeit an jedem Ort verhindern, schon verhindert haben und in alle Zukunft auch noch verhindern? Wären wir überhaupt noch frei? Wären wir überhaupt noch Mensch?» In der Tat, das wären wir nicht mehr, weil zur Menschenwürde eben auch die Freiheit gehört – und damit eo ipso auch ihr Missbrauch.
In diesem mit der menschlichen Existenz unauflösbar verbundenen Dilemma gibt Gottfried Locher uns allen den Ratschlag, die eigene Freiheit so zu gebrauchen, dass niemand darunter leiden muss: «Entscheiden wir uns für das Gute, auch dort, wo es uns nichts nützt. Wenn das gelingt, ist ein Teil der Theodizee-Frage für immer gelöst.»
Wo war Gott in Martigny?
Ja, die Frage: «Wo war Gott in Crans-Montana?» ist seit der Neujahrsnacht gleich mehrfach thematisiert worden. Erst vor kurzem hat sich Paul Martone, Kommunikationsverantwortlicher der Diözese Sitten, mit dieser Frage auseinandergesetzt (Walliser Bote, 16. Januar 2026). Unterzieht man jedoch den am 9. Januar in Martigny durchgeführten nationalen Traueranlass einer vertieften Analyse, stellt sich vielmehr die Frage: «Wo war Gott in Martigny?»
Martin Grichting hat diese zur Staatsmetaphysik hochstilisierte Trauerfeier mit aller gebotenen Schärfe kritisiert (Weltwoche, 15. Januar 2026). In der Tat: Die Ankündigung des Präsidenten der Walliser Kantonsregierung, Mathias Reynard, man wolle «offen für alle Religionen sein», sollte sich als reiner Etikettenschwindel erweisen. Denn ein religiöser Bezug, insbesondere ein christlicher, liess sich auch mit der Lupe nicht ausmachen, wurde vielmehr systematisch vermieden. Ein Affront sondergleichen gegenüber all jenen Angehörigen der Opfer, denen der Glaube Halt und Trost in diesen schweren Tagen gibt. Die Vertreter der Religionen durften als Statisten im Strassenanzug Spalier stehen. Lediglich der Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, Rita Famos, wurde erlaubt, einen Text zu verfassen – durfte ihn aber nicht einmal selbst vortragen. Martin Grichting dazu: «Er hörte sich denn auch an, als hätte man Chat GPT den Auftrag gegeben, eine deistisch-interreligiöse Betroffenheitsadresse zu produzieren.» Irgendwie symptomatisch, dass Rita Famos diese Charge zugeteilt wurde: Sie war früher für die reformierte Spitalseelsorge im Kanton Zürich zuständig. Am 19. April 2019 war sie «Gast am Mittag» von Radio SRF. Auf die Gretchenfrage: «Hilft Beten gegen Krankheit?», gab sie zur Antwort: «Nein, dies ist eine Engführung.»
Zutreffend ist auch Martin Grichtings Feststellung, dass diesem systematischen Ausschluss der Religionsgemeinschaften staatspolitische Bedeutung zukommt: «Denn wenn die Religion ihren Platz nicht mehr besetzt, bleibt er nicht leer. Es ist der Staat, der ihn einnimmt […] Es ist ein Staat, der sich für kompetent hält, die Deutungshoheit über die letzten Sinnfragen zu besitzen, und der diejenigen, die an einen über diese Welt hinausweisenden Sinn glauben, zum Verstummen bringt.» Es ist dies auch, bleibt anzufügen, ein eklatanter Verstoss gegen die ansonsten so hochgelobte staatliche Neutralität. Ein Staat, welcher der ganzen Gesellschaft sein agnostisches Credo aufzwingt, ist eben gerade nicht neutral, sondern – wie Martin Grichting bemerkt – totalitär. Nota bene: Dies geschieht in einem Land, dessen Bundesverfassung mit den Worten beginnt: «Im Namen Gottes, des Allmächtigen». Kardinal Robert Sarah hat ein Buch veröffentlicht mit dem Titel «Gott oder das Nichts». Die offizielle Schweiz hat sich an diesem Traueranlass für das Nichts entschieden.
Von den Mainstream-Medien verschwiegen und doch zum Eindrücklichsten mitten in diesem Inferno gehört die Art und Weise, wie die Angehörigen der Brandopfer darauf reagiert haben. Keine Wut auf den abwesenden Gott, sondern vielmehr Suche nach Gottes Nähe. Lassen wir den Priester Pablo Pico zu Wort kommen. Er habe damit gerechnet, dass die Angehörigen auf Gott wütend seien, aber «im Gegenteil suchten die traumatisierten Menschen Gottes Nähe. Sie sehnten sich nach einem Wort der Hoffnung, nach einem Moment des Gebets. Sie mussten reden, sie mussten verstehen. Die Menschen klammerten sich an ihren Glauben, wandten sich an Gott, selbst diejenigen, die sich nicht als gläubig oder dem Glauben verbunden betrachteten» (cath.ch, 9. Januar 2026).
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Die Antwort des Vaters auf die die Bitte des Sohnes lässt drei Tage auf sich warten. Doch dann – welch eine Antwort! Jesus steht glorreich auf und lebt für immer in der Freu-de und im ewigen Licht von Ostern."
Wie treffend gesagt.
Gott hat sich in Stellung gebracht.
Die Gesellschaft lebt nicht aus sich selbst - auch wenn die Neutralität dies glauben machen will.
Es läge an den katholischen Bischöfen dies zu feiern. Aber sie verbieten Ihm auch den Mund über die liturgische Aushebelung jeglicher Art.