Im biblischen Verständnis ist der Name Teil des Wesens einer Person. Wenn der Engel Maria verkündet: «Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn wirst du gebären; dem sollst du den Namen Jesus geben» (Lk 1,31), deutet er damit zugleich an, wozu Jesus in die Welt kommt. «Jesus» bedeutet «Gott rettet»: Jesus ist der verheissene Messias, der den Menschen die lang ersehnte Rettung bringt.
Jesus selbst benutzt immer wieder die Wendung «in meinem Namen». Wo Menschen sich in seinem Namen versammeln, wird er mitten unter ihnen sein (Mt 18,20). Wer in seinem Namen um etwas bittet, wird es erhalten, «damit der Vater im Sohn verherrlicht wird» (Joh 14,13). Seine Jünger werden aber auch um seines Namens willen verfolgt werden (Mt 24,9; Lk 21,17).
Sein Name hat eine solche Macht, dass durch die, die zum Glauben gekommen sind, folgende Zeichen geschehen werden: «In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen reden; wenn sie Schlangen anfassen oder tödliches Gift trinken, wird es ihnen nicht schaden; und die Kranken, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden» (Mk 16,17–18).
Damit die Apostel den Auftrag Jesu, sein Werk fortzuführen, übernehmen können, erhalten sie den Heiligen Geist, den der Vater im Namen Jesu sendet (vgl. Joh 14,26). Nun können die Apostel Wunder wirken («Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, steh auf und geh umher!», Apg 3,6, vgl. auch Apg 4,30) oder Sünden vergeben. Auch sie wirken im Namen Jesu, denn «es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen» (Apg 4,12). Und Paulus fordert die Menschen auf: «Alles, was ihr in Wort oder Werk tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn» (Kol 3,17).
Der Name Gottes lässt sich nicht aussprechen (vgl. Ex 3,14; 33,19–23), «aber das Wort Gottes offenbart ihn uns in der Menschwerdung; jetzt können wir ihn anrufen: ‹Jesus›, ‹JHWH rettet›. Der Name Jesu enthält alles: Gott und den Menschen und die ganze Ordnung der Schöpfung und Erlösung. ‹Jesus› beten heisst, ihn anrufen, ihn in uns rufen. Sein Name trägt als einziger Gottes Gegenwart in sich, die er bedeutet. Jesus ist auferstanden, und wer immer seinen Namen anruft, empfängt den Sohn Gottes, der ihn geliebt und sich für ihn hingegeben hat» (KKK 2666). Wer also den Namen Jesu nennt, spricht damit gleichzeitig auch ein kurzes Glaubensbekenntnis.
Vom fernen Weltherrscher zum «fassbaren» Menschen
Inspiriert durch Phil 2,9–10, setzte bereits im Frühchristentum die Verehrung des Namens Jesu ein: «Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der grösser ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu.»
Eine liturgische Verehrung des Namens Jesu gibt es seit dem 13. Jahrhundert. Am Oktavtag von Weihnachten erzählt das Evangelium von der Beschneidung und Namensgebung Jesu: «Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus, den der Engel genannt hatte, bevor das Kind im Mutterleib empfangen war» (Lk 2,16–21, hier 2,21). Dieses Evangelium begünstigte eine Verehrung des Namens Jesu am 1. Januar. Eine erste Grundlage zur Verehrung schuf Bernhard von Clairveaux (1090–1153), der Jesus Christus «auf die Erde» holte: Vor ihm wurde Christus vor allem als der unnahbare Weltherrscher gesehen. Der heilige Bernhard stellte die konkrete Menschheit Jesu – von seiner Geburt bis zu seinem Tod am Kreuz – in den Mittelpunkt. «Jesus kennen, Jesus den Gekreuzigten, das ist der Kern meiner Philosophie.»
Zur Verbreitung der Namen-Jesu-Verehrung trugen in der Folge vor allem die Franziskaner bei. Von Franz von Assisi (1181/82–1226) schrieb sein Biograph Thomas von Celano: «Immer war er mit Jesus beschäftigt. Jesus trug er stets im Herzen. Jesus im Mund, Jesus in den Ohren, Jesus in den Augen, Jesus in den Händen. Jesus in all seinen übrigen Gliedern …» Sein Mitbruder Bernhardin von Siena (1380–1444) verkündete unermüdlich den Namen Jesus und setzte sich für dessen Verehrung ein. Er griff auch die bereits früher verwendete Abkürzung «IHS» – die ersten drei Buchstaben des Namens Jesus – wieder auf und stellte am Ende seiner Predigten immer eine Tafel mit diesem Namenszug, von Sonnenstrahlen umringt, zur Verehrung auf. Der heilige Bernhardin wird deshalb oft mit einer Tafel mit dem IHS in einem Strahlenkranz dargestellt.
Das Fest zu Ehren des Heiligsten Namens Jesu wurde 1530 in den Eigenkalender des Franziskanerordens aufgenommen. Rund 200 Jahre später, im Jahr 1721, dehnte Papst Innozenz XIII. das Fest auf die mehrfache Bitte Kaiser Karls VI. auf die Gesamtkirche aus. Nachdem das Fest in der Neuordnung der Liturgie nach dem Zweiten Vatikanum aus dem Kalender gestrichen worden war, führt es Papst Johannes Paul II. (selbst ein grosser Verehrer des Heiligsten Namens Jesu) 2002 wieder in den römischen Generalkalender ein – allerdings nur im Rang eines nicht gebotenen Gedenktages.
«Ich meine, es kann keinen passenderen Namen für dieses Kind geben als ‹Jesus›. Denn es steht geschrieben: ‹Er wurde mit dem Namen Jesus gerufen› (Lk 2,21). Das ist der hochheilige Name, von den Propheten vorhergesagt, vom Engel verkündet, von den Aposteln gepredigt, von allen Heiligen ersehnt. O Name voll Kraft, voll Gnade, voll Freude – köstlicher, herrlicher Name!» (Bonaventura, zitiert in: «Es haucht die Nacht ein neues Licht», hrsg. von Marianne Schlosser, 169)
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