Collage mit Bildern der neuen Seligen von der Webseite der Diözese Paris.

Weltkirche

Das Glau­bens­zeug­nis fran­zö­si­scher Mär­ty­rer im Zwei­ten Weltkrieg

Heute Sams­tag, 13. Dezem­ber 2025, wer­den in der Kathe­drale Notre-​Dame de Paris 50 Mär­ty­rer selig­ge­spro­chen, die 1944 resp. 1945 vom Nazi-​Regime «aus Hass auf den Glau­ben» getö­tet wur­den. Sie hat­ten zwangs­re­kru­tierte Fran­zo­sen in Deutsch­land und Öster­reich reli­giös betreut.

Ab Juni 1940 wurde Nordfrankreich von den Nazis besetzt, während im Süden des Landes eine kollaborierende Regierung mit Sitz in Vichy eingesetzt wurde. Dieses führte ab 1942 auf deutschen Druck hin Zwangsrekrutierungen ein. Im Rahmen dieses obligatorischen Arbeitsdienstes («Service du Travail Obligatoire») wurden französische Männer im Alter zwischen 19 und 25 Jahren verpflichtet, für mindestens zwei Jahre in Deutschland zu arbeiten. Sie erhielten einen symbolischen Lohn und zwei Wochen Ferien pro Jahr. Während Kriegsgefangene unter die Genfer Konvention fielen, die ihnen das Recht auf Seelsorge garantierte, blieben die rund 300 000 jungen Franzosen in Deutschland ohne geistlichen Beistand.

Der Erzbischof von Paris, Kardinal Emmanuel Célestin Suhard (1874–1949), hatte die französischen und deutschen Behörden mehrfach vergeblich um Seelsorge für die französischen Arbeiter in Deutschland ersucht. Deshalb gründete er die «Mission Saint-Paul»[1]: Ihre Mitglieder (Priester, Seminaristen, Ordensleute, Mitglieder der «Action catholique» und Pfadfinder) sollten die Arbeiter betreuen – wenn nötig im Untergrund. In diesem Zusammenhang erschien am 21. März 1943 ein päpstliches Reskript, das über Kardinal Suhard alle erforderlichen kanonischen Genehmigungen auf diese Seelsorger ausweitete. Sie wirkten unter anderem in Berlin, im Rheinland, in Schlesien, Thüringen und in Österreich.

Am 3. Dezember 1943 löst eine Anordnung von Ernst Kaltenbrunner, Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes sowie Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, eine Verfolgung dieser im Untergrund tätigen Seelsorger aus. Da die französischen Kardinäle, Bischöfe und Priester «von Anfang an eine deutschfeindliche Haltung an den Tag legten und die Beschäftigung französischer Arbeiter im Reich ständig sabotiert wurde», müsse «die religiöse Betreuung französischer, belgischer, niederländischer usw. Zivilarbeiter durch Geistliche ihrer eigenen Nationalität […] mit allen Mitteln unterbunden werden». Um dem «zerstörerischen antideutschen Einfluss französischer kirchlicher Instanzen und Organisationen auf französische Zivilarbeiter im Reich Einhalt zu gebieten», ordnete Kaltenbrunner an, alle betroffenen französischen und belgischen Priester, Seminaristen und Theologiestudenten zu registrieren resp. sie zu verhaften, wenn sich diese «in irgendeiner Weise durch schädigende Handlungen oder Äusserungen hervorgetan haben». Da religiöse Aktivitäten als antideutsch angesehen wurden, drohte die Todesstrafe. Viele Priester, Ordensleute und Laien, die katholischen Vereinigungen angehörten, wurden aufgrund ihres Apostolats verhaftet, gefoltert und in Konzentrationslagern hingerichtet, manche starben an den Folgen der Misshandlungen.

Nach Marcel Callo, der bereits 1987 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen wurde, anerkannte Papst Leo XIV. am 20. Juni 2025 nun das Martyrium weiterer 50 Männer – der jüngste 19 Jahre, der älteste 49 Jahre alt. Die meisten von ihnen gehörten der Katholischen Arbeiterjugend und den katholischen Pfadfindern an. Unter den neuen Seligen sind Pater Jean Batiffol, Robert Beauvais, Joël Anglès d'Auriac und Raymond Cayré.

Jean Batiffol (1907–1945) war Priester der Diözese Paris. Er geriet 1940 in Kriegsgefangenschaft und kam in ein Lager in Lienz (Österreich). Dort konnte sich der Historiker intellektuell betätigen; gleichzeitig kümmerte er sich um die spirituellen Bedürfnisse seiner Mitgefangenen. 1943 erlaubte die Wehrmacht die Umwandlung von Kriegsgefangenen in zivile Arbeiter. Diese Gelegenheit nutzte Jean Batiffol und wurde Spitalseelsorger in Graz. Denn während es im Offizierslager 15 Priester für 900 Offiziere gab, waren es im Stammlager gerade einmal 10 Priester für 20 000 Männer. «Es ist das wahre Leben eines Missionars mit seinen Strapazen, seinen Überraschungen, aber auch seinen Freuden, und an denen mangelt es nicht. Seit Jahren hatte ich keine solche Erfüllung in meinem priesterlichen Leben mehr erfahren. Ich höre nicht auf, Seelen aufzurichten, zu heilen, zu ermahnen, zu rufen. Viele sind unempfänglich, aber viele sind auch hungrig und finden zur Gnade zurück. Betet für uns!» Angesichts der grossen Not weitete er seine priesterliche Tätigkeit auch auf die französischen Zivilarbeiter in Kärnten aus, was gemäss der Kaltenbrunner-Verordnung verboten war. Bald wurde er denunziert und im Dezember 1944 verhaftet und ins Konzentrationslager Mauthausen deportiert. Dort wurde er in der Krankenabteilung eingesetzt, wo er weiter seinen priesterlichen Dienst ausübte: Tag und Nacht war er bei den Schwerkranken, machte ihnen Mut, nahm ihnen die Beichte ab und begleitete sie in ihren letzten Stunden. Am 5. Mai 1945 trafen die Amerikaner im Lager ein. Doch Jean Batiffol war durch seinen unermüdlichen Einsatz so geschwächt, dass er am 8. Mai trotz medizinischer Hilfe starb.

Robert Beauvais (1922–1945) wuchs in einer frommen Familie auf und trat mit 14 Jahren den Pfadfindern bei. Am 5. März 1943 wurde er von seiner Arbeitsstelle als Zivilarbeiter nach Berlin deportiert. Über sein Leben in Berlin ist wenig bekannt, nur dass er als Pfadfinder an der «Katholischen Aktion» teilnahm. Im August 1944 wurde er wegen der Verteilung von Fotos an Mitglieder einer Chorgruppe verhaftet und deshalb wegen «antinazistischer Aktivitäten durch seine Zugehörigkeit zur ‹geheimen Widerstandsbewegung› der Pfadfinder» angeklagt. Er kam zunächst ins Konzentrationslager Oranienburg-Sachsenhausen, im Oktober ins Konzentrationslager Neuengamme. Dort starb er am 10. Januar 1945. Sein Freund Georges Gandon, der ebenfalls inhaftiert war, aber überlebte, sagte später über Robert: «Ich erinnere mich an Robert als einen überzeugten Jungen, für den der Glaube etwas war, das man jeden Tag in den einfachsten Handlungen des Lebens lebte. Für ihn war das Pfadfindergebet eine persönliche, umfassende Verpflichtung, die den ganzen Menschen einbezog. Er lebte danach bis zum Ende.»

«Herr Jesus, lehre uns, grosszügig zu sein; Dir zu dienen, wie Du es verdienst;
zu geben, ohne zu zählen; zu kämpfen, ohne Rücksicht auf Verletzungen;
zu arbeiten, ohne nach Ruhe zu suchen; uns einzusetzen, ohne eine andere Belohnung zu erwarten, als zu wissen, dass wir Deinen Heiligen Willen tun.»

Auch Joël Anglès d'Auriac (1922–1944) war Pfadfinder. Er ging freiwillig als Zivilarbeiter nach Deutschland, um dort als Missionar zu wirken. Er wurde denunziert und am 10. März 1944 verhaftet. Am 6. Dezember desselben Jahres wurde er im Alter von nur 22 Jahren im Gefängnis in Dresden enthauptet. Unmittelbar vor der Hinrichtung schrieb er in seinem Brief an seine Familie: «Seid nicht traurig. Seid euch sicher, dass ich diese Prüfung fast mit Freude annehme und sie für euch alle auf mich nehme [...] Der Herr ist mit mir, und ich werde Ihn sicherlich bald sehen. Er allein ist das wahre Leben, das Geheimnis wahrer Freude [...] Mein letztes Gebet: Lebt mit dem Herrn. Er ist das Leben. Lebt wohl [...] Ich vergebe denen, die für meinen Tod verantwortlich sind.»

Raymond Cayré (1915–1944) wurde während des Krieges, am 28. Januar 1940, zum Priester geweiht. Unmittelbar danach kehrte zu seiner Kompanie zurück. Bereits im Juni wurde er gefangengenommen und im Stammlager VI G in Bonn interniert. Dort wirkte er als Priester und betreute seine Mitgefangenen, aber heimlich auch französische Zivilarbeiter. Er wurde denunziert, am 8. August 1944 von der Gestapo verhaftet und ins Konzentrationslager Buchwald gebracht. Dort erkrankte er kurz darauf an Typhus, musste aber trotzdem weiterarbeiten. Als er Ende Oktober erschöpft in eine mit Exkrementen vollgemüllte Grube fiel, übergossen ihn die Nazis mit eiskaltem Wasser; er starb an Unterkühlung. Seine letzten Worte waren ein Gebet an die Jungfrau Maria.

Weitere Biografien der neuen Seligen finden sich auf der Webseite der Diözese Paris.
 

Das Seligsprechungsverfahren für die 50 Männer war 1988 von der Diözese Paris im Namen der Kirche in Frankreich eröffnet worden.

 


[1] An anderen Stellen auch «Solution Saint Paul» genannt.


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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Bemerkungen :

  • user
    Heinz Meier 13.12.2025 um 22:10
    Ein herzliches Kompliment für diesen Artikel. Über den Mut zu berichten, aus Glauben im Widerspruch zur Macht zu stehen, möge ansteckend sein. Die Mainstream-Medien schlafen, was sehr beunruhigend ist angesichts mancher totalitären Tendenzen in Europa und anderswo.