Der neue Einband eines Buches von 1973 @Edition Dreiklang

Kirche Schweiz

Das Grosse Gebet der Eid­ge­nos­sen lebt!

Ein his­to­ri­scher Schatz wird neu ent­deckt. Am Bruder-​Klausen-​Tag, dem 25. Sep­tem­ber, hat eine über­kon­fes­sio­nelle Gruppe im Emmen­tal die Tra­di­tion des Gros­sen Gebets der Eid­ge­nos­sen wie­der auf­ge­grif­fen. Die mehr­stün­dige Volks­an­dacht besteht seit den Grün­der­zei­ten der Schweiz und ist welt­weit einzigartig.

Es lebt noch, das Grosse Gebet der Eidgenossen, das sogar Bruder Klaus praktiziert hat. Vier Stunden dauert es, wobei die Betenden verschiedene Körperhaltungen einnehmen und mit Vater-Unser und Ave-Maria-Rezitationen die Schöpfungs- und Heilsgeschichte betrachten, für die Lebenden und die Toten und die Heimat beten und Gott ihre persönlichen Anliegen unterbreiten. Das Grosse Gebet der Eidgenossen ist nicht nur ein kulturelles und religiöses Juwel, das Jahrhunderte überdauert und nichts von seiner Kraft und Aktualität eingebüsst hat, sondern es ist eine Einladung, sich Zeit zu nehmen, um sich als  Gemeinschaft in Gottes Hände fallen zu lassen.

Vier Stunden zu beten klingt nach einer Zumutung. Trotzdem haben sich am Gedenktag des Schweizer Landespatrons Bruder Klaus, dem 25. September über 25 Personen im heimeligen kleinen Andachtsraum eines Pflegeheims im bernischen Schangnau versammelt. Sie waren aus mehreren Kantonen angereist. Sogar einige sehr junge Menschen sassen nicht nur in den Bänken (und zwar freiwillig, wie eine Teenagerin lachend bestätigte).

Draussen senkte sich die Nacht über den regenverhangenen Gebirgsstock Hohgant. In dem hellen, mit Holz getäferten Raum mit Schweizerfahne, Kreuz, Orgel und Altar war es angenehm warm. Zum Einstieg erklärte Hans Oberli, der mit seiner Frau Veronika das Pflegheim Hohgantblick führt und zum Grossen Gebet geladen hat: «In diesem Raum beten wir nun gemeinsam als Christen verschiedener Konfessionen. Die Zeit der Trennung ist vorbei, wir müssen uns zusammentun und gemeinsam wieder zum Glauben finden!»

Eintauchen in die Heilsgeschichte

Paarweise wechselten sich Vorbeter ab, um die dreiteilige Andacht zu leiten. Der Erste Teil erzählt von der Schöpfungsgeschichte, dem Sündenfall, den Stammesvätern, der Geburt Christi und dessen Leben bis zum Abendmahl. Im Zweiten Teil betrachten die Betenden das Leiden und den Kreuzestod Christi und trauern mit seiner Mutter Maria um den Sohn. Die Passion Christi wird so lebhaft dargestellt, als stünde man daneben. Im letzten Teil überwiegen die Dankbarkeit und Freude über die Auferstehung Jesu. Die Gläubigen anempfehlen Gott ihre Heimat, ihre Angehörigen und bitten um Frieden und Schutz vor äusseren und inneren Feinden.

Immer wieder werden die Betenden angewiesen, welche Haltung sie bei den bis zu sieben Mal aufeinander folgenden Vater-Unser oder das Gegrüssest seist Du Maria einnehmen sollen. Das klingt im dritten Teil beispielsweise so: «Was Christus körperlich für uns litt, wurde noch bei weitem übertroffen durch die seelischen Leiden und die Erschütterungen seines Herzens. (…). Und wie sehr musste der Anblick seiner trostlos verlassenen Mutter sein kindlich liebendes Herz zerreissen! Mehr als die Menschen selbst litt er für alle ihre Anliegen und Schwachheiten. Betet drei Vaterunser, kniend, mit gefalteten Händen.»

Staatlich verordnet

Das Grosse Gebet der Eidgenossen hat im Kanton Schwyz seinen Ursprung. Es war eine mittelalterliche Volksandacht in deutscher und nicht wie üblich in lateinischer Sprache und führt durch die Bibel wie eine lebendige Erzählung. Bald wurde es in der ganzen Eidgenossenschaft rezitiert und sogar von der Obrigkeit verordnet, wie 1423, als die Luzerner Regierung nach der verlorenen Schlacht von Arbedo (Tessin) verfügte, jährlich eine Gedenkmesse für die Gefallenen abzuhalten und dabei das Grosse Gebet zu feiern. Die Eidgenossen ehrten ihre Toten, vor allem die gefallenen Soldaten, und beteten über die Jahrhunderte hinweg für deren Seelenheil. Die vielen Gedenkveranstaltungen an alte Schlachten waren nicht bloss historische Erinnerungsfeiern, sondern hauptsächlich Fürbitten für die Gefallenen. In jeder Pfarrei wurden alljährlich deren Namen von der Kanzel verlesen. Nirgendwo war das Totengedenken so intensiv wie in der Eidgenossenschaft.

Die erste erhaltene Abschrift des Gebets stammt von 1517 und liegt im Benediktinerinnenkloster Hermetschwil in der Gemeinde Bremgarten. Bis heute sind sechs historische Fassungen bekannt, die sich inhaltlich zum Teil stark unterscheiden und zwischen 88 und 130 Meditationen enthalten. Es war eben ein Volksgebet und kein akademisches Produkt.

Die jüngste Version stammt aus dem Jahr 1973. Damals druckte der Schweizer Verleger Arnold Guillet in seinem Christiana-Verlag das Gebet ab, wobei er viele andere Texte darum herum bettete, wie z.B. eine lange Liste von Heiligen und Glaubenszeugen auf dem Gebiet der heutigen Schweiz. Der Christiana-Verlag wurde 2011 vom deutschen Fe-Verlag übernommen, der das Buch Guillets nicht wieder auflegte. Das Ehepaar Oberli beschloss, die Restbestände aufzukaufen und neu binden zu lassen.

Überarbeitung geplant

In seinem Vorwort hatte Guillet selbst vorgeschlagen, das Gebet sprachlich zu modernisieren. Die Version, die er 1973 abdruckte, war eine Ableitung aus früheren Publikationen von 1827, 1841 und 1905, und besonders jener des Einsiedler Paters Ildefons Betschart (1903-1959) von 1937.

Tatsächlich mögen die Sprache und einige Konzepte (wie jenes von der Vorhölle) für heutige Generationen befremdlich klingen, aber der Glaube ist eine lebendige Tradition, nichts bleibt starr in Stein gemeisselt, sondern «das Gebet eines Volkes lebt und wächst wie sein Liederschatz», schrieb Guillet. In diesem Sinne wollen sich Veronika und Hans Oberli nun um eine Überarbeitung durch theologische Fachpersonen bemühen. Sie waren vor ein paar Jahren durch ein Buch über Bruder Klaus auf diese Volksandacht gestossen und sogleich Feuer und Flamme gewesen. «Ich mache mir grosse Sorgen um unsere Schweiz,» sagt Veronika Oberli, «und um den Unfrieden und die Kriege in der Welt. Wir sollten wirklich wieder lernen, auf Gott zu schauen und Ihn um Hilfe zu bitten».

Das Grosse Gebet der Eidgenossen wurde also wieder aus der Versenkung geholt. Wie lautet doch die Metapher? «Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers».  

Informationen über das neu gebundene Buch, Bestellungen oder das pdf des Grossen Gebets unter www.edition-dreiklang.ch


Kathrin Benz

Kathrin Benz, Jahrgang 1963, gehört durch ihre Nidwaldner Mutter zu den zahlreichen Nachkommen des Niklaus von Flüe. Aufgewachsen in Basel, studierte sie in Genf und Brüssel und war Korrespondentin der Schweizerischen Depeschenagentur in Lugano. Heute ist sie freischaffende Übersetzerin und Journalistin und lebt mit ihrem Mann und den sechs Kindern im Tessin.


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Bemerkungen :

  • user
    Johanna-Jessica OFS 09.10.2025 um 11:36
    Vergelts Gott, für diesen wunderbaren Artikel! Auch nach all den Jahren meiner Heimkehr in die röm.-kath. Kirche darf ich den Glauben immer wieder als neuen, reichen Schatz entdecken... Mein jüngerer Bruder ist ein grosser Bewunderer seiner Schweizer Heimat. Er wird sich über diese Andacht gewiss freuen!