Es lebt noch, das Grosse Gebet der Eidgenossen, das sogar Bruder Klaus praktiziert hat. Vier Stunden dauert es, wobei die Betenden verschiedene Körperhaltungen einnehmen und mit Vater-Unser und Ave-Maria-Rezitationen die Schöpfungs- und Heilsgeschichte betrachten, für die Lebenden und die Toten und die Heimat beten und Gott ihre persönlichen Anliegen unterbreiten. Das Grosse Gebet der Eidgenossen ist nicht nur ein kulturelles und religiöses Juwel, das Jahrhunderte überdauert und nichts von seiner Kraft und Aktualität eingebüsst hat, sondern es ist eine Einladung, sich Zeit zu nehmen, um sich als Gemeinschaft in Gottes Hände fallen zu lassen.
Vier Stunden zu beten klingt nach einer Zumutung. Trotzdem haben sich am Gedenktag des Schweizer Landespatrons Bruder Klaus, dem 25. September über 25 Personen im heimeligen kleinen Andachtsraum eines Pflegeheims im bernischen Schangnau versammelt. Sie waren aus mehreren Kantonen angereist. Sogar einige sehr junge Menschen sassen nicht nur in den Bänken (und zwar freiwillig, wie eine Teenagerin lachend bestätigte).
Draussen senkte sich die Nacht über den regenverhangenen Gebirgsstock Hohgant. In dem hellen, mit Holz getäferten Raum mit Schweizerfahne, Kreuz, Orgel und Altar war es angenehm warm. Zum Einstieg erklärte Hans Oberli, der mit seiner Frau Veronika das Pflegheim Hohgantblick führt und zum Grossen Gebet geladen hat: «In diesem Raum beten wir nun gemeinsam als Christen verschiedener Konfessionen. Die Zeit der Trennung ist vorbei, wir müssen uns zusammentun und gemeinsam wieder zum Glauben finden!»
Eintauchen in die Heilsgeschichte
Paarweise wechselten sich Vorbeter ab, um die dreiteilige Andacht zu leiten. Der Erste Teil erzählt von der Schöpfungsgeschichte, dem Sündenfall, den Stammesvätern, der Geburt Christi und dessen Leben bis zum Abendmahl. Im Zweiten Teil betrachten die Betenden das Leiden und den Kreuzestod Christi und trauern mit seiner Mutter Maria um den Sohn. Die Passion Christi wird so lebhaft dargestellt, als stünde man daneben. Im letzten Teil überwiegen die Dankbarkeit und Freude über die Auferstehung Jesu. Die Gläubigen anempfehlen Gott ihre Heimat, ihre Angehörigen und bitten um Frieden und Schutz vor äusseren und inneren Feinden.
Immer wieder werden die Betenden angewiesen, welche Haltung sie bei den bis zu sieben Mal aufeinander folgenden Vater-Unser oder das Gegrüssest seist Du Maria einnehmen sollen. Das klingt im dritten Teil beispielsweise so: «Was Christus körperlich für uns litt, wurde noch bei weitem übertroffen durch die seelischen Leiden und die Erschütterungen seines Herzens. (…). Und wie sehr musste der Anblick seiner trostlos verlassenen Mutter sein kindlich liebendes Herz zerreissen! Mehr als die Menschen selbst litt er für alle ihre Anliegen und Schwachheiten. Betet drei Vaterunser, kniend, mit gefalteten Händen.»
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