In der ordenseigenen Destillerie der Kartäuser, rund 25 Kilometer entfernt von der Grossen Kartause, ihrem Gründungsort, wird das «Élixir végétal de la Grande Chartreuse» hergestellt – das Lebenselixier des Ordens. Über 400 Jahre haben die Mönche ihr Rezept gehütet – unverändert. Erst 2013 mussten sie wegen neuer EU-Normen den Alkoholgehalt senken; von 71 auf «nur noch» 69 Prozent.
Grund für den kleinen und dennoch historischen Eingriff waren neue EU-Sicherheitsnormen für Lagerung und Transport von Produkten mit mehr als 70 Prozent Alkoholgehalt. Ohne die Reduzierung hätten die Verantwortlichen besondere Versicherungen abschliessen und zusätzliche Sicherheiten einbauen müssen.
Grüner Gesundheits- und gelber Tischlikör
An der Rezeptur änderte sich aber sonst ebenso wenig wie bei den beiden bekannteren Likören: dem grünen, sogenannten Gesundheitslikör «Chartreuse verte» mit 55 und dem honiggesüssten, milderen gelben «Tischlikör», «Chartreuse jaune», mit 40 Volumenprozent.
Das Ur-Rezept, das «Elixier», mit seinen starken 71 und inzwischen 69 Prozent ist ohnehin nicht zum Trinken gedacht – sondern als das, was es für die Mönche von Anfang an war: Heilmittel gegen Müdigkeit, Übelkeit und Verdauungsschwierigkeiten. Es wird tröpfchenweise kredenzt mit einem Stück Würfelzucker.
Rund eine Million Flaschen Chartreuse-Likör werden jährlich von Voiron in die ganze Welt verkauft. Bis heute ist er die wichtigste Quelle zur Finanzierung der Grossen Kartause, dem Mutterkloster des strengsten Ordens der Katholischen Kirche.
Bevor das geistlich-geistige Getränk auf Weltreise gehen kann, muss es zwei bis drei Jahre im grössten Likörkeller der Welt reifen. Das 164 Meter lange, zweischiffige Gemäuer beherbergt weit über 100 gigantische Eichenfässer, die meisten davon mehr als ein Jahrhundert alt und mit einem Fassungsvermögen von bis zu 11 000 Litern.
Das Elixier für ein langes Leben
Das fast vier Jahrhunderte alte Rezept wird gut gehütet. Zu oft war es durch die Wirren von Vertreibungen und Kriegen beinahe in falsche Hände gelangt.
1605 übergab der Marschall François-Annibal d'Estrées den Kartäusern von Vauvert bei Paris ein geheimnisvolles Manuskript, das die Formel eines Elixiers für ein langes Leben enthielt. Immerhin: Der Marschall selbst wurde 97 Jahre alt.
Im Verlauf der nächsten 130 Jahre muss das Dokument ins Mutterkloster gekommen sein. Denn 1737 gelang es Jérôme Maubec, Mönch und Apotheker der Grossen Kartause, nach vielen Versuchen erstmals, ein geeignetes Herstellungsverfahren für die Rezeptur des Elixiers aus insgesamt 130 Pflanzen zu finden.
Wie durch ein Wunder überdauert das Geheimnis der Kartäuser auch die Französische Revolution. Als die Mönche in alle Winde verstreut wurden, gerieten die Dokumente auf Irrwegen in die Hände des Apothekers Léotard aus Grenoble. Der folgte einer Anordnung Napoléons, alle «geheimen Heilmittel» müssten dem Innenministerium bekanntgemacht werden, und sandte die Manuskripte nach Paris. Doch die Staatsmacht verkannte die Potenz der Mixtur: Sie schickte das Rezept mit der Aufschrift «kein Interesse» zurück an den Absender.
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