Krankheit und Tod sind kein schwarzes Loch. Schon der Tessiner Bischof Eugenio Corecco (1931–1995) hatte 1994 gesagt: «Auch Leidende […] können eine tiefe menschliche Erfahrung machen und ihrem Dasein einen unschätzbaren Wert verleihen. Oft macht die Krankheit, sofern sie richtig gelebt wird, das Leben sogar wertvoller, als es die Gesundheit tun kann.» Das klingt etwas realitätsfremd, aber es gibt Orte, an denen solche Aussagen greifbar werden.
Ein solcher Ort ist die italienische Bewegung der «Quadratini», um die sich auch immer mehr Tessiner scharen. Wer sie an ihren Video-Treffs miteinander reden hört, oder wer gar in ihren Ferienlagern oder Begegnungen dabei ist, fragt sich, wie sie es schaffen, trotz Krankheit, Behinderung, Verlust und materieller Schwierigkeiten so lebensfroh zu sein.
Die «Quadratini» sind ein typisch italienisches Phänomen, getragen vom explosiven Charisma eines kernigen, lauten Priesters und von viel südländischer menschlicher Wärme. Alles begann während der Corona-Epidemie. Don Eugenio Nembrini (* 1957) aus Bergamo (einer Region unweit des Tessins, deren Bewohner bekannt sind für ihren derben Witz, ihre Kraftausdrücke und die unverblümte Direktheit) lebt schon seit sechs Jahren in der Ewigen Stadt, wo er als Verantwortlicher für die Laienbewegung «Comunione e Liberazione» in Rom und Latium tätig war. Zuvor hatte er als Diözesanpriester in Bergamo gedient, war von 1995 bis 2005 Missionar in Kasachstan gewesen und anschliessend Rektor einer katholischen Schule in Mailand. «Und das, obwohl ich am Gymnasium sitzen geblieben bin und im Jahr danach hinausgeworfen wurde», lacht er. «Aber wenn Gott etwas will und dein Herz nicht völlig verrammelt ist, dann bringt er das auch zu Ende.»
Dann wurde er nach Rom berufen. Ausgerechnet in seiner Heimatprovinz Bergamo nahm die Covid-Seuche im Frühjahr 2020 offiziell ihren Anfang und raffte in der ersten Welle so viele Menschenleben dahin wie nirgendwo sonst in Europa. Die Bilder von Armeelastwagen, welche Särge abtransportieren, gingen um die Welt. Am 9. März 2020 dekretierte Italien den Lockdown. Die Schweiz folgte fünf Tage später.
In Rom lebte Don Eugenio in einer kleinen Wohnung in Isolation, wie alle anderen auch. Jeden Tag feierte er auf seinem kleinen Balkon mit seiner dröhnenden, rauchigen Stimme die Heilige Messe, damit die Bewohner der umliegenden Wohnungen von ihrem Fenster oder Balkon aus teilnehmen konnten, was 200 Haushalte auch täglich taten. Der Priester lernte, seine Messe auf YouTube zu übertragen, und innerhalb eines Monats klinkten sich täglich über 17 000 Familien ein.
Nach dem Lockdown kehrte man wieder zur Normalität zurück. Dann aber bat die Neapolitanerin Rosa Barile, die ihre bettlägerige Mutter pflegte und die heute Sekretärin der Bewegung ist, den Priester, den Gottesdienst wieder per Videokonferenz zu feiern. Heute sind es täglich über 250 Menschen, die an der Eucharistiefeier teilnehmen. Für alle ist klar: Normalerweise nimmt man an einem Gottesdienst in der Kirche teil. Nur wer nicht anders kann, weicht auf die Online-Messe aus. Im Anschluss tauscht man sich noch eine Weile aus.
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