Verantwortlich für diesen Dauerdisput sind nicht zuletzt irrlichternde Reaktionen aus dem Bereich der Politik. «Mitten drin und voll daneben»: Diese Zuschreibung hat sich Mathias Gabathuler, für das Bildungswesen zuständiges Mitglied der St. Galler Stadtregierung, redlich verdient. Gegenüber dem «St. Galler Tagblatt» äusserte er sich wie folgt: «Nach den Sommerferien beginnt eine Muslima, die im Schulzimmer ein Kopftuch trägt. An den Schulen in der Stadt St. Gallen dürfen muslimische Lehrerinnen ein Kopftuch tragen […] Im Urbanen sind wir da weiter, offener und diverser […] In der Stadt gehen die Leute anders um mit Menschen anderer Kulturen und Religionen als auf dem Land.»
Oberpeinlich
Ein oberpeinlicher, an Arroganz und Ignoranz kaum noch zu übertreffender Fauxpas. Denn ausgerechnet der Kanton Genf – mit seinen zahlreichen internationalen Organisationen die urbanste Region der Schweiz – hatte bereits 1997 ein Verbot für kopftuchtragende Lehrerinnen erlassen – ein Verbot, das vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte für rechtens erklärt wurde. Wenn sich also jemand «urban-konform» verhalten hat, dann ist es just die vom St. Galler Stadtrat als Hinterwäldler abqualifizierte Schulleitung der Gemeinde Eschenbach SG. Zugleich manifestiert dieser verbale Tritt unter die Gürtellinie den enormen Druck, sich als «weltoffen, divers und tolerant» outen zu müssen. Nur zu verständlich: St. Gallen haftet das Image einer Bünzli-Stadt an (Niklaus Meienberg‘s Reportagen über seine Heimatstadt lassen grüssen). Als ein in der Umgebung von St. Gallen Aufgewachsener hat sich der Schreibende diesbezüglich ein anschauliches Bild verschaffen können. Da kommt die Kopftuch-Debatte wie gerufen, um dieses leidige (übrigens beileibe nicht nur negative) Bünzli-Image lieber heute als morgen loszuwerden.
Es wird interessant sein zu verfolgen, welche Politik der für das Schulwesen der Stadt St. Gallen zuständige Mathias Gabathuler verfolgen wird. In dieser Stadt existiert ja seit langem eine ebenso bekannte wie beliebte Katholische Kantonssekundarschule, kurz «Flade» genannt. Zu ihr gehören drei Schulhäuser, eines für Knaben, eines für Mädchen, das dritte Schulhaus Notker steht beiden Geschlechtern offen. Nach dem Skandalurteil des Bundesgerichts, welches der katholischen Mädchensekundarschule Wil («Kathi») die Existenzgrundlage entzog (weil angeblich gegen das religiöse Neutralitätsgebot des Staates und die Gleichberechtigung verstossend), ist zu befürchten, dass die Mehrheit in Parlament und Regierung der Stadt St. Gallen ebenfalls zu einem Schlag gegen die «Flade» ausholen wird – mit eben diesem FDP-Mann Gabathuler an der Spitze. Dieses Szenario wäre angesichts plakativ vorgetragener Schlagworte wie Diversität, Toleranz und Offenheit ein besonders stossender Beleg für die Verlogenheit der woke-kontaminierten Polit-Szene.
Das Verbot der Frau
Die tunesisch-schweizerische Islam-Expertin Saida Keller-Messahli hatte darauf hingewiesen, dass das Kopftuch im Islam die Frau zum Objekt degradiert, das verhüllt und somit vor den Begierden der männlichen Begierde geschützt werden muss. Durch ihre Verschleierung verhindert die Frau, den Mann in Versuchung zu führen («swiss-cath.ch» berichtete).
Frank A. Meyer hat im «SonntagsBlick» vom 20. Juli die Kopftuch-Problematik auf den Punkt gebracht. Er weist darauf hin, dass das Kopftuch nicht irgendein x-beliebiges Symbol darstellt, sondern «ganz konkret und praktisch die Unterdrückung selbst». Erhellend sind seine Ausführungen zur irritierenden Tatsache, dass ausgerechnet links-feministische Kreise, die permanent gegen vermeintlich patriarchalische Strukturen in der westlichen Gesellschaft Sturm laufen und demzufolge gerade deshalb ein Verbot des Kopftuches einfordern müssten, mit betretenem Schweigen auf den Vorfall in der Gemeinde Eschenbach reagieren. Ebenso bemerkenswert ist Franz A. Meyers Deutung des angeblich freiwillig getragenen Kopftuches. Sein Fazit lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Es geht, so der prominenteste Journalist der Schweiz, um nichts weniger als das Verbot der Frau.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Die Schulbehörde von Eschenbach SG hat somit richtig gehandelt.
Damit ist indes nicht gesagt, dass der Streit der Liberalen des19. Jahrhunderts gegen kopftuchtragende Klosterfrauen an staatlichen Schulen grundsätzlich nicht vertretbar gewesen wäre, wobei aber ehrlich zu sagen ist, dass es damals nicht gegen das Kopftuch ging, sondern um die Unterstellung, dass die Klosterfrauen an der Schule völlig von kath. Geistlichen abhängig seien, besonders von Papst, Bischöfen und Jesuiten. Ehrlich gesagt wären die Jesuiten auch verboten geblieben, wenn sie an ihren Schulen in Zivilkleidung unterrichtet hätten. Solche Schulen wurden im 19. Jahrhundert noch konsequent unterdrückt, wobei aber schon vor dem Abschaffen des Jesuitenverbotens Jesuiten etwa an derUni ZH die kath. Seelsorge übernahmen, wie von mir selber noch erlebt, freilich waren es sehr moderne, sogar überdurchschnittlich "aufgeschlossene" Jesuiten. Das war auch der Grund, warum der katholisch fundamentalistische Konvertit James Schwarzenbach, als Student von einem Jesuiten "bekehrt", 1973 dann plötzlich für die Beibehaltung des Jesuitenverbotes war, was seine rechtsextremen reformierten Anhänger dann ebenfalls unterstützten. Selber aber stritt ich mich mit JS um diese Frage und es war mit ein Grund, warum ich mich noch zu meiner Studentenzeit von ihm trennte, nachdem ich ihn als Gymnasiast noch wegen seiner hohen Belesenheit als katholischer Intellektueller bewundert hatte. Die jüdisch-katholische Annäherung bekämpfte er aber übrigens schon um 1965 in seiner Schrift "Im Banne des Konzils" bei grosser Abneigung gegen Papst Paul VI. und dessen Liturgiereform. Solche Leute habe ich damals auch schon im Umfeld des Bischofs Lefèbvre kennengelernt. Ihre vertretbaren Meinungen über Liturgie wurde ergänzt durch ein höchst reaktionäres Weltbild auf der Basis der französischen extremen Rechten. Eine für mein späteres Leben ernüchternde Erfahrung. Es bleibt aber dabei, dass der islamische Fundamentalismus weit radikaler ist als so gut wie jede Art von katholischem Rechtskatholizismus. Der religiös ultrakonservative Katholik Segesser zum Beispiel war in kirchenorganisatorischen Fragen sowie auch politisch durchaus in vielem liberal denkend, jedenfalls freiheitlich in einem durchaus positiven altschweizerischen Sinne. Eine ganz andere Liga als Schwarzenbach oder Lefèbvre! Es lohnt sich, den katholischen Konervatismus und Traditrionalismus genauer zu studieren, als dies heute in der Regel der Fall ist. Hat mit Islamismus in den Grundlagen nichts gemeinsam.
Wir sollten vorsichtig sein, Herr Ric, wenn wir Muslime als unsere Gesinnungsfreunde zu begrüssen versuchen. Am ehesten gibt es Gemeinsamkeiten bei einem Teil der gehobenen islamischen Mystik, vgl. Goethes Westöstlichen Divan, die Werke von Hammer Purgstall oder die Studien des Schweizer Islamwissenschaftler Fritz Meier (Basel) , die aber schon 2 Generationen zurück liegen. Zwischen dem Gedankengut der jüdischen, islamischen und christlichen Mystik gibt es durchaus Schnittmengen, mit Einschränkung, dass Mystik auf der Einungs-Basis der heiligen Dreifaltigkeit eine absolut christliche Spezialität ist und bleibt. Wir glauben zumal nicht an den selben Gott wie denjenigen, den die Muslime "Allah" nennen.