(Symbolbild: Andres F. Uran/Unsplash)

Kommentar

Das Rauschen des Flusses – Poesie und Erlösung

Denken wir uns die Schöpfung als Fluss, das Leben als sein dahinfliessendes Wasser und jede Welle und Woge, jedes Plätschern und Schwappen auf der Oberfläche ein Gedicht – ein Gedicht im weitesten Sinne, denn alle Sprache, die nicht mit reiner Funktionalität zusammenfällt, ist Poesie. Eine Mutter summt, das Kind ganz nah an ihrer Brust; das grosse literarische Werk, an dem jemand jahrzehntelang feilt; Märchen, Legenden, Anekdoten, Scherze, Rätsel – all das ist Gesang, der auf der Oberfläche des Flusses tanzt. Manche dieser Lieder plätschern unscheinbar, kaum wahrnehmbar dahin – die still erinnerte Assoziation eines Wortes, die einem auf einer verträumten Zugfahrt plötzlich aufgeht: Geborgenheit Haselstaude. Andere sind wie der Aufprall eines herabstürzenden Felsbrockens – Emily Dickinsons brachiale Eröffnungsverse, die aus dieser zurückgezogenen New-England-Existenz hervorbrechen und durch die ganze Welt dröhnen: My Life has stood a loaded gun! Viele dieser Gesänge prallen aufeinander, verwandeln sich, wachsen zusammen. Von der Brücke aus sieht man es deutlich: Da beim gefällten Baum ballt sich aus tausendundeiner arabischen Erzählung ein grosser Zyklus zusammen. Da im Wirbel hinter dem Felsen formt sich der Ulster Cycle, dicht daneben der Fenian Cycle. Aus unzähligen Schaumkronen bei der Schwelle wächst der Sagenkreis der Griechen und Römer heran, der weiter unten durch eine Schlucht gurgelt und zu Gustav Schwabs Nacherzählung zusammengepresst wird. Homer, Hesiod und Vergil hätten es niemals geahnt, dass tausende Jahre später ein Deutscher ihre grossen Epen nacherzählt und sie nördlich der Alpen wieder zum Erklingen bringt! Denn der Lauf des Flusses ist unberechenbar. Jedes geäusserte schöpferische Wort, geht seinen geheimnisvollen Weg.

Aus unzähligen Gründen kann das dahinfliessende Wasser in Bewegung geraten. Hier rauscht es über Steine hinweg, dort staut ein Biber den Strom, plötzlich zieht ein kräftiger Wind auf und rippelt den Fluss wie feinsten Musselin, Regen prasselt herab und lässt das Wasser tanzen, zieht es an tausend Händen freudig hoch auf die Beine. Und manchmal regt sich tief unten im Dunkeln ein Hecht und lässt bedrohlich einige Luftblasen die Oberfläche durchbrechen. Unerschöpflich das Spiel der Wasseroberfläche, unerschöpflich der Gesang des Menschen.

In dieses dichterische Spiel des Wassers sind unumstösslich seine eigenen Grenzen eingeschrieben. So kann kein Teil jemals das Ganze aussagen. Das ist eigentümlich, weil in gewissem Sinne genau das geschieht. Man sagt: Schau, wie schön der Fluss hier rauscht! Der Fluss rauscht, kein Teil, kein Stück, kein Segment – er. In jedem Glucksen und Schwappen ist der Fluss vergegenwärtigt, wie es der Mensch in jedem Menschenwort ist. No man is an island. Ebenso ist kein Kieselstein, Sandkorn, Farn, Fisch und Wasserstrom eine Insel. Die gesamte Schöpfung ist verbrüdert, und wo einer spricht, sprechen alle. Und doch ist dieses Wort nicht jenes Wort, ja die Wahl dieses Wortes schliesst letztgültig die des anderen aus. All unser Dichten und Trachten ist Stückwerk. Wir vergegenwärtigen und verbergen zugleich. Wo immer wir stehen, fällt ein Schatten. In der Schönheit der Vielheit stellt sich die Frage nach dem Einenden. Im ordentlich Geeinten sehnen wir uns nach dem ausscherend Eigenen. Man denke sich ein Ereignis, das unseren Fluss aus seinem Stückwerkdasein herauslöst und in eine einzige totale Bewegung verwandelt, die Explosion einer Atombombe etwa. Würde der Fluss so zum kraftvollsten Ausdruck seines innersten Wesens finden? Nein, er würde im Moment des Anhebens zu diesem «Wort» aufhören zu sein. In dieser Spannung existieren wir, darin bewegt sich alles, was wir tun. Und in diesem Sinne ist unser Wasserdichten, wie unser Leben an sich, Sakrament, ein sichtbares Zeichen, das eine unfassbare Realität vergegenwärtigt – ganz und eben doch nicht ganz; jetzt und eben doch noch nicht. Und wie jedes Sakrament ist auch dieses durchwoben von einer tiefen Traurigkeit. Wir können im Moment der Elevatio in der Messe auf Knien aufblicken und aus innerster Wahrheit sagen: Herr! Wir erfahren Gott – real, präsent, da mitten unter uns und doch ist uns der unverhüllte Blick in sein Angesicht noch verwehrt. Ebenso wissen wir, dass dieses getaufte Kindlein der Sünde gestorben und in Gottes Liebe geborgen ist, und doch schmerzt uns schon jetzt die unumstössliche Tatsache eines Lebens des Kampfes, das ihm bevorsteht. Durchzieht nicht eine Spur der Wehmut die eucharistische Freude? Erinnert uns die Reinheit des Taufgewandes nicht umso mahnender an die Gefallenheit der Schöpfung? Ein Sakrament ist nie gedankenloser Triumph. Tieftraurige Schönheit begleitet es.

Noch eine andere Traurigkeit flüstert im Rauschen des Flusses – das Verfliessen der Zeit, die Vergänglichkeit, die Allgegenwart des Todes. Steine, Pflanzen, Tiere und Menschen – alles ächzt unter dieser bitteren Tatsache. Alles, was ist, zieht vorüber, unaufhaltsam dem Nicht-Sein entgegen. Das Leben – und unser Schreiben und Singen als dessen Ausdruck – ist keinen Moment befreit vom Schatten des Todes. Die dümmste Zote, das feingeistigste Sonnett, hymnischer Jubel oder ritueller Gesang bis zur rauschhaften Selbstvergessenheit – keine Form des Dichtens entgeht der Tatsache des Todes. Poesie kann beklagen, verdrängen, feiern, verwandeln, doch sie kann nicht erlösen. Der Tod begleitet uns gerade im Verfliessen des Lebens, wie könnte der Fluss, dessen Wesen im Dahinfliessen besteht, aus sich heraus den Tod überwinden? Und zwängte sich der Fluss zum Stillstand und klammerte alles an sich, das ihm sonst entgleitet, er hörte auf, Fluss zu sein, und stürbe als verschlammte, modrige Pfütze den schlimmsten Tod. Etwas anderes muss hier geschehen. Eines Morgens muss eine neue Sonne aufgehen, die alles, was ist, bis in den Kern hinein durchleuchtet. An jenem Morgen wird alles noch da sein – im Wasser knirschende Kieselsteine, Schachtelhalm und Robinie, Forellen und Insekten, tiefe Becken und flinke Wasserläufe und all unsere schaurigen, traurigen, schönen Worte. Doch all das wird verwandelt sein. Es wird in einem neuen Licht leuchten und sich offenbaren als das, was es immer schon war. Das, was immer schon das Gute und Wahre durch all den Schrecken hindurch trug, wird in diesem neuen Licht offen zu Tage treten. Die Welt wird unsäglich schön sein und alles wird staunen. Und ein neues Lied wird ertönen, das uns immer schon das nächste war – das Lied Gottes, das all unser Stückwerksingen durch all die Trauer hindurch nie hat verstummen lassen.


Silvan Beer

Silvan Beer (Jg.1992) wuchs im Emmental auf und lebt gegenwärtig in Fribourg. Er studierte Theologie und Philosophie in Bern, Fribourg und Rom und schreibt literarische und journalistische Texte.


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