Einer Ihrer Schwerpunkte ist die christliche Mystik in der Neuzeit. Kann man in wenigen Worten Unterschiede zwischen der Mystik der Neuzeit und jener im Mittelalter feststellen?
Christliche Mystik orientiert sich immer auch am geschichtlichen und gesellschaftlichen Kontext einer Zeit. Während der Mensch im Mittelalter eingeborgen in eine allumfassende Ordnung lebt und die Mystik dementsprechend eine Tiefenschau der Wirklichkeit und des Menschen als Ebenbild Gottes hervorbringt, gilt es in der Neuzeit, neue Entdeckungen zu verarbeiten und gesellschaftliche Umwälzungen wie den Aufstieg des Bürgertums mit dem tradierten Gottesverständnis zu vermitteln. Der Glaube des Einzelnen tritt nun mehr hervor, seine Seelenzustände werden durchleuchtet, so dass Experten wie Alois Maria Haas in der spanischen Mystik des 16. Jahrhunderts die Anfänge der modernen Psychologie sehen. Besonders fasziniert hat mich die «Dunkle Nacht», die der heilige Johannes vom Kreuz als eine zentrale Erfahrung christlicher Mystik herausarbeitet: das Sich-Verdunkeln des konventionellen Glaubens als Voraussetzung für den Durchbruch zu einer neuen, radikalen Gottesnähe.
Heute verwischen sich die Grenzen zwischen christlicher Mystik und Esoterik zusehends. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Heute ist in der Kirche tatsächlich die Gabe der Unterscheidung gefragt. In nicht wenigen katholischen Bildungshäusern werden fernöstliche Meditationstechniken unterschiedslos zu Kursen in christlicher Gebetspraxis angeboten. Das personale, heilsgeschichtliche und erlösungsorientierte Gottesbild der Bibel bleibt aber normativ für jede christliche Gotteserfahrung. In der Esoterik hingegen fallen Menschen oft in neue Abhängigkeiten und kreisen nur um sich selbst. Christliche Mystik hingegen befähigt zur Hingabe aus der Begegnung mit dem Gott, der sich in Jesus Christus für uns alle hingegeben hat. Es geht um das Paradox des Sich-Findens im Sich-Vergessen. Insofern stimme ich Hans Urs von Balthasar zu, der gesagt hat, eine Mystik, in der das Kreuz nicht vorkommt, sei belanglos. Sein Büchlein «Christlich meditieren» halte ich neben dem Schreiben der Glaubenskongregation «über einige Aspekte der christlichen Meditation» von 1989 für eine sehr wichtige Hilfe in dieser Frage.
Gibt es eine bestimmte Person resp. eine bestimmte Strömung in der christlichen Mystik, die Sie besonders fasziniert?
In meiner Doktorarbeit «Mystik – Atheismus – Dunkle Nacht» habe ich mich ausgiebig mit Johannes vom Kreuz und Thérèse von Lisieux beschäftigt. Insofern liegt mir die Mystik des Karmel sehr nahe, die Abgründigkeit ihrer Gotteserfahrung, die Betonung des Schweigens, das innere Gebet und die Ausrichtung auf die menschgewordene Gottesliebe. Der Karmel hat ja auch immer wieder inspirierend für geistliche Neuaufbrüche gewirkt, etwa bei Charles de Foucauld oder Madeleine Delbrêl. Gerade heute, im Zeitalter der religiösen Indifferenz, scheint mir der Gedanke des stellvertretenden Glaubens und Betens für eine Welt, die Gott scheinbar vergessen hat, eine grossartige Ermutigung für Christen in nicht-christlicher Umgebung zu sein. Indem ich glaube, halte ich den Himmel auch für alle anderen offen; in meinem Gebet kann die Liebe Gottes auch in verschlossene Herzen kommen und darin Veränderung und Umkehr bewirken!
Heute fehlt es vielen Menschen schwer, an einen Gott zu glauben resp. ihn zu spüren. Sie haben in «Mystik – Atheismus – Dunkle Nacht» einen Dialog zwischen Johannes vom Kreuz und Thérèse von Lisieux einerseits und dem modernen Atheismus andererseits dargestellt.
Der Glaube an Gott ist zunächst einmal etwas Objektives, was durchaus mit Mitteln der Vernunft erfasst und begründet werden kann. Aber, wie Sie sagen, es ist auch das Bedürfnis des Menschen, etwas von diesem Glauben zu «spüren» und die Gegenwart Gottes im eigenen Leben zu erfahren. Die «Dunkle Nacht», wie sie Johannes vom Kreuz und Thérèse von Lisieux exemplarisch beschrieben haben, zeigt, dass es auch eine Gotteserfahrung jenseits der Erfahrung geben kann – das Gefühl, im Dunkeln zu sein und dennoch sicher geführt zu werden. Im neuzeitlichen Atheismus wird eine positive Gotteserfahrung geleugnet. Die negative Gotteserfahrung der «Dunklen Nacht» erscheint mir da wie ein Gesprächsangebot, um mit denen, die den tradierten Gottesbildern misstrauen, zur Wirklichkeit Gottes vorzustossen, die immer grösser ist als alle Bilder, die wir uns von Gott machen können.
Sie werden an den diesjährigen «Adventseinkehrtagen» des Freundeskreises Hans Urs von Balthasar über die Gotteserfahrung der heiligen Thérèse von Lisieux und ihre Botschaft für heute referieren. Dies unter dem Titel «Von der Hoffnung ergriffen». Dieser Titel scheint angesichts ihres kurzen und nicht immer leichten Lebens ziemlich herausfordernd.
Ich bin dankbar für die Einladung zu den Adventseinkehrtagen, geben sie mir doch die Gelegenheit, mich wieder einmal gründlich mit dem Werk der kleinen Thérèse und ihrer Rezeption in Kirche und Theologie auseinanderzusetzen; da ist in den vergangenen Jahren vieles neu übersetzt und erforscht worden. Über die «Hoffnung der kleinen Thérèse» hat Balthasar selbst einen wichtigen Aufsatz geschrieben, den ich in diesem Jahr in einem gleichnamigen Buch im Johannes-Verlag neu herausgegeben habe. Thérèses Hoffnung wuchs direkt proportional zu ihrer Gotteserfahrung. Sie war zunächst Hoffnung darauf, selbst heilig zu werden und in den Himmel zu kommen; später hoffte sie dann für all jene, die nicht an Gott glaubten, und erlitt stellvertretend für sie die «Dunkle Nacht des Glaubens». Ihr Leben bezeugt, was Paulus im Römerbrief eine «Hoffnung wider alle Hoffnung» (Röm 4,18) nennt: das Sich-Festmachen allein an Gott. Obwohl Thérèse so jung starb und schwere Glaubensprüfungen durchmachte, hat sie diese Hoffnung bis ans Ende bezeugt und gehört zu den Heiligen, die eine begründete Hoffnung auf die Rettung aller Menschen hatten.
Sie befassen sich in Ihrer Forschung stark mit Leben und Werk von Papst Benedikt XVI. Welches sind Ihre Schwerpunkte?
Nach eher biografisch und kirchengeschichtlich orientierten Büchern über Joseph Ratzinger Jahre als Professor in Bonn und Münster, für die ich viele noch lebende Zeitzeugen interviewt habe, habe ich mich in den vergangenen Jahren mehr mit den Quellen und Besonderheiten seines theologischen Denkens beschäftigt. Demnächst möchte ich ein Lehrbuch zu seiner Christologie veröffentlichen und einen Überblick über wichtige Brennpunkte seiner Theologie. Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. gehört zu den ebenso bekannten wie verkannten Persönlichkeiten unserer Zeit. Wenn man ihn genau liest, stösst man immer wieder auf Überraschungen, auf eine grosse Offenheit und Weite im Denken. Viele seiner Anhänger sehen in ihm momentan eher einen Apologeten des Christentums in der Moderne. Das war er zweifellos auch, aber auf eine ganz besondere, sehr dialogfähige und spirituell ungeheuer tiefgründige Weise. Diesen noch weithin «unbekannten Ratzinger», wie ihn sein Schüler Hansjürgen Verweyen genannt hat, möchte ich entdecken helfen.
Prof. Dr. theol. habil. Manuel Schlögl ist Inhaber des Lehrstuhls für Dogmatik und ökumenischer Dialog an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT). Seine Forschungsschwerpunkte sind die christliche Mystik in der Neuzeit, christologische Dogmengeschichte, Biografie und Theologie von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.
Prof. Dr. Manuel Schlögl referiert an den diesjährigen «Adventseinkehrtagen» des Freundeskreises Hans Urs von Balthasar zum Thema: «Von der Hoffnung ergriffen – Die Gotteserfahrung der heiligen Thérèse von Lisieux und ihre Botschaft für heute.»
Die Adventseinkehrtage finden am 29./30. November 2025 im Grossen Saal des Klosters Einsiedeln statt. Für die Vorträge ist keine Anmeldung erforderlich; Unkostenbeitrag von Fr. 60.– erbeten (für Studierende gratis). Weitere Informationen Link
Schreiben an die Bischöfe der Katholischen Kirche über einige Aspekte der christlichen Meditation
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Mystik ist für viele von uns einfachen Christen so etwas wie ein Buch mit sieben Siegeln. Man wagt es kaum, sich damit auseinander zu setzen. Und doch; Mystik ist Bestandteil jedes christlichen Glaubens, sei es bewusst, sei es mehr oder weniger unbewusst.
Mystik sei der Zugang zum Mysterium, las ich einmal. Mysterium muss hier im streng christlichen Sinn als das Geheimnis Gottes verstanden werden. Eine Mystik ohne Gott ist reine Fantasie, ein Wunschtraum vielleicht oder auch ein Albtraum. Glaube ist ein Willensakt, das bewusst Ja zur Offenbarung, die Gott uns schenkt. Gott spricht zu uns in der Schrift und der Tradition in unserer menschlichen Sprache, welche seinem göttlichen Geheimnis nie ganz gerecht werden kann. So gesehen ist Mystik ein Schritt über den Glauben hinaus. Wie dieser aussieht, das hängt von jedem Einzelnen ab, von seiner Natur, seiner Umwelt und den erhaltenen Gnaden. Er muss nur immer in Richtung Gott gehen. Dann schenkt uns Gott die entsprechenden Erfahrungen.