Kommentar

Der Baum

Eine Kurz­ge­schichte von Sil­van Beer.

Von einem Tag auf den anderen, so schien es, war der Baum da. Mitten aus dem Fluss wuchs er empor, zierlich und doch als wäre er immer schon da gewesen. Nah von der Brücke in der Unterstadt ragte er aus dem ewig dahinfliessenden Wasser empor. So manche der Anwohner blieben auf der Brücke stehen und schauten sich dieses eigenartige Bäumchen, das da aus dem Fluss ragte, an. Es war ein Kirschbaum, das erkannten die pflanzenkundigen unter ihnen. Und man wunderte sich ein wenig darüber, dass da ein Baum aus dem Fluss ragte, nicht als Treibgut, das sich im Grund verfangen hatte, sondern aufrecht emporwachsend, mit Ästen voller Knospen, als stünde er auf einer Wiese, so wie es sich gehörte.

An dieser Stelle wateten oftmals Fischer dem Flusslauf entlang. Wie überall warfen sie auch beim Baum ihre Köder aus. Und bald schon sprach sich herum, dass an dieser Stelle viele und auffallend grosse und schöne Fische gefangen wurden. So warf ein Jugendlicher dort nichts ahnend seinen kleinen Forellenköder aus. Und Zack! ging ein heftiger Ruck durch Angel und Leib des jungen Fischers. Schwer atmend, mit rasendem Puls holte er die Leine ein, die Spitze der Angelrute tief hinabgebogen. Und da sah er ihn, einen mächtigen Hecht, seinen weissen Bauch im tiefgrünen Wasser an die Oberfläche wälzend. Und schon war die Leine durchgebissen und der Fisch war wie ein entfliehender Traum verschwunden. Der Junge mochte die Kneipe nicht besonders, in der sich die älteren Fischer jeweils trafen, doch an diesem Tag ging er sogleich hin und erzählte den Alten von seinem Hecht. Sie glaubten ihm nicht, doch bald schon häuften sich solche Erzählungen. Nicht lange und die Fischer wateten ungeduldig durch den Flusslauf, um zu der Stelle beim Baum zu gelangen. Nicht immer, aber auffallend oft wurde da etwas gefangen. Die Berichte von regenbogenfarbigen Forellen und mächtigen, böse grinsenden Hechten häuften sich.

Der Frühling kam. Als wie jedes Jahr das Frühlingsfest gefeiert wurde, watete jemand zum Baum und band eine Girlande daran fest. Das andere Ende davon wurde zu der Brücke hochgezogen und festgebunden. Der Baum stand nun in voller Blüte und seine Äste wiegten im Wind hin und her, als tanze er gemeinsam mit den Menschen zur Musik. Das Fest war schön, so schön, wie es vielleicht nie zuvor gewesen war.

In der Unterstadt lebte ein Paar, das sich seit langer Zeit Kinder wünschte. Manchmal, wenn ihr Mann in die Kneipe ging, um seine traurige Ratlosigkeit in Bier und Lallen zu ertränken, ging die Frau an den Fluss. Sie mochte sein ewiges Murmeln. In dieser einen Nacht nun, da sie wie immer diesen flüsternden Trost über sich hinwegwaschen liess, fiel ihr Blick auf den Baum da vor ihr. Aus einem spontanen Impuls heraus erhob sie sich, streifte ihr Kleid ab und stieg in das Wasser. Im Mondlicht schwamm sie zum Baum hinaus, dessen Äste nun schwer von Kirschen waren. Drei Mal umschwamm sie ihn. Das Wasser war kalt, doch die Frau fror nicht. Sie fühlte sich rein, wie von einer Quelle tief in ihrem Innern erfrischt. Sie schwamm nun an den Baum heran und berührte seinen Stamm. Da fielen einige reife Kirschen, die sich von den Ästen lösten, auf sie hinab. Plitsch platsch – fielen die harten kleinen Früchte in das Wasser. Sie fasste eine davon und ass sie, während sie sanft im dahinfliessenden Wasser auf und ab trieb. Die Kirsche war süss und kühl. Die Frau spuckte den Kern aus. Dann schwamm sie zurück an das Ufer. Glücklich kleidete sie sich wieder an. Auf dem Heimweg ging sie an der Kneipe vorbei, in der sie ihren Mann vermutete. Und so war es denn auch, rührend grosstuerisch sass er mit einigen Freunden beisammen und trank. Sie ging zu ihm und legte ihm ihr nasses Haar in den Nacken. Er kreischte und hüpfte vor Schreck in seinem Stuhl hoch. Im Grunde war er noch immer ein Kind, auch wenn ihn die Sorgen der letzten Jahre hatten altern lassen. Er umfasste sie um die Hüfte.

«Du bist ja ganz nass?»
«Ich war schwimmen. Komm, wir gehen nach Hause.»

Sie liebten sich in dieser Nacht und neun Monate später bekamen sie ihr erstes Kind.

Es wurde Winter. Als der Baum karg und schwach war und alle seine Kraft tief in sich gesammelt hatte, um sich dieser gnadenlosen Winterkälte zu stellen, kam ein Boot dahergefahren. Mit einem Netz wurde Müll aus dem Wasser gefiltert. Männer standen zusätzlich an der Reling. Mit langen Stangen fischten sie Plastiksäcke und anderen Unrat aus dem Gebüsch am Ufer. Das breite schwere Eisenboot walzte den Baum nieder, als sei es nichts. Kaum eine Erschütterung ging durch diesen massigen, menschgemachten Berg aus Metall. Der Baum wurde zermalmt, seine Überreste weggeschwemmt. Es war, als wäre er nie da gewesen. Und doch, die Kirschen, die in Fülle von seinen Ästen gefallen waren, trieben noch immer den Flusslauf hinab, immer weiter und weiter – und manche davon gerieten auf fruchtbare Erde und trieben Wurzeln.


Silvan Beer

Silvan Beer (Jg.1992) wuchs im Emmental auf und lebt gegenwärtig in Fribourg. Er studierte Theologie und Philosophie in Bern, Fribourg und Rom und schreibt literarische und journalistische Texte.


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