(Symbolbild: Zdeněk Macháček/Unsplash)

Mit spitzer Feder

Der Fried­hof und das Reh

Ver­bo­tene Früchte schme­cken ganz beson­ders gut, sind ein­fach unwi­der­steh­lich – Adam und Eva kön­nen ein Lied davon sin­gen. Gilt nicht nur für die spe­cies Mensch, son­dern im Tier­reich ebenso. Beson­ders Rehe haben sich einen Ruf als Fein­schme­cker erwor­ben, einen zwei­fel­haf­ten Ruf aller­dings. Denn beson­ders fri­scher Blu­men­schmuck auf Grä­bern steht ganz zuoberst auf ihrer Menü­karte. Als Des­sert stets mit dabei: Blü­ten­köpfe auf Rosen.

Für Angehörige jüngst Verstorbener ein ausgesprochenes Ärgernis. Die Stadtverwaltung Winterthur ist sich dieser Störung der Friedhofsruhe der besonderen Art bewusst. Mit einer grossen Vertreibungsaktion von 120 (!) Mitarbeitern wurde versucht, das Problem zu lösen – ohne Erfolg (vgl. «Landbote» vom 20. Juni 2026). Nun hat die Stadtregierung einen Kredit von 100 000 Franken bewilligt, um Abhilfe zu schaffen. Geplant sind unter anderem neue Eingangstüren, die sich nach Betätigung automatisch schliessen, und verbesserte Einzäunungen für das ganze Friedhofsareal. Der Erfolg dieser Massnahmen ist mehr als zweifelhaft, denn wie die Stadtregierung selbst einräumt, hat auch der Einsatz übelriechender Buttersäure nichts gebracht – frische Schnittblumen schmecken einfach zu gut. Zudem finden die schlanken Rehe schnell die kleinsten Lücken, durch die sie hindurch zu den begehrten Futterplätzen gelangen können. Zum Schluss hat die Winterthurer Stadtregierung für die trauernden Hinterbliebenen noch einen ganz billigen Trost parat: «Sollte der Rehwildbestand auf dem Friedhof mittelfristig wieder zu stark ansteigen, würden die Tiere mit einer erneuten Aktion in den Wald zurückgetrieben.»

Rehe in den Jura deportiert
Doch warum nicht die naheliegende Lösung wählen, sprich die wenigen Rehe abschiessen? Um Himmels willen nein! Als Anfang 2020 bekannt wurde, dass die Regierung von Basel-Stadt die Rehplage auf dem Friedhof Hörnli (dem grössten der Schweiz) durch Abschuss eindämmen wolle, erhob sich ein wahrer Proteststurm. Sage und schreibe 80 000 Unterschriften konnte in kurzer Zeit die Tierlobby mobilisieren, um die Pläne der Regierung zu durchkreuzen.

Mit Erfolg. Wie die Basler Regierungsrätin Esther Keller im Februar 2023 bekannt gab, wurden nun in Kooperation mit der Fondation Franz Weber rund 60 Rehe in den Kanton Jura verfrachtet («20 Minuten», 7. Februar 2023). Die Ironie dabei: Statt auf dem Friedhof Hörnli dem Lauf der Natur den Tribut zu zollen (viele sind krank oder leiden an Inzucht), riskieren die Rehe nun, in freier Wildbahn ins Visier von Jägern zu geraten.

Nicht mehr ironisch, sondern nur noch grotesk ist es, wenn nur wenige Tage zuvor, nämlich am 16. Januar 2026, derselbe «Landbote» einen euphorischen Artikel veröffentlicht. Der Grund des journalistischen Freudensprunges: Einer Winterthurer Jagdgesellschaft war es gelungen, per Fotofalle einen Luchs beim Verzehr eines von ihm gerissenen Rehs zu filmen. «Auf einer der aufgestellten Kameras konnten wir das Geschehen online live verfolgen», schwärmt ein Mitglied der Jagdgesellschaft. Es sei «Begeisterung ausgebrochen», als der Luchs mit seinem Gesicht direkt in die Kamera gestarrt habe. Einfach nur noch grotesk: Dass der Luchs-Riss einem Reh ein Vielfaches an Schmerzen zufügt im Vergleich zu einem Blattschuss durch einen geübten Schützen, scheint das Vorstellungsvermögen der Vierbeiner-Lobby heillos zu überfordern.

Es passt ins Bild dieser buchstäblich orientierungslos gewordenen Gesellschaft, dass – wie die NZZ am 16. Juni 2026 berichtete – die Zürcher Stadtpolizei wegen Ruhestörung auf dem Friedhof Sihlfeld ausrücken musste. Verursacher des Lärms, der auch nach 23 Uhr noch andauerte: ausgerechnet Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Grün Stadt Zürich, die dort eine laute Party feierten. Wahrlich: Die «ars moriendi», die Kunst des Sterbens also, einst ein Markenzeichen der christlich-abendländischen Kultur, ist dieser Konsumgesellschaft abhandengekommen, gründlich abhandengekommen.


Niklaus Herzog
swiss-cath.ch

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Lic. iur. et theol. Niklaus Herzog studierte Theologie und Jurisprudenz in Freiburg i. Ü., Münster und Rom.


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Bemerkungen :

  • user
    Hansjörg 24.06.2026 um 11:30
    Wir Menschen sind eine komische Gattung.
    Wenn der Wolf ein paar Schafe reisst, schreien die Bauern in den lautesten Tönen, obschon der finanzielle Verlust entschädigt wird. Wenn im Fall von Ramiswil 80 Hunde eingeschläfert werden, muss eine Kommission überprüfen ob das rechtens war. Wenn ein Reh vor der eigenen Haustüre geschossen wird, ist das für sie Anwohner unerträglich-

    Die Mehrheit von uns Menschen isst aber Fleisch, vielfach auch Wild. Und wenn aber ein Schlachthof, wie Bell in Oensingen, pro Tag 1000 Rinder schlachtet ist das natürlich völlig in Ordnung. Nebst Nahrung für Menschen wird aus den Rindern wohl auch Hundefutter.
    Die Party auf dem Friedhof ist ein andres Thema.