Über das Leben des Stephanus berichtet uns die Apostelgeschichte (Apg 6,1–8,2; 11,19; 22,20). Er gehörte der Gemeinde in Jerusalem an. In dieser kam es zu einem Konflikt zwischen den Christen aramäischer und griechischer Sprache über die tägliche Versorgung der Witwen mit Lebensmitteln. Die Apostel entschieden, Diakone für diesen Dienst einzusetzen, baten deshalb die Gemeinde, sieben Männer «von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit» zu wählen, welche den Tischdienst übernehmen sollten. Der Vorschlag fand den Beifall der ganzen Gemeinde und sie wählten sieben Männer, darunter Stephanus, «einen Mann, erfüllt vom Glauben und vom Heiligen Geist».
Stephanus wird in der Bibel nun aber nicht primär wegen seines Amtes als Diakon erwähnt, sondern weil er «voll Gnade und Kraft, Wunder und grosse Zeichen unter dem Volk tat». Es kam zu einem Konflikt mit hellenistischen Juden – der Grund dafür ist nicht überliefert. Da sie aber gegen den wortgewandten Stephanus nicht ankamen, schmiedeten sie einen Plan und stifteten Männer zu einer Falschaussage gegen ihn an: Er hätte gegen Mose und Gott gelästert und weiter: «Wir haben ihn nämlich sagen hören: Dieser Jesus, der Nazoräer, wird diesen Ort zerstören und die Bräuche ändern, die uns Mose überliefert hat.»
Stephanus wird verhaftet und vor den Hohen Rat gebracht. Auf die Frage des Hohepriesters antwortete Stephanus mit einer der längsten Reden in der Bibel (Apg 7,2ff). Er erzählte die Heilsgeschichte beginnend mit Abraham, über Jakob, Josef und Mose zu David und Salomo und schloss mit der Frage: «Welchen der Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Sie haben die getötet, die die Ankunft des Gerechten geweissagt haben, dessen Verräter und Mörder ihr jetzt geworden seid, ihr, die ihr durch die Anordnung von Engeln das Gesetz empfangen, es aber nicht gehalten habt.»
Er traf mit diesen Worten einen Nerv: Die Zuhörer waren in ihren Herzen aufs Äusserste über ihn empört «und knirschten mit den Zähnen gegen ihn». Als Stephanus, erfüllt vom Heiligen Geist den Himmel offen sah, und ausrief: «Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen», war sein Schicksal besiegelt. Sie erhoben ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Stephanus aber betete «Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!» und starb mit Worten der Vergebung: «Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!» (Apg 7,60). Überlieferungen zufolge soll Stephanus um das Jahr 40 vor dem Damaskustor in Jerusalem getötet worden sein.
Dieses Ereignis führte zu einer Verfolgung der Christen. Die versprengten Christinnen und Christen flohen bis nach Phönizien, Zypern und Antiochia und von dort aus in die ganze Welt. Somit legte Stephanus mit seinem Bekenntnis zu Jesus Christus einen Grundstein für die weltweite Verbreitung der Kirche.
Bereits Irenäus von Lyon und Tertullian erwähnten das Martyrium des Stephanus. Augustinus beeindruckte die Tatsache, dass Stephanus als erster Märtyrer – noch vor den Aposteln – starb und sein Tod in der Bibel überliefert wird, ebenso die Erwähnung des Paulus als möglicher Zeuge der Steinigung. In seinen Predigten stellte er auch Vergleiche zwischen Stephanus und Christus an, so z. B., dass Stephanus ebenfalls für seine Feinde gebetet hat. Augustinus wies weiter auf das bemerkenswerte «Detail» hin, dass Stephanus beim Beten für sich selbst stand, während er kniete, als er Gott um Vergebung für seine Verfolger bat (Apg 7,60). Augustinus berichtete auch von Wundern, die durch Reliquien des heiligen Stephanus in Uzalis (heute El Alia in Tunesien) und in Ancona (Italien) bewirkt wurden.[1]
Das Fest des heiligen Stephanus wird unmittelbar nach Weihnachten gefeiert. So kommt zum Ausdruck, dass im christlichen Glauben Freude und Leiden zusammengehören, Geburt und Kreuz nicht getrennt werden können.
Von Jerusalem in die ganze Welt
Im 3./4. Jahrhundert kam es vermehrt zu liturgischen Märtyrergedenken – so jetzt auch für den heiligen Stephanus.Ende des 4. Jahrhunderts ist der Gedenktag für den 26./27. Dezember in Jerusalem nachweisbar, für den Westen ist eine Verehrung erstmals im 6. Jahrhundert überliefert. Als der Presbyter Lukianos 415 berichtete, das Grab des Heiligen in Jerusalem entdeckt zu haben, nahm die Verehrung des Märtyrers zu und kam über den Mittelraum nach Gallien – im 7. Jahrhundert war Stephanus bereits ein Universalheiliger. Die Gebeine des heiligen Stephanus kamen zunächst nach Konstantinopel. Papst Pelagius II. liess sie um 585 nach Rom bringen und in der Krypta von «San Lorenzo fuori le Mura» neben dem Leichnam des heiligen Laurentius – ebenfalls ein Diakon – bestatten. Der rechte Oberarm wurde 1279 durch Papst Nikolaus III. in den Petersdom übertragen.[2] Stephanus und Laurentius gelten als die Stadtpatrone von Rom; die beiden Erzdiakone und Erzmärtyrer werden häufig zusammen dargestellt. Sie gehörten zu den im Mittelalter am meisten verehrten Märtyrern.
Der heilige Stephanus ist Patron von Rom, Corvey, Passau und Beckum, der Pferde, Pferdeknechte, Kutscher, Steinhauer, Maurer, Zimmerleute, Weber, Schneider, Böttcher und Küfer; gegen Besessenheit, Steinleiden, Seitenstechen und Kopfweh; für einen guten Tod und des Bistums Wien.
In der Schweiz ist der 26. Dezember in allen Kantonen, ausgenommen Genf und Wallis, ein Feiertag.
[1] Vgl. https://www.augustinus.de/projekte-des-zaf/augustinus-lexikon/alnews/11-startseite-nachrichten/870-al-artikel-stephanus
[2] Weitere Reliquien sind an verschiedene Orte gelangt.
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