Ernest Hemingway 1959 in Spanien. (Bild: Public domain via Wikimedia Commons)

Hintergrundbericht

Der katho­li­sche Hemingway

Ernest Heming­way – Autor, Fischer, Jäger, Macho, Lebe­mann, Alko­ho­li­ker, wan­delnde Legende und tra­gi­sche Gestalt. Die Rolle, die man Heming­way zuschreibt, vari­iert von Per­son zu Per­son. Jeder hat sei­nen eige­nen Zugang oder seine eigene Ver­wei­ge­rung die­sem ganz Gros­sen des 20. Jahr­hun­derts gegen­über. «Katho­lik» wird wohl nur sel­ten unter die­sen Rol­len genannt wer­den. Doch inmit­ten von Ruhm und Radau die­ses Aus­nah­me­le­bens gab es auch ganz feine Töne. Der katho­li­sche Glaube war einer davon.

Hemingway wächst in einer protestantischen Familie auf. Seine Grosseltern mütterlicherseits pflegen ein intensives, fast kindlich anmutendes Glaubensleben, das von vertrauensvoller Hingabe an einen gütigen Gott geprägt ist. Sein Vater vertritt hingegen einen harten, puritanischen Glauben. Furcht vor Übertretung und drohender Strafe ist dabei zentral, und religiöse Untertöne schwingen in den teils brutalen körperlichen Strafen mit, welche die Kinder der Familie Hemingway zuweilen ertragen müssen. Der lebhafte und sensible kleine Ernest ist zutiefst empfänglich für den Glauben. Mancherlei kleine Szenen intensiver religiöser Ergriffenheit werden in den Tagebuchaufzeichnungen der Mutter festgehalten. So lauscht er fasziniert den Geschichten seines Grossvaters über Missionare und Märtyrer. Einmal singt seine Mutter das Kirchenlied «Onward Christian Soldier», worauf Ernest euphorisch plappert, dass er auch ein christlicher Soldat werden will. Und mit vier Jahren erklärt er seiner Mutter, dass er weiss, warum Menschen sterben: um Gott Gesellschaft zu leisten, der sonst einsam ist. Doch diese kindliche Freude am Glauben leidet unter der religiös konnotierten Strenge des Vaters. In den Jugendjahren wird das Verhältnis zu seinen Eltern immer angespannter. Er verlässt die Kirche, die er sein ganzes bisheriges Leben besucht hat, und wechselt in eine, in der die Jugendaktivitäten im Vordergrund stehen. Seinen eigenen Bezug zum Glauben findet er während des Ersten Weltkriegs in Italien – schwerverwundet im Lazarett.

Hemingway kann aufgrund seiner Kurzsichtigkeit nicht in die Armee eintreten. Sobald er 18 Jahre alt ist und somit die Erlaubnis der Eltern nicht mehr braucht, meldet er sich als Helfer des Roten Kreuzes und reist nach Italien. Dort ist es seine Aufgabe, mit dem Rettungswagen an der Front verletzte Soldaten zu bergen. Kurz vor seinem 19. Geburtstag wird er jedoch von einer Granate schwer verletzt. Hemingway überlebt nur knapp. Hunderte von Granatsplittern stecken in seinen Beinen. Mehrere Monate bleibt er im Krankenhaus in Milano. Dort verliebt er sich nicht nur in eine der Krankenschwestern, was zur Inspiration eines seiner beliebtesten Bücher, «A Farewell To Arms» werden sollte, sondern findet ebenfalls zum katholischen Glauben. In akuter Lebensgefahr wird ihm von dem italienischen Pater Bianchi die Letzte Ölung gespendet. Als Hemingway überlebt, vermittelt ihm der Pater die Grundlagen des Glaubens. Die Wendung zum katholischen Glauben geschieht plötzlich, intensiv und nachhaltig. Sobald sich Hemingway einigermassen erholt, geht er regelmässig in die Messe. Und ein Freund erinnert sich daran, dass Hemingway einmal erzählte, dass er tiefgläubig aus dem Krieg kam und seither fest an den Beistand der Muttergottes glaubt.
 


Der Zeitpunkt von Hemingways offiziellem Eintritt in die Kirche ist umstritten. Bis heute wird behauptet, dass Hemingway nur nominell katholisch wurde, um 1927 seine zweite Frau Pauline Pfeiffer heiraten zu können. Das ist nicht wahr. Vielfache Zeugnisse aus seinem nahen Umfeld belegen einen tiefen katholischen Glauben seit dem Ersten Weltkrieg. Hemingway ist sicherlich kein Vorzeigekatholik. Sein Verhältnis zur Kirche ist zuweilen angespannt. Er lebt ein wildes, manchmal ausuferndes Leben. Doch durch all den Lärm hindurch bleibt der feine katholische Ton hörbar. Hemingway liebt katholische Länder wie Frankreich, Italien und insbesondere Spanien. Einmal, so berichten Freunde, lässt er bei einem Schrein am Strassenrand anhalten und betet lange allein. Als er zurückkommt, ist sein Gesicht tränenüberströmt. Er ist zutiefst fasziniert von Marienerscheinungen. Als sein Vater stirbt, stiftet er Messen und Gebete für dessen Seelenheil. Und er widmet seinen Nobelpreis der Jungfrau von Cobre, der Schutzpatronin von Kuba.

In seinem Werk finden sich zudem vielfältige literarische Spuren seines Glaubens. In «Der alte Mann und das Meer» etwa finden sich vielfältige christliche Motive. Doch seine wohl anrührendste, wenn auch subtilste Thematisierung des Glaubens findet sich in «For Whom The Bell Tolls». Der Roman erzählt von einer kommunistischen Guerillabande, die im spanischen Bergland auf der Seite der Republik gegen die Franco-Truppen kämpft. Hemingway, der ebenfalls vehement gegen Franco eingestellt ist, zeichnet ein Bild von einem zutiefst katholischen Volk, das den Glauben in sich mit einer politischen Ideologie zu ersetzen versucht. Fast kindlich naiv sprechen die Guerillas davon, dass sie Gott nun abgeschafft haben. Unbeholfen versuchen sie, christliche Redewendungen und spontane Gebete zu vermeiden. Sie sprechen von der Republik wie von einem Gott, von ihrer Ideologie wie von einer Religion. Doch in Angst, Schuld, Scham und Hoffnung brechen immer wieder die alten Worte aus ihnen hervor. Der verbotene Glaube, der zum Attribut des Feindes und zu einer blossen Erinnerung an eine unfreie, verhasste Vergangenheit gemacht wurde, ist nicht auszumerzen. Er lebt weiter in ihren Herzen und bricht durch die dünne Schicht der politischen Ersatzreligion hindurch, sobald es ernst wird. Im Angesicht des Todes sprechen sie nicht von Kollektivierung – sie sprechen zur Muttergottes.

Und so scheint es im letztlich tragischen Leben Hemingways auch gewesen zu sein. Der unbesiegbare Mann, der in allem stets der Beste zu sein schien, war ein Leben lang von quälender Angst heimgesucht; er ertrug es noch als Erwachsener kaum, allein zu schlafen; zweifelte an sich; log, um dem Bild der Öffentlichkeit zu entsprechen; sank immer tiefer in den Alkoholismus und nahm sich schliesslich das Leben. Vieles, zuweilen abgrundtief Gegensätzliches, und keineswegs nur Schönes verkörperte dieser Mann. Und es ist tröstlich zu wissen, dass in all diesem bombastischen Facettenreichtum zuweilen ein ernst gemeintes Gebet anzutreffen war.


Silvan Beer

Silvan Beer (Jg.1992) wuchs im Emmental auf und lebt gegenwärtig in Fribourg. Er studierte Theologie und Philosophie in Bern, Fribourg und Rom und schreibt literarische und journalistische Texte.


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Bemerkungen :

  • user
    Daniel Ric 15.03.2026 um 14:06
    Vielen Dank für diesen schönen Artikel!