Protestmarsch im Jahr 2018. (Bild: https://www.flickr.com/photos/mejiaperalta/, CC BY 2.0 via Wikimedia Commons)

Weltkirche

Der Lei­dens­weg der Kir­che in Nica­ra­gua nimmt kein Ende

Die Fas­ten­zeit in Nica­ra­gua hat mit der Aus­wei­sung eines wei­te­ren katho­li­schen Geist­li­chen begon­nen. Trotz der Über­wa­chung der Kir­chen besuch­ten am Ascher­mitt­woch Tau­sende Gläu­bige den Gottesdienst.

Wie nicaraguanische Exil-Medien vor wenigen Tagen berichteten, durfte der Pfarrer José Concepción Reyes Mairena bereits Mitte vergangener Woche nicht mehr in seine Heimat zurückkehren. Er hatte sich zuvor zwei Jahre in Spanien aufgehalten. Die Behörden am Internationalen Flughafen in Managua hätten ihm mitgeteilt, dass ihm eine Wiedereinreise verweigert werde, hiess es. José Reyes Mairena stammt aus der Diözese Leon, die von Bischof René Sócrates Sándigo Jirón geleitet wird. Ihm werden vergleichsweise gute Kontakte zum sandinistischen Regime von Machthaber Daniel Ortega und seiner Frau und gleichberechtigten Stellvertreterin Rosario Murillo nachgesagt.

Damit stieg die Zahl der zur Ausreise gezwungenen oder an der Wiedereinreise gehinderten Kirchenleute nach Angaben von Nichtregierungsorganisationen auf 309.

Planmässig betriebene Unterdrückung der Kirche
Am Wochenende meldeten lokale Medien, dass die Regierung in Managua zudem wieder gegen Kreuzwege während der Fastenzeit vorgehe. «409 Kreuzwege wurden von der Diktatur Ortega-Murillo verboten. Alles muss innerhalb der Kirchen stattfinden», schrieb dienicaraguanische Aktivistin Martha Patricia Molina, die von Las Vegas aus mutmassliche Verletzungen der Religionsfreiheit in Nicaragua dokumentiert.

Nach Recherchen Molinas hat die Kirche seit Beginn der Sozialproteste 2018 bis August 2025 rund 1070 Akte der Repression gegen die Katholische Kirche verübt und 16 500 Prozessionen verboten. Sie berichtete, es sei üblich, dass «die Diktatur gelegentlich die Polizei schickt, um Priester aus religiösen Aktivitäten oder Messen herauszuziehen und sie zu bedrohen; es ist ihnen egal, ob die Priester gerade eine Messe feiern».

Katholische Kirche bot Demonstranten Schutz
Die Krise zwischen Regierung und Kirche in Nicaragua begann im Jahr 2018. Damals gingen zunächst Studenten auf die Strasse, um gegen die Brandrodung in einem wertvollen Ökosystem zu demonstrieren. Sie warfen der Regierung Ortega vor, die Grundstücke an befreundete Unternehmer verkaufen zu wollen. Schnell breiteten sich die Proteste landesweit aus und erfassten alle gesellschaftlichen Schichten, die die Renten- und Sozialpolitik des sandinistischen Regimes kritisierten.

Auf die Proteste reagierte die Regierung mit brutaler Gewalt und liess auf Demonstranten schiessen. Die Kirchen öffneten ihre Türen, um Schutz zu bieten, doch auch auf dem Kirchengelände wurden Demonstranten von der Polizei getötet. Fortan geriet die Katholische Kirche ins Visier der Machthaber: Es folgten massive Repressionen gegen kirchliche Einrichtungen, Beschlagnahmungen und das Verbot öffentlicher Prozessionen oder Kreuzwege. Priester und Bischöfe wurden verhaftet und Ordensgemeinschaften zum Verlassen des Landes aufgefordert. Für internationales Aufsehen sorgten die Verhaftung, Verurteilung und Ausbürgerung des Bischofs von Matagalpa Rolando José Álvarez Lagos.

Gläubige lassen sich nicht entmutigen
Der ehemalige Präsidentschaftskandidat Felix Maradiaga, der vor den Wahlen 2022 wie alle anderen aussichtsreichen Oppositionspolitiker verhaftet und vom Urnengang ausgeschlossen wurde, sagte gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), hinter der Strategie des Regimes stecke ein ganz klares Ziel: «Sie wollen die Kirche mundtot machen, zum Schweigen bringen. Sie wollen, dass sie vom Erdboden verschwindet».

Trotz Überwachung der Kirchen strömten laut einem Bericht des Portals «Despacho505» am Aschermittwoch Tausende Gläubige in die Gotteshäuser, um an den Messen zu Beginn der Fastenzeit teilzunehmen.

Vom Hoffnungsträger zum Diktator
Daniel Ortega (80) war Führer der Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) und galt jahrelang als Hoffnungsträger der internationalen Linken. 1979 stürzten «Comandante Daniel» und seine Getreuen mit Waffengewalt die verhasste Diktatur des von den USA unterstützten Somoza-Clans. Als unentbehrliche Figur in der Regierungsjunta wurde er 1985 zum erfolgreichen Präsidentschaftskandidaten der FSLN. Dass ihn das Volk fünf Jahre später abwählte, hat er den Nicaraguanern nie verziehen. Durch geschicktes Paktieren kehrte Ortega mit der Wahl 2006 an die Staatsspitze zurück, die er seither mit Zähnen und Klauen verteidigt. Mit allerhand Tricks, Rechtsbrüchen und offenkundiger Wahlmanipulation errichtete er im Laufe der Jahre eine eigene Clan-Herrschaft, gestützt auf das loyale Militär. Die Gewaltenteilung wurde de facto abgeschafft; alle staatlichen Institutionen, einschliesslich Legislative und Judikative, sind nun direkt dem Präsidentenpaar unterstellt. Familienmitglieder haben zentrale Posten in Wirtschaft und Verwaltung inne. Während sich der Ortega-Clan bereichert, lebt die Bevölkerung in prekären Verhältnissen.

Seit der landesweiten Protestwelle 2018 gibt es die Menschenrechte in Nicaragua nicht einmal mehr auf dem Papier. Fand der Umbau zur Diktatur vorher leidlich verdeckt statt, gibt sich das Regime seither keine Mühe mehr, seinen autokratischen Charakter zu verbergen. Hunderte Tote, Tausende Verletzte sind die Bilanz der damaligen Unruhen.

Und die Repression gegen Regierungsgegner dauert bis heute an. Die Katholische Kirche, «Amnesty International» und «Human Rights Watch» beklagen willkürliche Festnahmen, Folter, aussergerichtliche Hinrichtungen. Hunderte Nichtregierungsorganisationen wurden seit 2018 verboten – in den meisten Fällen zog der Staat das Vermögen ein. Hunderttausende sind ins Ausland geflohen. Ein Ende der Diktatur von Ortega-Murillo ist zurzeit nicht abzusehen.


KNA/Redaktion


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