Während seiner Bayernreise steht für Papst Benedikt XVI. am 12. September 2006 Regensburg auf dem Programm. «Glaube, Vernunft und Universität» heisst sein Thema. Wie üblich arbeitet Papst Benedikt mit Quellen und zitiert aus dem Disput eines byzantinischen Kaisers mit einem Muslim: «Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden, wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.» Der Satz wird durch die Zuspitzung internationaler Medien zu Dynamit.
Protest in der islamischen Welt
48 Stunden später ist die islamische Welt in Aufruhr. Die Türkei verlangt eine Entschuldigung; Irans Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei nennt die Papstrede «das letzte Glied eines Komplotts für einen Kreuzzug»; in Pakistan entbrennen gewalttätige Strassenproteste; die Terrorgruppe Al-Kaida verbreitet eine Morddrohung gegen den Papst und in Mogadischu wird eine italienische Ordensschwester erschossen.
Hektisch versucht die Vatikandiplomatie zu beschwichtigen. Auch innerhalb der Kirche gibt es Kritik. Der geplante Türkei-Besuch zweieinhalb Monate später steht fast auf der Kippe. Doch dem Papst gelingt der Brückenschlag: Das Foto, auf dem er in der Blauen Moschee Seite an Seite mit dem Imam vor der Gebetsnische verharrt, geht um die Welt.
Eigentlich ging es Papst Benedikt XVI. in Regensburg gar nicht um das Thema Gewalt und Islam. Er wollte darstellen, dass Glaube und Gewalt sich generell ausschliessen, Glaube und Vernunft aber nicht.
Man kann darüber streiten, ob Benedikt XVI. geschickt vorging, indem er seine Argumentation ausgerechnet am Beispiel des Islams festmachte. Für die Kritik an gewaltsamer Ausbreitung hätte er auch in der christlichen Geschichte Quellen gefunden. Oder wollte er bewusst die Debatte über die Gewaltfrage im Islam vorantreiben, fast auf den Tag genau fünf Jahre nach den Anschlägen des 11. September?
Islamgelehrte antworten dem Papst
Dann wäre ihm das gelungen, denn letztlich befruchtete die «Regensburger Rede» das Gespräch zwischen beiden Religionen. Schon auf dem Höhepunkt der Krise gab es besonnene Stimmen von Muslimen. Im Oktober 2006 erschien ein offener Brief, unterzeichnet von 38 Islamgelehrten, die einen «ehrlichen Dialog» anregten. Ein Jahr später folgte «Ein gemeinsames Wort zwischen Uns und Euch». Diesmal unterschrieben 138 Gelehrte und luden zum Austausch über Gemeinsamkeiten ein.
Für den Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück formuliert die «Regensburger Rede» von Papst Benedikt XVI. bis heute Herausforderungen für eine zeitgemässe Theologie. Der Eklat um ein Islamzitat des Papstes habe das Thema Glaube und Vernunft, das die eigentliche Stossrichtung der Rede darstelle, überlagert, sagte Tück in seinem aktuellen Podcast «Diesseits von Eden». Als weiterhin bedeutsam nennt er die Forderung, dass zeitgemässe Theologie «traditionssensibel» auch in dem Sinne sein müsse, dass sie Kategorien und Sprachangebote der griechischen Philosophie als konstitutiv für das Christentum verstehe. Benedikt XVI. habe daran erinnert, dass diese Allianzen und Durchdringungen von Glaube und griechischer Philosophie das Christentum von Beginn an bestimmt hätten, etwa auch im Konzil von Nizäa 325.
Mit Blick auf die Empörungswellen in der islamischen Welt über ein Zitat des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaiologos (1350–1425) sagt Jan-Heiner Tück, eine bleibende Aufgabe im christlich-islamischen Dialog sei die Klärung des Gewaltpotenzials von Religion. Dies betreffe Christentum und Islam in ähnlicher Weise. Auch hier weise die «Regensburger Rede» einen Weg, insofern die Rückkopplung des Glaubens an die Vernunft ein «Domestizierungspotenzial gegenüber gewaltträchtigen Gottesinterpretationen» biete.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Eine richtige Kritik und Anmerkung. Naiv ist nur der Glaube, dass wir denselben Gott anbeten. Mit Muslimen müssen wir nicht über unseren dreifaltigen Gott reden, denn sie lehnen diesen ab. Sie haben einen anderen Herrn, der die Verbreitung des muslimischen, antichristlichen Glaubens mit dem Schwert gebietet.
Wie kommen Sie auf den irrwitzigen Gedanken, die Muslime hätten einen anderen Gott? Das Subjekt des Begriffs Gott ist in monoteistischen Theologien immer derselbe eine Gott. Die Christen in arabischen Ländern nennen Gott, Allah, da Allah das Wort für Gott ist, sowohl bei den Muslimen, wie bei den Christen. Der Referent Gott ist unumstritten derselbe, nämlich der eine Gott auch aller monotheistischer philosophischer Gotteslehren.
Richtig ist es hingegen zu unterscheiden, wie, die beiden Religionen die Wesenheit Gottes darlegen und daraus unterschiedliche Weisungen und Kulthandlungen ableiten.
Vergleichen Sie also Gott mit einem Sternen, die einen sehen ihn am Morgen und nennen ihn Morgenstern, die anderen sehen ihn am Abend und nennen ihn Abendstern. Bei den Religionen kommt noch hinzu, dass die Religionen davon ausgehen, dass sie Gott jeweils mit einer besseren Perspektive als die anderen sehen und daher die anderen Religionen nur ein Zerrbild von Gott haben. Das ist aber mitnichten ein anderer Gott.
K. Meienberger