Kurz vor dem Festgottesdienst zur Bischofsweihe trat Hildegard Aepli in den Altarraum und gab den Gläubigen einen ersten Hinweis zum Verlauf der Bischofsweihe von Beat Grögli – und stellte gleich weitere Erläuterungen in Aussicht: so überflüssig wie ein Kropf, wie sich bald herausstellen sollte. Denn das ans Kirchenvolk verteilte Beiheft «Eucharistiefeier zur Bischofsweihe – Ablauf und Lieder» enthielt alle erforderlichen Angaben, damit auch Laien die Weiheliturgie verstehen und mitfeiern konnten. Sollte der neue Bischof die nervigen Interaktionen der Hildegard Aepli als einen ersten Schritt der von ihm angekündigten Frauenförderung verstanden haben, ist ihm dieser Schritt misslungen.
So oder so, Hildegard Aeplis Auftritt erwies sich als ein schlechtes Omen, das sich nur allzu schnell bewahrheiten sollte. Bereits in der Begrüssung wartete Alt-Bischof Markus Büchel mit einer deplatzierten Sottise auf: «Ist dir mitten in diesem Pomp überhaupt noch wohl?», traktierte er den Weihekandidaten Beat Grögi. Dieser reagierte mit einem gequälten Lächeln. Tatsächlich könnte Markus Büchels verbaler Seitenhieb in die Magengrube seines Nachfolgers grotesker und realitätsfremder kaum sein. Während in der säkularen Welt Mega-Events wie der European Song Contest oder die Fussball-Europameisterschaft der Frauen pompöser nicht inszeniert werden könnten, hat im Zeitalter der religiösen Verklemmtheit auch in der Katholischen Kirche schon seit Jahren ein liturgischer Minimalismus, eine Verarmung der Formenvielfalt sondergleichen überhandgenommen. Sprechendes Beispiel ist die von allen religiösen Symbolen «befreite» Mitra unserer Bischöfe. A propos Fussball-Europameisterschaften der Frauen: Wie das Portal «Infosperber» enthüllte, mussten für die wenigen Spiele in Thun und Bern Naturrasen aus Holland mit Lastwagen herangekarrt werden. Der ökologische Stumpfsinn kostet annähernd eine Million Franken. Man stelle sich den Aufschrei vor, ein kirchlicher Anlass, beispielsweise ein Papstbesuch, würde mit einer vergleichbaren Summe zu Buche schlagen.
Im Anschluss an die Lesungen folgte die Predigt. «Er ist ein guter Schwimmer, er kann auch gegen den Strom schwimmen», lobte Alt-Bischof Büchel seinen Nachfolger. Bleibt die Frage, welchem Hintergedanken sich diese Laudatio verdankt: Schwimmen gegen den Zeitgeist oder Schwimmen gegen Vorgaben aus Rom?
Irritierende Allerheiligenlitanei
Es folgten als zentrale Handlungen der Weiheliturgie die Anrufung des Heiligen Geistes und die Allerheiligenlitanei. Letztere hatte es in sich. Die dem «Pilgerprojekt Kirche mit den Frauen» entnommene Litanei begann mit der Anrufung «Du Gott, Vater und Mutter im Himmel». Die Mutter Gottes durfte sich mit dem Attribut «mütterliche Begleiterin» begnügen. Es ist grotesk, schon fast absurd, wenn ausgerechnet jene Kreise, die lauthals die Benachteiligung der Frau in der Katholischen Kirche beschwören, die in der Liturgie mannigfach bezeugte Bedeutung Mariens in der Heilsökonomie marginalisieren, wenn nicht ganz ausblenden. Dazu passt, dass jener Teil des Hochgebets, in welchem von der Jungfrau und Gottesmutter die Rede ist, dem portugiesisch sprechenden Mitkonsekrator Luis Manuel Ali Herrera anvertraut wurde.
Dazu passt auch, dass zum Einzug die Melodie des altbekannten Kirchenliedes «Ein Haus voll Glorie schauet» gesungen wurde – allerdings mit einem neu unterlegten Text. Die beiden ersten Strophen hatte Neubischof Grögli gleich selbst beigesteuert. Die dritte, «nachkonziliar umgepolte» Strophe blieb unangetastet. Sie beginnt mit dem Satz: «Die Kirche ist erbauet auf Jesus Christ allein.» Männiglich fragt sich: Was soll dieser Solipsismus, diese protestantische Pfalbauertheologie? Ohne das Ja Mariens wäre Christus nicht Mensch geworden. Gott wollte sein Werk der Erlösung nicht ohne Mitwirkung des Menschen, konkret nicht ohne das Fiat mihi Mariens vollbringen.
A propos Kirchenlieder: Wie so oft ist ihnen ein beklagenswertes Schicksal beschieden, geht ihnen doch nur allzu oft ein schier nicht enden wollendes Orgel-Präludium voraus, das der Selbstinszenierung des Organisten partout kein Ende setzen will. Auch geübte Kirchenliedsänger hatten just in dieser Liturgie der Bischofsweihe ihre liebe Mühe herauszufinden, wann sie denn endlich in das Orgel- und Instrumentengetöse mit einstimmen sollten.
Glückwünsche von Karin Keller-Sutter
Am Schluss ergriff auch Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter das Wort. Bereits in der Medienmitteilung des Bistums vom 26. Juni 2025 verkündete der auf irdische Lorbeeren erpichte Neu-Bischof Grögli voller Stolz: «Ich freue mich riesig […] auch die Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter reist am 5. Juli nach St. Gallen – das ehrt mich.» Sie reiste nicht nur nach St. Gallen, sondern hatte auch ein Grusswort sui generis im Gepäck. Wie der Neugeweihte aus Wil stammend, konzedierte sie den Fürstäbten, «nicht alles schlecht gemacht zu haben», denn immerhin hätten sie für den Bau einer Strassenverbindung von Rorschach über St. Gallen bis nach Wil gesorgt und damit die Fürstabtei näher an die Eidgenossenschaft gerückt.
«Nicht alles schlecht gemacht»: Wie bitte? Was soll dieser Nonsens? Die Fürstabtei St. Gallen galt als das bestverwaltete Territorium auf dem Gebiet der heutigen Schweiz. Der Klosterbezirk gehört mit seiner berühmten Stiftsbibliothek zum UNESCO-Weltkulturerbe. Und eben diese Karin Keller-Sutter hatte die Chuzpe, die sich den Fürstäbten verdankende Stiftsbibliothek als Kulisse für ihre Neujahrsbotschaft zum Jahresbeginn 2025 zu instrumentalisieren. Die gleiche Stiftsbibliothek präsentierte sie unverfroren auch der im Mai dieses Jahres auf Staatsbesuch weilenden kosovarischen Präsidentin Vjosa Osmani. Würg!
Den staatskirchlichen Blumenstrauss überreichte Armin Bossart, Präsident des Administrationsrates, der Exekutive des sogenannten Katholischen Konfessionsteils. Sein Ansatz war originell, er wünschte dem neuen Bischof alles Gute, buchstäblich von A – Z. Jeden seiner Wüschen ordnete er einem je eigenen Buchstaben zu. Darunter war manch ernst gemeinte und weniger ernst gemeinte, manch gelungene und manch misslungene Pointe dabei. Der ersten Kategorie wird man den Wunsch nach einem beherzten, belastbaren und begeisternden Bischof zu Buchstabe B zuordnen können, ebenso der Wunsch für einen Fight zugunsten einer fundierten Flade zu Buchstabe F. In die zweite Kategorie gehört hingegen der «Drang auf wenig diktatorische Dogmen in der Diözese».
Was befremdete: Gute Wünsche sonder Zahl wurden an die Adresse des neuen Bischofs gerichtet, doch weder Alt-Bischof Büchel, geschweige denn Karin Keller-Sutter noch Armin Bossart entboten ihm den Segen Gottes. Doch gerade dieser ist ihm ganz besonders zu wünschen.
Tröstlich immerhin: Die in der Medienmitteilung des Bistums vom 26. Juni 2025 angekündigten Zumutung («Während der darauffolgenden Allerheiligenlitanei legt sich der Neugewählte auf den Boden vor den Altar, hin zum Volk; denn er ist einer aus dem Volk») blieb dem Kirchenvolk erspart.
Und immerhin war das Weiheversprechen des neuen Bischofs liturgisch korrekt. Beat Grögli verpflichtete sich, den Glauben treu und unverkürzt weiterzugeben und zum Gehorsam gegenüber dem Papst. Wenn der Eindruck dieser Bischofsweihe nicht täuscht, wird man den künftigen St. Galler Bischof wohl früher als später an dieses Versprechen erinnern müssen.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Can. 846 §1 CIC sagt unmissverständlich:
„Bei der Feier der Sakramente hat man sich genau an die vom zuständigen Autoritätsorgan approbierten liturgischen Bücher zu halten; niemand darf eigenmächtig etwas hinzufügen, weglassen oder ändern.“
an. 214 CIC:
„Die Gläubigen haben das Recht, den Gottesdienst gemäß den Vorschriften des eigenen Ritus zu feiern und die geistlichen Hilfen der Kirche zu empfangen, besonders das Wort Gottes und die Sakramente.“
Uns Gläubigen wird regelmässig das Recht geraubt. Im Grunde war diese Bischofsweihe ein Skandal und Ärgernis für die Glaubenstreuen Katholiken. Der Nuntius war anwesend, die Beschwerden haben ihn auch schon erreicht, mal schauen was passiert. Ich denke NICHTS.
Der neue Leiter des Bistums, so wie ich ihn wahrnehme, wird wohl dafür sorgen, dass sich Jedermann und Jedefrau im Bistum wohlfühlen wird.
Schon sein Vorgänger-Bischof hat ja die Sakramentenordnung derart verwässert, dass jeder Laie, ob Katholik oder Protestant grosse Freiheiten hat und sich entfalten kann.
Ein Bischof, der wirklich gegen den Strom schwimmt, würde nicht dem Zeitgeist folgen, sondern Rom und der katholischen Überlieferung treu bleiben – auch wenn es ihn den Applaus der Welt kostet. Und doch: Wir sind gehalten, für den neuen Bischof zu beten – damit Gott ihn an die Leine nimmt, ihn zur Heiligkeit führt, ihn Demut und die Verachtung der Welt lehrt. Möge er das Feuer der Wahrheit entdecken, das er zu hüten versprochen hat.