Mit spitzer Feder

Der Sport als Ersatzreligion

Zur­zeit spielt die Welt des Sports wie­der ein­mal ver­rückt, sehr ver­rückt sogar. An vor­ders­ter Front mit dabei auch die Schweiz. Von einer «Palast­re­vo­lu­tion» (NZZ) ist die Rede, von einem «Putsch» (Tages-​Anzeiger), von einem «Baum, der brennt» (Blick). «Ein Club ver­sinkt im Chaos», schiebt wat​son​.ch nach.

Um was geht es? Nach 57 Jahren gewinnt der FC St. Gallen am Pfingstsonntag (!) erstmals wieder den Schweizer Cup. In der Ostschweiz ist die Euphorie riesig. Obwohl: Der Sieg ist eigentlich ein Muss, war doch der Gegner ein krasser Aussenseiter: der FC Stade Lausanne-Ouchy aus der zweiten Liga.

Bereits während der Siegesfeier hatte Präsident Matthias Hüppi mitten im Cup-Jubel in einem Interview mit dem Schweizer Fernsehen den ominösen Satz platziert, es gebe im FC St. Gallen «Tendenzen, die in dieser Form nicht akzeptiert werden». Die Medien rochen die von Hüppi gezündete Lunte postwendend. Der Eklat liess nicht mehr lange auf sich warten. Bald stellte sich heraus, dass die in der Immobilienbranche tätigen Grossaktionäre den Verwaltungsrat des FC St. Gallen entmachten und durch Leute nach ihrem Gusto ersetzen wollten. Insbesondere die «Personalie Hüppi» erregte die Gemüter: Dieser sollte durch den ehemaligen St. Galler Regierungsrat Stefan Kölliker ersetzt werden. Frust und Wut waren im Fan-Club wie in der ganzen Öffentlichkeit enorm. Denn immerhin steht der FC St. Gallen finanziell so gut da wie nie zuvor (Jahresumsatz: 45 Mio. Franken), hängt nicht am Tropf von steinreichen Mäzenen wie die Konkurrenz und hat soeben auf dem 2. Tabellenplatz die Meisterschaft abgeschlossen und als Krönung gerade den Schweizer Cup gewonnen.

Der edle Ritter
Präsident Hüppi ist zwar keineswegs der selbstlose, edle Ritter, als den sich der mediengewandte ehemalige SRF-Sportmoderator gerne sieht und ebenso gerne verkauft. Das Medienbranchen-Portal «Klein Report» will in Erfahrung gebracht haben, dass der autokratische Führungsstil Hüppis club-intern schon seit längerem Unmut auslöst. Auf Kritik stösst zudem das überaus üppige Salär, das sich Hüppi gönnt. Wiederum gemäss «Klein Report» soll sich sein Gehalt im «mittleren sechsstelligen Bereich» bewegen, rund 500 000 Franken also. Unglaubwürdig ist auch Hüppis Aussage unmittelbar nachdem er den Machtkampf doch noch in extremis gewonnen hatte («Putsch im Keim erstickt», so der «Blick» vom 28. Mai): Leadership habe nichts mit Macht zu tun, sondern mit Verantwortung. Zudem sei ein partizipativer Führungsstil essentiell. Als ob die Übernahme von Verantwortung ohne die dazu erforderliche Macht überhaupt möglich wäre.

Gleichwohl gilt es festzuhalten: Hüppi hat es geschafft, rund um die Marke «FC St. Gallen» ein Wir-Gefühl zu schaffen, das quer durch alle gesellschaftlichen Schichten die Bevölkerung zusammenschweisst. In dieser durch und durch säkularisierten und atomisierten Gesellschaft hat die Identifikation mit dem Club geradezu einen religiösen Charakter angenommen. Es genügt, sich die kultähnlichen Choreo-Rituale der Fans jeweils vor Spielbeginn in Erinnerung zu rufen.

Die Heiligsprechung eines Fussballclubs
Nichts könnte die den Säkularisierungsprozess kompensierenden Re-Sakralisierungsbemühungen allerdings besser illustrieren als die Tatsache, dass sich die St. Galler Kantonsregierung mit einer Medienmitteilung vom 26. Mai eigens zu Wort meldete. Dies, um vor den Folgen dieses club-internen Hick-Hacks zu warnen. Folgen, so gibt die St. Galler Regierung deutlich zu verstehen, die eintreten würden, sollten Hüppi und seine Getreuen aus dem Verwaltungsrat hinausbugsiert werden. Und eben diese Folgen wären fatal, denn der FC St. Gallen sei «weit mehr als ein Fussballclub», schwärmt der Regierungsrat. Vielmehr sei er ein «gesellschaftliches Bindeglied, das Menschen unterschiedlichster Herkunft, Generationen und Überzeugungen vereint. Zehntausende von Ostschweizerinnen und Ostschweizern haben diesen Cupsieg gemeinsam erlebt und gefeiert – in Bern und in der ganzen Region. Die Bilder der ausgelassenen Feierlichkeiten auf dem Marktplatz und in den Gassen der Stadt St. Gallen werden in kollektiver Erinnerung bleiben. Der FC St. Gallen übernimmt so eine zentrale gesellschaftliche Funktion und leistet einen enormen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Kanton.»

Was so ein Tschütteler-Verein doch alles bewirken kann! Geradezu überirdisch anmutende Qualitäten werden ihm attestiert. Bei aller vordergründigen Euphorie: Dieser hagiographische Absturz ist genau genommen ein Armutszeugnis, legt er doch bloss, dass in einer durch und durch entchristlichten Welt nur noch der Sport als Integrations-Vehikel übrig bleibt und die Gesellschaft vor dem Zerfall bewahren kann. Wir sind wieder dort angelangt, wo die alten Römer vor 2000 Jahren schon einmal waren: Bei panem et circenses – Brot und Zirkusspiele.

Das Beispiel des FC St. Gallen ist allerdings beileibe kein Einzelfall. Als vor wenigen Wochen Patrick Fischer als Trainer der Eishockey-Nationalmannschaft abgesetzt wurde, weil er ein Covid-Zertifikat gefälscht hatte, brach in der ganzen Schweiz ein Sturm der Entrüstung los. Innert weniger Stunden forderten mit einer Online-Petition mehr als 200 000 Personen die Rücknahme von Fischers Kündigung.

Gewaltig, welche Ressourcen und Emotionen der Sport zu entfachen und zu absorbieren vermag. Sollte unsere Eishockey-Nati am kommenden Sonntag auch noch Weltmeister werden, wird die Erhebung des Sports zur Nationalreligion nicht mehr zu vermeiden sein.


Niklaus Herzog
swiss-cath.ch

E-Mail

Lic. iur. et theol. Niklaus Herzog studierte Theologie und Jurisprudenz in Freiburg i. Ü., Münster und Rom.


Kommentare und Antworten

×

Name ist erforderlich!

Geben Sie einen gültigen Namen ein

Gültige E-Mail ist erforderlich!

Gib eine gültige E-Mail Adresse ein

Kommentar ist erforderlich!

Captcha Code Kann das Bild nicht gelesen werden? Klicken Sie hier, um zu aktualisieren

Captcha ist erforderlich!

Code stimmt nicht überein!

You have reached the limit for comments!

* Diese Felder sind erforderlich.

Bemerkungen :

  • user
    Sabine Lederer 29.05.2026 um 18:40
    Ein Vertreter ersten Ranges ist zweifelsohne Bischof Bonnemain: Fitness-Center und Extrem-Gewichtestemmen sowie Psychotherapie sind seine Ersatzreligionen.
    • user
      Stefanie Müller 29.05.2026 um 22:40
      Das Stemmen der Gewichte gibt ihm ein besonderes Hochgefühl von Stärke und Macht das er sonst nicht bekommen kann
  • user
    Claudio Tessari 29.05.2026 um 15:55
    Die Fussballstadien sind heute die Kathedralen von gestern. Leider. Fan kommt von lateinisch: fanaticus = religiös-ekstatisch, schwärmerisch. Heute verehren leider auch viele Christen, ihren Fussballverein, mehr als jeden Heiligen. Ja es gibt solche die beten ihn sogar schon fast an wie man nur Gott anbeten kann. Ich habe nichts gegen Fussball, aber man muss unterscheiden zwischen Freude am Sport haben, oder Götzendienst betreiben.