(Symbolbild: beasternchen/Pixabay)

Kirche Schweiz

Der Tod auf Rezept – und die Ein­sam­keit bleibt unbehandelt

Am 27. Sep­tem­ber ent­schei­det das Zür­cher Stimm­volk, ob in Zukunft nicht nur alle Pflege– und Alters­heime, son­dern auch die Spi­tä­ler den assis­tier­ten Sui­zid zulas­sen müs­sen. Im Vor­feld die­ser Abstim­mung the­ma­ti­siert Don Phil­ipp Isenegger, geist­li­cher Lei­ter des Mis­si­ons­wer­kes BLESS, die Fol­gen für eine Gesell­schaft, wel­che den assis­tier­ten Sui­zid zum Nor­mal­fall verklärt.

Wenn ich heute als Priester an ein Sterbebett gerufen werde, lege ich die Stola um. Die Jahre in der Pflege lege ich dabei nicht ab. Als Pflegefachmann trug ich in zwei Demenzabteilungen Leitungsverantwortung und begleitete viele Menschen palliativ. Dort habe ich etwas gelernt, das in keinem Medikamentenschrank liegt: Für das Sterben gibt es keine Abkürzung.

Man kann einen Todeszeitpunkt festlegen. Man kann ein Rezept ausstellen und ein Mittel bereitstellen. Aber man kann den Weg des Abschiednehmens nicht einfach abkürzen. Was man beim Sterbenden scheinbar verkürzt, verlagert man nicht selten in die Herzen derer, die zurückbleiben. Der Tod lässt sich terminieren. Die Trauer nicht.

Wenn das Nein zum Tabu wird
In der Schweiz ist längst nicht mehr der assistierte Suizid das Tabu. Zum Tabu wird zunehmend das Nein dazu. Wer fragt, ob das Herbeiführen des Todes wirklich Pflege sein kann, gilt schnell als hartherzig oder als Feind der Selbstbestimmung. Aber vielleicht ist die unbequemere Frage gerade die barmherzigere: Behandeln wir noch das Leiden – oder beseitigen wir den Leidenden?

Das Schweizer Recht nennt die Sache nüchtern «Beihilfe zum Suizid»: Die sterbewillige Person vollzieht den letzten Schritt selbst; direkte aktive Sterbehilfe bleibt strafbar.

Der Katechismus ist ebenso klar: Eine Handlung, die absichtlich den Tod herbeiführt, um Schmerz zu beenden, ist «ein Mord» (KKK 2277). Das ist ein Urteil über die Tat, nicht über den Menschen in seiner Angst und Verzweiflung.

Am 27. September stimmt der Kanton Zürich darüber ab, ob alle Alters- und Pflegeheime, Spitäler und Reha-Kliniken assistierten Suizid in ihren Räumen dulden müssen. Das offizielle Abstimmungsheft sagt offen, die Glaubens- und Gewissensfreiheit einer Institution solle hinter der Selbstbestimmung der suizidwilligen Person zurücktreten. Die Mitarbeitenden müssten zwar weder das Mittel verabreichen noch beim Suizid anwesend sein. Zugleich hält derselbe Text fest, dass die Heime und ihre Mitarbeitenden organisatorisch involviert wären. Der Regierungsrat warnt deshalb: Die Folgen gehen über ein blosses Dulden hinaus.

Ein Heim besteht nicht aus Mauern und einem Leitbild. Dort arbeiten Menschen. Was bedeutet es für eine gläubige Pflegefachfrau, wenn sie den Menschen am Vormittag palliativ begleitet und am Nachmittag organisatorisch an dessen assistiertem Suizid mitwirken soll? Das Gewissen kann man nicht zusammen mit der Jacke an der Garderobe abgeben. 2025 wurden im Kanton Zürich 677 assistierte Suizide registriert, aber nur einer davon in einem Spital. Und nun sollen gerade alle Spitäler zur Duldung verpflichtet werden.

Die Krankheit, die nicht auf dem Totenschein steht
Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass Einsamkeit weltweit zu rund 871 000 Todesfällen pro Jahr beiträgt – etwa hundert Todesfällen pro Stunde. Eine Auswertung von 86 Langzeitstudien bestätigt für ältere Menschen das erhöhte Sterblichkeitsrisiko durch Einsamkeit und soziale Isolation. Einsamkeit steht kaum je auf einem Totenschein. Sie kommt verkleidet: als Depression, Herz-Kreislauf-Erkrankung, kognitiver Abbau oder als leiser Gedanke, den niemand hören möchte: «Ich bin doch nur noch eine Last.»

Ich erinnere mich an Menschen auf der Demenzabteilung, bei denen vieles nicht mehr erreichbar schien. Und dann kam ein vertrautes Lied, ein Gebet oder eine ruhig gehaltene Hand – und plötzlich war da ein Blick, ein Lächeln, manchmal sogar ein Wort. Demenz nimmt Erinnerung, Sprache und Selbständigkeit. Aber sie nimmt dem Menschen nicht seine Würde. Vielleicht verlieren nicht zuerst diese Menschen den Zugang zu uns. Vielleicht verlieren wir den Zugang zu ihnen, weil wir zu wenig Zeit haben, ihn zu suchen.
 


Sterben ist kostbare Zeit
Der Sterbeprozess ist nicht schön, weil Schmerzen schön wären. Er ist kostbar, weil diese Zeit nie zurückkehrt. Da kann noch gedankt, geweint, geschwiegen und vergeben werden. Da kann eine Hand gehalten, ein Segen gesprochen, die Beichte abgelegt, die Krankensalbung empfangen und zum letzten Mal gemeinsam gebetet werden. Auch das Bundesamt für Gesundheit hält fest, dass Angehörige Zeit brauchen: für das schrittweise Abschiednehmen, für die Orientierung nach dem Tod und für eine Trauer, die Monate oder Jahre dauern kann.

Diese Zeit lässt sich nicht produzieren. Und niemand soll einem Angehörigen ein schlechtes Gewissen machen, wenn der Tod plötzlich kommt oder er beim letzten Atemzug nicht dabei sein konnte. Aber wo Zeit geschenkt wird, sollten wir sie nicht vorsätzlich wegkürzen. Der Tod ist nicht nur eine höchstpersönliche Entscheidung. Er berührt eine Familie, eine Pflegegemeinschaft, Mitbewohnende und alle, die nachher mit dem leeren Bett weiterleben müssen.

In Savognin musste ich erleben, dass bei einer Wohnungsräumung eine Urne gefunden wurde. Zuerst wusste man nicht einmal sicher, wessen sterbliche Überreste darin lagen. Aufgrund von Vermutungen konnte man die Person schliesslich wohl zuordnen; die Urne wurde in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt. Das tut weh. Ein Mensch hat einen Namen. Und Trauer braucht einen Ort.

Darum bevorzugt die Kirche weiterhin die Erdbestattung, auch wenn die Feuerbestattung erlaubt ist. Die Asche soll an einem heiligen Ort beigesetzt, nicht verstreut oder wie ein Erbstück unter mehreren Familien aufgeteilt werden. Der Verstorbene ist kein Souvenir. Er gehört in das Gedächtnis der Kirche, in ihr Gebet und an einen Ort, an dem sein Name bleiben darf.

«Bleibt hier und wacht mit mir»
Doch unsere Sorge um einen Menschen beginnt nicht erst am Grab. Sie beginnt am Sterbebett. Ein assistierter Suizid lässt sich organisieren: ein Termin, ein Rezept, ein vorbereitetes Mittel. Aber der Mensch ist damit noch nicht begleitet. Sterben ist kein Vorgang, den man erledigt, sondern ein letzter Weg. Wir können ihn dem Sterbenden nicht abnehmen, aber mit ihm gehen. Wir können nicht jede Angst nehmen und nicht jede Frage beantworten. Aber wir können sagen: Du bist nicht allein. Du bist kein Fall, der abgeschlossen werden muss. Gott liebt dich bis zum letzten Atemzug, und kein Leiden zerstört deine Würde. Wo Worte versagen, bleibt nur eines: bei ihm bleiben.

Genau darum bittet Jesus in Gethsemane. Er verherrlicht das Leiden nicht. Er bittet sogar: «Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber» (Mt 26,39). Gott hat den Tod nicht gemacht (vgl. Weish 1,13), und Leiden ist nicht gut, weil es wehtut. Aber Christus flieht auch nicht aus der Liebe. In seiner schwersten Stunde bittet er die Jünger: «Bleibt hier und wacht mit mir» (Mt 26,38).

Das ist das christliche Ja zum Kreuz: nicht Schmerzen suchen, nicht Schmerzmittel verweigern und schon gar nicht einem anderen von aussen erklären, sein Leiden sei wertvoll. Es ist das Ja, das ein Leidender selbst, manchmal nur mühsam, in die Hände Christi legen kann. Und es ist unser Ja, sein Kreuz mitzutragen. Darum sagt «Dignitas infinita»: «Wir müssen zum Tod begleiten, nicht den Tod herbeiführen.»

Als Priester durfte ich bewegende Beichten, Krankensalbungen und Gebete am Sterbebett erleben, weil ein Laie mutig und liebevoll gefragt hatte: «Möchtest du, dass ein Priester kommt?» Oft baut nicht der Priester die erste Brücke zum Sakrament. Es ist eine Angehörige, ein Freund, eine Nachbarin oder eine Pflegefachperson.

Darum genügt es nicht, am 27. September Nein zu stimmen. Besuchen wir einen einsamen Menschen. Rufen wir im Altersheim an. Entlasten wir Angehörige. Unterstützen wir eine freiwillige Sitzwache. In vielen Regionen gibt es Sitzwachgruppen, bei denen wir uns engagieren oder die wir finanziell unterstützen können.

Vielleicht braucht die Schweiz weniger Menschen, die zum Tod verhelfen, und mehr Menschen, die beim Sterben bleiben. Denn ein Nein zum assistierten Suizid ist nur dann christlich glaubwürdig, wenn es zu einem Ja zum Sterbenden wird.
 

Originalbeitrag von Don Philipp Isenegger (BLESS Missionswerk)


Redaktion


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Bemerkungen :

  • user
    Meier Pirmin 10.09.2026 um 08:16
    @Liebe Schwester! Was Sie hier ausführen, mutet betüblich an. Man kann sich meines Erachtens wenn mögich politisch gegen die Erleichterung der Exit-Methode des Sterbens wehren, im konkreten Widerstand wird es schwierig über Bemühungen hinaus, auf dem Lebenswerten des Lebens durch praktische Zuwendung zu beharren. Am betrüblichsten ist aber nun mal, was Sie über Ihre Mitschwestern schreiben. Es scheint sich zu bestätigen, dass Konvertiten nun mal "anders" sind, und es unaufhebbare Mentalitätsdistanzen gibt. Selber würde ich, obwohl mein Glaube derjenigen der grossen Heiligen der Kirche ist, als Nichtkatholik, wie es übrigens auch mein väterlicher Freund Walter Nigg war, hervorragender einfühlsamer Heiligenbiograf, derzeit in der Schweiz ganz sicher nicht der katholischen Kirche als einer Landeskirche "beitreten".Ich brauche auch keine Ecône-Freikirche. Es gibt einen bedeutenden reformierten Theologen, dem ich dies derzeit aus Überzeugung nicht empfehlen kann.
    • Johanna-Jessica OFS 10.09.2026 um 09:51
      Lieber Herr Pirmin, ich danke für Ihre Worte. Im familiären Fall habe ich getan, was in meiner Kraft stand und dass ich die Sühne aufrecht erhalte. Mehr bleibt mir dazu nicht. Und was meine Ordensgeschwister betrifft: ich unterstelle ihnen keinerlei Boshaftigkeit. Und sie bleiben meine Geschwister, so daneben sie sich auch benehmen mögen, denn ich stehe hinter meiner Profess und damit auch zum Geschenk der Gemeinschaft. Es betrübt mich lediglich unaussprechlich in der Summe, wie sie ihr Miteinander gestalten - oder eben nicht. Ihre Gleichgültigkeit bzw. gar manchmal ihre Grobheit, in diesen persönlichen Stürmen, ist, leider, nur eines von vielen Beispielen... Das Tages-Evangelium passt wohl gerade sehr gut dazu. Und auch Jesus wurde von seinen eigenen Jüngern hängen gelassen und gar verraten. Es soll uns nicht besser gehen als dem Meister. Ob das alles mit dem Konvertit sein zu tun hat, weiss ich nicht genau. Mir wurde, mit der Heimkehr in die einzig wahre Kirche, förmlich ein Schatz geschenkt, den ich jeden Tag schätze und liebe, ohne den ich nicht mehr sein KANN. Ob es bei "Geburtsgläubigen" auch so ist, weiss ich nicht. Ich hoffe es aber und ich wünsche es ihnen auch.
  • Johanna-Jessica OFS 08.09.2026 um 22:08
    Ich hatte, unfreiwillig und unter anhaltendem Protest, mit einem Exit-Tod zu tun, im nahen, familiären Umfeld. Mich schaudert noch immer unsagbar tief, wie ein ehemaliger Pfarrer(!) in das Haus, die "letzte Bastion" eines älteren und unheilbar kranken Menschen kam, dort, hörbar genervt, den Lebensschutz als theologisch falsch abtat(!!) und alles pathologisch kalt und routiniert abwickelte. Ich war beim Suizid nicht anwesend und blieb demonstrativ fern, spendete stattdessen hilfebedürftigen Angehörigen Zeit und Trost. Und ich bete, noch immer. Und zuvor? Begleitete ich die kranke Person im KSW seelisch, stundenlang. Tagelang. Wochenlang. Pflegte palliativ. Betreute Angehörige. Organisierte, hoffend bis zuletzt, zwei Mal sonntags das Bringen der Hl. Kommunion, da die Spitalseelsorge in 11 Tagen nur EINMAL zu der Person auf die Palliativstation(!) ging, trotz meinem Drängen. Nun ist die Person gegangen. Und ich bin weiter mit allen Dingen allein. Von meinen eigenen Ordensgeschwistern, beispielsweise, schenkte niemand mir ein offenes Ohr, ein tröstendes Wort, einen entlastenden Nachmittag. Es ruhen sich, scheinbar, alle darauf aus, dass sie ja brav beten... Dabei tötet genau diese Gleichgültigkeit, diese Lieblosigkeit, mit. Nicht nur einen Menschen, sondern eben auch sein ganzes, hinterbliebenes Umfeld.