Papst Leo XIV. in Paris.

Weltkirche

Des Paps­tes Frank­reich­reise und die Schweiz

Der Papst­be­such in Frank­reich vom ver­gan­ge­nen Wochen­ende hat eine Welle der Begeis­te­rung in die­sem durch und durch säku­la­ri­sier­ten Land aus­ge­löst. Auf der Suche nach der Bedeu­tung die­ses Besuchs für die Kir­che in der Schweiz.

Die Freude über die vielen Erwachsenentaufen stand Papst Leo XIV. bei seinem Besuch in Frankreich buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Zu Recht! Die Katholische Kirche erlebt zurzeit einen veritablen Boom an Taufen und Firmungen von Erwachsenen: 21 386 Katechumenen wurden in der diesjährigen Osternacht getauft. Dies entspricht einer Zunahme von 28 Prozent bei den Erwachsenen und von 10 Prozent bei den Jugendlichen gegenüber 2025. Für den feierlichen Gottesdienst vom letzten Samstag auf den Champs-Élysées wurden 600 000 Tausend Gläubige erwartet, gekommen sind 800 000. Wo liegen die Gründe für diesen ebenso überraschenden wie hoffnungsvollen Aufbruch in einer Kirche, die der Staat mit seinem aggressiven Laizismus systematisch aus dem öffentlichen Leben verbannen will?

Für Bernadette Sauvaget, Religionsexpertin bei der linken Zeitung «Libération», sind die Ursachen in einer Welt zu suchen, die zu einem krisengeschüttelten Ort ohne Halt und Orientierung geworden sei, ablesbar an der Pandemie, der Klimakatastrophe, dem Krieg in Europa, dem wirtschaftlichen Niedergang und der künstlichen Intelligenz. Angesichts dieses pessimistisch stimmenden Zukunftsszenarios suchten immer mehr Menschen nach Orientierung und Transzendenz (vgl. «Tages-Anzeiger» vom 25. September 2026). Einer von der Katholischen Kirche durchgeführten Umfrage zufolge sagen die meisten Neugetauften, sie hätten den Glauben nach einer schweren Prüfung in ihrem Leben entdeckt.

Warnung vor Trugschluss
Doch so sehr diese zuversichtlich stimmenden Zahlen das Bild einer (wieder) aufblühenden Kirche erwecken, so wenig dürfen sie zu Euphorie verleiten, denn es gilt, sich ein Gesamtbild der französischen Gesellschaft wie auch der Kirche selbst vor Augen zu halten. Und dies heisst auch, wie Bernadette Sauvaget zu Recht zu bedenken gibt, nüchtern zur Kenntnis zu nehmen, dass sich der Säkularisierungsprozess ungebremst fortsetzt. So sank beispielsweise die Zahl der Kindertaufen von 400 000 im Jahr 2000 auf nur noch 150 000 im Jahr 2025 – mehr als eine Halbierung innerhalb einer Generation. Auch die Tatsache, dass jüngst die Bischöfe vergeblich gegen die Novellierung einer lebensfeindlichen, libertären Suizid-Assistenz protestiert haben – von der unsäglichen Verankerung der Abtreibung als «Menschenrecht» in der französischen Verfassung ganz zu schweigen –, ist ein untrügliches Indiz für den von Bernadette Sauvaget diagnostizierten Säkularisierungsprozess. Ihrer Einschätzung zufolge ist der Katholizismus im ländlichen Frankreich gar «nahezu tot».

Papst Leo XIV. seinerseits war sich der Gefahr eines Trugschlusses wohl bewusst. Zwar zeigte er sich sichtlich erfreut und beeindruckt von der hohen Zahl von Erwachsenentaufen. Auch empfand er grosse Dankbarkeit angesichts der rund 170 jungen Männer, die im Herbst das geistliche Vorbereitungsjahr vor dem Eintritt ins Priesterseminar beginnen, gab aber zu bedenken: «Verwundert über Gottes unvorhersehbares Wirken fragen wir, was wir tun sollen und wohin uns der Geist führt, um die Katechumenen, die Neugetauften und die Wiedereinsteiger zu begleiten» (KNA 26. September 2026). Statt jedoch angesichts dieser Zahlen in «selige Naivität» zu verfallen, seien konkrete seelsorgerische Massnahmen zu ergreifen, um die Neugetauften beständig zu begleiten. Zentral sei, sie voll in die Pfarreien zu integrieren, «indem wir ihnen einen familiären Rahmen und eine möglichst ganzheitliche Unterweisung bieten, welche die verschiedenen Aspekte des christlichen Lebens umfasst und die Einheit von Glauben und Leben fördert». Eingeführt werden müssten sie zudem in die Liturgie. An die Neugetauften richtete er die Worte: «Seid eurerseits Missionare des Evangeliums in dieser Gesellschaft.»
 


«Kirche Schweiz»: Ähnlich und verschieden zugleich
Und wie sieht es diesbezüglich in der Schweiz aus? Auch die Westschweiz erlebt seit 2021 einen deutlichen Anstieg der Zahl der Katechumenen, wobei der Anstieg bei den 16- bis 25-Jährigen besonders ausgeprägt ist. Gemäss der Webseite des Bistums Sitten bereiten sich in der Westschweiz 627 Erwachsene und Jugendliche ab 16 Jahren auf die Taufe vor, im Jahr 2022 waren es noch 132 (vgl. «swiss-cath.ch» «Ungebrochener Anstieg der Katechumenen-Taufen in Frankreich»). Erfreulich: Die sich in zunehmenden Taufen und Firmungen manifestierende Hinwendung zur Kirche hat mittlerweile auch den ominösen Röstigraben überwunden. Wie die Zeitung «Der Landbote» am 19. September berichtete, erhält Pfarrer Stefan Staubli von der Winterthurer Zentrumspfarrei St. Peter und Paul fast jede Woche Anfragen für Taufen und Firmungen von Erwachsenen. Einer davon ist der Jusstudent Luca W., der am 19. September von Bischof Joseph Maria Bonnemain in Winterthur gefirmt wurde.

Der «Landbote» widmet Luca W. ein ganzseitiges Interview, in dem er sich zu den Beweggründen und den Reaktionen in seinem familiären und beruflichen Umfeld äussert. Es ist ein berührendes, von aussergewöhnlicher spiritueller Reife und profunder Kenntnis des katholischen Glaubens zeugendes Statement dieses 27-jährigen Mannes. Zur Frage: «Musst du dich für deinen Glauben oft rechtfertigen?» sagt er: «Ja, ehrlich gesagt schon. Früher brauchte es Mut, aus der Kirche auszutreten. Heute brauche ich Mut, um zu sagen, dass ich gläubig bin. Man wird schnell schräg angeschaut.» Sein Glaubensbekenntnis ist umso beeindruckender, als er den Weg hin zur Kirche allein geschultert hat – ohne Unterstützung der dafür eigentlich mitverantwortlichen Seelsorgenden. Er, Luca W., hat sich «auf eigene Faust durch die Geschichte der Kirchenväter, durch die Evangelien und durch historische Belege gearbeitet. Und so seinen Glauben gefunden.»

«Zu katholisch»
Diese Erfahrung des «Do-it-yourself», des «Auf sich allein gestellt Seins», ist kein Einzelfall. «swiss-cath.ch» ist ein Fall eines ebenfalls jungen Mannes bekannt, der sich an den zuständigen Gemeindeleiter seines Wohnortes, ebenfalls Winterthur, wandte, um sein Interesse an einem Beitritt zur Katholischen Kirche zu bekunden. Die Darlegungen des Kandidaten über die Beweggründe seines Beitrittsgesuchs waren dem inzwischen aus dem Amt geschiedenen Gemeindeleiter, einem Laien, «zu katholisch», weshalb er ihn mit den Worten verabschiedete, er solle sich besser bei einer Freikirche um eine Aufnahme bemühen … Dass sich besagter Kandidat trotz solch verstörender Erfahrung nicht von seinem schliesslich vollzogenen Beitrittswillen zur Katholischen Kirche abbringen liess, darf als ermutigendes Zeichen gewertet werden.

Nichtsdestotrotz besteht auch in der Schweiz kein Anlass, in «selige Naivität» zu verfallen, um es mit den Worten von Papst Leo XIV. zu sagen. Auch hierzulande ist die Zahl der Kindertaufen markant gesunken.

Don Philipp Isenegger ortet in unserem dualen Kirchensteuersystem einen Hemmschuh für eine gedeihliche Entwicklung des kirchlichen Lebens (vgl. sein Blog «Frankreich kniet. Und wir?»). Er stellt die beinahe ketzerische und doch nur zu berechtigte Frage, ob der finanziell bestens ausgestattete kirchliche Apparat nicht womöglich Menschen anzieht, denen nicht zuallererst Christus und die ihnen anvertrauten Menschen am Herzen liegen, sondern die primär an einem abgesicherten Arbeitsplatz mit gut gefüllter Lohntüte interessiert sind.

Vor diesem Hintergrund lohnt sich, so Don Philipp Isenegger, ein Blick auf Frankreich, auf das, was der jüngst zu Ende gegangene Papstbesuch in diesem so säkularisierten Land ausgelöst hat. Angesichts der vielen Neugetauften richtet er die Frage an die kirchlich Verantwortlichen hierzulande: «Findet ein junger Mensch bei uns jemanden, der mit ihm die Bibel aufschlägt, seine Fragen ernst nimmt und ihm den Glauben erklärt? Gibt es verlässliche Beichtzeiten, Räume der Anbetung?» Sein Wort (nicht nur) in Gottes Ohr!


Niklaus Herzog
swiss-cath.ch

E-Mail

Lic. iur. et theol. Niklaus Herzog studierte Theologie und Jurisprudenz in Freiburg i. Ü., Münster und Rom.


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Bemerkungen :

  • user
    T.L.D 01.10.2026 um 09:56
    Ähnlich ging es mir auch, als ich vor 2 Jahren konvertiert bin. Die Seelsorger konnten mein Bedürfnis, der Kirche beizutreten, nicht nachvollziehen. Erst ein ehemaliger Dompfarrer, welcher nun Bischof ist, hat mir zugehört und mich dann in die Kirche aufgenommen.
  • user
    Michael Dahinden 01.10.2026 um 08:03
    Endlich einmal eine Good News in der Kirche.
    Klar kommt auch jetzt wieder Kritik - ist ja bekannt. Die einen werden sagen, zuerst sollte Glaubensstreit beigelegt werden, die andern werden sagen, es ist nur ein Strohfeuer, Dritte könnten sagen, es liege am trockenen Wetter. Freuen wir uns doch, dass sich einmal im positiven Sinn etwas bewegt.