Dr. Christian Spaemann. (Bild: Verein «Vera Fides»)

Kirche Schweiz

Die Beichte aus psy­cho­lo­gi­scher und theo­lo­gi­scher Sicht

Am 21. Februar 2026 orga­ni­sierte der Ver­ein «Vera Fides» in Bern eine Tagung zum Thema Beichte. Der Psych­ia­ter Dr. Chris­tian Spae­mann und Pater Ste­fan Rei­ner FSSP haben in ihren Refe­ra­ten aus psy­cho­lo­gi­scher, theo­lo­gi­scher und pas­to­ra­ler Sicht erläu­tert, welch gros­sen Wert das Sakra­ment der Beichte hat.

Der Verein «Vera Fides» hatte am Beginn der Tagung alle Interessierten zur Feier der Heilige Messe in der Dreifaltigkeitskirche in Bern eingeladen. Die Lesung schilderte den Sündenfall der ersten Menschen, mit dem das Bewusstsein über Gut und Böse in die Welt kam. Im Evangelium wurden uns dann die Versuchungen vor Augen geführt, die der Sohn Gottes in der Wüste durchleben musste. Jesus hielt trotz aller Lockungen des Bösen an Gottes Wille fest und besiegte dadurch den Widersacher. In der Homilie machte Zelebrant Mario Hübscher darauf aufmerksam, dass Gott die Welt vollkommen erschaffen hatte und dass es der Mensch war, der mit seinem fehlenden Vertrauen und Gehorsam gegenüber Gott die Welt in eine Unordnung stürzte. Gott hat aber den Menschen nicht aufgegeben, sondern ihn durch die Geschichte hindurch begleitet – bis hin zur Menschwerdung Gottes, die allen Völkern zum Heil werden soll.

Im Pfarreisaal der Dreifaltigkeitskirche hielten die beiden Referenten, Dr. Christian Spaemann und Pater Stefan Reiner FSSP, ihre Vorträge. Dr. Spaemann betonte in seinem Vortrag, dass die Beichte in einem geistlichen Kontext zu verstehen ist, der aus der Eucharistie, der Nächstenliebe und dem Gebet besteht. Bei der Beichte geht es um die Erforschung des Gewissens, welche das Verhältnis zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst umfasst. Der Mensch durchläuft verschiedene Entwicklungsstadien des Selbst, bei der unterschiedliche Akzente gesetzt werden, die in der Beichte sichtbar werden. Als Jugendlicher hat man in Fragen der Gerechtigkeit und Fairness eine andere Haltung, als es später im Erwachsenenalter der Fall sein wird. Die Frage, was das ideale Alter für die erste Beichte ist, beantworteten Dr. Spaemann sowie Pater Reiner gleich: Mit dem Eintritt in die Schule überträgt man dem Kind Verantwortung, was konsequenterweise auch die Einsicht in die eigene Schuldfähigkeit impliziert. Die in den Deutschschweizer Bistümern überhand nehmende Praxis, die Beichte möglichst hinauszuzögern und – wenn überhaupt – nach der Erstkommunion zu thematisieren, kann sich daher nicht auf psychologische Erkenntnisse stützen. Beide räumten jedoch auch ein, dass einige Priester in früheren Jahren bei der Kinderbeichte Fehler begangen haben, da nicht genügend auf die kindliche Psyche eingegangen wurde. Gerade hier ist es wichtig, den Entwicklungsstand des Kindes zu berücksichtigen, nicht zu sehr auf Sündenbekenntnisse zu fokussieren, sondern dem Kind die Möglichkeit zu geben, darüber nachzudenken, was es besser machen könnte. Pater Reiner merkte an, dass es auch bei den Erwachsenen ein guter Einstieg in die Beichte ist, nach dem eigenen Verbesserungspotenzial zu fragen.

Psychotherapie steht nicht in Konkurrenz zur Beichte
Die generellen Fallstricke der Beichte bei den Erwachsenen bestehen laut Dr. Spaemann darin, dass Gläubige Sünden beichten, die objektiv gar keine sind, sondern einfach eine selbstunsichere Persönlichkeit widerspiegeln, welche es allen recht machen möchte und die Liebe Gottes nicht annimmt. Das andere Extrem ist die narzisstische Persönlichkeit, welche eine unreflektierte, oberflächliche Sichtweise auf die eigene Schuld hat und die Beichte instrumentalisiert, um sich in der eigenen spirituellen Grossartigkeit zu bestätigen. Bei beiden Typen, die in unserer Gesellschaft nicht selten vorkommen, wären Beichtpausen sinnvoll, um sich neu zu orientieren und zu besinnen. Gerade hier wäre es auch ratsam, einen Psychotherapeuten aufzusuchen, der dabei hilft, innerseelische Konflikte zu lösen. Der Psychotherapeut steht dabei nicht in Konkurrenz zum Beichtvater, sondern stellt sich einer anderen Aufgabe. Ähnlich wie in der Ehe oder Freundschaft ein Fehler durch Reue und eine Versöhnung geheilt werden muss, sollten beim immer gleichen Fehler die Gründe analysiert werden, die zur Verfehlung führen. Die Beichte ist der Ort der Versöhnung, die Psychotherapie der Prozess, um Fehler und Sünden in der Zukunft zu vermeiden. Bei einer unreflektierten Beichtpraxis, die einer ständigen Routine folgt, besteht die Gefahr, dass die Eigeninitiative, ein besserer Mensch zu werden, gehemmt wird. Dies sei nicht im Sinne der Kirche.
 


Pater Reiner schöpfte bei seinem Referat aus seinem reichen pastoralen Erfahrungsschatz. Die oft wiederholte Aussage, dass Gott alle Menschen liebt, dürfe kein Vorwand sein, um sich nicht mit der eigenen Schuld auseinanderzusetzen. Gott liebt den Sünder, hasst aber die Sünden. Gott hat definitiv keinen Wohlgefallen an der Sünde, da sie den Menschen vom Ziel des irdischen Lebens, Gott zu suchen und zu finden, abhält. Wie ein Vater und eine Mutter das eigene Kind zutiefst lieben, jedoch gerade aus dieser Liebe heraus gewisse Taten des Kindes missbilligen, so möchte auch Gott unsere Besserung. Deshalb ist es wichtig, nicht die Gerechtigkeit gegen die Barmherzigkeit auszuspielen, sondern beide Eigenschaften Gottes als Richtschnur zu sehen, um das Leben in Fülle zu erlangen. Bei der Beichte darf – so Pater Reiner – nicht der Fehler gemacht werden, dieses Sakrament mit einem Seelsorgegespräch zu verwechseln, das an sich sehr wichtig ist, aber zu einem anderen Zeitpunkt stattfinden muss. In der Beichte geht es um das konkrete Aussprechen der eigenen Sünden und die damit verbundene Reue. Wie Dr. Spaemann dies auch in seinem Referat erwähnte, muss der Gläubige seine Schuld nicht objektiv bewerten, da er hierzu nicht in der Lage ist. In diesem Zusammenhang gab Pater Reiner auch den Rat, den eigenen Gefühlen nicht eine zu grosse Bedeutung beizumessen. Auch wenn wir nicht rein kopflastige Menschen sind, sondern Gott uns mit einem fühlenden Herzen ausgestattet hat, so dürfen wir uns nicht von jeder Emotion leiten lassen, wenn es um die eigene Schuld geht. Das Vertrauen, dass Gott uns in der Beichte einen Neuanfang ermöglicht, muss stärker sein als jedes dieser Glaubenswahrheit widersprechende Gefühl.

Am Ende der Tagung kam die Frage aus dem Publikum, ob ein Psychotherapeut notwendigerweise gläubig sein muss, um einem Katholiken helfen zu können. Für Dr. Spaemann ist vor allem wichtig, dass der Therapeut professionell arbeitet und offen ist für die Religiosität. Dies sei seiner Ansicht nach heutzutage viel häufiger der Fall als noch in den 70er- und 80er-Jahren, als einige Psychologen und Psychiater dem Glauben sehr ablehnend gegenüberstanden. Eine weitere Frage betraf den vollkommenen Ablass, den man unter gewissen Bedingungen gewinnen kann. Hier machten beide Referenten darauf aufmerksam, dass man den Ablass nicht zu funktional als Eingangsticket für den Himmel ohne den Umweg des Purgatoriums betrachten darf. Eine Bedingung für den vollkommenen Ablass ist der feste Wille, jeder Sünde zu entsagen. Nur die reine Seele vermag dies, während alle anderen sicherlich noch eine Zeit benötigen, um die Reinheit zu erlangen, Gott in seiner ganzen Grösse und Liebe zu sehen. Mit diesem schönen Gedanken endete die Tagung, die für den Verein «Vera Fides» und alle Besucherinnen und Besucher ein sehr gelungener Anlass war. Die nächste Tagung findet am 12. September, ebenfalls in Bern, statt. Sie wird sich mit eschatologischen Fragen befassen.


Verein Vera Fides


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Bemerkungen :

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    Verena Maier 03.03.2026 um 18:49
    Vielen Dank für diese Veranstaltung. Das Thema ist sehr zu loben und es gibt grossen Bedarf an Aufklärung und Arbeit in diesem Bereich. Besonders zu betonen ist die Wirkung der göttlichen Gnade auf das Leben der Seele als Folge der Absolution. Der Unterschied zwischen vor der Beichte und nach der Beichte kann sein wie Nacht und Tag. Die Priester leisten hier einen unersetzbaren Dienst und wir sind ihnen zum Dank verpflichtet.
  • user
    Michael Dahinden 03.03.2026 um 12:09
    Hemmschwellen zur Beichte
    - Allgemeine Angst vor Kontaktnahme. Daher sollte an Beichtstühlen öfter einfach das grüne Lichtlein brennen ohne Terminabsprache mit Sekretariaten.
    - Angst, sich subjektiv ungläubig darzustellen, als ob man auf Gottes Barmherzigkeit kein Vertrauen habe und also einen förmlichen Zuspruch für die Entwicklung des Selbst benötige anstatt die objektive Hilfe zum Stand der Gnade.
    - Kein Zutrauen zu dem, was Kirche und Klerus sagen
    - Faule Ausreden vor sich selbst
    - Annahme, dass ja doch alles verziehen werde

    Alles von Angst regiert.
    Leute, geht zur Beichte.