Singende und musizierende Engel. Detail der Fresken im Santuario della Beata Vergine dei Miracoli in Saronno. (Bild: Mattis, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons)

Kommentar

Die gesun­gene Lit­ur­gie als Abbild der Mensch­wer­dung Gottes

Die gesun­gene Lit­ur­gie macht sicht– und hör­bar deut­lich, was sie in ihrem Wesen ist: unsere Ant­wort auf den Anruf Got­tes aus der Tiefe unse­res Herzens.

Die altkirchliche Tradition sah im Gesang eine Weise, die Menschwerdung Gottes nachzuahmen: Der Gregorianische Choral und der byzantinische Psalmton sind nicht zufällig entstanden – sie sind Ausdruck der Überzeugung, dass das Wort Gottes nur im Klang seine volle Tiefe erschliesst. Der heilige Augustinus unterstreicht, dass jener, der ein Loblied singt, nicht nur singt, sondern auch jenen liebt, den er besingt. (En. in ps. 17,1).

So ist im Abendland der gregorianische Gesang seit Jahrhunderten der lebendige Ausdruck jener «ars celebrandi», die den ganzen Menschen – Seele und Leib – in den Gottesdienst einbezieht. In seiner strengen Schönheit zeigt er uns, dass wahre Liturgie immer über uns hinausweist, die Herrlichkeit spürbar macht, uns knien lässt und emporhebt zur Anbetung. Die Heilige Liturgie als Abbild der himmlischen Chöre sollte in Wahrheit ein einziges grosses Lied sein, gleich jenem Urklang, von dem der Seher auf Patmos kündet: «Und ich hörte eine Stimme vom Himmel wie die Stimme grosser Wasser» (Offb 14,2).

Die östlichen Schwesterkirchen bewahren uns diese kostbare Erinnerung: Indem sie selbst die Lesungen singen, machen sie deutlich: Dies ist nicht Menschenwort, das verhallt, sondern Gotteswort, das bleibt. Der Klang trägt die Bedeutung in sich, wie der Weihrauch die Gebete emporträgt. Wo aber alles gesprochen wird, verflacht das Mysterium zur Mitteilung, das Sakrament zur Symbolhandlung. Wenn der Diakon die Epistel nicht prosaisch vorträgt, sondern in den archaischen Tonfolgen der Tradition erklingen lässt, dann wird hörbar, dass die Liturgie nicht unser Werk ist, sondern Antwort auf den Anruf Gottes im tiefsten unseres Herzens.

Die abendländischen Kirchen unserer Tage gleichen einem Feldherrn, der seine besten Truppen zurückhält. Man spricht von der «Feier» der Messe oder des Abendmahls, doch oft wird sie zur Abhandlung. Die Wahrheit des Glaubens lässt sich indes nicht durch Bestimmungen ad acta legen, sie will erklingen, sich entfalten in Raum und Zeit des Gemüts. Die ostkirchliche Liturgie hingegen ist durchgehend musikalisch durchformt und selbst die kleinste liturgische Formel wird zum Tor der Transzendenz und hebt die Seele wie Adlerflügel empor. Dadurch entsteht eine innere Geschlossenheit. Liturgischer Gottesdienst findet seine echte Bestimmung in der Teilhabe am Lobpreis der Schöpfung, der seit Anbeginn der Zeit vor dem Thron des Allmächtigen erklingt und findet seinen Massstab darin, Vorgeschmack der ewigen Anbetung im himmlischen Jerusalem zu sein.

Die abendländische Kirche sollte diesen Schatz wiederentdecken – nicht als museale Reminiszenz, sondern aus strategischer Notwendigkeit. Wenn selbst die Lesungen, Gebete und Wandlungsworte wieder gesungen werden, dann wird die Liturgie, was sie sein soll: ein Abbild der ewigen Anbetung, in der jedes Wort, jeder Ton, ein Schritt zur Schau Gottes ist. Dann wird deutlich: Hier vollzieht sich kein Pflichtritual, sondern das Wunder des Einbruchs des Ewigen in die Zeit.


Paul Widmer


Kommentare und Antworten

×

Name ist erforderlich!

Geben Sie einen gültigen Namen ein

Gültige E-Mail ist erforderlich!

Gib eine gültige E-Mail Adresse ein

Kommentar ist erforderlich!

Captcha Code Kann das Bild nicht gelesen werden? Klicken Sie hier, um zu aktualisieren

Captcha ist erforderlich!

Code stimmt nicht überein!

You have reached the limit for comments!

* Diese Felder sind erforderlich.

Bemerkungen :

  • user
    Peter Steiner 15.08.2025 um 23:45
    Eine klassisch gregorianische Missa sollemnis ist das schönste Ereignis diesseits von Eden: die Gregorianik, die klare Zeichensprache und Hinführung zum Mysterium des Heiligen - das beste Mittel gegen die aktuell von Oben betriebene Profanierung der Kirche. Die Bezeichnung von Laien als "Seelsorger" (was immer nur geweihte Amtsträger sein können, weil Seelsorge von Gott kommt im Sakrament) ist ein weiterer Schritt in die falsche Richtung: Heidentum.
  • user
    Michael Dahinden 14.08.2025 um 13:58
    Und wie sieht die Praxis aus?
    Ich kenne einen Priester, der einmal (in Worten 1 Mal) die Missa Mundi mit dem Volk auf die Liederliste setzte, um umgehend zu hören, dass Gläubige die Mitfeier der Liturgie mit diesem Priester künftig verweigern würden.
    Dass diese kirchenmusikalisch unbedarften Leute die "Toleranz" auf ihre Fahnen schreiben, gehört mit dazu.
  • user
    Joseph Laurentin 10.08.2025 um 21:39
    Man muss diesen Schatz nicht in den orthodoxen Ostkirchen suchen – er ist auch in unserer eigenen abendländischen Tradition reich vorhanden. In der tridentinischen römischen Messe wird alles, was im feierlichen Hochamt möglich ist, gesungen – von den Eröffnungsversen bis zur Entlassung.
    • user
      Manfred Steiger 11.08.2025 um 10:43
      Sehr geehrter Herr Laurentin
      Wo wird denn noch die tridentinische oder ambrosianische Messe gesungen? Die Spezialform der tridentinischen Messe die durchgehend gesungen wird, die "missa cantata" ist heute eine Seltenheit, auch bei jenen Gemeinschaften, die die klassische römische Messe feiern.
      Daher gilt es sehr wohl, sich von den Ostkirchen ein Beispiel zu nehmen, die dieser Tradition treu geblieben sind. Zu erwähnen sind auch die liturgischen Gesänge und die melodischen Rezitationen in den Synagogen.
      Die abendländische Kirche hat hier Entscheidendes fast durchgängig aufgegeben, und muss durch und durch diese Gesangstradition der Liturgie neu aufleben lassen.
  • user
    Stefan Fleischer 10.08.2025 um 17:14
    Ja, unsere Kirche muss sich wieder "entweltlichen", nicht zuletzt in ihrer Liturgie. Das Chaos, das wir heute haben, wo allzu viele glauben Regisseure bzw. Regisserinnen der Liturgie sein zu dürfen, muss dringend aufgeräumt werden! Auch wenn vieles davon in bester Absicht geschieht, "gut gemeint ist nicht immer gut, ja oftmals schlecht und gefährlich.