Die altkirchliche Tradition sah im Gesang eine Weise, die Menschwerdung Gottes nachzuahmen: Der Gregorianische Choral und der byzantinische Psalmton sind nicht zufällig entstanden – sie sind Ausdruck der Überzeugung, dass das Wort Gottes nur im Klang seine volle Tiefe erschliesst. Der heilige Augustinus unterstreicht, dass jener, der ein Loblied singt, nicht nur singt, sondern auch jenen liebt, den er besingt. (En. in ps. 17,1).
So ist im Abendland der gregorianische Gesang seit Jahrhunderten der lebendige Ausdruck jener «ars celebrandi», die den ganzen Menschen – Seele und Leib – in den Gottesdienst einbezieht. In seiner strengen Schönheit zeigt er uns, dass wahre Liturgie immer über uns hinausweist, die Herrlichkeit spürbar macht, uns knien lässt und emporhebt zur Anbetung. Die Heilige Liturgie als Abbild der himmlischen Chöre sollte in Wahrheit ein einziges grosses Lied sein, gleich jenem Urklang, von dem der Seher auf Patmos kündet: «Und ich hörte eine Stimme vom Himmel wie die Stimme grosser Wasser» (Offb 14,2).
Die östlichen Schwesterkirchen bewahren uns diese kostbare Erinnerung: Indem sie selbst die Lesungen singen, machen sie deutlich: Dies ist nicht Menschenwort, das verhallt, sondern Gotteswort, das bleibt. Der Klang trägt die Bedeutung in sich, wie der Weihrauch die Gebete emporträgt. Wo aber alles gesprochen wird, verflacht das Mysterium zur Mitteilung, das Sakrament zur Symbolhandlung. Wenn der Diakon die Epistel nicht prosaisch vorträgt, sondern in den archaischen Tonfolgen der Tradition erklingen lässt, dann wird hörbar, dass die Liturgie nicht unser Werk ist, sondern Antwort auf den Anruf Gottes im tiefsten unseres Herzens.
Die abendländischen Kirchen unserer Tage gleichen einem Feldherrn, der seine besten Truppen zurückhält. Man spricht von der «Feier» der Messe oder des Abendmahls, doch oft wird sie zur Abhandlung. Die Wahrheit des Glaubens lässt sich indes nicht durch Bestimmungen ad acta legen, sie will erklingen, sich entfalten in Raum und Zeit des Gemüts. Die ostkirchliche Liturgie hingegen ist durchgehend musikalisch durchformt und selbst die kleinste liturgische Formel wird zum Tor der Transzendenz und hebt die Seele wie Adlerflügel empor. Dadurch entsteht eine innere Geschlossenheit. Liturgischer Gottesdienst findet seine echte Bestimmung in der Teilhabe am Lobpreis der Schöpfung, der seit Anbeginn der Zeit vor dem Thron des Allmächtigen erklingt und findet seinen Massstab darin, Vorgeschmack der ewigen Anbetung im himmlischen Jerusalem zu sein.
Die abendländische Kirche sollte diesen Schatz wiederentdecken – nicht als museale Reminiszenz, sondern aus strategischer Notwendigkeit. Wenn selbst die Lesungen, Gebete und Wandlungsworte wieder gesungen werden, dann wird die Liturgie, was sie sein soll: ein Abbild der ewigen Anbetung, in der jedes Wort, jeder Ton, ein Schritt zur Schau Gottes ist. Dann wird deutlich: Hier vollzieht sich kein Pflichtritual, sondern das Wunder des Einbruchs des Ewigen in die Zeit.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Ich kenne einen Priester, der einmal (in Worten 1 Mal) die Missa Mundi mit dem Volk auf die Liederliste setzte, um umgehend zu hören, dass Gläubige die Mitfeier der Liturgie mit diesem Priester künftig verweigern würden.
Dass diese kirchenmusikalisch unbedarften Leute die "Toleranz" auf ihre Fahnen schreiben, gehört mit dazu.
Wo wird denn noch die tridentinische oder ambrosianische Messe gesungen? Die Spezialform der tridentinischen Messe die durchgehend gesungen wird, die "missa cantata" ist heute eine Seltenheit, auch bei jenen Gemeinschaften, die die klassische römische Messe feiern.
Daher gilt es sehr wohl, sich von den Ostkirchen ein Beispiel zu nehmen, die dieser Tradition treu geblieben sind. Zu erwähnen sind auch die liturgischen Gesänge und die melodischen Rezitationen in den Synagogen.
Die abendländische Kirche hat hier Entscheidendes fast durchgängig aufgegeben, und muss durch und durch diese Gesangstradition der Liturgie neu aufleben lassen.