Die elliptische Kuppel der Wallfahrtsbasilika Regina Montis Regalis in Vicoforte. (Bild: Monica Rondoni, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons)

Weltkirche

Die grösste ellip­ti­sche Kup­pel der Welt steht in der Provinz

Nur knapp 3200 Ein­woh­ner hat die Ort­schaft Vico­forte in Nord­ita­lien. Wer sich in das von Hügeln umge­bene kleine Dorf begibt, fin­det dort eine gigan­ti­sche Basi­lika. Und in der Mitte: die mit 75 Metern Höhe und 35 Metern Durch­mes­ser grösste ellip­ti­sche Kup­pel der Welt.

Die Umgebung von Vicoforte war im 15. Jahrhundert bewaldet und unbewohnt. Gelegentlich kamen Handwerker, um die Ressourcen des Ortes zu nutzen: Wasser, Holz und Tonvorkommen. Sie errichteten Brennöfen und brannten Dachziegel und Ziegelsteine. Hier befand sich auf einer Ziegelsäule ein Bildnis der Madonna mit Kind. Man nimmt an, dass einer der Handwerker das Bild anfertigen liess, vielleicht als Segen und Schutz für seine Arbeit.

Von der Säule zum Wallfahrtsort
Eine Geschichte erzählt, dass im Jahr 1592 – die Säule war längst vergessen und überwachsen – ein Jäger auf der Jagd versehentlich den Pfeiler mit dem Marienbildnis traf. Auf diesem ist ein tiefes, weisses Loch zwischen der linken Hand der Madonna und dem Fuss des Kindes gut zu erkennen, was die Geschichte plausibel erscheinen lassen würde.

Eine andere Überlieferung besagt, dass während einer Fieberwelle in den 1590er-Jahren in der Gegend viele Menschen starben, die Einwohner von Vicoforte hingegen mehrheitlich verschont blieben. Die Bewohner schrieben dies dem Bildnis zu.

Gemäss den noch vorhandenen Aufzeichnungen war der Ort mit dem Marienbildnis um 1590 ein Heiligtum. Das Volk schrieb ihm Wunderkraft zu, und tatsächlich erlebten die Menschen, die hier um die Fürsprache der Muttergottes gebeten hatten, körperliche und geistige Gnaden. Die Verehrung für das Bildnis wuchs und breitete sich über die lokalen Grenzen hinaus aus.
 


Der zuständige Bischof liess die mutmasslichen Fälle von Gnaden und wundersamen Heilungen prüfen. Nachdem diese bestätigt wurden, förderte er den Wallfahrtsort. 1595 begannen die Arbeiten zum Bau einer dreischiffigen Kirche, welche die kleine Kapelle ersetzen sollte, denn immer mehr Menschen kamen zum Marienbildnis. Im Jahr 1595 pilgerten Tausende von Menschen mit Bruderschaften und Gemeinschaften aus fast ganz Nordwestitalien in die Talsohle. Davon hörte auch Herzog Karl Emanuel I. von Savoyen. Er wollte die Kontrolle über den Ort erhalten und schaltete dafür sogar Papst Clemens VIII. ein. Er verteidigte sein Vorgehen als vorbeugende Massnahme gegen die Ausbreitung der protestantischen Ketzerei. Bei seinem ersten Besuch bei der Madonna von Vicoforte entschloss er sich, hier einen grossartigen Bau zur Verehrung der Jungfrau Maria errichten zu lassen.

Ehrgeiziges Bauprojekt mit Hindernissen
Herzog Karl Emanuel beauftragte seinen Hofarchitekten mit dem Bau der Wallfahrtsbasilika Santuario Regina Montis Regalis – die zugleich die offizielle Grablege seiner ehrgeizigen Familie sein sollte. Die Bauarbeiten zogen sich dahin. 1615 starb der Architekt Ascanio Vittozzi, 1630 auch der Herzog. Da war die Basilika erst bis zum Sockel der Kuppel fertig – und das Interesse am Bau erloschen.

Das Interesse der Gläubigen wurde 1682 neu entfacht, als das Marienbildnis feierlich gekrönt wurde, zum Dank für das Ende des Salzkrieges (Serie von Volksaufständen gegen das Herzogtum Savoyen). Der Bau wurde wieder in Angriff genommen. 1729 nahm sich der örtliche Architekt Francesco Gallo (1672–1750) der schier unüberwindbaren Aufgabe der Kuppel an. Die Konstruktion der riesigen elliptischen Kuppel war damals eine veritable technische Meisterleistung. Auf die Sandsteinstruktur seiner Vorgänger setzte Gallo einen Aufbau aus Backsteinen, über dem schliesslich die immense Kuppel errichtet wurde.

Doch dann gab es gleich das nächste Problem: Als die Kuppel 1732 fertig war, sollen sich die Arbeiter geweigert haben, die Haltekonstruktion aus Ziegelsteinen abzubauen. Niemand wollte darunter begraben werden. So soll der Architekt die Ziegel am Ende allein entfernt haben, nur mit Hilfe seiner Familie und Freunde.
 


Das 6032 Quadratmeter grosse Deckengemälde schufen der venezianische Maler Mattia Bortoloni und der Mailänder Felice Biella – in gerade einmal zwei Jahren. Das Thema: die Erlösung, betrachtet aus der Perspektive der allerseligsten Maria.

Maria ist diejenige, die den Willen Gottes demütig annimmt; durch sie wird der Sohn Gottes auf Erden gegenwärtig, der durch seinen Tod und seine Auferstehung die Menschen erlöst. Das Kommen des Sohnes Gottes wird bereits in der heidnischen Welt von den Sibyllen (in den Unterbögen) vorhergesagt, im Alten Testament von den Propheten (zwischen den grossen Fenstern des Tambours) verkündet.

Hinauf mit Klettergurt und Helm!
Wer sich diese Fresken genauer ansehen will, der kann seit 2015 bis auf 60 Meter zu ihnen hinaufsteigen, ausgestattet mit Klettergurt und Helm: ein spannendes und ziemlich einzigartiges Erlebnis. Über 266 Treppenstufen geht es innerhalb und ausserhalb der Domkuppel durch schmale Passagen und enge Wendeltreppen, die früher von den Bauarbeitern genutzt wurden. Kurios: Auch wenn man in der Kuppel nur halbwegs leise spricht, transportiert die elliptische Form den Hall hinüber; und auch die Menschen auf der entgegengesetzten Seite der Kuppel sind gut zu verstehen.

Der Stifter der Kirche, Herzog Karl Emanuel I., wurde in der Bernhards-Kapelle beigesetzt. Ende 2017 folgten ihm die sterblichen Überreste von Italiens König Vittorio Emanuele III., gestorben 1947, und seiner Frau, Königin Elena von Montenegro, die aus Alexandria in Ägypten und aus Montpellier hierher überführt wurden. So ist das Santuario von Vicoforte spät, aber doch noch zu einer Grablege des Hauses Savoyen geworden.


KNA/Redaktion


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