Gottfried Locher, ehemaliger Präsident der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, stellt in seinem «Weltwoche»-Kommentar vom 6. Mai 2026 folgende Diagnose: «Sie (gemeint sind die Kirchen) scheuen das Risiko, Mitte-Links zu vergraulen.» Dieser Befund ist wenig logisch, denn gleichzeitig hält Gottfried Locher – zutreffend – fest: «Generell gilt: Landeskirchen fassen dann Parolen, wenn sie damit auf Unterstützung von Mitte-Links zählen können. Will man also deren Goodwill erlangen, dann hilft eine linkskompatible politische Position auf jeden Fall weiter.»
Nur: Wo liegt hier das Problem? Die Spitzen der Kirchen, sei es der Synodalrat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, sei es die Schweizer Bischofskonferenz, würden noch so gern laut vernehmlich und mit hoch moralischem Duktus vor den Gefahren der 10-Millionen-Initiative warnen und damit der unheiligen Allianz von Links-Grün und der Mitte-Partei zu Diensten sein. Tun sie aber zumindest offiziell bis dato nicht.
Schon einmal die Finger verbrannt
Das beharrliche Schweigen der Kirchenoberen hat einen ganz bestimmten Grund. Und dieser Grund hat einen Namen: die Konzernverantwortungsinitiative. Die Kirchenleitungen beider Konfessionen unterstützten nach Kräften diese Initiative – und handelten sich damit massive Kritik vor allem aus (rechts-)bürgerlichen Kreisen ein, unter anderem seitens eines freisinnig dominierten Frauenkollektivs mit Bundesrätin Keller-Sutter an der Spitze. Diese Parteinahme hatte zahlreiche Austritte nicht weniger finanziell potenter Kirchensteuerzahler vorwiegend protestantischer Provenienz zur Folge.
Die Konzernverantwortungsinitiative wurde mit 50,7 Prozent der Stimmen denkbar knapp angenommen, scheiterte jedoch deutlich am erforderlichen Ständemehr (nur 8,5 Kantone stimmten mit Ja). Die Annahme der Initiative hätte die Möglichkeit geschaffen, tatsächliches oder vermeintliches Fehlverhalten von Schweizer Firmen vorab in Ländern der sogenannten Dritten Welt vor Schweizer Gerichten einzuklagen. Also just das, was linke und grüne Kreise ansonsten dem Westen vorwerfen: Ländern Afrikas und Lateinamerikas die eigenen kulturellen Konzepte übergestülpt, ja aufgezwungen zu haben.
Würden nun die Kirchenleitungen den Kampf gegen die 10-Millionen-Initiative aktiv unterstützen, wären weitere finanzielle Einbussen die Folge. Ein solches Szenario gilt es in einer Zeit hoher Kirchenaustritts-Zahlen und allgemein schwindender Akzeptanz der Kirchen selbstredend tunlichst zu vermeiden. Deshalb ziehen es die Kirchenoberen mehr nolens als volens vor, sich in die Stimmenthaltung als das kleinere Übel zu flüchten. Denn, da hat Gottfried Locher schliesslich doch wieder recht: Die Parolenfassung der Kirchen hat «mehr mit dem lieben Geld als mit dem lieben Gott zu tun». Womit sich das Rätsel, weshalb sich die Kirchen in dieser essentiellen Frage in Abstinenz üben, auf verblüffend irdische Weise erklären lässt.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Sogar die kath. Kirche zählt auf ausländische Fachkräfte, sind doch rund 25% der Priester aus dem Ausland. Wenn ich mir das also genau überlege muss ich ein Nein in die Urne legen.
Unbedingt mit einem Ja abstimmen gehen und einwerfen. Nicht mal postalisch!!!
Diese Initiative zeigt übrigens auch, dass man das hohe Lied der Demokratie, welches man auch in der Schweizer Kirche anstimmen möchte, nicht zu laut singen sollte. Die alten Griechen hatten schon recht, als sie der Demokratie attestierten, Demagogen an die Macht zu bringen, welche dem Volk schmeicheln und es belügen. Auch ich bin nicht dafür, dass man ungezügelt Menschen ins Land lässt, aber wenn eine Partei, deren Exponenten durch Zuwanderung verursachte steigende Immobilienpreise und billige Arbeitskräfte Millionen und Milliarden verdient haben, 40 Jahre lang mit den gleichen Argumenten Wähler anlockt, muss dies jeden Katholiken davor warnen, die gleichen Mechanismen auch in der Kirche anwenden zu wollen.
Was haben wir gesündigt, in Südamerika die Menschenopfer der Inkas und Mayas unterbunden zu haben und was haben wir gesündigt, in Afrika Wasserleitungen, sauberes Trinkwasser, Strom, Strassen und Häuser gebaut zu haben !
"Meine Schuld, meine Schuld, meine grosse Schuld ! "
Sicher, die Kolonisation der so genannten Dritten Welt durch uns Europäer hat auch ihre guten Seiten gehabt, aber eben nicht nur: Sklaverei, Unterdrückung und Ausbeutung sind keine linken Fake News, sondern Tatsachen. Immerhin gilt es festzuhalten, dass es die katholische Kirche war, die sich entschieden gegen solche Unmenschlichkeiten zur Wehr gesetzt hat, leider oft ohne Erfolg und ohne, dass ihr Bemühen in unseren Geschichtsbüchern Erwähnung fand. Auch früher war halt vielen Menschen das liebe Geld näher als der liebe Gott!
Und das betrifft nicht nur die politische Parolenfassung. Gott ist immer mehr nur noch dort aktuell, wo er uns zu helfen hat. Sonst aber interessieren seine Meinung und seine Gesetze höchstens noch am Rand. Die Verweltlichung (und damit die Demokratisierung/Verpolitisierung) der Kirche schreiten immer schneller voran. Um das ewige Heil der Seelen kümmern sich immer mehr Seelsorger und Seelsorgerinnen je länger je weniger. Und der «liebe Gott» meiner Jugend ist aus unserer Glaubenssprache verschwunden. Er war zu stark Gott, unser Herr, für unsere moderne Welt.