Als ihm der zuständige Kardinal Ouellet spätabends per Telefon seine Ernennung zum Bischof mitgeteilt habe, sei ihm unweigerlich der Gedanke durch den Kopf geschossen: Nein, das kann ich nicht annehmen, das ist eine Mission impossible. Doch dann habe er sich nach einer schlaflosen Nacht schweren Herzens zu einem «Ja» durchringen können, denn es wäre dem Kirchenvolk nicht mehr zumutbar gewesen, noch weitere Jahre auf einen Nachfolger von Bischof Vitus Huonder warten zu müssen.
Dass sich Bischof Bonnemain Unmögliches zutraut, wen wunderts? Maliziös merkt Annalisa de Vecchi in ihrem Interview an: «Bonnemain scheint jedoch immer noch zu sehr von seiner Mission überzeugt zu sein, um daran zu denken, sein Amt niederzulegen» (Bündner Tagblatt 16. Februar 2026).
Mehr noch: Um gegen alle Eventualitäten gewappnet zu sein, hat er in Rom um einen Weihbischof nachgesucht – angesichts seines vorgerückten Alters ein wohl einmaliger Vorgang in der Weltkirche: Es ist gängige Praxis, einem Diözesanbischof, der 70 Jahre alt geworden ist, keinen Weihbischof mehr zur Seite zu stellen. Rom hat ihm auch diesen Wunsch erfüllt.
Meine Visionen umsetzen
«Eindeutiges Ergebnis: Kirchenvolk wünscht Weihbischof», lautete der irreführende Titel der Mitteilung des Bistums Chur vom 27. Juni 2025. Tatsächlich hatten gerade einmal 346 Personen an der Umfrage teilgenommen. Da sind nach Adam Riese 0,069 % der im Bistum wohnenden erwachsenen Gläubigen.
Und was soll die Hauptaufgabe dieses Weihbischofs sein? Er soll vor allem die Visionen von Bischof Bonnemain umsetzen (vgl. Interview a.a.O.). Man muss nicht die Ansicht des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt teilen, der mitten in den politischen Auseinandersetzungen seiner Zeit den Satz geprägt hat: «Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.» Aber es geht nun wirklich nicht an, dass ein zukünftiger Weihbischof ex ante, schon vor seiner Ernennung zum Klon des amtierenden Diözesanbischofs, degradiert wird und ihm dessen Visionen aufs Auge gedrückt werden. Vor allem: Wie reimt sich das zusammen mit der von Bischof Bonnemain selbst abgesegneten Selbstverzwergung in der «Handreichung für eine synodale Kirche» aus dem Jahre 2023? Dort heisst es in Punkt 2.2.7: «Ebenso setzt er (sc. der Bischof) sich dafür ein, dass die Machtfülle des Bischofsamts kritisch überprüft und begrenzt wird.»
Das Wort, das Bischof Bonnemain am liebsten hört, ist die Saga vom Mann, der Spannungen abgebaut, Ruhe ins zuvor zerstrittene Bistum Chur gebracht hat. So lautet auch der Titel des genannten Interviews: «Einer, der Ruhe gebracht hat». Es ist dies eine Zuschreibung, die in einem Poesiealbum ihre Berechtigung haben mag, mit der Realität aber nichts zu tun hat. Die bistumsinternen Konflikte motten ungehindert weiter. Nun ist es unlängst zu einem öffentlichen Eklat gekommen: Wendelin Bucheli, Dekan des Dekanats Uri, hat am Wochenende des 7./8. Februars 2026 seinen sofortigen Rücktritt erklärt. Mit ihm tritt auch der Vize-Dekan zurück. Als Grund für den beiderseitigen Rücktritt nennt Wendelin Bucheli «eine über längere Zeit belastete Situation in der Zusammenarbeit mit dem Generalvikariat, für die trotz verschiedener Gespräche keine tragfähige Klärung gefunden werden konnte». Da muss offensichtlich schon seit einiger Zeit Feuer im Dach gelodert haben. Von diesem Konflikt muss auch Bischof Bonnemain Kenntnis gehabt haben. Wenn er nun im Interview mit dem Bündner Tagblatt behauptet, dass die Spannungen und Polarisierungen im Bistum abgenommen hätten («Wir sind uns alle näher gekommen, aber es war nicht einfach»), dann ist dies pure Schönfärberei.
Die definitive Altersgrenze für Bischöfe und Kardinäle liegt bei 80 Jahren. Keine «Mission impossible» für Bischof Bonnemain, auch diese Schranke zu überwinden. Ob Rom ihm diesen dritten Wunsch ebenfalls gewähren wird?
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Lest die Statistiken.
Was ist ein eingesetzter Hirte? Ez 34,11-16 spricht davon, am nächsten Montag in der Messe.
Gottes Segen Ihnen! Ich mag mich nicht streiten und kann Ihren Standpunkt als solchen akzeptieren. Und gerne schliesse ich mich auch der kommenden Lesung an.
Joseph Bonnemain ist menschlich sehr hilfsbereit - aber in der Kirche erwarte ich noch etwas darüber.
Ich hatte Freude an seiner Ernennnung zum Bischof, und kam nachher bös auf die Welt, wie er jetzt agiert.
Auch Ihnen Gottes Segen und eine schöne Zeit.
Ihnen weiter eine gesegnete Zeit!
"Erlaubt mir, euch auch zu diesem letzten Aspekt einige Hinweise zu geben. Eine synodale Kirche, die auf dem Boden der Geschichte vorangeht und sich den neuen Herausforderungen der Evangelisierung stellt, muss sich beständig erneuern. Es ist zu vermeiden, dass trotz guter Absichten Trägheit die notwendigen Veränderungen verlangsamt. In diesem Zusammenhang müssen wir alle die innere Haltung pflegen, die Papst Franziskus als »Lernen, Abschied zu nehmen« bezeichnet hat, eine wertvolle Haltung, wenn man sich darauf vorbereiten muss, sein Amt niederzulegen. Es ist gut, dass die Regel der 75 Jahre für das Ende des Dienstes der Ordinarien in den Diözesen eingehalten wird, und nur im Falle der Kardinäle kann eine Fortsetzung des Dienstes, gegebenenfalls für weitere zwei Jahre, in Betracht gezogen werden."
Diese Aussage steht im Widerspruch zum Gerücht, dass Bischof Joseph Maria eine Verlängerung um 2 Jahre erhält (er ist ja nicht Kardinal).
Kardinal Schönborn war bis zum 80ten Lebensjahr Erzbischof von Wien... und dann wurde seine Demission umgesetzt.
Auch in anderen Bistümern haben greise Oberhirten vor dem Absprung noch Weihbischöfe in die Welt gesetzt: Kardinal Meisner 2 in Köln, Kardinal Lehmann 1 für Mainz. Dieser wurde immerhin Erzbischof von Paderborn, die anderen stehen seit über 10 Jahren im Zeug herum, derweil in den meisten Bistümern neue Diözesanbischöfe geweiht werden. Frage nun: welche Relevanz hat die Kür von Weihbischöfen??
Für Chur ist die Antwort : Präjudizien schaffen. WB Eleganti ist konsequenterweise abgetreten. Wird der neue Weihbischof dann irgendwie der Nachfolger von Bonnemain? Die römischen Ternaspiele kennen wir ja.
Nun, seit 2007 ist Joseph Maria Bonnemain amtierender Bischof und ein Lichtblick für die Katholiken des gesamten Bistums.