Bischof Maksym Ryabukha im Gespräch mit einer alten Frau. (Bild: © «Kirche in Not (ACN)»)

Weltkirche

«Die schlimmste Waffe ist das Gefühl, ver­ges­sen zu sein»

Der 45-​jährige Ukrai­ner Mak­sym Rya­bukha ist einer der jüngs­ten Bischöfe der Welt. Er lei­tet das Apos­to­li­sche Exar­chat Donezk. Dazu zäh­len die Regio­nen Donezk, Luhansk, Dnipro und Saporischschja.

Über die Hälfte dieses kirchlichen Gebietes ist von russischen Truppen besetzt. Bei einem Besuch des weltweiten katholischen Hilfswerks «Kirche in Not (ACN)» sprach er über die schwierige Lage seines Exarchats, die seelsorglichen Herausforderungen und die Kraft des Glaubens. Dabei dankte auch für die vielfältige Hilfe durch «Kirche in Not (ACN)»: Im Jahr 2024 wurde Projekte im Umfang von 8,2 Millionen Franken für die Kirche und die Christen in der Ukraine finanziert.

Wie würden Sie die momentane Lage in ihrem Exarchat beschreiben?
Sie wird immer dramatischer. Drohnen machen jeden Ort unsicher, auch für Zivilisten. Entlang der Frontlinie schlafen Menschen nachts im Freien aus Angst vor Angriffen. Ich habe Familien getroffen, die nur knapp Bombenexplosionen entkommen sind. Solche Erlebnisse erschüttern zutiefst.

Wie erleben Sie den Krieg als Bischof?
Wir fühlen uns oft machtlos – als ob niemand wahrnehmen würde, was hier geschieht. Am schmerzlichsten ist, dass zivile Gebiete bombardiert werden und die Welt zu diesem Massaker schweigt. Sichtbare Schritte in Richtung Frieden gibt es kaum.

Welche Veränderungen hat der Krieg für Ihre Kirche gebracht?
Vor der Invasion hatten wir mehr als 80 Pfarreien, heute sind lediglich noch 37 aktiv. Die übrigen sind geschlossen, besetzt oder zerstört. Die Gesetze der Besatzungsregierung verbieten jede Zugehörigkeit sowohl zur griechisch-katholischen als auch zur römisch-katholischen Kirche. Alle Kirchen dort sind geschlossen. Es ist verboten, sie zu besuchen.

Wie erreichen Sie die Menschen unter diesen Umständen?
Ich bin ständig unterwegs, deshalb nenne ich mich «Bischof auf Rädern». Ich besuche Pfarreien, gehe in die Häuser, höre zu, bete mit den Menschen. In den besetzten Gebieten treffen sich Gläubige heimlich. Die schlimmste Waffe ist nicht die Bombe, sondern das Gefühl, vergessen zu sein.
 


Wie sieht die seelsorgliche Arbeit konkret aus?
Wir haben 53 Priester, acht Ordensfrauen und mehrere Familien- und Caritaszentren. Wir begleiten vor allem Menschen, die durch den Krieg traumatisiert sind: Kinder, die das Lesen oder Sprechen verlernt haben, Mütter gefallener Soldaten, Menschen, die alles verloren haben. «Kirche in Not (ACN)» unterstützt uns mit Schulungen für Seelsorger, um psychische Wunden zu heilen, und mit humanitärer Hilfe: Lebensmittel, Hygieneartikel, warme Zufluchtsorte im Winter.

Können Sie ein Erlebnis schildern, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Wir brachten Hilfspakete zu einem alten Ehepaar in Slowjansk. Als die Frau die Lebensmittel sah, sagte sie: «Davon habe ich geträumt.» Für mich zeigt das: Es geht nicht nur um materielle Hilfe, sondern darum, dass Menschen spüren: jemand liebt sie.

Was gibt Ihnen Hoffnung in dieser Situation?
Dass Gott stärker ist als das Böse. Wir sehen das Leben durch die Brille des Paradieses: Früher oder später wird alles enden – und das Ende heisst Paradies. Jeder Tag ist eine Chance, einen Schritt in diese Richtung zu machen.
 

«Kirche in Not (ACN)» ist ein internationales katholisches Hilfswerk päpstlichen Rechts, das 1947 als «Ostpriesterhilfe» gegründet wurde. Es steht mit Informationstätigkeit, Gebet und Hilfsaktionen für bedrängte und Not leidende Christen in ca. 140 Ländern ein. Seine Projekte sind ausschliesslich privat finanziert. Das Hilfswerk wird von der Schweizer Bischofskonferenz für Spenden empfohlen. Link

Spenden mit dem Vermerk «Ukraine» können gerichtet werden an:
Kirche in Not, Cysatstrasse 6, 6004 Luzern / Konto PC 60-17200-9; IBAN 55 0900 0000 6001 7200 9


Kirche in Not (ACN)


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Bemerkungen :

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    Martin Meier-Schnüriger 15.08.2025 um 07:11
    Unbegreiflich, dass ausgerechnet treu gläubige Katholiken bei uns im Westen den russischen Aggressionskrieg immer noch verharmlosen oder gar rechtfertigen!
    • user
      Daniel Ric 16.08.2025 um 08:45
      Kein gläubiger Katholik wird einen Krieg gutheissen und rechtfertigen können. Jeder Krieg ist falsch. Ich bin stolz, dass Papst Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Papst Franziskus resolut gegen Kriege eingetreten sind und den Frieden gefordert haben. Erinnern möchte ich hier an den Einsatz von Johannes Paul II. gegen den Irakkrieg, der aus rein geopolitischen und ökonomischen Interessen geführt wurde und der irakischen Bevölkerung so viel Leid erzeugte. Man könnte hier noch andere Angriffskriege der Nato aufzählen, die in den letzten 30 Jahren wurden (Libyen ist wohl das schlimmste Beispiel). Als Katholiken sind wir aufgerufen, uns unabhängig von unserer Herkunft und unseren geopolitischen Ansichten gegen Krieg und für Frieden einzusetzen.