Es ist sinnlos, diesen jugendlichen Sprachgebrauch zu verurteilen oder zu unterbinden, da dieser einen Teil der eigenen Identitätsbildung darstellt. Auch wenn man sicherlich kritisch anmerken muss, dass das Deutsch unter einer exzessiven Verwendung solcher Slangbegriffe leidet, so ist es doch besser, die Schönheit der gehobenen Sprache hervorzuheben, als mit Geboten und Verboten zu reagieren – dies vor allem in einer Zeit, in der Erwachsene durch Gendersternchen und inflationär verwendete Anglizismen der deutschen Sprache mehr Schaden zufügen, als irgendwelche 14-Jährige dies mit Wörtern wie «slay», «cringe» oder «Minus-Aura» tun könnten.
Einige dieser Ausdrücke müssen jedoch zum Nachdenken anregen. Dazu gehört die Anrede «Bro»[1], die auch von Mädchen bzw. jungen Frauen gebraucht wird, um ihre Geschlechtsgenossinnen anzusprechen. Nach Jahrzehnten der Bemühungen, die Sprache so stark wie möglich zu entmännlichen, haben junge Damen nun kein Problem damit, eine maskuline Anrede zu verwenden. Meine ständigen Vorhaltungen, dass dieses Wort im Dialog zwischen zwei weiblichen Wesen sehr unpassend ist, und mein nicht ganz ernst gemeinter Vorschlag, «Bro» durch «Sis» zu ersetzen, werden bisher rigoros ignoriert. Das «Bro» übt unter den Jugendlichen etwas Verbindendes aus, was die vermeintlich inklusive Sprachregelung, welche die Realität von Mann und Frau leugnet, nicht ausstrahlt und daher unattraktiv macht.
Unter allen Ausdrücken ragt jedoch einer heraus, der meines Erachtens die Unschuld, die man den anderen Begriffen attestieren darf, nicht besitzt. «Six-Seven» ist ein Slang, der von jungen Menschen auf der ganzen Welt verwendet wird. Der Ursprung liegt wohl in einem Rapsong, wobei die vielen Mädchen und Buben, welche den Ausspruch tagtäglich verwenden, keine Ahnung haben, was er genau bedeutet. Es ist gerade die Sinnlosigkeit, die «Six-Seven» zu so viel Popularität verholfen hat. Ein Ausdruck, der nichts bedeutet (wahrscheinlich bezieht er sich auf die Körpergrösse eines Basketballers, wobei dies die Jugendlichen wenig interessiert), ist zum Modewort geworden. In allen möglichen Situationen, die man mit althergebrachten oder auch neumodischen Begriffen schildern und greifbar machen könnte, ertönt ein «Six-Seven» aus einem jugendlichen Mund. Bei aller Sympathie und Toleranz, die man den Wortkreationen der jungen Generation entgegenbringen soll, wird man hier mit einem Begriff konfrontiert, der die Sinnlosigkeit zelebriert und daher mehr als problematisch ist. Es gehört zur menschlichen, von Gott verliehenen Fähigkeit, unserem Leben und dem Leben unserer Mitmenschen einen Sinn zu geben. Ein Leben, in dem unsere Worte und unsere Taten einen Sinn erzeugen, ist ein gelungenes Leben.
Es wäre verfehlt, den Adoleszenten vorzuwerfen, mit ihrer Sprache die Sinnentleerung zu fördern. Wenn Heranwachsende einer Welt gegenüberstehen, in der das natürliche Geschlecht infrage gestellt wird, in der Algorithmen, die bisher zu keiner nennenswerten Wohlstandsteigerung führten, als Intelligenz bezeichnet werden, und in der in Politik und Wirtschaft Wahrhaftigkeit kein Ideal mehr darstellt, dann ist wohl «Six-Seven» tatsächlich ein geeigneter Ausdruck, um diese von früheren Generationen verschuldete Welt zu beschreiben. Die Katholische Kirche müsste hier Gegensteuer geben und tut dies sicherlich auch in vielen Teilen Europas und der Welt. In der Deutschschweiz hat man hingegen das Gefühl, dass einige Exponenten alles dafür tun, um sich der Welt anzupassen und einer Six-Seven-Kirche Vorschub zu leisten, in der man vergeblich nach irgendeinem Sinn sucht.
Beschädigte Glaubwürdigkeit des Bischofs
Im November des letzten Jahres gab die Bischofskonferenz eine Standortbestimmung heraus, in der es um die Frage ging, welche Anforderungen ans Privatleben der kirchlichen Mitarbeiter gestellt werden dürfen, damit diese eine bischöfliche Beauftragung erhalten. Im Papier wurde klar festgehalten, dass das kirchliche Personal authentisch nach christlichen Grundsätzen leben soll. Das Dokument war eine deutliche Absage an die Forderung von Funktionären der Kantonalkirchen, wonach man das Privatleben strikt von der Beauftragung trennen muss. Zwar wurde dem Umstand Rechnung getragen, dass es im Leben von Menschen zu Brüchen kommen kann und kirchliche Angestellte auch ein Recht auf Privatsphäre haben, aber es wurde hervorgehoben, wie wichtig es ist, mit dem eigenen Handeln die kirchliche Lehre zu bezeugen. Dass dies oft schwierig ist, sollte jedem aufrichtigen und selbstkritischen Katholiken klar sein. Die kirchliche Beauftragung hebt nicht die sündhafte Natur des Menschen auf. Auch eine Verletzung der katholischen Moral muss daher nicht unbedingt ein Grund sein, Angestellte sofort aus dem kirchlichen Dienst zu entlassen, sofern diese gewillt sind, ihre Fehler einzusehen und anzuerkennen, dass ihre Lebensrealität nicht mit der katholischen Lehre übereinstimmt. Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Es gibt sicherlich Katechetinnen und Katecheten oder Sakristaninnen und Sakristane, die geschieden sind und in einer neuen Beziehung leben, die ihre Arbeit jedoch sehr gut machen. Anstatt diese neue Beziehung im Geheimen leben zu müssen – was in der heutigen Zeit, in der alles öffentlich gemacht wird, ohnehin obsolet geworden ist –, ist es sicherlich besser, diese Diskrepanz zum katholischen Eheverständnis offenzulegen. Wenn dieser Bruch in Demut angenommen und nicht dazu missbraucht wird, die katholische Lehre umzupolen, könnten solche Angestellte auch zum Segen für die Kirche werden, da die Kirche logischerweise nicht nur aus Menschen besteht, die nach aussen perfekt wirken. Wichtig ist hierbei, dass der zuständige Priester diese Menschen pastoral eng begleitet, damit jene diese seelischen Belastungen aushalten können.
Bei leitenden Funktionen in der Pfarrei sollte hingegen der Nachsicht Grenzen gesetzt werden. Ein Pfarrer oder Gemeindeleiter bzw. eine Gemeindeleiterin, welche im Widerspruch zur Lehre der katholischen Kirche leben, wird für die ganze Pfarrei zur Belastung. Grundsätzlich wäre es wünschenswert, wenn das Führungspersonal in solchen Situationen selbst erkennt, dass er oder sie fehl am Platze ist, und zurücktritt. Wo dies nicht geschieht, muss der Bischof eingreifen, wenn er an einer glaubwürdigen Kirche interessiert ist.
Im Kanton Bern hat ein Gemeindeleiter letzten Sommer öffentlich bekannt gegeben, dass er sein Geschlecht geändert hat. Der Seelsorger ist verheiratet und seine Frau teilt sich mit ihm die Pastoralraumleitung. In der entsprechenden Mitteilung stand, dass Bischof Felix den Entscheid respektiert. Beide Seelsorgenden sind weiterhin Pastoralraumleiter. Auf Anfragen besorgter Katholiken antwortete Bischof Felix nichtssagend und forderte dazu auf, selbst das Gespräch mit dem Pastoralraumleiter zu suchen. Die Briefe spiegelten das Bild eines Hirten wider, der sich aus der Verantwortung stiehlt und nicht bereit ist, der von ihm mitbeschlossenen Standortbestimmung Nachachtung zu verschaffen. Grundsätzlich hätte Bischof Felix, um sich wenigstens jugendnah zu geben, auch mit «Six-Seven» antworten können, damit zumindest klar ist, dass der Leser sich nicht der vergeblichen Hoffnung hingibt, theologische oder auch nur logische Gedanken dem Schreiben entnehmen zu können.
Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich nicht zu den Katholiken gehöre, die von der Kirche ein Schwarz-Weiss-Denken fordern, bei dem auf jede Anfrage eine klare Antwort folgen muss. Es gibt viele Fälle, bei denen man differenzieren und verschiedene Aspekte berücksichtigen muss. Aber es gibt auch Situationen, bei denen der Bogen überspannt wird und wo ein Bischof Rede und Antwort stehen muss, um seiner Berufung gerecht zu werden, will er nicht unglaubwürdig werden. Was ist die Antwort darauf, dass im Bistum Basel lehramtstreuen Priestern die Missio entzogen oder nicht verlängert wird, während ein Laientheologe trotz seiner Leugnung der biologischen Tatsache, dass er ein Mann ist, weiterhin als Pastoralraumleiter fungieren kann?
Six-Seven
Bei meinen Schülerinnen und Schülern ist der Begriff «Six-Seven» seltener geworden, nachdem ich vor einigen Monaten einen sogenannten «Crash-Out» (Ausraster) hatte und ihnen an den Kopf warf, dass nur Idioten (ich habe ihnen später den griechischen Ursprung dieses Wortes erklärt) diesen Slangausdruck verwenden. Da ich sonst sehr besonnen und äusserst nachsichtig bin, hat dies Eindruck auf sie gemacht und sie zum Nachdenken angeregt.
Auch die Katholiken im Bistum Basel sollten einen solchen Crash-Out wagen und Bischof Felix klarmachen, dass sie ein Recht darauf haben, den Sinn hinter seinen Äusserungen und seinem Handeln verstehen zu können. Man muss dem Bischof samt Kopie an Rom so lange schreiben, bis er sich nicht mehr hinter Floskeln verstecken kann. Ebenfalls sollten sich die lehramtstreuen Katholiken organisieren und dadurch mehr Einfluss auf das Geschehen in den Kirchgemeinden und den Kantonalkirchen gewinnen.
Wir nähern uns bald dem 20-jährigen Jubiläum der berühmten Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI., in welcher er betonte, dass Gott kein ferner Gott ist, dessen Willen wir durch unsere Vernunft nicht erkennen können, sondern dass Gottes Handeln an den Logos gebunden ist. Die ganze Schöpfung Gottes ist sinnvoll geordnet und Gottes Wirken ist nicht willkürlich. In den letzten 500 Jahren haben sich einige theologische Strömungen von dieser Gedankenwelt entfernt. Auch fast alle modernen Ideen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind säkularisierte Produkte der Vorstellung, wonach der Wille des Einzelnen oder der Volksgesamtheit aus sich selbst heraus alles Handeln legitimiere. Von Sterbehilfe bis zur Abtreibung, von sexueller Libertinage bis zur Leugnung biologischer Geschlechter, vom umweltschädigenden Konsum bis zu wirtschaftlicher Ausbeutung: Jede Verletzung moralischer Normen wird in der Moderne durch individuelle oder kollektive Willkür gerechtfertigt, die es zu respektieren gilt. Als Katholiken glauben wir aber an einen Gott der vernünftigen Ordnung, nicht des Chaos. «Six-Seven» ist kein Prinzip Gottes. Und wenn Gott, der Schöpfer der Welt, sich uns in der Vernunft zu erkennen gibt, muss dies auch und gerade von einem Bischof erwartet werden können.
[1] Von «brother», Englisch für Bruder.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Dass sich hingegen junge Frauen nicht daran stören, mit "Bro" angeredet zu werden, sollte unseren Liturgikern und Exegeten zu denken geben, die sich bemüssigt fühlen, den hl. Paulus zu korrigieren, indem sie ihn andauernd von "Schwestern und Brüdern" sprechen lassen, wo er doch in Tat und Wahrheit von "Brüdern" spricht - nicht etwa aus Frauenfeindlichkeit, sondern weil in diesem Begriff alle Geschwister im Glauben gemeint sind.
6 7 scheint eben NICHT so harmlos und sinnfrei, wie es auf den ersten Blick scheint. Viel mehr scheint es ein (weiteres) Beispiel für Generationen zu sein, die zunehmend gänzlich ahnungslos mit Begriffen wie Aura und Co. um sich werfen. Worte haben Verantwortung, denn sie sind eine Form von Macht. Im Anfang war das Wort! Sie wissen vielleicht wirklich nicht, was sie tun...
Nun sagt Herr Ric im obigen Text, dass das nicht so schlimm sei, wenn es nur Personen mit untergeordneten Funktionen innerhalb der kath. Kirche betrifft, wenn diese vom Pfarrer eng begleitet würden. Was auch immer begleiten heissen mag!
Sobald es aber Menschen mit Führungsfunktionen betrifft, seien diese angehalten zurückzutreten. Offen lässt Herr Ric die Frage, wie es denn mit Gläubigen ohne Funktion steht.
Eventuell müsste die kath, Kirche eben doch ihre Sexuallehre anpassen. Dann wären auch die vielen Jungen Blauring und Jungwacht Leiterinnen und Leiter aus dem Verhütungs-Dilemma befreit.