Es gehe um ein Tool der Firma Deklaris für die Umsetzung und Registrierung von Prävention und Schutzkonzepten. Gegen Prävention und Schutzkonzepte gibt es prinzipiell nichts einzuwenden, aber wozu ein Tool? Die Firma arbeite bereits mit der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Luzern sowie des Kantons Zug zusammen, tönte es vom anderen Ende der Standleitung. Das ist jetzt nicht unbedingt die allerbeste Referenz, dachte ich mir. Die nette Dame fügte hinzu, sie habe den Auftrag – ich empfand es eher als Drohung –, sämtliche evangelische und katholische Pfarreien anzurufen und auf dieses Tool aufmerksam zu machen. Das Ziel ist wohl ein Online-Meeting mit dem Geschäftsführer, der alles Weitere erklären soll. Im Übrigen sei man bereits mit dem Bistum Chur im Gespräch, was mich sofort hellhörig machte.
Worum geht es? Die Firma Deklaris «unterstützt bei der Umsetzung von Schutzkonzepten, der Verwaltung von Schulungen und Zertifikaten sowie der transparenten Dokumentation von Prozessen». Es ist im Prinzip eine ausgeklügelte Datenbank – aus meiner Sicht könnte man es auch als Überwachungstool bezeichnen. Unter dem verführerischen Titel «Entlasten Sie ihre Mitarbeitenden» heisst es auf der Webseite: «Ihre Mitarbeitenden können erforderliche Nachweise einfach und schnell über eine sichere Plattform einreichen.» Mit Verlaub: Das ist keine Entlastung, sondern zusätzlicher Administrativaufwand für die Mitarbeiter, die zudem durch «Automatische Erinnerungen» künftig drangsaliert werden, damit ja keine Fristen verpasst werden. Und dann wird da noch dreist behauptet, dass «der administrative Aufwand für alle Beteiligten minimiert wird».
Das Telefongespräch wäre wohl vergessen gegangen, doch in der Nacht hatte mich ein Traum heimgesucht: Das Generalvikariat in Zürich habe ein Pilotprojekt gestartet und sich das Überwachungstool für die 98 Pfarreien, die in 74 Kirchgemeinden organisiert sind, beschafft. Geld ist ja genügend da – wenigstens vorläufig. Etliche Priester und Gemeindeleiter, die ohnehin schon nahe an einem Burn-out waren, gab das Überwachungstool den Rest. Die ständigen Aufforderungen, endlich ihre Nachweise für Fortbildungen, Verhaltenskodex, Präventionskurse einzureichen, brachten sie zum Verzweifeln. Einen wesentlichen Beitrag leistete dazu das neue Konzept für Fortbildungen. Üblicherweise wählt man die Kurse selbst aus und meldet sich an. Stattdessen übernahm plötzlich das Tool diese Aufgabe und bot manche der bedauernswerten Angestellten kurzfristig zu einem Vertiefungsseminar über gewaltfreie Kommunikation auf. Ein 80-jähriger Priester erlitt einen Herzinfarkt, als er zum Vierwochenkurs aufgeboten wurde.
Nichtsdestotrotz war der Generalvikar höchst begeistert, konnte er doch auf Knopfdruck «detaillierte Protokolle aller Aktivitäten» erstellen und bei den Bischofsratssitzungen in Chur gross auftrumpfen. Der Bischof wollte auch nicht hinten anstehen und begann, die Angestellten des Ordinariates mit dem Tool zu überwachen. Leidtragende war die Kommunikationsverantwortliche, die vom Tool ultimativ aufgefordert wurde, von den Fotos der unzähligen Fotogalerien auf der Webseite www.bistum-chur.ch die Zustimmung aller abgebildeten Personen einzuholen. Die Pastoralplanungskommission besorgte sich das Überwachungstool gleich für die ganze Diözese Chur. Mit dem unangenehmen Nebeneffekt, dass die Angestellten im Generalviariat Zürich ihre Nachweise für Fortbildungen, Verhaltenskodex und Präventionskurse gleich ein zweites Mal eingeben mussten.
Danach erwachte ich schweissgebadet und fragte mich. War das jetzt nur ein Alptraum oder eine prophetische Vision? Die Zukunft wird es zeigen.
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