Don Camillo wurde verprügelt. Nun möchte er seinerseits den Schuldigen verprügeln, doch Christus spricht vom Kreuz herab zu ihm: «Deine Hände sind zum Segnen da.» Also gibt Don Camillo dem Anführer der Roten im Dorf einen Tritt mit dem Fuss.
So der Inhalt der ersten Don-Camillo-Geschichte. Der Dorfpfarrer aus der Bassa und sein Gegenspieler, Bürgermeister Peppone, erlangten Weltruhm – ihr Schöpfer hingegen blieb den meisten Menschen unbekannt. Marco Gallina holt dieses Versäumnis mit seinem Buch «Giovannino Guareschi. Don Camillos rebellischer Vater» nach. Er bringt den Leserinnen und Lesern nicht nur die Person des Journalisten, Autors und Karikaturisten Giovannino Guareschi nahe, sondern bietet gleichzeitig ein detailliertes Bild des Italiens der Nachkriegszeit, in welchem Guareschi das katholisch gebildete Gewissen hochhielt – ob gelegen oder ungelegen.
Im Interview mit «swiss-cath.ch» gibt Marco Gallina nähere Einblicke in den Charakter von Giovannino Guareschi und erklärt, warum Don Camillo auch heute noch die Menschen anspricht.
Sie haben sich schon früher auf Ihrem «Löwenblog» mit Giovannino Guareschi auseinandergesetzt. Woher kommt Ihr Interesse an diesem italienischen Journalisten, Karikaturisten und Satiriker?
Es fing klassisch mit den «Don Camillo»-Filmen an, wie so häufig. Was mir schon als Jugendlicher auffiel: Wenn man den Namen Guareschi nannte – selbst in Italien –, musste man immer «Don Camillo» nachsetzen, damit es beim Gesprächspartner einen «Aha»-Effekt gab. Dabei fand ich alles, was ich über Guareschi erfuhr, von Anfang an sympathisch: ein Mensch mit Vorliebe für das Landleben, gutes Essen, Bodenständigkeit und einem ganz gewaltigen Dickschädel! Mit etwa 20 Jahren war ich bereits eher Guareschi-Fan als Don-Camillo-Fan, weil das Gesamtwerk des Mannes komplett im Gegensatz zu seiner Bekanntheit steht. Dieser Kontrast hat mich fasziniert: weltbekannt durch Bücher und Filme, Chefredaktor eines der erfolgreichsten Wochenblätter der Nachkriegszeit, entscheidend bei der historischen Wahl von 1948. Und Humor hatte er auch noch! Dennoch begann die Guareschi-Renaissance in Italien erst zur Jahrtausendwende.
Eigentlich hatte Guareschi nicht viel zu lachen: Er verbrachte zwei Jahre als «Italienischer Militärinternierter» unter erbärmlichen Zuständen in deutschen Gefangenenlagern, litt unter der Gewalt, die er im Italien der Nachkriegszeit miterleben musste, und ihrem Verschweigen, und landete schlussendlich ein weiteres Mal im Gefängnis – verleumdet, im Stich gelassen, allein.
Exakt das ist das vergessene Drama eines Mannes, den Millionen gelesen haben, aber der unter die Räder des Zeitgeistes kam. Denn als Guareschi aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte und seine Erlebnisse im «Diario Clandestino» publizierte, da gab es Hunderttausende Militärinternierte, die ebenfalls zurückkehrten, und denen er damit ein Denkmal setzte. Guareschi war für einige nicht wegen seines persönlichen Leidens ein Held, sondern, weil er als Stellvertreter das zu Papier brachte, was andere nicht konnten. Er hat einmal gesagt, dass er nicht aufhören könne zu schreiben, besonders nicht über die schlimmen Dinge, weil er damit den Unbekannten und den Stummen eine Stimme gibt. Diese Mission, in erster Linie auch dem einfachen Mann – im Gegensatz zu den geschwätzigen und omnipräsenten Intellektuellen – eine Stimme zu geben, gab ihm Kraft. Das und freilich die Überzeugung, dass Gott gerecht ist. Gott erlegt keinem Menschen zu viel Leid auf, das er nicht auch stemmen kann. Das Leid formt erst den Charakter. Deswegen sieht man solche Bewährungsproben auch immer wieder in den Don-Camillo-Geschichten.
Die Figur des Landpfarrers Don Camillo war eine Verlegenheitslösung aufgrund des bevorstehenden Redaktionsschlusses; vor Don Camillo hatte Guareschi schon andere Geschichten mit Priestern geschrieben. Warum «funktionierten» Don Camillo und Peppone so gut?
Zum einen liegt das am dritten Hauptcharakter, der nie im Titel vorkommt: Christus. Damit gibt es eine übergeordnete moralische Instanz, die Don Camillo auch in seinen uneinsichtigen Momenten auf den richtigen Weg leitet – und zugleich motiviert, auch Peppone zu korrigieren.
Zum anderen sind weder Don Camillo noch Peppone lediglich «eine Figur»: Sie haben geradezu archetypische Charakterzüge, ohne aber in starre Klischees zu verfallen. Guareschi hat dazu gesagt, dass in Don Camillo dutzende Priester vereint seien. Interessant ist der Spagat zwischen diesem Ideal und der sehr spezifischen, fassbaren Figur, denn Don Camillo ist zugleich sehr klar in der Bassa Padana in seinem Dorf und den dortigen Gegebenheiten verortet. Autoren haben häufig das Problem, dass Charaktere sich nicht vom Papier abheben, wenn sie zu archetypisch werden. Don Camillo wie Peppone könnten katholische Priester und Kommunistenführer überall auf der Welt sein und sind doch zugleich typische Geschöpfe des grossen Flusses. Das schafft beim Leser Vertrautheit, Sympathie und Identifikation einerseits; andererseits bleibt da das «Fremde», nämlich diese sehr eigene «Kleine Welt», die sich Guareschi in der Bassa ausgedacht hat. In Deutschland ist es aufgrund der Filme völlig in Vergessenheit geraten, dass der Ort in den Büchern nicht genannt wird – er könnte überall und nirgends sein.
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