Für den Dualen Studiengang braucht es 60 Credit Points, für ein Vollstudium der Theologie – die normale Ausbildung für einen Dienst als «Seelsorger» in der Kirche – 300 Credit Points.
«swiss-cath.ch» hat bereits in einem früheren Beitrag darauf hingewiesen, dass Absolventen eines (ebenfalls fünfjährigen) Hauptstudiums in Theologie mit 200 resp. 210 Credit Points nicht zum kirchlichen Dienst als Seelsorgerin resp. Seelsorger zugelassen werden, ebenso wenig Absolventen mit einem Bachelorabschluss Vollstudium Theologie (180 Credit Points).
Hingegen werden Absolventen des «Bischöflichen Studienprogramms» mit lediglich 120 Credit Points oder jetzt neu des «Dualen Studiengangs» mit gerade einmal 60 Credit Points problemlos als «Seelsorger» angestellt.
Man kann jetzt argumentieren, dass die letzteren beiden Gruppen eine Ausbildung am RPI oder den Besuch des «Studiengangs Theologie» mitbringen.
Das RPI bietet eine gute, seriöse Ausbildung zur Religionspädagogin resp. zum Religionspädagogen an. Diese ist auf die Aufgaben von zukünftigen Religionspädagogen ausgerichtet – heute wollen aber viele «Seelsorger» möglichst keinen Religionsunterricht erteilen. Zudem kompensiert das Studium am RPI nicht das fehlende theologische Fachwissen. Angesichts der rigorosen Sparpläne an der Universität Luzern ist höchst fraglich, ob das RPI die Qualität seiner Ausbildung auch in Zukunft aufrechterhalten kann.
Der «Studiengang Theologie» ist wie sein Name besagt, lediglich ein Studiengang und kein wirkliches Studium. Die Autorin dieses Beitrages hat mehrere Abschlussarbeiten des Studiengangs korrekturgelesen; sie entsprachen dem Niveau einer Proseminararbeit an einer Theologischen Fakultät (Arbeit im ersten Studienjahr). Inzwischen hat der «Studiengang Theologie» seine Dauer von vier auf drei Jahre reduziert …*
Nur Auswahl möglich
Zu der Frage der Dauer kommt noch ein ganz praktisches Problem: An einer Theologischen Fakultät werden nicht jedes Jahr alle Fächer angeboten. Nehmen wir als Beispiel Dogmatik an der Theologischen Hochschule Chur. (Da das Vorlesungsverzeichnis für 2026/27 natürlich noch nicht erschienen ist, nehme ich die Angaben der letzten Jahre.)
Hätten die Absolventen des «Dualen Studiengangs Seelsorge» ihre Ausbildung bereits im Jahre 2023 beginnen können, hätten sie folgende Vorlesungen zur Auswahl gehabt:
Gottes- und Trinitätslehre, Pneumatologie; Taufe und Firmung; Christologie und Soteriologie;
Schöpfungstheologie; Gnadentheologie, Eucharistie, Versöhnung, Krankensalbung.
Für Studienanfänger im Jahre 2024 wären folgende Vorlesungen zur Wahl gestanden:
Schöpfungstheologie; Gnadentheologie, Eucharistie, Versöhnung, Krankensalbung;
Ekklesiologie; Eschatologie; Ordination und Dienstämter in der Kirche, Ehe.
Es ist also nicht möglich, innert zwei Jahren alle Traktate zu besuchen – es bleiben gravierende Bildungslücken. Gerade in der heutigen Zeit, wo das Glaubenswissen immer mehr schwindet, brauchen wir in den Pfarreien Seelsorgende, die kompetent Auskunft geben können und nicht zuerst bei Wikipedia resp. KI nachschauen müssen.
Ausbildungspfarreien – realistische Idee?
Die Arbeit in der Pfarrei ist durch den «Musterstudienplan» mit vordefinierten «Zentralen Ausbildungsmodulen» geregelt.[3] Dies setzt voraus, dass in der entsprechenden Pfarrei eine dafür ausgebildete Person zur Verfügung steht, die auch wirklich Zeit für die Begleitung hat. Dass dies ein Problem werden könnte, zeigt der vielsagende Hinweis, dass auch Personen mit einer «in Umfang und Zielsetzung vergleichbaren Weiterbildung» infrage kommen könnten. Wer die konkrete Pfarreipraxis kennt, wird sich fragen, woher diese Begleitpersonen die Zeit für die auszubildende Person nehmen sollen – oder auch für die Ausbildung.
Gemäss Michael Hartlieb, Leiter der Koordinationsstelle «Dualer Studiengang Seelsorge», ist das Interesse gross: Er führe aktuell zwei bis drei Beratungsgespräche pro Woche. Auch wenn sehr konservativ geschätzt nur zehn Interessenten pro Jahr den «Dualen Studiengang Seelsorge» beginnen – es braucht zehn Ausbildungspfarreien und im Jahr darauf nochmals zehn neue Ausbildungspfarreien, da die Ausbildung ja zwei Jahre dauert. Geht man davon aus, dass die Absolventen auch für die Berufseinführung resp. das Pastoraljahr in der gleichen Pfarrei bleiben, braucht es nochmals zehn bis zwanzig neue Ausbildungspfarreien. Dann wären wir bei vierzig Ausbildungspfarreien mit entsprechend vierzig Ausbildungspersonen …
Dazu kommt bei Familienvätern oder Familienmüttern das Problem der Geografie: Es wird vermutlich nicht gleich in der Nähe des Wohnortes eine Ausbildungspfarrei geben. Die Väter oder Mütter müssen die Woche getrennt von der Familie verbringen. Der freie Tag ist normalerweise während der Woche – wenn die Kinder in der Schule sind.
Interessant ist auch der Hinweis im Reglement bei Art. 11 (2) zur Berufseinführung: «Hat die berufspraktische Ausbildung im Bereich der Spezialseelsorge stattgefunden, sind ergänzende Elemente der Berufseinführung in Verantwortung von Akteuren der Spezialseelsorge möglich.» Normalerweise wird eine mehrjährige Tätigkeit in einer Pfarrei vorausgesetzt, bevor man in die Spezialseelsorge wechseln darf. Beim «Dualen Studiengang Seelsorge» dürfen Menschen, die sich noch in der Ausbildung befinden, bereits in der Spezialseelsorge tätig sein.
Positive Ansätze dünn gesät
Positiv ist zu bewerten, dass die Bereichsleitung Theologie des TBI überprüft, ob eine andere Ausbildung dem Studiengang Theologie gleichwertig ist und zum «Dualen Studiengang Seelsorge» berechtigt, und dies nicht den einzelnen Bistümern überlassen wird. So darf in diesem Punkt mit einer einheitlichen Regelung gerechnet werden.
Positiv ist der Entscheid, dass die Ausbildung im «Dualen Studiengang Seelsorge» verlängert, aber nicht verkürzt werden kann.
Auch ist zu begrüssen, dass der neue Studiengang in regelmässigen Abständen evaluiert wird und die entsprechenden Erkenntnisse in dessen weitere Entwicklung einfliessen sollen.
Fazit
Der neue «Duale Studiengang Seelsorge» ist ein «Extrem-Crash-Kurs», welcher den Praxistest nicht bestehen wird. Hier werden sehr motivierte Frauen und Männer mit einem Pseudo-Theologiestudium abgespeist, das ihnen weder persönlich noch fachlich viel bringen wird. Angesichts der Lage in den Pfarreien muss damit gerechnet werden, dass die Absolventen des Dualen Studiengangs am Ausbildungsort nicht wirklich die Pastoral erlernen dürfen, sondern gleich voll mitarbeiten müssen. Gleichzeitig werden sie im Studium ins kalte Wasser geworfen: Sie besuchen ja nicht auf sie zugeschnittene Vorlesungen, sondern sitzen in die «normalen» Vorlesungen, die zum Teil auf Einführungsvorlesungen aufbauen, welche die Absolventen nicht besucht haben. Es ist absehbar, dass es in dieser Phase zu Studienabbrüchen kommt.
Auch der finanzielle Aspekt ist zu berücksichtigen: Alle Absolventen des «Dualen Studiengang Seelsorge» müssen vor Ausbildungsbeginn ein Assessment besuchen; dieses kostet das Bistum rund Fr. 5000 pro Person. Angesichts der zu erwartenden Studienabbrüche wird das für die Bistümer eine teure Angelegenheit.
Die Absolventinnen und Absolventen des «Dualen Studiengangs Seelsorge» werden als «Seelsorgerinnen» resp. «Seelsorger» angestellt. Die Gläubigen wissen also anhand der Berufsbezeichnung nicht, dass diese Person nur eine Schmalspurausbildung hat; die Gläubigen werden bewusst getäuscht.
Kommt noch die Frage nach dem Lohn dazu: Da die Absolventen des Dualen Studiengangs keine gleichwertige Ausbildung vorweisen können, dürften sie nicht zum gleichen Lohn angestellt werden wie ein «Seelsorger» mit einem Vollstudium.
Mit der Zulassung von «Schmalspur-Seelsorgern» steigt die Gefahr, dass Priester je länger je mehr an den Rand gedrängt werden. Schon heute funktionieren sie an manchen Orten nur noch als Sakramentenspender. Auch predigen dürfen sie nur, wenn sie gemäss Predigtplan an der Reihe sind.
Es muss damit gerechnet werden, dass Absolventen des Dualen Studiengangs bald einmal auch als Pfarreileiter angestellt werden. Damit haben wir dann die absurde Situation, dass eine (theologisch) schlecht ausgebildete Person dem Priester (oder auch Seelsorger mit Vollstudium) vorschreiben darf, was er zu tun hat. Dies ist bereits bei Absolventen des ebenfalls verkürzten «Bischöflichen Studiengangs» Realität. So wurde in einer Pfarrei in Winterthur eine Absolventin des «Bischöflichen Studiengangs» nach gerade einmal vier Jahren zur Co-Leiterin ernannt. Sie predigt nicht nur, sondern verkündet seit 2022 auch das Evangelium; schon länger hat sie eine delegierte Tauflizenz. Der zuständige Pfarrer bezeichnete die Absolventin in diesem Zusammenhang als «vollausgebildete Theologin», im Klartext eine glatte Lüge.
Es braucht keine neuen Ausbildungswege, sondern eine wahre Neuevangelisierung. Das Seelsorgeteam muss ein offenes Auge für die Charismen der Gläubigen haben und diese ermuntern, ihre Talente in der Pfarrei einzusetzen. Hier gibt es unzählige Möglichkeiten: (Klein-)Kindergottesdienste; Mithilfe in der Ministranten-, Jugend-, Erwachsenen- oder Seniorenpastoral; Mithilfe bei der Organisation von Anlässen; Vernetzungsarbeit usw. So würde eine Pfarrei wirklich wieder zu einer lebendigen Gemeinschaft, an der jeder nach seinen Fähigkeiten mitbaut – und das alles ohne Pseudo-Ausbildung oder irgendwelche Etikettenschwindel-Zertifikate.
Die Trägerschaft für den Dualen Studiengang Seelsorge liegt bei der Deutschschweizerischen Ordinarienkonferenz (DOK). Die Ausbildungsinstitutionen – beispielsweise das Religionspädagogische Institut, das Theologisch-pastorale Bildungsinstitut oder die Theologischen Fakultäten – verantworten die jeweiligen Teilleistungen der Ausbildung.
Die DOK unterhält am TBI eine Koordinationsstelle. Ihre Aufgaben: Werbung und Information; Koordination der Regentien, Ausbildungsinstitutionen und Personalabteilungen der Diözesen; Sicherstellen der Schriftlichkeiten; Ausbildung der Ausbilder; Qualitätssicherung, Reglemente. Link
* Dr. Michael Hartlieb, Bereichsleiter Theologie des TBI, liess uns am 12. November 2025 folgende Ergänzung betreffend Studienzeitverkürzung von vier auf drei Jahre beim Studiengang Theologie zukommen: «Die Verkürzung könnte nahelegen, dass der Studiengang inhaltlich reduziert wird. Das ist aber nicht der Fall, denn durch eine Neugestaltung der Studienstruktur (z. B. Neuaufnahme von Studientagen und Studienwochen) wird die Lernstundenzahl sogar erhöht im Vergleich zu heute. Auch wird z. B. das Fach ‹Spiritualität› wieder aufgenommen, das in den vergangenen Jahren nicht zum Studienlehrplan gehörte.»
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Oder anders ausgedrückt: Gottzentriert oder menschzentriert, das ist die Frage!